Männer an die Macht!

Früher galt die tageszeitung ja mal als Hort der Emanzipation. Das war allerdings zu den Zeiten, als auch die Emma noch bei vielen als progressiv galt. Heutzutage gilt das nicht immer. In der aktuellen Ausgabe (Mittwoch) zum Beispiel. Da weißt sie viel zu berichten, über die Benachtteiligung der Jungen an den deutschen Schulen etwa. Es gab nämlich eine „Jungskonferenz“, und das fand die taz toll und hat gleich einige ihrer besten RedakteurInnen hingeschickt. Den anerkannten „Bildungsexperten“ Christian Füller etwa. Der hat schon nicht verstanden, warum das mit den Studiengebühren dummfug ist, und dann lassen die ihn auf die Geschlechterverhältnisse los! Und all das nicht mal auf der Wahrheits-Seite, sondern als ernstgemeinte Berichterstattung über „Bildung“. Ich bin erzürnt. Lesen sie hier, warum.

Zunächst beschreibt Füller, wie er den Kongress empfindet. Fast ausschließlich Frauen sind da, und die benehmen sich auch so: eine Horde unverbesserlicher Feministinnen, die noch immer an das Patriarchat glauben, diesen Eindruck erhält unsereins beim Lesen. Ganz furchtbar, findet Füller, da sieht mann mal, was die Frauen mit unseren Kindern machen. Manchmal darf frau die Jungs natürlich mal rügen, aber eben nur in speziell ausgewählten Situationen. „Was aber falsch ist, die Jungs per se zu rügen für ihre, zugegeben, häufig unartikulierte, oft grobe, ungeschlachte Männlichkeit. Das nämlich impliziert, Männlichkeit pauschal darzustellen als einen Fehler der Natur. ‚Du musst lernen mit deinen Y-chromosomalen Errata umzugehen‘, so lautet dann die zerstörerische Botschaft an die Jungs.“

Diese Argumentation hat viele Voraussetzungen. Etwa die, das Männlichkeit eben etwas ganz natürliches ist. Und dass das Verhalten, das Jungen in der Pubertät an den Tag legen, eben auch ein ganz natürliches ist. Und das jetzt als „Fehler der Natur“ darzustellen, erscheint dann als jungenfeindlich. Erscheint, wohlgemerkt. Denn tatsächlich liegt der Hund (respektive die Hündin) doch wohl noch viel früher begraben.

Denn die Tatsache, wie Jungen mit der Pubertät umgehen, ist eben keine naturhafte. Nicht nur, weil Mädchen schließlich sowas auch haben und das Argument für sich keinen Sinn macht – da müsste schon noch eine fluffige Erklärung mit Hormonen und genetischer Veranlagung nachgeschoben werden. Aber damit kannte der Herr Füller sich halt auch nicht aus. Vermutlich wollte er einfach nur mal ein paar Ressintements loswerden.

Aber davon ab: wenn Jungen in die Pubertät kommen, dann haben sie es natürlich nich leicht. Es gibt vielfältige Erwartungen, die da von Familie, Schule, Freundeskreis und Gesellschaft an sie herangetragen werden. Dazu gehören selbstverständlich auch die Anforderungen, die eine bürgerliche Gesellschaft so an Männer als solche stellt. Hat was mit Stärke, Dominanz, Leistungsethos und dergleichen mehr zu tun. Entsprechend benehmen die sich dann auch. Da sind sie natürlich nicht alleine dran schuld, sie sind es ja nicht gewesen, die auf die Idee gekommen sind, Männer müssten unbedingt Leute todschießen und ganz viel Fleisch fressen (rülpsen hinterher nicht vergessen!). Aber warum ich die Jungs dafür in Schutz nehmen sollte, hat mir nicht so ganz eingeleuchtet.

Für Füller hingegen scheint dieser Zusammenhang unmittelbar evident: „Jungs dieses Alters sind auf eine obszöne Art verbalradikal, ständig müssen sie von Schwänzen und Mösen usw. reden. Dies wird geradeheraus zensiert.“ Wie schrecklich! Statt dessen schlägt er vor, doch mal bei der Bestückung der Schulbiblitheken die Bedürfnisse der Jungen stärker zu berücksichtigen. Was soll da denn eingekauft werden, so an typischer Jungs-Literatur an einer deutschen Gesamtschule? „Deutsche Panzerdivisionen im Zweiten Weltkrieg“ und „Dicke Dinger aus Südostasien“ im praktischen Vielfarbdruck?

Aber wir wollen nicht übertreiben: Füller gibt durchaus zu, dass es sowas wie patriarchale Verhältnisse, naja, gibt: „Die Vorherrschaft des Mannes ist nicht gebrochen, von der Gleichberechtigung der Frau sind wir meilenweit entfernt.“ schreibt er. Und fügt hinzu: „Nur fragt man sich, was dieses Argument in der Diskussion um die eklatante Benachteiligung von Jungs in der Schule verloren hat.“ Was sich Mann so alles fragt. Aber noch mal zur Erklärung: das ewige Gerede davon, das doch auch Männer leiden würden und das auch Männer Opfer sexueller Gewalt würden und das auch Männer – diesmal in Form von kleinen Männern, also Jungs – würden in der Schule benachteiligt, dieses ganze Gesabbel, ist im Kern nur der Ausdruck eines gesellschaftlichen Backlash. Eines Rückschrittes, der in seinen humanen Varianten (wie etwa in der Füllers) durchaus zugesteht, das es schon auch Patriarchat gäbe, um dann aber um so ausführlicher über die Unterdrückung des Mannes zu reden. Und der in seinen konservativen und regressiven Varianten die Existenz von Männerherrschaft schlicht betreitet. Und genau darum geht es letztlich. Das ist der Zug, auf den Christian Füller (und mit ihm die taz) aufspringt, wenn er solch unreflektiertes Zeug von sich gibt.

Wissen hätte er das übrigens alles können. Denn – wir wollen ja der taz nicht unfair gegenüber sein – seine Redaktion hat ihn nicht alleine hingeschickt zu dem Kongress. Und Annegret Nill, die ihn begleitet hat, hätte ihm da sicherlich einige wertvolle Infos geben können, wie ihre Darstellung des Kongresses zeigt.

Die Ganze Soße war übrigens veranstaltet von ‚Manndat e.V. – Geschlechterpolitische Initiative‘. Deren Programm ist das von Füller in der taz vorgestellte. Dort weiß Mann nämlich, dass die ewige Benachteiligung der Jungen kein Zufall ist, denn das alles ist „das Ziel einer Jungen diskriminierenden Bildungs- und Jugendpolitik“. Gut das sich mal einer traut, das zu sagen. Im Folgenden wird dann auch pflichtschuldigst eine Handvoll Frauen aufgezählt, die die entsprechenden bildungspolitischen Weichenstellungen zu verantworten haben. Wir stehen unter deren Fuchtel, ganz eindeutig – das soll wohl die Botschaft sein, die von der Darstellung ausgehen soll. Die von den Frauen, die weltweit die meiste Macht an sich gerissen haben, stellt übrigens die Zeit vor.

Deutlich wird das etwa im Diskussionsforum der Homepage, mit dem der Verein selbstverständlich überhaupt nichts zu tun hat. Über die im Bericht der taz erwähnten Frauen, die bei der Konferenz mit dem Stand der Debatte unzufrieden waren, heißt es etwa: „Solch neurotisches Gekeife, wie die Damen es bei solchen Gelegenheiten absondern, deutet darauf hin, wie weh ihnen der drohende Verlust ihrer Machtpositionen tut. Dass sie selber genau das tun, was sie den „Männerseilschaften“ und Herrenclubs jenseits der gläsernen Decke vorwerfen, nämlich borniert an ihrer Macht zu kleben und andere Meinungen nur ja nicht gelten zu lassen, das ist für mich noch das Sahnehäubchen obendrauf.“

Der freundliche Hinweis von Christian Füller, er würde jetzt das Patriarchat nicht leugnen wollen, wird dann auch gleich zum Ärgernis, denn „anders kann so etwas wohl nicht in der TAZ erscheinen, als mit einem Kotau vor feministischen Dogmen“ Da hat nämlich einer genau aufgepasst bei seinem 68er Gesellschaftkundelehrer und weiß uns zu berichten: „Er (Füller)glaubt vielleicht, nur weil irgendwelche Großbankdirektoren die Macht haben, sich Riesenabfindungen zuzuschanzen, deswegen könne er die Masse der Männer verunglimpfen, die das nicht können?“ Ja nee. Großbankdirektoren und andere Heuschrecken, is schon klar. Auf die Idee, das vielleicht der Kapitalismus was damit zu tun haben könnte, kommt der gute Mann halt nicht. Aber was will mensch erwarten, so dolle war das halt auch alles nich 68.

Die Zeit – wie hatten sie eben ja schon mal kurz – hat übrigens auch ein Forum. Und da steht recht ähnliches: „was ist mit der sanften emotionalen macht die frauen im alltag ausüben? neiiiiiin, stimmt, die gibt es ja gar nicht! nie dagewesen! es sind immer noch in erster linie frauen die ihre jungs zu männer machen, ihnen ‚werte‘ mitgeben und vieles vorenthalten was mädchen aber beigebracht wird!“ Einige fordern einen „integrativen Maskulinismus“, was auch immer das sein soll. Andere bieten gar an, sie würden gerne die Rollen tauschen, wo Frauen es doch so furchtbar gut geht. Schön ist auch der hier: „Es sind nicht nur Diskriminierungen gegenüber Männern, wie beispielsweise jene, daß Gewalt zwischen den Geschlechtern irrigerweise meist nur in einer Richtung gesehen wird, es sind vor allem echte emotionale Abhängigkeiten.“ Der ärmste könnte einem fast leid tun. Aber glücklicherweise ist der Mensch derart unsympathisch, das einem solche Ideen nicht wirklich lange im Kopf bleiben: „Erstmal ist die Realität noch so, daß Politik und Nachrichten (noch) als Männerschwergewicht real sind, das sollte nur infrage gestellt werden, wenn eine wirklich kompetente und die Aufgabe ausfüllende weibliche Gestalt diesbezüglich vorhanden wäre. ( … ) Es ist auch in der Presselandschaft so, daß die Politk noch immer eine Männerdomäne ist, mir sind auch wenige Frauen bekannt, die eine vergleichbare Kompetenz einbringen.“ Da haben wir’s also: selber schuld sind se! Sobald irgendwo ein Moment von Männderdominanz auftaucht, wird es rationalisiert als sinnvolle Kompetenzentscheidung. Da kann nix schiefgehen: Entweder Männer können ihren patriarchalen Gelüsten nicht nachgehen – dann ist das Diskriminierung. Oder sie können es, dann ist das eben Ausdruck der tatsache, das Frauen zu schwach sind. Schuld sind allemal die anderen.

Der Hinweis auf die Großbankdirektoren und anderen Heuschrecken von oben zeigt allerdings auch, wessen Geistes Kind der Antifeminismus ist. Während der gewöhntliche Sexismus die Frau als naturhaft und schwach abwertet, begreift der Antifeminismus (in der Szene auch Maskulinismus genannt) die Frau als etwas den Mann beherrschendes, gesellschaftliche Macht an sich reißendes. Damit ergeben bestimmte Parallelen etwa zu einer Bestimmung, wie sie den Unterschied von Rassismus und Antisemitismus betrifft. Hier sollte mensch mal weiter forschen, ob sich diese strukturellen Ähnlichkeiten bei näherem Hinsehen weiter erhärten. Ansonsten sei zum weiterlesen der hier empfohlen.


1 Antwort auf “Männer an die Macht!”


  1. 1 Deo 04. Dezember 2007 um 23:21 Uhr

    Netter Aufsatz.Liest sich aber in meinen Augen wie der Text eines wütenden 15-jährigen Mädchens welches zu eienr dieser oben genannten Hardcorefeministinen heranwachsen wird.

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