Archiv für August 2006

Poor boy poor boy you must say life is very hard to stay

Vor zwei Jahren gab es in Deutschland 1,7 Millionen Kinder unter der Armutsgrenze. Was aber viel schlimmer ist: heute sind es 2,5 Millionen. Laut einer Unicef-Vergleichsstudie wächst die Kinderarmut in allen reichen Ländern an. Was auch schlimm ist. In Deutschland allerdings überdurchschnittlich. Was nicht unbedingt verwundert.

Als Grund dafür wird von ExpertInnen oft Hartz IV benannt, wie uns die taz mitteilt. Die das Ganze auch plastisch ausführt: „Viele Kinder müssen auf Taschengeld, Klassenfahrten und Sportangebote verzichten. Oft ernähren sie sich mangelhaft, sind bei schlechter Gesundheit. Benachteiligte Kinder bleiben immer häufiger in isolierten Wohnvierteln unter sich, ohne gute Schulen und Ausbildungsmöglichkeiten.“ Und etwa der Chef des Kinderhilfwerkes ergänzt: „40 Prozent der Eltern in Berlin melden ihre Kinder von der Ganztagsschule ab, weil sie kein Geld mehr haben, um dort das Essen zu bezahlen. Allein in der vorigen Woche kamen 340 hungrige Kinder zu uns – nur um zu essen.“ (mehr…)

Deutscher Opfermythos, nächster Teil

Vor einigen Tagen hat die Bundesregierung in Persona ihres Ministerialdirigenten Hermann Schäfer eine Rede gehalten. Der ist gleichzeitig Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik. Einer der sich auskennt, sollte mensch meinen. Und nicht nur eine einfache Rede sollte er halten, eine Eröffnungsrede gar. Beim Weimarer Kulturfest, auch eines „Orchesterkonzertes Buchenwald“. Über Erinnerungspolitik im Allgemeinen sollte er sprechen. Und führte sogleich vor, was das in Zeiten neuen deutschen Selbstbewusstseins heißt.

Schäfer sprach tatsächlich über Erinnerungspolitik. Nur nicht über solche, die etwa mit die Erinnerung an den Holocaust oder die Verbrechen während der Nazizeit zusammenhinge. Er sprach über deutsche Opfer. Darüber, das auch die deutschen Vertriebenen Opfer geworden seinen, wollte er sprechen. Und tat es, mit Worten wie etwa diesen: „Es ist keine Erinnerungstäuschung und keine Umdeutung von Geschichte, wenn wir feststellen, dass die deutschen Vertriebenen Opfer waren. Sie waren es, und sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs können wir es offen und ohne Scheu sagen.“

Die vollständige Rede gibt es hier als mp3.
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Keine Chance – nirgendwo

Während weltweit immer mehr Menschen die Chance auf ein menschenwürdiges Leben in ihren Heimatländern verbaut wird (wir haben immer noch Kapitalismus, remember), machen diese sich auf, ein besseres Leben in den Industrienationen zu suchen. Rein geographisch wandern afrikanische FLüchtlinge in Richtung Europa. Was die amstführenden Charaktermasken in Europa gar nicht so lustig finden. Und entsprechend versuchen, eine große Mauer um Europa zu ziehen.

Nicht wörtlich, natürlich. Aber der Einsatz von Flugzeugen Aufklärungsschiffen, um die Flüchtlinge vor betreten europäischen Hoheitsgebietes orten und abfangen können, hat schon eine recht ähnliche Wirkung. Dazu kommen die ständigen Verhandlungen des spanischen Innenministeriums (in Abstimmung und Einverständnis mit der restlichen EU) mit den nordafrikanischen Küstenstaaten. Die sollen nämlich ihrerseits bereits die Abfahrt der Flüchtlinge verhindern. Was dazu führt, das die nun an der afrikanischen Küste entlangreisen um dann immer weitere Strecken mit dem Schiff auf sich zu nehmen. Früher dauerte die Reise mit dem Schiff einen Tag. Heute sind es ein bis zwei Wochen. Tendenz steigend. Ebenso wie die Tendenz der Opfer dieser Reiseroutenverlängerung steigt. Auf etwa 3000 schätzt das Deutsche Rote Kreuz die Zahl der jährlichen Todesopfer. (1|2) (mehr…)

Wettbewerbsvorteile für Bus und Bahn

Der Visionär, SPD-Politiker und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat angekündigt, eine Initiative zur Qualitätssteigerung im öffentlichen Personennahverkehrs zu starten. Die arg gebeutelten Anbieterinnen von Bus und Bahndienstleistungen sollen personelle Unterstützung bekommen, und zwar von Hartz IV- EmpfängerInnen. Das Pilotprojekt dafür ist in Leipzig, wie heute in der Tagespresse zu lesen war (1|2|3). (mehr…)

Albanien als Ein-Euro-Laden

Eine ganz neue Form der individualisierten Entwicklungshilfe hat der albanische Staatspräsident Sali Berisha gerade vorgeschlagen: In Albanien gibt es demnäxt alles für nur einen Euro. Grundstücke etwa oder Wasser. Damit möchte er Albanien in die erste Liga der attraktiven Anlagestandorte bringen.

Mit dem Wasser ist das allerdings so eine Sache. Davon gibt es zwar in Albanien eine ganze Menge, trotz allem ist das Land aber für seine miese Wasserversorgung bekannt. Wenn nun aber nicht mal die eigene Bevölkerung zuverlässig mit sauberem Trinkwasser versorgt wird, dann fragt sich, was die Zusage, Investoren Wasser für einen Euro zur Verfügung zu stellen, wohl wert ist. (mehr…)

End of the Line?

US-Immobilienboom eingeknickt

Nachdem Ende 2000 in den USA die New Economy eingebrochen war, haben sich die finanzkräftigen AnlegerInnen neue Felder gesucht. Und haben hemmungslos in Wohnimmobilien investiert. Eine Wohnung kaufen, ein paar Monate lang halten, dann für ein vielfaches verscherbeln. Dies Vefahren wurde zu einem der Hauptantriebskräfte der US-Konjunktur. Schätzungen zu Folge sind 30% der neuen Jobs in Amiland auf diese Entwicklung zurückzuführen.

Nun war es natürlich illusorisch, dabei ernsthaft anzunehmen, der Trend würde ewig halten. Und nun berichtet die Frankfurter Rundschau, das tatsächlich langsam das Ende näherrückt. „‚Letztes Jahr meldeten sich für jede Wohnung zehn Käufer‘, berichtet eine Maklerin. ‚Heute ist es genau umgekehrt.‘ Dass der Boom bei Wohnimmobilien irgendwann enden musste, war abzusehen. Kaum jemand hat aber einen so abrupten Knick erwartet. ‚Man könnte fast glauben, jemand hat den Schalter umgelegt‘, sagt Lynn Gardner, die Immobilien versteigert.“ (mehr…)

Erste Schritte einer Kritik der neoklassischen Volkswirtschaftslehre

Anmerkungen aus einem work in progress

Die Wirtschaft möge wachsen! Und damit dies geschehe, möge der Lohn sich senken, die Ansprüche der Menschen an ein gutes Leben sich in Luft auflösen und die böse Gewerkschaft mit ihrem standortfeindlichen Sozialkitsch am Besten als wettbewerbsschädigend verboten werden. Begründet wird das mit einer Reihe von Zahlen und Grafiken und einigen über 100 Jahre alten Grundannahmen. Nicht, das dass alter eine Theorie etwas über ihre Richtigkeit aussagen würde. Aber es soll nur keiner denken, das wäre kein alter Hut.

Das ein ums andere Mal die Rezepte der neoklassischen Volkswirtschaftslehre in politische Entscheidungen einfließen, ja diese sogar dominieren, dürfte allgemein bekannt sein. Ebenso bekannt sind die Ergebnisse: die Wirtschaft kommt trotz alledem nicht so richtig hoch, die Arbeitslosigkeit dafür um so mehr. Und so verwundert es dann auch nicht, das immer mal wieder Kritik an der vorherrschenden (Un-)Logik der VWL hochkommt. (1|2|3) Im Folgenden möchte ich einen ersten Teil dazu beitragen. Die Bezeichnung „work in progress“ ist dabei wörtlich zu nehmen. Sicherlich kann nicht davon ausgegangen werden, das die Argumentation in allen Teilen „rund“ ist und allen Ansprüchen genügen wird. Aber sie ist ein erster Schritt. (mehr…)

Meaning of Life?

In China boomt die Wirtschaft. Das zumindest wird immer behauptet. Fragt sich nur wo die Zahlen herkommen. Neueste Berichte (1 | 2) lassen jedenfalls Zweifel daran aufkommen, ob da immer alles mit rechten Dingen zugeht. Chinesische Wirtschaftsprüfer nämlich nehmen es mit der Dienstaufsichtspflicht nicht immer so besonders genau. Gerne lassen sie sich beispielsweise mit diversen Leckereien von ihren staatstragenden Pflichten ablenken. Was jetzt dazu geführt hat, das einer der Prüfer nach einem hemmungslosen Gelage kollabiert ist und sein Leben ausgehaucht hat.

Das war wohl zu viel des Guten. Selbiges haben sich auch die KollegInnen des Verstorbenen gedacht. Und gleich mal ihre Arbeit, vermutlich also wohl das Essen, niedergelegt. Nicht um in Streik zu treten ob der unwürdigen Arbeitsbedingungen. Sondern vielmehr um sich zu entspannen. Oder ihren Magen halt. Und so besuchten sie die für ihre traumhaften Gärten bekannte Stadt Yangzhou. Wie heißt es immer so schön: Nach dem Essen sollst du ruhn, oder tausend Schritte tun…

Hungern statt Leben

90-60-90 war gestern. Vollbusige ‚Strandschönheiten‘ Marke Pamela Anderson sind ‚out‘, ‚in‘ sind stattdessen magersüchtige Trendmodels, die ihre Ernährung nach dem Minimalprinzip runtergefahren haben und das auch noch als neuesten Schrei verkaufen wollen. Das zumindest berichtet uns die Süddeutsche Zeitung, aus der auch die Folgenden Zitate stammen.

Davon, dass das nicht unbedingt gesund ist, berichtet sie natürlich nichts. Denn wenn zwei New Yorker WissenschaftlerInnen feststellen, das ein Großteil der Playboy-Modells untergewichtig ist, dann haben die noch die besser genährten der Zunft untersucht. Denn auch im Playboy werden die gierigen Männeraugen noch immer mit schon fast altbacken wirkenden Frauenkörpern beglückt. Das dürfte bald aussterben: „Es ist die Umkehrung der Achtzigerjahre-Ästhetik des Immer-mehr: Aus mehr Schultern, mehr Hintern, mehr Busen ist so wenig wie möglich von allem geworden. ‚Wenn man heute die Frage hört: Wo hast du dir die Brüste machen lassen?, dann geht es mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Brustverkleinerung‘, schreibt eine Reporterin der LA Times.“ (mehr…)

Alles lacht und alles summt weil der Wirtschaftsmotor brummt

Die „Wirtschaftsexperten“ sind begeistert: die Wirtschaft boomt wie seit langem nicht mehr. Sie registrieren das höchste Wirtschaftswachstum seit fünf Jahren – und das ist im Euro-Raum sogar noch höher als die vergleichbaren Wachstumsraten in den USA. Mit einigem statistischen Hin- und hergerechne kommt die FAZ gar auf 2,4% Wirtschaftswachstum im Vergleich zum Vorjahr.

landschaftenbluehenLeider verweisen diese 2,4% Wirtschaftswachstum weniger auf einen realen Aufschwung denn auf ein kurzfristiges Intermezzo in einem langfristigen Abwärtstrend.Aber selbst dieses Intermezzo wird schnell zum Silberstreif am Horizont umgelogen. Ökonomie ist immer auch Psychologie, weiß schließlich jede Volkswirtschaftsstudentin. (mehr…)

Büro-Sharing

Das Einsparen, das Freisetzen – oder wie auch immer der gerade aktuelle Euphemismus lautet – von LohnarbeiterInnen macht längst nicht mehr bei den tradtionellen Industriearbeitsplätzen halt. Auch der Dienstleistungssektor ist schon längst mit einer massiven Entlassungswelle konfrontiert. Das hat Folgen, auch für das Anlagevermögen der bisherigen Arbeitgeberinnen:

„Büroraum ist teuer. Deshalb müssen ihn sich Schreibtischarbeiter immer häufiger mit ihren Kollegen teilen. Montag bis Freitag von neun bis 17 Uhr am gleichen Platz – das ist der Klassiker, aber es geht auch anders.“ berichtet Spiegel Online. „Nach purem Kostenkalkül von Unternehmen müsste der Anteil der Arbeitsplatz-Wechsler deutlich steigen. Denn warum sollen Firmen Miete und Einrichtung bezahlen für Büros, die nur zur Hälfte ausgelastet sind? Wer beruflich viel unterwegs ist, wird sich darauf einstellen müssen, dass er im Büro keinen festen Platz mehr hat. Und, wenn er in der Firma ist, dort arbeitet, wo gerade Platz ist – Desk-Sharing heißt das Konzept.“ (mehr…)

Notenterror und Warengesellschaft

Eine Studie im Auftrag dess Grundschulverbandes ist der Grund für einen erneuten Vorstoß, doch die Sache mit der Notengebung noch mal zu überdenken. Als Gründe gegen die Notengebung wird vor allem genannt, das sie oftmals informationsarm seien, ohne nachvollziehbare Kriterien vergeben würden und durch die von ihnen betriebene soziale Hierarchisierung demotivierend wirken würden.

Entsprechend ist der Aufschrei groß. Jörg Lau protestierte in der Zeit: „Die Kinder aus der Klasse meiner Tochter freuen sich darauf, dass sie von der dritten Klasse an endlich Noten auf dem Zeugnis bekommen werden. Schulkinder haben offenbar zu Noten ein viel unbefangeneres Verhältnis als die Experten, die sie davor beschützen wollen.“ Starke Worte. Vorallem wohl von einem Mann, der im nächsten Moment die Kinder daran hindern würde, auf die heiße Herdplatte zu fassen. Zu der die „Kinder aus der Klasse meiner Tochter“ nämlich auch „ein viel unbefangeneres Verhältnis“ haben als Herr Lau, der Experte, der sie davor bewahren möchte. (mehr…)

Alles in Butter

Michael Heinrich strikes back. Normalerweise betätigt sich der Berliner Politikwissenschaftler und ausgewiesene Kenner der marx’schen „Kritik der politischen Ökonomie“ lediglich auf theoretischer Ebene mit der Frage der kapitalistischen Krise. Grundtenor: Krise gibt es im Kapitalismus immer mal wieder, aber das sind eben alles recht kurzfristige Phänomene, die das Kapital dann auch wieder überwindet. Kapitalismus ist wenn Gewinne erwirtschaftet werden, nicht wenn es den Leuten gut geht. Darum sei auch das reale Kriterium für die Frage „Krise oder nicht Krise?“ die Entwicklung der Gewinne. Und nix anderes.

In der letzten Zeit nun tut er sich immer mal wieder mit Anmerkungen zur realökonomischen Entwicklung hervor. (mehr…)

Is doch alles nur Fußball

Während „unsere Jungs“ bei der Fußball-Weltmeisterschaft zu ungeahnten Höhenflügen ansetzen, sind die Fans begeistert: „Wir werden Weltmeister!“ tönt es unisono aus den Mündern von Werktätigen, Studierenden und Arbeitslosen. Selbst der Pauper unter der Brücke und der Punk auf dem Göttinger Wilhelmsplatz schwenken selbstbewusst die deutsche Fahne und schwimmen mit im Strom nationalen Hochgefühls. Die ganze Nation ist eine einzige Party und wer nicht mitmacht, wer sich gar kritische Kommentare anmaßt, der gilt als „Spaßverderber“, „Miesmacher“ und „Ewiggestriger“, der ist „verklemmt“ und auf alle Fälle außen vor.

Das Ganze, so war und ist häufig zu hören, hat natürlich nichts mit Nationalismus zu tun, sondern eben nur mit Fußball. Den genießen zu wollen sei ja nun nichts schlimmes und habe mit Politik ohnehin nichts zu tun. „Die haben doch ein Ei am wandern“ spricht der aufgebrachte Student beim betrachten der aktuellen Veröffentlichung der Göttinger „Basisgruppe Sozialwissenschaften“. Auf dem Titelbild prangen deutsche Fahnen und nach vorn gestreckte Arme. Das will der Student nicht gelten lassen und betont: „Ihr verderbt uns doch nur den Spaß“. So weit, so gut. Denn bei genauerem hinschauen zeigen sich dann aber immer wieder Momente, die an dem zweifeln lassen, was über den unpolitischen und über jeglichen Zusammenhang mit der Nation erhabenen Charakter der Feierlichkeiten behauptet wird. (mehr…)

Welcome to wherever you are!

Es steht nicht grade gut um die Welt. Das mit der Arbeit funktioniert nicht mehr so wie mensch sich das früher vielleicht mal gedacht hat. Das mit dem Geld wird dadurch auch zunehmend unangenehmer. Wirklich Spaß gemacht hat es ja noch nie.

Also was tun? Während die moderne, bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ihre Krise als Arbeitsgesellschaft und Geldökonomie erlebt, bleibt den Menschen wohl nur eine Möglichkeit: die Wahl zwischen Emanzipation und Barbarei.

Entweder wir lassen alles weiter vor sich hin vegetieren wie bislang. Oder wir erkennen die Zeichen der Zeit und machen freie Gesellschaft. Wäre ja mal was neues. Hätte was. Finde ich.

Und damit niemensch sagen kann, er oder sie hätte es nicht besser gewusst, möchte ich hier die gesammelten Irsinnigkeiten des Alltags versammeln. Viel Spaß dabei!