Is doch alles nur Fußball

Während „unsere Jungs“ bei der Fußball-Weltmeisterschaft zu ungeahnten Höhenflügen ansetzen, sind die Fans begeistert: „Wir werden Weltmeister!“ tönt es unisono aus den Mündern von Werktätigen, Studierenden und Arbeitslosen. Selbst der Pauper unter der Brücke und der Punk auf dem Göttinger Wilhelmsplatz schwenken selbstbewusst die deutsche Fahne und schwimmen mit im Strom nationalen Hochgefühls. Die ganze Nation ist eine einzige Party und wer nicht mitmacht, wer sich gar kritische Kommentare anmaßt, der gilt als „Spaßverderber“, „Miesmacher“ und „Ewiggestriger“, der ist „verklemmt“ und auf alle Fälle außen vor.

Das Ganze, so war und ist häufig zu hören, hat natürlich nichts mit Nationalismus zu tun, sondern eben nur mit Fußball. Den genießen zu wollen sei ja nun nichts schlimmes und habe mit Politik ohnehin nichts zu tun. „Die haben doch ein Ei am wandern“ spricht der aufgebrachte Student beim betrachten der aktuellen Veröffentlichung der Göttinger „Basisgruppe Sozialwissenschaften“. Auf dem Titelbild prangen deutsche Fahnen und nach vorn gestreckte Arme. Das will der Student nicht gelten lassen und betont: „Ihr verderbt uns doch nur den Spaß“. So weit, so gut. Denn bei genauerem hinschauen zeigen sich dann aber immer wieder Momente, die an dem zweifeln lassen, was über den unpolitischen und über jeglichen Zusammenhang mit der Nation erhabenen Charakter der Feierlichkeiten behauptet wird.


Bei andern ist das normal

Der neue Patriotismus der Deutschen sei ungefährlich, ist überall zu hören. „Es ist ein Nationalgefühl, das nicht nationalistisch wirkt. „Es fühlt sich leicht an, nicht bedrohlich“ schreibt Christoph Amend in der Zeit vom 22.6.2006. Und Jürgen Krönig wusste schon eine Woche zuvor: „Was wir in Deutschland erleben, ist ein Stück Normalisierung. Wir gehen entkrampfter und weniger neurotisch mit nationalen Symbolen und Patriotismus um.“

Diese Debatte war lange Zeit, die aufmerksame Leserin wird es bemerkt haben, allgegenwärtig. Von Massenblättern wie der BILD-Zeitung und dem Spiegel bis hin zu linken Biotop-Blättchen wie der Jungle World war alles (und ist es in Teilen auch noch heute) voller begeisterter Fans des neuen, deutschen Patriotismus. Allein diese Tatsache verweist bereits darauf, das es mit dem Argument, es ginge doch nur um Fußball, nicht allzuweit her sein kann.

Wehe wenn sie losgelassen

Eine altbewährte Strategie um herauszufinden, was der Deutsche denn nun wirklich denkt, läuft darauf hinaus, ihm einfach mal zu sagen, das es einem etwas komisch vorkommt, wie er sich da grade aufführt. Dann sprudeln binnen kürzester Zeit die unglaublichsten Dinge aus ihm heraus. Das ist das Schöne am Deutschen: er ist verlässlich, zumindest was seinen Wahn angeht.

So begab es sich etwa in Göttingen, wo der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften in einem gut einsehbaren Fenster mitten auf dem Campus ein Plakat mit den deutschen Nationalfarben, einem seines Federkleides beraubten Adlers und dem Kommentar „Deutsch mich nicht voll“ aufgehängt hat. Die Beschwerden kamen prompt. Fast das komplette Kollegium eines wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstuhls beschwerte sich – in je einzelnen Mails – bei der Dekanin der sozialwissenschaftlichen Fakultät. „Man kann zum Nationalismus stehen, wie man will, und man kann auch Nationalgefühle und deren Auswirkungen diskutieren, gerade in oder vielleicht besser nach einer Fußballweltmeister­schaft“ steht da zu lesen. Warum besser danach, wenn es man doch dazu stehen kann wie man will, es also ‚eigentlich‘ egal sein müsste, fragt sich die geneigte Leserin. Und gleich im nächsten Absatz folgt dann auch gleich das Dementi: „Ich würde gerne diese Plakataktion einfach als kindisch abtun. Aber man kann nach meinem Verständnis nicht von einem öffentlichen Gebäude so plakativ gegen Nationalgefühle und Nationalsymbole polemisieren, wie es hier gemacht wird.“

Logik off, Patriotismus on

Es zeigt sich hier ein Kennzeichen eines jeden nationalen Taumels: der Verstand wird ausgeschaltet. Versuchen wir die ‚Argumentation‘ – oder das, was sich als eine ausgibt – en detail nachzuvollziehen: Zunächst soll es legitim sein, über Nationalgefühle zu diskutieren. Wenn dem tatsächlich so wäre, wenn es tatsächlich egal wäre, wie einzelne sich zum Nationalismus positionieren, dann müsste für die Verfasserin der Mail ja alles in Ordnung sein. Es wäre dann auch kein Problem, an „einem öffentlichen Gebäude so plakativ gegen Nationalgefühle und Nationalsymbole polemisieren“ wie es in der Mail heißt und wie das der Fachschaftsrat gemacht hat. Zur Beschwerde gäbe es keinen Grund. Stattdessen erfolgt umgehend die Kennzeichnung des Plakates als „kindisch“. Warum das jetzt plötzlich kindisch sein soll, wird uns nicht verraten. Argumente? Fehlanzeige. Wozu auch. Ist doch selbsterklärend. Und das schlimme ist, dass es das für die meisten tatsächlich sein wird.

In einer anderen Mail heißt es: „Welchen Hintergrund dieses Plakat auch immer haben mag, von einer Aussage ganz zu schweigen, so sind wir der Auffassung, dass dies nichts in einem öffentlichen Gebäude an einer Universität zu suchen hat.“ Auch hier herrscht eine ähnliche (Un-)Logig vor: wenn die Verfasser der Mail nicht mal wissen, welchen Hintergrund das Plakat hat, sie auch keine Aussage darin zu entdecken vermögen, warum regt es sie dann so furchtbar auf, das sie sich sogar zu Beschwerdemails hinreißen lassen? Und woher nehmen sie dann die Sicherheit, dass es an einer Universität nichts zu suchen hat?

Ebenfalls in beiden Mails findet sich der Hinweis auf „ausländische Studierende und Besucher der Universität“, die auf das Plakat sicherlich „verwundert“ und „verständnislos“ reagieren würden. In anderen Regionen der Welt, so soll das Argument wohl lauten, ist „sowas“ doch völlig normal. Nur, das es letztlich als Argument nicht sonderlich viel taugt. Denn nur weil in anderen Staaten ein bestimmtes Verhalten häufig zu beobachten ist, folgt daraus noch kein Argument. Nur weil in den Niederlanden Haschisch-Konsum normal ist und in Südamerika eine Regierung nach der anderen vom neoliberalen Durchregieren Abstand nimmt, würde wohl niemand an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Göttingen dasselbe auch für Deutschland einfordern. Was es doch zumindest bräuchte wäre ein Argument, wozu das denn alles gut sein soll. Genau darauf wird aber verzichtet, sobald es um den nationalen Taumel geht. Da erübrigen sich die Argumente, denn Nation ist bekanntlich Gefühlssache und der rationalen Diskussion unzugänglich. Eine ziemlich effektive Möglichkeit sich vor Kritik zu schützen.

Alles Verbrecher!

Den Vogel abgeschossen hat aber ein Student der Sportwissenschaften, der scheinbar im Nebenfach Juristerei studiert. Der schrieb voller Empörung: „Wie es scheint, seid ihr Verbrecher!!! Ich verlange: Runter mit euer verunglimpften Deutschlandfahne!!!“ Mit drei Ausrufezeichen. Hinter jedem Satz. Der Mann hat ein echtes Problem. Nicht mit der Deutschlandfahne, vielmehr damit, das sie „verunglimpft“ wurde. Und das geht ja nun gar nicht. Warum kann er allerdings auch nicht so richtig sagen.

Lediglich zwei recht fadenscheinige Argumente kann er anbieten: Einerseits möchte er das Fahnenentstellen sofort unterbunden wissen, „ weil es eine Straftat ist“, zum anderen „weil ihr auch mehrere Tausend Studenten vertretet!!!“ Was ziemlich wichtig sein muss, ist es ihm doch mal wieder drei Ausrufezeichen wert. Beide Argumente bewegen sich auf der formalen Ebene. Ein inhaltliches Argument, was genau jetzt das Problem ist, kann er nicht anbieten. Schade, aber kaum verwunderlich.

Wichtig ist ihm ebenfalls der Hinweis, das er „auch gerne gewillt ist, die Polizei einzuschalten!!!“ Die Polizei, das wissen wir, die ist ebenfalls wichtig. Darum hat auch sie drei Ausrufezeichen verdient. Und damit auch die letzten Unsicherheiten verschwinden, fügt er noch rasch hinzu: „ALSO: MORGEN ist das Spiel! MORGEN ist die Fahne weg!!!!“ (Großbuchstaben im Original!) Der demokratische Souverän, der Wähler also, setzt dem gewählten Gremium eine Frist. Diesmal sogar mit vier Ausrufezeichen. Und vielen Großbuchstaben.

Interessant ist die Komplexität der Argumentation: alle Argumente laufen letztlich auf das Anrufen einer Autorität hinaus. Die Polizei als blind vorausgesetzte Autorität soll das Gesetz als ebenso blind vorausgesetzte Autorität vollstrecken. Und der demokratische Souverän als imaginierte Autorität der Demokratie (von dem gemäß einem weitverbreiteten Irrtum die ‚Staatsgewalt‘ ausgehen soll) soll formal korrekt von der ebenso blind vorausgesetzten Vertretung repräsentiert werden. Was sagt uns das? Hier scheint jemand zu befürchten das die Grundpfeiler einer autoritären Gesellschaftsordnung wanken. Darum nahm das ganze ja auch seinen Ausgangspunkt bei der Nation.

Nun gibt es tatsächlich den Straftatbestand der „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“, der allerdings nicht unerheblich mit dem anderen Grundrechten, etwa dem auf freie Meinungsäußerung, kollidiert. Die allerdings zählt nicht, wenn es um Deutschland geht. Womit eigentlich alles über Deutschland gesagt wäre: die Rechte des Individuums sind nichts vor den Ansprüchen des großen Ganzen. Egal ob Volksgemeinschaft, Vaterland oder Standort: die Einzelnen haben sich bedingungslos dem Kollektiv unterzuordnen. Und das geht dann zu allem Überfluss auch noch als freiheitliche Gesellschaftsordnung durch.

Germanophilie

Der deutsche Student protestiert für sein Recht auf Deutschland. Als nationalistisch würde er sich deshalb trotzdem niemals bezeichnen. Das ganze nennt sich nämlich „Patriotismus“ und ist angeblich etwas völlig anderes. Patriotismus gilt als „Vaterlandsliebe“ und soll sich angeblich abgrenzen vom Nationalismus, der im Gegensatz dazu eine „Überhöhung der eigenen Nation“ zum Inhalt haben soll. Wo genau der Unterschied sein soll, wie die Liebe zu Nation und Vaterland sein soll ohne es gleichzeitig zu überhöhen (oder auf eine Bestimmung aller negativen Aspekte zu verzichten, was letztlich das selbe ist) bleibt dabei stets unklar. Letztlich ist dieser Unterschied ein imaginierter. Ebenso wie es sich bei dem Glauben, die Nation beruhe auf realer Gemeinsamkeit, eben um einen Glauben handelt. Die Nation ist eine „vorgestellte Gemeinschaft“ (Benedict Anderson).

Entstanden sind die modernen Nationen und damit auch der Begriff von Nation, wie wir ihn kennen, mit der Herausbildung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Es brauchte ein einheitliches Bezugssystem, in dem sich die Formen dieser bürgerlichen Gesellschaft herausbilden konnten. Das war der Nationalstaat. Und es brauchte die Bereitschaft, sich in Krieg und Wirtschaftskonkurrenz für die Nation aufzuopfern. Das war die Geburtsstunde von Patriotismus und Nationalismus. Einen Patriotismus jenseits dieser Bestimmung gibt es nicht. Der Bezug auf die Nation steht im Rahmen einer Konkurrenz mit anderen. Auch beim Fußball, was etwa die abschätzigen Schmähungen etwa der ItalienerInnen nach deren Sieg gegen Deutschland („Ihr seit nur der Pizzalieferant“ etc.) erklärt.

Geichzeitig zum vorherrschenden nationalen Hochgefühlt hat die Bundesregierung daran weitergearbeitet, die letzten sozialen und freiheitlichen Grundrechte wegzureformieren. Das jedoch kümmert niemanden, die Proteste sind noch geringer als sonst schon gewohnt, die Berichterstattung in den Medien ist auch eher verhalten. Erst kommt Fußball, dann die Sozialhilfekürzung. Damit hilft die Fußball-Hysterie gemeinsam mit der „Du-bist-Deutschland“-Kampagne dem Nationalismus, seine althergebrachte Aufgabe zu erfüllen: sich aufzuopfern für Standort und Vaterland.

Das erboste „Ihr vertretet mich“ wird lediglich der Studierendenvertretung entgegengeschleudert, nicht aber der hiesigen Regierung. Als Teil des einer Gemeinschaft kann es keine Interessensgegensätze mehr geben. Wer doch welche findet, gilt als Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer. Wer sich weigert, Verbundenheit zu demonstrieren, gegen den wird demonstriert.


3 Antworten auf “Is doch alles nur Fußball”


  1. 1 och 20. Juli 2007 um 18:10 Uhr

    warum habt ihr diese vollpfosten denn anonymisiert? die sind doch offenbar alle STOLZ auf ihr Bekenntnis zur Aktion…

    „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an indivuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt. Wer bedeutende Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er Stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, (…) zu vertheidigen.“ (Arthur Schopenhauer)

  2. 2 Genau das ist euer Problem 18. August 2007 um 4:22 Uhr

    Überlegt nicht so viel, steuert ersmal ein paar Pfennig zur Rentenkasse bei, dann könnt ihr immer noch darüber philosophieren was angesagter ist, für amerikanischen Grössenwahn zu sterben oder für deutschen Höhenflug zu leben. Ich bin 22 Jahre alt und dummer Hauptschüler aber die Grünaugigkeit einiger Studenten erkenne selbst ich. Ich fand die WM toll genau wie unsere Jungs, doch ich bin der selbe Patriot wie vorher, die Typen die ihre Autos mit der Fahne verziert haben waren meiner Ansicht nach pure Pseudomitläuferfans – das war kein Nationalstolz, das war Hype mehr nicht – der bei diesen Pseudos schnell wieder abklingt.

  3. 3 emanzipationoderbarbarei 26. August 2007 um 17:48 Uhr

    also wo genau jetzt der unterschied zwischen deutschen höhenflügen“ und „amerikanischem größenwahn“ sein soll, kann ich nicht erkennen. und was hat das mit der rentenkasse zu tun? ich bin verwirrt… ,-)

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