Ein Glas Wasser in der Wüste

Beim Lesen alter Grundsatztexte der Krisis stoße ich wieder und wieder auf wunderschöne Formulierungen und überraschende Wendungen von altbekannten Zusammenhängen. Zumindest diese möchte ich Euch nicht vorenthalten, ein paar andere Folgen vielleicht demnäxt. Das Zitat steht in dem Kontext grundsätzlicher Überlegungen zur Besonderheit der kapitalistischen Reichtumsform. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht sinnlichen oder stofflich-erlebbares als Reichtum anerkannt, sondern grundsätzlich nur Dinge, die kauf- und verkaufbar sind. Dies hat freilich zur Voraussetzung, das den Menschen von jedwedem anderen Zugriff auf gesellschaftlich Vorhandenes verwehrt wird und aus dem Reichtum in der Kehrtwende allgegenwärtige Knappheit wird:

„Die Vorliebe, mit der einst die Vertreter der »subjektiven Wertlehre« und bis heute die der daraus abgeleiteten Grenznutzentheorie ihre Doktrin am berüchtigten Glas Wasser in der Wüste idealtypisch zu erläutern pflegen, kommt nicht von ungefähr. Dieses Modell gibt in der Tat die Bedingungen optimierter marktwirtschaftlicher Reichtumslogik wieder. Im ökonomischen Sinn darf sich eine Gesellschaft umso reicher schätzen, je perfekter es ihr gelingt, den sozialen Zusammenhang in eine Wüste zu verwandeln, in der die Menschen von allem Lebensnotwendigen und allem, was das Leben lebenswert machen könnte, prinzipiell restlos abgeschnitten sind, auf daß es ihnen allein in der Schrumpfform der Ware und auschließlich über die Teilnahme am Verwertungsbetrieb vermittelt partiell zugänglich werde.

( … )

Die Warengesellschaft hat zweifellos im Laufe ihrer Entwicklung eine reichhaltige Palette neuer und bunter Wassergläser hervorgebracht. Vor allem aber hat sie in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten in aller Unerbittlichkeit die Ödnis geschaffen und schafft sie jeden Tag neu, in der diese Gläser erst ihre ganze Bedeutung gewinnen. Der autosuggestive Stolz, mit dem die Trinkgefäße präsentiert werden, darf nicht von diesem zweiten und eigentlich zentralen Teil der »historischen Mission« unserer glorreichen Warengesellschaft ablenken.“ (Ernst Lohoff: Zur Dialektik und Mangel und Überfluss

Der Vergleich der Warengesellschaft mit der Wüste ohne Wasser und der bunten Gläser mit ihrer Reichtumspotenz macht doch recht schön deutlich, wie unglaublich dumm diese Sache mit dem Kapitalismus doch ist…

Politik und Wirtschaft (3)

Was waren das noch für seelige Zeiten, als Recht und Gesetz noch vom dafür vorgesehenen Souverän erstellt wurden. Nachdem bereits die Große Koalition von SPD und CDU/CSU eine Fachkanzlei für Kreditrecht mit der Novellierung des Kreditrechtes beauftragte, bleibt auch die FDP dieser Linie treu:

„Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will sich für die Erarbeitung seiner Gesundheitsreform Unterstützung aus der privaten Krankenversicherung holen: Christian Weber soll im Ministerium der neue Abteilungsleiter für Grundsatzfragen werden. ( … )

Derzeit ist der 53 Jahre alte Weber stellvertretender Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV). Weber würde sich in seinem neuen Amt auch mit der geplanten schrittweisen Umstellung der beitragsfinanzierten Krankenversicherung auf Prämien befassen.“ (FAZ; auch hier)

Der Aufschrei, das hier Klientelpolitik den einstigen Anspruch der Politik aufgeben würde, eine von den privaten Interessen der Wirtschaftssubjekte losgelöste gesellschaftliche Allgemeinheit zu repräsentieren, verhalte ebenso schnell wie ungehört. Erst gar nicht zur Kenntnis genommen wurde, dass Weber ebenso wie seine Kollegin Birgit Haase seine wissenschaftlichen Sporen in der Volkswirtschaftslehre verdiente. Unabhängig von allem Klientelgedöns dürfte also klar sein, in welche Richtung der Zug fahren soll: nur ein wirtschaftliches Gesundheitssystem soll ein gutes Gesundheitssystem sein. Im Mittelpunkt soll die private Gewinnerzielung auch in diesem Sektor stehen – und nicht die adäquate Versorgung der Bevölkerung mit dem knappen Gut Gesundheit.

Adorno wohnt trotzdem

Der Mensch im Kapitalismus ist nicht bei sich zu Hause. Er ist den gesellschaftlichen Verhältnissen, die er doch selbst macht, ausgeliefert. Was inhaltlich nicht nur das Motiv Marxens war, sondern auch bei Adorno im Mittelpunkt stand, wollte letzterer auch sprachlich zum Ausdruck bringen. Da das Ich nicht bei sich zu Hause ist, sollte auch das Reflexivpronomen sich möglichst weit vom zugehörigen Subjekt entfernt stehen. Eine Sprachmacke – aber eine mit Sinn.

Überhaupt spielte das Wohnen bei Adorno eine besondere Rolle. So lässt sich in gewisser Weise sagen, das er Zeit seines Lebens – und nicht nur während der Zeit in den Vereinigten Staaten – im Exil lebte. Denn es sich einfach häuslich einzurichten im Kapitalismus, das kam für ihn nicht in Frage. Stets umgetrieben von dem Gefühl, der Faschismus könne zurückkehren, hatten er und seine Frau Gretel die Wohnung in Frankfurt niemals wirklich eingerichtet.

In den Minima Moralia formulierte er das grundsätzliche Problem kritischer Intelligenz, am Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit nicht zu vergehen, am Beispiel des Wohnens. Egal welche Wohnform, egal welchen Typus von Architektur die Einzelnen auch wählen mögen: überall sei es im Grunde unmöglich, schadlos zu wohnen.

Wer in seinen eigenen vier Wänden wohne, der mache sich schuldig, solange anderen das Wohnen versagt bliebe. Doch ohne Wohnung steige nur die Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Bedingungen. Und wer wollte schon an der „lieblosen Nichtachtung der Dinge“ teilhaben, die doch dem Kapitalismus immer schon innewohnt? Wobei auch das, kaum ausgesprochen, schon zur Ideologie wird für jene, „welche mit schlechtem Gewissen das ihre behalten wollen.“

In genau diesem Sinne gibt es „kein richtiges Leben im falschen“. Nicht, das wir nun eine Ausrede hätten, nichts zu tun. Wir müssen nur um die Beschränktheit unseres Handelns wissen und es stets aufs Neue auf seine praktischen Folgen für unser Leben und das Streben nach Emanzipation befragen.

(erschienen in: Streifzüge 47/2009)

Wo kommst Du denn her?

Einige kennen sie vielleicht, diese Frage: „Wo kommst Du denn her?“ Nicht immer ist sie als „Anmache“ gedacht, aber leider führt sie niemals zu den gezeigten Nebenwirkungen:


(via)

Im Fadenkreuz: Leistungsorientierte Mittelvergabe

Viele Studierende klage derzeit über steigenden Lern- und Arbeitsdruck während des Studiums. Die Universitäten stellen sich derweil taub. Wo der Druck von studentischer Seite groß genug ist, wird vorsichtig verhandelt. Sobald der Druck wieder nachlässt, wird alles so belassen, wie es bislang war. Als eine Ursachenbeschreibung dafür habe ich bislang die Vorstellung von Elite wahrgenommen: wenn die Uni Elite sein will, muss sie auch entsprechende Leistungsanforderungen bereitstellen. Das ist sicherlich nicht falsch, ließe sich aber präzisieren. Ein wesentlicher Mechanismus scheint mir dabei die Leistungsorientierte Mittelvergabe zu sein:

„Das neue Bildungsmodell stellt Bildung auf Wissens- und Kompetenzerwerb um und zerlegt den Prozess in einzeln abgeprüfte Kurse, die nahezu beliebig kombiniert werden können. Die Vielzahl der damit verbundenen Einzelprüfungen eignen (sic!) sich als Leistungsindikatoren für das „Qualitätsmanagement“. An die gemessenen Erfolge wird dann an den Universitäten die so genannte „Leistungsorientierte Mittelverteilung“ geknüpft. Dieses System belohnt die Zerlegung eines Studiengangs in eine möglichst große Zahl kleinster Kurseinheiten mit entsprechenden Teilprüfleistungen. Wer auf mehr LOM-Punkte kommen will, bricht sein Curriculum auf viele kleine Kurse mit eigener Prüfung herunter. So spielen sich NPM (New Public Management, Anm. Eob) und Bologna gegenseitig in die Hände. Wie LOM innerhalb der Universitäten den Bologna-Prozess unterstützt, so bringt LOM auch in der Mittelverteilung zwischen den Universitäten den Bologna-Zug in Fahrt. Die möglichst konsequente Umsetzung des Programms bringt den Universitäten finanzielle Vorteile.“ (Richard Münch: Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co.)

Elite ist also in diesem Fall nicht nur ideologisch, sondern auch monetär bestimmt: wer elite-mäßig Kohle abziehen will, der muss eben ein gut durchstrukturiertes, den Alltag der Studierenden zerstörendes Lehrprogramm auflegen. Der Wissenschaftsrat findet das gut. und bemerkt am Beispiel der Medizin:

„In der leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) sieht der Wissenschaftsrat ein zentrales Instrument der Forschungs- und Lehrförderung, das sowohl innerhalb der Fakultäten als auch auch der Ebene eines Bundeslandes zum Einsatz kommen sollte. Ziel ist, Leistungsträger zu belohnen und Anreize zu setzen, Leistungen in Forschung und Lehre zu steigern. ( … ) Er empfiehlt, mindestens 40 % des Landeszuführungsbetrags fakultätsintern anhand von Leistungsparametern in Forschung und Lehre aufzuteilen. Dabei sind Forschung und Lehre als getrennte Leistungsbereiche aufzufassen, die auch getrennte Budgets und Zuweisungsmodalitäten erfordern.“ (Wissenschaftsrat: Leistungsorientierte Mittelvergabe in der Hochschulmedizin)

Im weiteren geht es in dem Paper nur um die Forschung, Lehre ist halt nicht so wichtig. Entsprechende folgen zeitigen solche Überlegungen dann aber trotz alledem. Allerdings konnte ich bislang keine Hinweise darauf finden, wie diese LOM konkret umgesetzt wird. In Niedersachsen scheint es sich derzeit noch um vergleichsweise oberflächliche Parameter zu handeln. Das CHE merkt für den Bereich der Fachhochschulen an:

„Die niedersächsische Fachhochschulformel stellt im Kern auf drei Indikatoren ab: Aufnahmekapazität (d.h. die Zahl der von der Hochschule vorgehaltenen Studienplätze), die Zahl der Studierenden in der Regelstudienzeit und die Zahl der Absolventen. Dabei wird der Indikator der Aufnahmekapazität mit 60% am stärksten gewichtet, während die beiden letztgenannten Indikatoren mit jeweils 20% gewichtet werden.“ (Che)

Dazu kommt, das der vom LOM betroffene Bereich derzeit noch eher niedrig ist:

„Die meisten Länder praktizieren ( … ) den Ansatz, begrenzte Teile der staatlichen Haushaltsmittel auf Basis eines Formelmodells zu verteilen ( … ). Die Ausgangshaushalte bzw. der überwiegende Teil der staatlichen Haushahltsmittel werden in diesen Ländern nach wie vor jährlich auf traditionellem Wege ( … ) bestimmt. So werden z.B. in Niedersachsen 10% der staatlichen Zuschüsse über ein Formelmodell verteilt, in Bayern ca 1,5% (Universitäten) bzw. 0,6% (Fachholschulen).“

Für Niedersachsen hieße das: zehn Prozent der staatlichen Mittel laufen über LOM, entsprechend also 6% als Aufnahmekapazität (weshalb es sich für die Unis lohnt, viele Studierende zu haben), nur 2% für Studierende innerhalb der Regelstudienzeit (weshalb der Anreiz, Leute jenseits der Regelstudienzeit zu kicken, derzeit noch vergleichsweise klein – aber immerhin vorhanden – ist) und weitere 2% für erzielte Studienabschlüsse.

Wissenschaft oder Fabrik?

In den derzeitigen Bildungsprotesten wiederholt sich einiges von dem, was es schon häufiger gab. Das gilt für die Aktionsformen wie für die Widersprüchlichkeit der studentischen Forderungen. Fast fühlt mensch sich an den guten alten Adorno erinnert, der bereits 1968 bemerkte:

„Auf der einen Seite handelt es sich um eine wirklich emanzipatorische Bewegung, die dazu führen möchte, daß der Gedanke nicht gegängelt wird, daß den universalen Zwängen der Anpassung, wie sie die Gesellschaft ausübt und wie sie von der Kulturindustrie nun auch noch verwaltet werden, so etwas wie die Bildung von autonomer [Urteils]kraft gegenübergestellt wird. Und diese Erwägungen führen dann über das bloß Institutionelle der Universität hinaus und werden zu einer Kritik einer Gesellschaft, die, indem sie die Menschen in stets wachsendem Maß integriert – wie man das so nennt – gleichzeitig den Menschen ihre Möglichkeit unterschlägt. ( … ) Gleichzeitig aber und neben diesen in einem sehr weiten und keineswegs bloß innerwissenschaftlichen Sinn emanzipatorischen Tendenzen ( … ) findet sich eine zweite, gar nicht deutlich davon geschiedene, die, da es nun einmal um Vernunft gehen soll und um vernünftige Einrichtung, das, was Horkheimer die ‚instrumentelle Vernunft‘ nennt und als instrumentelle Vernunft kritisiert hat, völlig in das Zentrum stellt und die eigentlich darauf hinausläuft, die Universität zu verschulen, sie zu einer Fabrik von Menschen zu machendie die Ware Arbeitskraft in möglichst rationeller Weise hervorbringt und die Menschen befähigt, ihre Ware Arbeitskraft gut zu verkaufen; eine Tendenz, die ihrerseits notwendig gerade auf Kosten jener Autonomie-Bewegung geht, die Ihnen gleichzeitig als Ideal einer solchen Reform vorschwebt.“ (Theodor W. Adorno: Einleitung in die Soziologie, S. 100f)

Humankapital vs. ‚Bildung als Kulturgut‘

Die aktuellen Transformationen im Bildungssystem werden oftmals vor dem Hintergrund verschiedener Bildungsverständnisse diskutiert. Auf der einen Seite steht die Ausbildung als Angleichung der Zöglinge an die gesellschaftlichen Normvorstellungen, auf der anderen Seite steht die Individuierung der Subjekte doch humanistische Bildung. (1|2|34|5) Einen damit verwanndten Aspekt hat Richard Münch in seinem Buch „Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co“ herausgearbeitet. (mehr…)

Kein hitzefrei in jedem System?

Die Redical [m] hat sich eines in der linken ziemlich vernachlässigten Themas angenommen: der Kritik des gesellschaftlich vorherrschenden Erziehungssystems. Dazu hat ihre AG „Hitzefrei bei jedem Wetter“ (ganz großer Name, by the way) einen Reader mit dem Titel „Deutschlands wichtigste Ressource oder wie Kinder in einem menschenverachtenden System erzogen werden“ publiziert. Da das Thema in der linken keine große Rolle spielt, ist die AG schließlich dort gelandet, wo Linke viel zu häufig landen, wenn sie sonst nichts zum Thema finden: beim GSP resp. dem dazugehörigen Bremer Ex-Profen Freerk Huisken. An den nämlich erinnert die Broschüre doch deutlich, teilweise bis in die Formulierungen hinein. Doch leider wurden nicht nur diese, sondern auch die falschen Inhalte übernommen. Das ist schade, hätte die Linke doch ein gutes Paper zu dem Thema mal brauchen können. (mehr…)

Der Gestus der Überlegenheit als Ichschwäche

In vielen linken Strömungen ist es üblich, Ironie und Übertreibung zum Zwecke einer Verbreitung der eigenen (vermeintlich kritischen) Überlegungen zu gebrauchen. Mit Hilfe der Ironie soll allem Anschein nach versucht werden, die Unabweisbarkeit der eigenen Überlegung zu behaupten, ohne tatsächlich eine plausible und schlüssige Herleitung anbieten zu können. Adorno bemerkte hierzu bereits im Juni 1960:

„Ironie und Infantilität. Viele Menschen geben dem, was sie sagen, den Charakter der Ironie, weil sie zu gar nichts fest stehen, mit keinem Urteil identifziert – mit sich selber nicht identisch sind. So reden Kinder. Der Gestus der Überlegenheit als Ichschwäche.“/Theodor W. Adorno: Graeculus (!!). Notizen zu Philosophie und Gesellschaft 1943 – 1960. In: Frankfurter Adorno Blätter VII, S. 15)

Im Schatten des Haushalts

Der von der schwarz-gelben Koalition geplante so genannte Schattenhaushalt hat sich erledigt, zumindest für dieses Jahr. Dafür wird Wolfgang Schäuble nun Finanzminister. Von außen betrachtet glich die Debatte um den Schattenhaushalt einer Farce. Kaum verkündeten CDU, CSU und FDP einen Weg, wie sie vorerst um eine Senkung der Sozialleistungen herumkommen würden, empörte man sich bei der SPD, bei den Grünen und in der Linkspartei. Mittlerweile sind die Pläne wegen »verfassungsrechtlicher Bedenken« vom Tisch. Die Koalition will nun für den Haushalt 2010 einen neuen Versuch unternehmen. Auch wenn die Pläne vorerst nicht realisierbar sein dürften, zeigt die Auseinandersetzung doch in paradigmatischer Weise, wie Finanzpolitik im Post-Crash-Zeitalter funktioniert. (mehr…)

Soziales Wirtschaften

Der nachfolgende Text wurde in der Ausgabe 33/2009 der Phase 2 veröffentlicht.

In der Linken wimmelt es von falschen und geschichtslosen Antworten auf die Krise

Seit dem Kriseneinbruch im Spätsommer 2009 ist, so scheint es, die gestalterische Kraft der Politik zurück. Die große Koalition aus SPD und CDU setzt ohne Zögern und in rasantem Tempo reformerische Ideen um, auf die innerhalb der politischen Landschaft in Deutschland bis vor kurzem noch die Linkspartei ein Monopol hatte. Das Tempo und der Stil, in dem diese Reformen vor sich gehen, erinnern bisweilen an eine neue Variante der Notstandsgesetzgebung. Die Linkspartei, Attac und auch die Grünen ficht das jedoch nicht an. Sie wollen, mit einer Formulierung von Elmar Altvater, den Kapitalismus »bis zur Unkenntlichkeit reformieren«.

Die Kritik ist derweil auf den Hund gekommen. Die Linkspartei etwa fordert einen »Schutzschirm für die Menschen«(1) und betont, die aktuelle Krise sei die Krise einer Wirtschaftsordnung, die allein für den Profit und nicht für den Bedarf produziert.« Attac fordert währenddessen auf der Aktionsseite »Das Casino schließen«,(2) die Entmachtung der Banken, die Kontrolle der Finanzmärkte, das Schließen der Steueroasen und dergleichen mehr. Beklagt wird eine »Politik radikaler Marktgläubigkeit«. Auch nach Auffassung der Grünen »ist etwas aus dem Lot geraten, wenn Wohlstand immer ungerechter verteilt wird und Geiz und Gier die Märkte dominieren.«(3) (mehr…)

Schäuble eine Gefahr für Deutschland?

Das zumindest legte ein Reporter von Telegraaf aus Amsterdam nahe, als er in einer Pressekonferenz mit Angela Merkel einen Zusammenhang zwischen der Parteispendenaffäre und der neuen Regierung herstellte: in beiden Fällen würde Wolfgang Schäuble eine wichtige Rolle spielen und in beiden Fällen habe diese Rolle mit Geld zu tun. Merkel wollte nicht drüber reden. Ein Grund mehr, noch mal darauf hinzuweisen.


Migration und Ökonomie

Noch immer gibt es das Bemühen, das GATS-Vertragswerk zu aktualisieren. Mit ihm sollen Dienstleistungen als vermeintliche Zukunftsbranche der Weltökonomie gestärkt werden (zur Kritik). Eine dieser Dienstleistungsbereiche ist die „Dienstleistung im Ausland“, wie sie etwa von Erntehelferinnen oder sog. „Gastarbeiterinnen“ vorgenommen wird. Die Erträge in nicht unbeträchtlicher Höhe werden dann in die Heimatländer überwiesen und machen dort nicht selten einen wesentlichen Teil der Einnahmen aus. Die taz berichtet diesbezüglich von den Ergebnissen des „Berichts zur menschlichen Entwicklung“ des UN-Entwicklungsprogramm UNDP:


„Durchschnittlich führt die Migration aus einem armen in ein reiches Land zu einem 15-mal höheren Einkommen und zu einer 16-fachen Verringerung der Kindersterblichkeit. Das nützt allen: Die Rücküberweisungen von Migranten in ihre Heimatländer summierten sich im Jahr 2007 auf weltweit 370 Milliarden US-Dollar.“

(mehr…)

Die Funktion der abstrakten Arbeit

Martin Eichler hat im Frühjahr in der Phase 2 versucht, zum „Stand der Marx-Rezeption“ etwas substantielles zu sagen und hat dabei die Substanz als solche in den Blick genommen. Denn „die Funktion der abstrakt-menschlichen Arbeit als Wertsubstanz“ stünde nunmehr zur Debatte, so Eichler. Das Wert und Mehrwert alleine aus abstrakter Arbeit resultierten, ließe sich schließlich nicht beweisen und so müssten zur „Legitimation dieser Kategorie realwirtschaftliche Analysen unternommen werden, die zeigen, welche Bedeutung die abstrakt-menschliche Arbeit im heutigen Produktionsprozess hat.“

Das erinnert ein wenig an den postoperaistischen Theoretiker Christian Marazzi, der in seinem Standartwerk „Der Stammplatz der Socken“ ebenfalls die Bedeutung der abstrakten Arbeit negiert und stattdessen nur das Wissen in Form einer neuerdachten Immateriellen Arbeit als neue wertschaffende Potenz entdeckt haben will. Der nämlich verweist auf einen „Trend“ bei Forschern, sich zum „besseren Verständnis der zentralen Bedeutung von Wissen ( … ) zu Feldforschungen motiviert“ zu fühlen. Kann also abstrakte Arbeit empirisch überprüft werden?

Natürlich nicht. Abstrakte Arbeit beschreibt nichts weiter, als ein bestimmtes Beziehungsmuster, das Menchen in der kapitalistischen Gesellschaft miteinander eingehen. Dort sind sie nämlich voneinander getrennt und produzieren zunächst auf eigene Rechnung als private Produzent*Innen. Gleichzeitig produzieren sie freilich nicht für sich selbst, sondern für andere. Sie haben kein Interesse daran, die Güter, die sie hergestellt haben, selber zu nutzen. Sie stellen ihre Arbeitsprodukte vielmehr anderen zur Verfügung und greifen im Gegenzug auf die Arbeitsprodukte anderer zu.

Dieses gegenseitige Zugreifen auf die Arbeitsprodukte von anderen bezeichnet Marx als „abstrakte Arbeit“. Hier geht es weder darum, das diese Arbeit empirisch abstrakt (also etwa eintönig oder gleichförmig) wäre, sondern das es bei ihr nur darauf ankommt, das mit ihr Produkte hergestellt werden, die für den Konsum durch andere Menschen vorgesehen sind.

Die Arbeit wird auf diese Weise zum Vermittlungsmedium, welches die Übertragung dieser menschlichen Privatarbeiten innerhalb der Gesellschaft organisiert. Und als solches Vermittlungsmedium hat die abstrakte Arbeit freilich innerhalb kapitalistischer Verhältnisse auch ihre Funktion. Dieser doch recht simple Zusammenhang fällt oftmals nicht auf, da Marx zum Beginn seiner Kapitalismuskritik einen Darstellungsfehler macht und statt mit den Privatproduzenten, die für eine gesellschaftliche Allgemeinheit produzieren, mit der Ware als dinghafter Ausdruck dieser Voraussetzung beginnt.

Diesen simplen Kontext übersieht übrigens auch die Rede von der Immateriellen Arbeit. Sie wechselt von der allgemeinen Formbestimmung (eine Tätigkeit die auf ganz spezifische Weise ihre eigene Vermittlung generiert) zu einer inhaltlichen Beschreibung (ganz viele unterschiedliche Tätigkeiten werden notwendig, damit überhaupt noch Gewinne produziert werden können) – und das ist innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie schlicht unzulässig. Es führt allerdings dazu, das die Theoretiker*innen der Immateriellen Arbeit dem traditionellen Marxismus eines voraus haben: sie erkennen, das sich innerhalb der Arbeitsgesellschaft ein Wandel vollzieht. Doch anstatt ihn als Krisenphänomen zu interpretieren, wird ein Wandel der Wertschöpfungsbasis herbeihalluziniert.

Kein Boden

Optimist*Innen gehen bereits wieder von einem sich stabilisierenden Mini-Wachstum nicht nur weltweit, sondern auch in Deutschland aus. Auch die Erwartungs-Indizes wie der Ifo-Index ziehen wieder an. Dabei steht der Tiefpunkt zumindest was Arbeitsplätze und Binnennachfrage angeht noch bevor. (mehr…)



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