Ökofallen und Biomärchen

In den 80ern galt die Frage, ob die Menschheit nicht (rein ökologisch) grade über ihre Verhältnisse lebt, noch als progressiv. Sie war verbunden mit einer Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es ist ein Stückweit Allgemeingut geworden, das es so wie im Fordismus nicht weitergehen konnte. Die kritischen Impulse wurden dann im Laufe der Zeit in ein Konzept eingebunden, das die herrschende Form des Naturverbrauchs optimiert.

„Die Geißelung und Selbstgeißelung, die inzwischen zur ökologischen Mode gworden ist, ist die Schmiere, mit der die ökologische Umwerteilung und die Senkung der Ansprüche glatter über die Bühne gehen soll. ( … ) Der ganze Pathos der ökologischen Sparsamkeit bei den Ansprüchen ( … ) ist ein Rattenfängertrick, um vom Dröhnen der kapitalistischen Naturverbrauchs-Maschine abzulenken.“ schrieb Christoph Spehr in der Ökofalle (Seite 149) in einem Kapitel, das er sinnigerweise mit „Nicht sparen, nicht spenden“ überschrieben hat. Ganz ähnlich formuliert er es in „Die Aliens sind unter uns“, einem Klassiker der herrschaftskritischen Theoriebildung: „Der Gedanke ist so einfach wie genial: Man gebe das Problem an die Menschen weiter, Die Erde ist gefährdet! Rettet sie! Nach unseren Spielregeln versteht sich. Mehr Technik und weniger Konsum; mehr Steuerung und weniger Freiräume; mehr Ärmelhochkrempeln und weniger Gemäkel; und alle müssen mittun. Werdet sparsamer, arbeitet mehr, verbraucht weniger – alles zum Wohle des Planeten. ( … ) Die Lage, lesen wir, ist so dringend, daß keine Zeit mehr für grundsätzliche Veränderungen bleibt. Systemkritik vergeudet Zeit, die für die Rettung des Planeten dringend gebraucht wird. Krempelt die Ärmel hoch und spart dort, wo es am einfachsten ist! Einfacher ist es dort, wo weniger Macht ist und die Widerstände am geringsten sind. Nennt das nicht ungerecht ( … ). Nennt es realistisch. Nennt es verantwortlich.“ (Christoph Spehr: Die Aliens sind unter uns, 18)

Das grundsätzliche Problem hängt natürlich nicht nur mit ungleich verteilten Machtressourcen zusammen, sondern mit der grundsätzlichen Frage, was diese Gesellschaft eigentlich vorantreibt. Und da haben Ernst Schriefl und Andreas Exner ganz richtig festgestellt: „Mit Fug und Recht kann das globale Wirtschaftswachstum als das ökologische Problem ersten Ranges bezeichnet werden. Nachdem jeder wirtschaftliche Prozess Material und Energie verbraucht,ist wachsende Wirtschaft in der Regel mit wachsendem Energie- und Rohstoffverbrauch verbunden. ( … ) Wirtschaftswachstum ist unter den jetzt gegebenen Bedingungen direkt verantwortlich für den wachsenden Ausstoß von Abfall und diversen Schadstoffen und damit die Ursache für Treibhauseffekt, verschmutzte Meere und überquellende Deponien.“

Und eben dies Wirtschaftswachstum ist Sinn und Zweck des Kapitalismus: aus einem Euro zwei machen. „Wenn wirtschaftlicher Erfolg nicht von der Befriedigung konkreter Bedürfnisse abhängt, sondern sich an abstraktem Geldgewinn bemisst, der immer nur in die Produktion von mehr Geld investiert wird, so ist auch gar nichts anderes denkbar: je höher der Gewinn, desto erfolgreicher. Das ist das Grundgesetz des Marktes, dem niemand ‚bei Strafe des Untergangs‘ (Marx) zuwider handeln kann,weder Staat noch Unternehmen noch Angestellte“ stellen so auch die beiden Streifzüge-Autoren fest.

Das zeigt so nun aber erstmal für die Menschen nicht so deutlich. Denn das Wirtschaftswachstum als Teil des Kapitalismus gilt ihnen als naturhaftes Moment, an dem nicht zu rütteln ist. Der Doppelcharakter der gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus macht es den Menschen nicht so leicht, das alles zu durchschauen. Und so haben sich recht stereotype Interpretationsmuster herausgebildet. Die Menschen nehmen einerseits die gesellschaftlichen Verhältnisse als etwas ganz natürliches wahr und sehen andererseits sich selber als von der Gesellschaft und ihren Ideologien völlig unabhängige Individuen. Das zeigt sich dann auch bei der Frage, wie etwa die Neon mit dem oben geschilderten Problem umgeht.

Die hat sich nämlich aufgemacht, um den „Das Biomärchen“ zu entlarven. Vier Mythen wollte Autor Marc Schürmann entlarven. Die nämlich, das Bio gesünder, umweltfreundlicher und artgerechter sei. Außerdem sei der Welt auch nicht viel geholfen, wenn alle Bio essen würden. Seine Argumente zeichnen dabei vor allem dadurch aus, sie die gesellschaftliche Ebene konsequent ausblenden. Wie die aussieht? Vielleicht so:

Wenn in anonymen gesellschaftlichen Zusammenhängen Waren erst produziert und dann getauscht werden, dann gibt es erstmal keine so richtige Qualitätskontrolle. Wenn ich also wissen will, ob das essen gesund oder was auch immer ist, muss ich auf irgendwelche abstrakten Kriterien zurückgreifen, die recht pauschale Aussagen über das Produkt machen. Da werden dann Grenzwerte angegeben und einzelne Düngemittel verboten. Da die ProduzentInnen ihrerseits nun aber darauf aus sind, ihre Sachen loszuwerden (sonst würden sie sie ja gar nicht produzieren) müssen sie sehen, das sie das auch irgendwie hinkriegen. Da ist Massenproduktion eben billiger als 20 Hennen pro Hof. Und das unabhängig davon, ob es Bio ist, klaro. Und dann wird eben das Mittel benutzt, das gerade nicht verboten ist, im Falle des Neon-Berichtes eben Kupfer zum Abtöten von Schädlingen. Um die Sache noch irgendwie wirtschaftlich zu gestalten. Und auch der Hinweis, das nur Bio angesichts der Tatsache, das so viel Fleisch konsumiert würde, ohnehin die Platzreserven der Weltagrarproduktion sprengen würde, bringt nicht viel. Denn dann wäre da immerhin noch der Fleischkonsum als gesellschaftliches Phänomen, den mensch mal angehen könnte. Aber Zusammenhänge denken war der Neon ihr Ding noch nie.