Generation Praktikum

Ja, die gibt’s wirklich. Seit die Lohnarbeit knapper wird, zumal in ihren regulierten und dauerhaften Varianten, setzen immer mehr Leute auf Praktika. 56 Prozent aller Hochschulabsolventen beginnen ihre berufliche Karriere gemäß einer Studie der DGB-Jugend mit einem Praktikum – und haben es trotzdem zunehmend schwer, eine Festanstellung zu finden. Da kann nun auch Arbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering nicht mehr mit ansehen. Das zumindest berichtet die Financial Times Deutschland:

„Es sei nicht in Ordnung, wenn in Unternehmen junge Menschen als Hospitanten oder Praktikanten mit der Arbeit von Vollzeitkräften betraut, dafür aber nur wenig oder gar nicht bezahlt würden. Diesen Betrieben müsse die Gesetzeslage erklärt werden, forderte Müntefering. Junge Menschen, die aus den Universitäten kämen, dürften nicht missbraucht werden, sondern sollten ordentlichen Lohn bekommen. Er verwies darauf, dass es eine Vereinbarung von 300 Unternehmen gebe, die solche Praktika-Methoden nicht mitmachten.“

Nun mag das ein sehr ehrenwertes Anliegen sein, verwundert tut es allerdings schon. Schließlich war es doch nicht zuletzt seine SPD, die eine Haltung eingefordert hat, jederzeit abrufbereit zu sein, jeden Job anzunehmen und sich für nichts zu schade zu sein. Und es verschleiert es ein wenig den Beudeutungswandel, den Praktika in den letzten Jahren durchgemacht haben.

„Früher hießen sie oft Schnupperpraktika, weil es darum ging, einmal hineinzuriechen in eine Zementfabrik oder eine Werbeagentur, um herauszufinden, ob der Beruf zu einem passt oder nicht. Die Praktikanten heute haben sich längst für einen Beruf entschieden.“ berichtet die Zeit. „Je mehr arbeitslose junge Akademiker es jedoch gibt, desto lieber stellen die Unternehmen Praktikanten ein, die für wenig Geld professionelle Arbeiten verrichten. So ist zwischen Ausbildung und Beruf eine häufig mehrere Jahre währende Dauerpraktikantenschaft getreten.“

Das Praktikum stellt dabei eine Willkommene Alternative zur Arbeitslosgikeit dar: „Vor zwei, drei Jahren war in den Zeitungen viel über die »Generation arbeitslos« zu lesen, von jungen, gut ausgebildeten Menschen, die früh ihren Job verloren. Die Flundermenschen (also diejenigen, die von Praktikum zu Praktikum tingeln und dabei zappeln wie eine Flunder, EoB) sind anders: Sie wurden nie arbeitslos, weil sie nie einen festen Job hatten. Sie haben daher auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder auf Startgeld für eine Ich-AG.“

Das ist nach zwei Seiten hin spannend: einerseits werden natürlich Gelder aus den staatlichen Sozialtöpfen gespart, wenn die Leute sich bei diversen Unternehmen als PraktikantInnen prostituieren. Andererseits scheint es den Menschen aber auch ein wirkliches Bedürfnis zu sein, der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Wo es immer und immer wieder heißt, die Arbeitslosen seien doch selber Schuld an ihrer Situation und wollten eigentlich selber gar nicht arbeiten, da wird es eben zum psychischen Zwang, unbedingt Aktivität vortäuschen zu wollen. Damit ja niemand auf die Idee kommt, mensch wäre einer von „denen“. Damit die Familie nicht glaubt, der Nachwuchs hätte versagt. Das konstatiert auch die Zeit: „Wer sagt: »Ich mache noch einmal ein Praktikum«, sagt das auch, weil er weiß, dass dann Ruhe ist. Es hört sich einfach besser an als: »Ich bin immer noch ohne Job, und wenn noch drei Monate vergehen, dann bin ich langzeitarbeitslos.«“ Darüber hinaus scheint es tatsächlich bei vielen die Hoffnung zu geben, durch so ein Praktikum würden die Chancen auf einen Job verbessert. Was ja impliziert, das es dem Unternehmen darum ginge, geeignete Menschen für Festanstellungen zu finden.

Genau das scheint mir allerdings mehr als fraglich. Denn für die Unternehmen sind die Folgen des derzeitigen Praktikumsbooms, die für die PraktikantInnen negativ sein mögen, ganz klar Positiv. In der Studie der Gewerkschaftsjugend heißt es, bei den Praktika „dominieren insgesamt negative Aspekte der Praktika. Diese sind insbesondere die mangelnde Vergütung in Verbindung mit der Übernahme von regulären Tätigkeiten, Stress und Überstunden. Bei der Mehrheit der geleisteten Praktika kann man demnach von prekären Praktika sprechen.“ (Seite 11)

Die PraktikantInnen übernehmen also die Arbeit, für die früher Festangestellte eingesetzt wurden. Und sind dabei sogar noch besonders motiviert, erhoffen sie sich doch eine Festanstellung. „Was die Kapitalistenseite betrifft, so vermindert der Einsatz kostenloser Arbeitskraft den Kapitaleinsatz durch die Aneignung eines von dritter Seite unterhaltenen Gutes. Was das fixe Kapital angeht, ist das Prinzip der Kostenexternalisierung wohlvertraut. Betriebswirtschaftlich war es schon immer vernünftiger, die Luft als Müllhalde zu benutzen, als in teure Filteranlagen zu investieren. Im Zeitalter der Just-in-time-Produktion lagern Unternehmen im großen Stil ihre Lagerhaltung auf die öffentlichen Straßen aus. Die Krise der Arbeit bietet die einmalige Chance auch die Reproduktionskosten von angewandter Arbeitskraft anderen aufzuhalsen.“ (Ernst Lohoff: Virtualisierung der Ware Arbeitskraft)

Das Ganze produziert natürlich eine Reihe Widersprüche, was auch sonst. So stellt sich etwa die Frage, wie die Leute so überleben, mit den paar Euros, die ihnen für das Praktikum rübergeschoben werden. Auch hier weiß die Zeit Antwort: „Es geht immer irgendwie. Die Praktikanten leihen sich etwas von den Eltern, sie arbeiten am Abend oder in der Nacht, das Wohnungsamt zahlt vielleicht 60 Euro. Sie pflegen weiterhin ein studentisches Leben, gehen am Kinotag ins Kino, immatrikulieren sich für ein Zweitstudium wegen des Semestertickets, des günstigen Krankenkassentarifs, des ermäßigten Tageszeitungsabos. Ansonsten: kein Auto, man sucht sich doch noch einmal eine WG. Und man gründet mal noch keine Familie, auch wenn man ahnt, dass jetzt eigentlich eine gute Zeit wäre.“

Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen. Die Diskussion über faule Langzeitarbeitslose, Langzeitstudis die ebenfalls nur faul rumhängen wollen oder Sozialschmarotzer, die nur anderen auf der Tasche liegen würden, drängt die Leute zur Aufnahme zahlloser Praktika. Und die müssen dann als Folge genau das tun, was sie doch gerade umgehen wollen: sie liegen den Eltern auf der Tasche (statt dem Staat), verharren länger im studentischen Milieu, als ihnen eigentlich lieb wäre. Das Bedürfnis, länger eingeschrieben zu bleiben, steigt eher als das es sinken würde. Da sind natürlich die Studiengebühren vor. Gleichzeitig fehlt die nötige Sicherheit im Leben, um Eva Herman vor dem nächsten Herzinfarkt zu bewahren.

Was also tun? Der Idee, einfach mal eben einen Praktikumsstreik zu initiieren, hat auch die Zeit keine besonderen Chancen gegeben. Müntefering setzt scheinbar auf rechtliche Regelungen, worin auch immer die bestehen mögen. Am Ende wird es wohl auf „faire Praktika“ und Selbstverpflichtungen von Unternehmen hinauslaufen, ganz ähnlich läuft die Debatte ja auch rund um die einst geforderte Ausbildungsplatzumlage. ‚Kapitalismus abschaffen‘ wäre natürlich noch eine Möglichkeit. Aber dafür fehlen wohl auch die Mehrheiten, derzeit. Wobei, wir könnten ja mal anfangen, uns drüber zu unterhalten…


2 Antworten auf “Generation Praktikum”


  1. 1 Tina 10. September 2006 um 23:15 Uhr

    Ein Grund, warum die Ausbeutung von HochschulabsolventInnen als schlecht oder gar unbezahlte PraktikantInnen kein Ende finden wird: die meisten Studis machen schön brav mit, weil sie zum einen den Arbeitsethos verinnerlicht haben und zum Teil wirklich hoffen, dass es bei IHNEN anders sein wird: sicher, es gibt viele schlechte, ausbeuterische Praktika, aber da wo ich jetzt bin, haben sie mir wirklich eine betristete Stelle (besser als nichts) in Aussicht gestellt und ich lerne da ja auch unheimlich viel für mein späteres Berufsleben!
    Außerdem zieht das Argument, noch ein paar Firmennamen für den Lebenslauf zu sammeln, ungemein. Ich weiß, wovon ich rede, denn dafür dass ich seit meinem Studienabschluss vor fünf Monaten kein einziges Praktikum abgeleistet habe ernte ich von studierten oder noch studierenden Bekannten nur Unterständnis. Und alle fragen sie mich, ob ich denn noch eingeschrieben bin und womit ich mir denn jetzt meinen Lebensunterhalt verdiene. Du wirst schon ziemlich schief angeguckt, wenn du arbeitslos bist nach dem studium und es tatsächlich wagst, von der enormen ALG II-Unterstützung zu leben, anstatt dich fürs Zweitstudium einzuschreiben und kellnern zu gehen, damit du dir das dritte Praktikum leisten kannst. Und je mehr sie schuften, umso mehr Anerkennung erhoffen sie sich. Wenn sie schon sonst nichts kriegen…

  2. 2 schnarch 11. September 2006 um 1:21 Uhr

    Ein weiterer Grund ist schlicht, dass wer nicht arbeitet in diesem Land auch nicht essen darf. Wer ALG2 bezieht, muss einiges mehr machen als ein Durchschnittsstudent. Dazu gehört selbstverständlich auch kostenlose Arbeit.

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