Papst Benni & seine soziale Ader

Der Papst ist in Deutschland. Toll. Aber wo doch „wir“ ohnehin Papst sind, ist das eigentlich nichts besonderes. Da sind „wir“ doch ohnehin meistens, in Deutschland. Wenn „wir“ nicht grade Urlaub auf Malle machen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Benni jedenfalls war in Deutschland, nein, „in Bayern“, wie überall in den Zeitungen zu lesen ist. Und er ist da nicht nur rumgelaufen, er hat auch gesprochen. Zu einer Viertelmillion Menschen.

Die steile These, die er in seiner Rede vorgestellt hat, läuft darauf hinaus, das es eine soziale und eine theologische Komponente des Glaubens gäbe, die zusammengedacht werden müssten: „Jesus wendet sich den Leidenden zu, denen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind. Er heilt sie und führt sie so in die Möglichkeit des Mitlebens und Mitentscheidens, in die Gleichheit und Brüderlichkeit ein.“ Durch den Glauben werden die Leute geheilt, durch die Erinnerung an ihn werden sie dazu ermächtigt, sozial zu handeln. „Jesus zeigt die Richtung unseres Tuns an.“ heißt das dann bei Benni.

Nun wollen die Leute aber nicht mehr so richtig glauben, was wir ja daran sehen, das sozial alles vor die Hunde geht derzeit. Das macht er dann am Beispiel der katholischen Entwicklungshilfepraxis in Deutschland fest. Die katholische Kirche in Deutschlnad nämlich „ist großartig durch ihre sozialen Aktivitäten, durch ihre Bereitschaft zu helfen, wo immer es not tut.“ Das würde ihm auch von afrikanischen Bischöfen immer wieder bestätigt. „Dann und wann sagt aber ein afrikanischer Bischof: ‚Wenn ich in Deutschland soziale Projekte vorlege, finde ich sofort offene Türen. Aber wenn ich mit einem Evangelisierungsprojekt komme, stoße ich eher auf Zurückhaltung.‘ Offenbar herrscht da doch bei manchen die Meinung, die sozialen Projekte müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen; die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben, die seien doch eher partikulär und nicht gar so wichtig.“

Also lieber weniger Kohle für das materielle Überleben der Menschen und dafür ein paar Missionen hochziehen. Auch AIDS könne in seinen „sozialen Ursachen“ nur dann wirklich bekämpft werden, wenn die Leute an Gott glauben.

Nun sagt er ja durchaus Dinge, die von einem anderen Standpunkt aus betrachtet nicht falls sind: das AIDS vor allem in wirtschaftlich schwachen Regionen massenhaft auftritt, verweist tatsächlich auf eine soziale Ursache. Nur hat die erstmal nichts mit Gott zu tun, sondern mit Kapitalismus, Kolonialismus, Weltwirtschaft und dergleichen mehr. Auch ein Satz wie „Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir zu wenig. Dann treten die Techniken der Gewalt ganz schnell in den Vordergrund und die Fähigkeit zum Zerstören, zum Töten wird zur obersten Fähigkeit, um Macht zu erlangen, die dann irgendwann einmal das Recht bringen soll und es doch nicht bringen kann“ hat ja durchaus den waren Kern, das es natürlich nicht nur auf technische Lösungen ankommt, sondern auf eine Auseinandersetzung mit den realen sozialen Ursachen. Mit der Gesellschaftsordnung eben. Die allerdings will Benni auch nicht. Und hat deshalb einen eher müden Ersatzvorschlag parat: „Die Maßstäbe, nach denen Technik in den Dienst des Rechts und der Liebe tritt, gehen verloren, aber auf diese Maßstäbe kommt alles an: Maßstäbe, die nicht nur Theorien sind, sondern das Herz erleuchten und so den Verstand und das Tun auf den rechten Weg bringen.“ Will sagen: wenn die Leute alle von Got erfüllt wären, wenn sie nur das richtige glauben, das richtige Denken würden, dann wäre schon alles in Butter. Nun ist es natürlich finsterster Idealismus, das wohl und wehe der Welt nur davon abhängig zu machen, was die Menschen sich über diese Welt denken. Demgegenüber wäre daran festzuhalten, dass die Gedanken der Menschen selber schon ein Produkt der Umstände sind, in denen sie leben:

„Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d‘honneur |Ehrenpunkt|, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.“

Das war jetzt nicht von Pappa Benni, sondern von Karl Marx, und zwar aus der Einleitung zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie. Marx hört damit nicht auf sondern fährt fort und erklärt den Schein des fortschrittlichen, der an Benni’s Worten haftet:

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Eine Kritik an Papst, Kirche & Co gerade an dieser Stelle heißt also nicht, sich für eine Welt einzusetzen, in der den Menschen die hungern und leiden, ihnen halt nicht geholfen wird. „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“ sagt Marx. Und da ist ihm auch zuzustimmen.

Benni findet Marx natürlich nicht so dufte. Und wendet sich deshalb einem Problemfeld zu, das eher Horkheimer und Adorno beackert haben: Bei Benni klingt das so: Die Völker Afrikas und Asiens bewundern zwar unsere technischen Leistungen und unsere Wissenschaft, aber sie erschrecken zugleich vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen aufdrängen will. Nicht im christlichen Glauben sehen sie die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in der Verachtung Gottes und in dem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten ethischen Maßstab erhebt.“

Was Benni hier beschreibt die Entwicklung dessen, was Horkheimer als „instrumentelle Vernunft“ bezeichnet hat. „Auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenchaft leisten die Menschen auf Sinn Verzicht.“ schrieb er zusammen mit Adorno in der Dialektik der Aufkärung. Allerdings gibt es eine Gemeinsamkeit von Gottesglauben auf der einen und Wissenschaftsglauben auf der anderen Seite: „Vor den Göttern besteht nur, wer sich ohne Rest unterwirft. ( … ) Als Gebieter über die Natur gleichen sich der schaffende Gott und der ordnende Geist.“

Die Lösung kann nun natürlich weder in einer Rückkehr zum mythischen Gottesglauben (wie Benni ihn predigt) oder in der völligen Verschreibung an den bewusstlosen Prozess der „instrumentellen Vernunft“ (und damit an das Wirken eines blindwütig wirkenden „automatischen Subjekts“ (Marx) wie des Kapitals). Das wusste auch schon Marx: „Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.“ In diesem Sinne: schönen Papstbesuch noch.