Kapitalismus = Zeitverschwendung?

In Zeiten kapitalistischer Krise wird in vielen Gegenden das Leben nicht besser. Wo in den großen Städten Wohnslums entstehen, veröden auf dem Lande die Dörfer. Doch wer keine Arbeit hat, der sucht sich welche. Und so versuchen die verbliebenen Einzelhandelsketten im verschärften Wettbewerb einen günstigeren Standplatz zu kriegen. Nach 20 Jahren Krise gibt es so manche Kleinstadt mit mehr leerstehenden Bauruinen, die früher einmal Supermärkte beherbergt haben, als es dort Schulen und Kindergärten gibt.

Bei einem kurzen Besuch in meinem alten Heimatstädtchen ergab sich die Gelegenheit, während eines Einkaufes für mein Großmütterchen diese Fortschritt zu bewundern. Die Straßen sind sauber und frisch geteert, es gibt eine neue Ortsumgehung, streckenweise sieht es richtig idyllisch aus. Dafür steht ein Großteil der früheren Einzelhandelsgeschäftchen leer, eine verbarrikadierte Hausfassade reiht sich an die nächste. Früher gab es zwei Fleischereifachgeschäfte (nicht das die ein Anhaltspunkt für Lebensqualität sein sollten, aber war einfach unübersehbar), dazu zwei in den entsprechenden Supermärkten. Heute gibt es einen im Stadtkern, plus einem zweiten im riesigen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese, der nur mit Auto oder Fahrrad in akzeptabler Zeit zu erreichen ist. (Der im Stadtkern hat natürlich geschlossen zwischen 13 und 15 Uhr, weshalb ich nochmal zurückmusste – da probiert man’s mal mit Konsumstreik, und dann sowas.) Früher gab es mal einen Videoladen, der ist schon längst nicht mehr da. Als Ausgleich dafür kann mensch in der Dorfkneipe stadtbekannte Nazis in freier Wildbahn und beim Schnack mit ihren Burschi-Kameraden aus Marburg beobachten. Die die ehemaligen Supermärkte rund um die Stadtmitte stehen jedenfalls leer. Anstatt das die Menschen ihre freie Zeit in Muße und Kultur investieren, dem Menschsein also näherzukommen versuchen, verbringen sie zum Zwecke des Broterwerbs ihr Leben mit überflüssigem Schwachsinn. Dem Bauen stehts neuer Verkaufsflächen von Waren, bei schlechter werdender Auswahl, mieserer Erreichbarkeit, stärkerer sozialer Selektion und – naja, immerhin gibt es mittlerweile vegetarische Bratlinge.

Gaston Valdivia kommentierte das in „Dead Men Working“ wie folgt: „Diesen hier erst im Ansatz dargestellten Zutand feiern die Ideologen der Marktwirtschaft als die beste und wirtschaftichste Existenzweise aller Zeiten. BetriebswirtInnen, VolkswirtInnen, PolitikerInnen und akademische BerufsideologInnen werden nicht müde, die Leistungskraft und unübertroffene Fähigkeit der Marktwirtschaft zur ‚optimalen Allkokation aller Ressourcen‘ zu lobpreisen. Damit begründen sie die Überlegenheit der Marktwirtschaft gegenüber allen anderen vergangenen und allen überhaupt denkbaren künftigen Gesellschaftsformationen prophylaktisch gleich mit. ( … ) Ganz wie sich der betriebswirtschaftlich Blick auf die Rentabilität eines einzelnen Betriebes reduziert, zentriert sich der technokratisch-ideologische Blick der MartwirtschaftsapologetInnen auf den einzelnen Arbeitsablauf, die Funktionalität der Arbeitskraft und ihrer Produkts. Aber wie sieht es mit dem Ganzen aus? Ich behaupte, dass es niemals zuvor eine derart zeitaufwendige gesellschaftliche Reproduktion wie die der modernen Marktwirtschaft gegeben hat.“ Da hatter wohl recht…