Anleitung zum Unglücklichsein Oder: Warum Neon lesen rockt

Neon kennt ihr, oder? Das ist dies stylische Stern-Magazin für Leute, die sich jung fühlen aber trotzdem erwachsen sein wollen. Für Leute, die irgendwo zwischen 17 und 30, vielleicht 35 herumvegetieren. Die in der Oberstufe sind, eher noch studieren. Vielleicht auch schon damit fertig sind, in den Job eingestiegen. Möglicherweise auch nie studiert haben, sondern nach dem Abi gleich eine Ausbildung angefangen haben. Die Sorte von Jungspunden, die fest überzeugt sind, sie wüssten wie es abgeht in der Welt. Die Zukunft quasi. Die, die unsereinem das Leben immer so furchtbar schwer machen.

Und genau darum lesen ich Neon – um zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, wie die ticken, die Leute, die mir das Leben immer so schwer machen. Beim Lesen fühle ich mich dann immer an Adorno erinnert, der in dem Aphorismus „Rasenbank“ in den Minima Moralia einst schrieb: „Heute aber finden wir uns einer angeblich jungen Generation gegenüber, die in jeder ihrer Regungen unerträglich viel erwachsener ist, als je die Eltern es waren; die entsagt hat, schon ehe es zum Konflikt überhaupt kam, und daraus ihre Macht zieht, verbissen autorität und unerschütterlich.“

Vielleicht kennen einige ja dieses Phänomen der absoluten Verzweiflung, angesichts der Überzeugungskraft, mit der manchmal der größte Schwachsinn vertreten wird. Um mal ein wirklich willkürliches Beispiel zu wählen, nur um sich mal in meine Lage hineinversetzen zu können. Um es dann mit dem grandiosen Neon-Text „Du bist so aggressiv – Bist du links“ (alleine der Titel macht mich ja schon aggressiv…) abzugleichen. Also, here we go:

Wochen- und Monatelang, in vielen Fällen jahrelang beschäftigst du dich mit einem Thema, das dir wichtig ist. Krieg zum Beispiel. Du verfolgst die aktuellen Entwicklungen, liest Berichte über vergangene Kriege und dergleichen mehr. Langsam aber sicher erkennst du Muster: Standartisierte Argumente, die in jedem Krieg wieder auftauchen. Interessenlagen von Staaten und Staatengemeinschaften, die für den Eintritt oder auch Nicht-Eintritt in einen Krieg relevant sind. Oder nehmen wir das Thema Nationalismus. Du verfolgst die Entwicklungen in Deutschland, wo durch die 90er hindurch (auch in Bezug auf militärpolitische „Normalität“) die Stellung Deutschlands in der Welt gefestigt werden soll. Und die Entwicklungen im Balkan, wo plötzlich alle auf „ethnischen Minderheiten“ versuchen, einen eigenen Staat zu machen, nur um innerhalb dieses Staates neues von diesen „ethnischen Minderheiten“ herzustellen. Alles furchtbar kompliziert, hängt mit globalen Macht- und Herrschaftsstrukturen zusammen.

Und dann kommt der Kosovo-Krieg und irgendein Besserwisser von der Grünen Jugend meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Mensch müsse doch den Menschen helfen. Mit Bomben halt, klappt bestimmt. Besser als zusehen. Ohne auch nur ansatzweise den polit-ökonomischen Rahmen zu reflektieren, der für dich völlig selbstverständlich und klar ist. In der Neon liest sich das dann wie folgt:

„Bis dahin hatte ich mich für einen Pazifisten gehalten, doch angesichts der humanitären Katastrophe kam ich zu der Überzeugung, dass ein Eingreifen der NATO die einzige Möglichkeit war, noch mehr Unheil zu verhindern. Und diese Meinung vertrat auch in einer großen abendlichen Diskussionsrunde, zu der etwa 100 Menschen gekommen waren. Als einziger. Und das ist ein Fehler, wenn die Diskussionsgegner alle linksalternativ sind. Die Masse hatte in mir ihr Hassobjekt gefunden.“

Ich weiß nicht wie die Diskussion damals abgelaufen ist, so ein Krieg ist natürlich schon eine ziemlich emotionale Sache. Und wenn dann da einer ankommt und sein gesammeltes Halbwissen ablädt, da kann unsereins auch schon mal ein bissel entnervt reagieren. Das nun war aber alles kein Grund für ihn, sich mal zu überlegen, warum die alle so aggro auf ihn reagieren. Lesen wir einfach weiter, vielleicht versteht ihr dann:

„Sagt man, man ist für den Kosovokrieg, ist man ein schlechter Mensch. Bin ich für Hartz IV, bin ich böse. Und wenn man sich in den falschen Kreisen offen für Studiengebühren ausspricht, wird man geteert und gefedert.“

Ja nein, da wollen die Linken einfach nicht gut Freund sein mit Leuten, die gerne Kriege führen, Sozialleistungen kürzen, Arbeitsterror forcieren und zu allem Überfluss auch noch die Bildung in Warenform pressen wollen. Und sich gleichzeitig auch noch für Linke halten, so wie der junge Mann, der in der Neon berichtet. Für ihn ist das natürlich Ausgrenzung: „Zusammengefasst: Sagt man etwas, das nicht dem Common Sense von Political Correctness entspricht, wird man von vielen Linken schnell ausgegrenzt.“

Es ist schon einigermaßen krude: da baut sich einer ein Feindbild über die Linke auf, weil die nicht mit ihm spielen will? Warum will die nicht mit ihm spielen? Weil seine Positionen schlicht anti-emanzipativ, urst-bürgerlich, bestenfalls noch liberal sind. Aber jedenfalls nicht so, wie mensch es auch im weiteren Sinne noch als „links“ definieren könnte. Wirklich schlimm diese Linken, die sich nicht dran gewöhnen wollen, das es halt auch mal sein muss, Menschen zu erschießen oder sie zu drangsalieren und ihnen das Leben schwerzumachen. Solche unbequemen Ideen müssen doch auch mal unbefangen gedacht werden können.
Solche Menschen machen schon ganz spezifische Erfahrungen. Zum Beispiel auch, wenn sie mit Konservativen oder Liberalen sprechen: „Und so etwas habe ich ehrlich gesagt mit CDU- oder FDP-Mitgliedern noch nicht erlebt.“ Ich selber schon. Wobei ich das gar nicht an Parteien festmachen würde (auch interessant: er selber ordnet sich keiner Partei zu, wähnt sich als unabhängiger Überflieger, nur die anderen, die sind halt immer irgendwelchen ideologischen Richtungen zuzuordnen). Nehmen wir nur den Fall des skelletierten Bundesadlers mit umgedrehter Deutschlandfahne, der während der Fußball-Weltmeisterschaft die Fenster der Räumlichkeiten einer Fachschaft an der Göttinger Universität schmückte. Da gab es wüsste Hassmails von Leuten, die das nun aber gar nicht gut fanden. Da war nix mit Toleranz. Da war nur der Ruf nach der Autorität, die diesen Zustand doch mal bitte sofort unterbinden soll. Das allerdings gilt dann als Normal und ist scheinbar kein Problem.

Auf jeden Fall scheint es sich bei dem Autoren um eine Art Prototyp verdinglichten Bewusstseins im angehenden 21. Jahrhundert zu handeln. weshalb ich mich hier demnäxt regelmäßig über die Neon auskotzen möchte. Einer muss es ja machen. Und wer weiß, vielleicht lässt sich das am Ende ja auch noch mal systematisieren.