Politische Ökonomie bei Gabor Steingart

Gabor Steingart ist Chef des Berliner Spiegel-Büros und Autor vieler Bücher zu der Frage, ob Deutschland den Anschluss ans 21. Jahrhundert verpasst hat. Sein neuestes heißt „Weltkrieg um Wohlstand. Wie Reichtum und Macht neu verteilt werden“. Spiegel Online veröffentlich nun in gewissen Abständen Textteile aus dem Buch, wohl damit die Leute es dann kaufen. Ich werde es natürlich nicht kaufen, denn das was ich da lesen durfte, hat mir bereits gereicht.

Am Anfang liest sich seine Darstellung fasst wie eine etwas altertümlich ausformulierte Zusammenfassung kapitalismuskritischer Grunderkenntnisse: „Der Kapitalist geht dahin, wo die Verzinsung seines Kapitals am höchsten ausfällt. Er baut eine Fabrik unter Palmen oder treibt einen Stollen ins ewige Eis; Hauptsache am Ende des Jahres ist mehr Geld in der Kasse als zu seinem Beginn. Das wichtigste Ziel des Kapitals ist es nunmal, sich zu vermehren.“

Das ist nun erstmal ebenso richtig wie tragisch. Denn vor dem Ziel des Kapitals (nicht oder nicht nur: des Kapitalisten), aus einem Euro möglichst schnell mindestens zwei zu machen, bleibt kein sinnlicher Inhalt bestehen. Die Palmen, der Stollen, aber auch die AbeiterInnen und KonsumentInnen werden so zurechtgestutzt, dass nur das von ihnen übrigbleibt, was in das Verwertungskalkül des Kapitals passt. Das Kapital, eben noch Geld, verwandelt sich in Ware, nur um sich anschließend wieder in Geld, nur diesmal in der Form von „mehr Geld“ zu verwandeln. Der Wert als Grundlage von Geld und Kapital, „geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. „ schrieb Marx dazu bereits im Kapital. Und weiter fällt ihm auf, dass „der Wert hier das Subjekt eines Prozesses (ist), worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung.“(MEW 23, 168f)

So wird der Prozess zu einer selbstbezüglichen Veranstaltung, weshalb es auch nur wenig Sinn macht, vom personifizierten Kapitalisten zu sprechen, wie es Steingart hier als vermeindliche remineszens an die Ewiggestrigen.

Ganz geheuer scheint ihm diese Erkenntnis jedoch nicht zu sein, deshalb schiebt er flott hinterher: „Wenn es (das Kapital, EoB) das Gegenteil täte, also schmelzen würde, wäre niemandem geholfen, auch nicht den Arbeitnehmern. Meist schmelzen dann die Arbeitsplätze zügig hinterher.“

Eben noch war er der Wahrheit so nah. Dem Kapital geht es nicht darum, das irgendjemandem mit dem, was es tut, geholfen ist. Es geht um einen selbstbezüglichen, sich selbst genügenden Prozess. Nothing more. Steingart aber fängt sich wieder und fährt fort: „Am Ende entscheidet sich die Überlebensfähigkeit der Arbeitsplätze ohnehin an einer Frage, die in ihrer Schlichtheit schwer zu überbieten ist: Gelingt es, aus Kapital mehr Kapital zu machen? Kein Kapitalist wird zusehen wollen, wie sein Einsatz von Tag zu Tag schwindet. Tut er es wider Erwarten doch, hört er bald schon auf, Kapitalist zu sein.“

So weit, so schlecht. Da es das Kapital nun aber mal gibt (woher es kommt, wird eher nicht so durchleuchtet) und die Leute eben auch keine andere Möglichkeit zum Überleben haben als sich via Lohnarbeit oder Selbständigkeit und Ich-AG ans Kapital zu ketten, ergibt sich für Steingart ein Problem: Das Kapital kann frei über den Erdball wandern, sich die besten Anlagemöglichkeiten suchen und dergleichen mehr. Für die ArbeiterInnen sieht das erstmal anders aus. Die werden für gewöhnlich von Grenzen aufgehalten. Innerhalb dieser Grenzen nun gibt es differenzierte Lohn- und Sozialstandarts: Mit dem Kapital „ziehen nun auch die Arbeitsplätze durch die Welt. Sie verlassen den Westen und kommen in einem anderen Land wieder zum Vorschein. Sie tauchen in einem indischen Softwareunternehmen auf, begegnen uns in einer ungarischen Spielwarenfabrik oder einer chinesischen Werkshalle für Fahrzeugmotoren. Auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird: Arbeitsplätze verschwinden nicht im Nichts. Sie werden durch Technik ersetzt oder durch einen Arbeiter, der andernorts zu Hause ist.“

Auch das ist zunächst mal richtig. Das Kapital versucht zunehmende, neue Bereiche der Welt verstärkt durchzukapitalisieren. Im Moment sind Japan und China dran. Ob das durchgehend gelingt, sei hier mal dahingestellt. Zumindest drängen zuhauf ArbeiterInnen auf den „Weltarbeitsmarkt“ und sorgen so dafür, dass in den westlichen Industrienationen die Arbeitslöhne und die Sozialstandarts fallen. „Durch das zusätzliche Milliardenangebot an Arbeitswilligen ist etwas in Gang gekommen, das bald schon mit großer Wucht auch den Mittelbau der westlichen Gesellschaften verändern wird: Die Löhne und damit auch die Lebensstandards der einfachen Arbeiter bewegen sich aufeinander zu. Ausgerechnet das Kapital sorgt dafür, dass die alte linke Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit nun weltweit durchgesetzt wird.“ Was ja zunächst einmal nur heißt, dass die Forderung schon immer ein Problem mit sich bringt: gleichberechtiger Zugriff auf den gesellschaftlichen Reichtum wäre wohl besser.

Für die Menschen innerhalb des Weltarbeitsmarktes heißt das nun, mit einer weiteren Illusion aufzuräumen „Einer der großen Irrtümer unserer Tage liegt darin zu glauben, dass die Millionen von Wanderarbeitern in China und die Tarifangestellten in Wolfsburg und Detroit nichts miteinander zu schaffen hätten. Das scheint so, aber so ist es nicht. Der eine kennt die Autostadt Wolfsburg nicht und der andere hat nur eine vage Vorstellung davon, was es heißt, ein Wanderarbeiter zu sein. Dennoch sind ihre Biografien auf das Engste miteinander verbunden.“

Die Vermittlung übrigens, die diese Bedingung zwischen den unterschiedlichen Menschen herstellt, läuft in der warenproduzierenden Weltgesellschaft über die Arbeit. „Eine Gesellschaft, in der die Ware die allgemeine Form der Produkte und somit der Wert die allgemeine Form des Reichtums ist, wird durch eine einzigartige Form gesellschaftlicher Interdependenz charakterisiert: denn hier konsumieren die menschen nicht das, was sie produzieren, sondern sie produzieren und tauschen Waren, um andere Waren zu erwerben (… ) In der warenförmigen Gesellschaft wird Arbeit auf ganz besondere Weise zum Mittel, Güter zu erwerben. Hinsichtlich der Produkte, die die Käufer dank ihrer arbeit erwerben, abstrahieren sie von der Besonderheit der Arbeit der Produzenten. Es besteht keine innere Beziehung zwischen der verausgabten Arbeit und der spezifischen Beschaffenheit des Produkts, das mittels dieser Arbeit erworben wird. (… ) Arbeit selbst konstituiert eine gesellschaftliche Vermittlung anstelle transparenter gesellschaftlicher Verhältnisse.“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und Gesellchaftliche Herrschaft, 229ff)

Das schreibt Steingart so nicht, der Teil muss ihm für ihn verdunkel t bleiben. Was er aber feststellt, ist, wie sich diese Beziehung zwischen den Menschen im realen Leben und über den Weltmarkt herstellt: „Der normale Käufer bei Karstadt, Metro und Lidl ist ein regelrechter Globalisierungsfanatiker, der Preis und Leistung vergleicht, aber nicht Nationalitäten und ihre sozialen Sicherungssysteme. Er will Rabatte bekommen und nicht Aufschläge zahlen. Der gute Deal interessiert ihn, nicht das schmutzige Geschäft, das ihm irgendwo auf der Welt vorausgegangen ist. Er ist ein Materialist, wie er im Buche steht, auch wenn er sich selbst für einen Romantiker hält. Nur außerhalb der Geschäftszeiten befallen ihn zuweilen idealistische Zweifel. Dann wundern sich viele, wie es denn sein kann, dass so große Teppiche für so kleines Geld zu haben sind, und dass auch die Preise von Computern und Mobiltelefonen zuweilen nur noch einer Art Schutzgebühr gleichen.“ Damit ist dann für ihn auch klar, wer letztlich Schuld am Sozialabbau in Deutschland ist: der Konsument nämlich soll für das tragische Spiel die Verantwortung übernehmen. „Mit jedem Kauf eines fernöstlichen Produkts erteilen die Käufer dem heimischen Sozialkartell und seinen Lieferbedingungen eine Absage. Sie vergleichen Preis und Leistung des Produkts, aber sie bedenken nicht Preis und Leistung der das Produkt erzeugenden Nation. So wurden die Konsumenten in allen Ländern des Westens zu Vollstreckern der Globalisierung. Im Weltkrieg um Wohlstand sind sie die wichtigsten Kombattanten der Angreiferstaaten. Wenn ihnen keiner in die Arme fällt, vernichten sie mit ihrer Kaufentscheidung kühlen Herzens die heimische Industrie. Denn fast alles, was man kaufen kann, kann man mittlerweile auch ohne diesen Zusatzstoff erstehen, den wir Sozialstaat nennen.“

Real läuft es natürlich zu einem guten Teil genau andersherum: durch sinkende Löhne getrieben und steigende Arbeitslosigkeit getrieben steigen die Leute mehr und mehr auf günstige Konsumalternativen um. Und beschleunigen somit den Prozess, fast so, wie Steingart das beschreibt. „Wer möchte, kann sein Auto bei General Motors bestellen; dann sind 1500 Dollar Sozialkosten mit eingebaut, wie der Vorstandschef seinen Arbeitern erst kürzlich vorrechnete. Preiswerter wäre es, beim Hyundai-Händler vorzufahren, denn ein vergleichbarer Sozialaufschlag wird den Arbeitern in Korea nicht gezahlt. Es gibt an jeder Ecke Waschmaschinen mit eingebautem Sozialstaat, dann kommen sie von AEG aus Nürnberg, sind im Rhythmus der 38 Wochenstunden produziert, zu höheren Löhnen und unter Aufsicht des Betriebsrats. Aber gleich nebenan gibt es die Waschmaschine pur, dann stammt sie aus Taiwan, China oder Polen, wo die Wochenstundenzahlen hoch und die Löhne niedrig sind. Ein Sozialstaat unserer Prägung existiert dort nicht.“

Für Steingart nun zeigt das allerdings weniger eine unangenehme Situation an, in die uns diese spezifische Vergesellschaftungsweise, die auf einer gesellchaftlichen Vermittlung über Arbeit und einem automatischen Subjekt beruht, hineingewirtschaftet hat. Die nämlich funktioniert noch immer ganz gut, wie er uns zu berichten weiß: „Dabei geht der Welt keineswegs die Arbeit aus, wie gelegentlich zu hören ist. Solange nicht weniger, sondern mehr Waren erzeugt, verkauft und konsumiert werden, gibt es auch keine Arbeitsplatzverluste.“

Schade nur, dass der Indikator für gesellschaftlich anerkannten Reichtum eben nicht die Masse an Waren, also die reinen Gebrauchswerte der Gegenstände ist, sondern die verausgabte, weltgesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit. Und wenn die sinkt, dann muss der Warenausstoß eben auch proportional steigen, um nicht dazu zu führen, dass die produzierte Wertmasse nicht sinkt. Das hat nun lange Zeit geklappt, Fordismus nannten sich die seligen Zeiten. Heute nun sind die Produktivitätssprünge derartig riesig, das sie über eine reine Ausweitung der Produktion nicht mehr aufgefangen werden können. Das allerdings kann nur sehen, wer den unterschied zwischen Reichtum in seiner stofflichen Form (die kapitalistisch uninteressant ist) und seiner gesellschaftlichen Form (als Verausgabung von Arbeit oder eben als ‚Wert‘) nicht kennt.

Wer sie kennt, dem fällt auch der kleine Fehler in einem Zitat vom Anfang auf: „Wenn es (das Kapital, EoB) das Gegenteil täte, also schmelzen würde, wäre niemandem geholfen, auch nicht den Arbeitnehmern. Meist schmelzen dann die Arbeitsplätze zügig hinterher.“

Genaugenommen läuft das nämlich auch andersrum: gerade weil die Arbeitssubstanz durch die Produktivkraftsteigerungen von Mikroelektronik und Robotik derart dreist ansteigen, wird immer weniger Arbeit benötigt, um entsprechende Güter produzieren zu können. Drum schmilzt die Arbeit weg. Und deshalb hat das Kapital ein Problem und versucht, sich immer neue Bereiche unterzuordnen. Einerseits weltgesellschaftlich, wie gerade in Indien und China gesehen werden kann. Die sind zwar schon Teil des Weltmarktes, sollen intern aber noch ordentlich durchkapitalisiert werden. Und andererseits lässt es sich auch innerhalb etwa der deutschen Gesellschaft sehen, in der immer mehr gesellchaftliche Bereiche unter die Fuchtel der Wertverwertung gepresst werden sollen. Ich-AG, Selbstunternehmertum, Dienstleistungsgewerbe, Bio-Technik heißen die Schlagworte. Aber das ist eine andere Geschichte, und die soll ein andernmal erzählt werden…