Es gibt sie doch: Generation Neon im Anmarsch

Alle vier Jahre ist es wieder soweit: nicht nur die Bundestagswahl wiederholt sich in diesem Rhythmus, auch die Firma Shell gibt alle vier Jahre eine Jugendstudie heraus, in der sie Neuigkeiten über die Jugend des Landes verkündet. Das Ganze ist natürlich ein Versuch, das eigene Image aufzupolieren. Public Relations, sozusagen. Trotzdem gilt die Studie als wissenschaftlich fundiertes und repräsentatives Werk. 2500 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren werden jeweils befragt und die Ergebnisse werden durchaus über eine Fachöffentlichkeit hinaus zur Kenntnis genommen.

Schon vor vier Jahren, im Jahre 2002, gab es nicht unbedingt viel zu lachen über die heranwachsende Generation. Damals diagnostizierte die Shell-Studie das Heranwachsen der ‚Generation Neon‘. „Jugendliche heute sind pragmatisch. In einem Wertecocktail mixen sie, was ihnen passend erscheint: Fleiß und Macht, Familie und Sicherheit, Kreativität und Lebensstandard – alles geht gleichzeitig. Gesellschaftlichen und persönlichen Herausforderungen stellt sich der Nachwuchs, und er will seine Probleme selbst lösen.“

Wenn sich in Zeiten gesellschaftlicher Krise die materiellen Rahmenbedingungen verändern, dann bleibt das nicht ohne Auswirkung auf die Heranwachsenden. Die passen sich den neuen Herausforderungen der Arbeits- und Bildungswelt an und mischen das mit einem weltoffenen Gestus, der glaubt, niemand könne ihm was vormachen.

„Die Studie zeigt, dass die Einstellung der Jugendlichen auf einen grundlegenden Wertewandel zurückgeht, der sich bereits in den 90er Jahren angedeutet hatte. Hurrelmann: ‚Die ideologisch unterfütterte Protest- und ‚Null-Bock‘-Stimmung früherer Generationen, die seinerzeit besonders von Studenten und Abiturienten kultiviert wurde, ist passé.‘ Die Mentalität der Jugendlichen hat sich insgesamt von einer eher gesellschaftskritischen Gruppe in Richtung der gesellschaftlichen Mitte verschoben. Die meisten Jugendlichen reagieren auf die neue gesellschaftliche Agenda mit positivem Denken und erhöhter Leistungsbereitschaft. ‚Aufstieg statt Ausstieg‘ lautet das Motto, nach dem sie ihre Zukunft gestalten. Die Heranwachsenden entwickeln ihre eigene Perspektive“ – und die findet dann eben in der Neon ihren journalistischen Ausdruck.

Der Jugend ist es wichtig, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Das alles nicht mehr so einfach ist, das die Zeiten härter werden, ist ihnen zur Gewissheit geworden. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind weder Gegenstand des Anstoßes noch der Auseinandersetzung. Sie sind allgemein akzeptiert. Die je eigenen Interessen werden als individuelles Projekt verfolgt, ein politisches wird nicht mehr wahrgenommen. Die Jugendlichen „überprüfen aufmerksam ihre soziale Umwelt auf Chancen und Risiken, wobei sie Chancen ergreifen und Risiken minimieren wollen. Übergreifende gesellschaftliche Ziele stehen dabei nicht im Mittelpunkt ihres Interesses.“

Entsprechend verändern sich auch die Wertorientierungen, die im Mittelpunkt des Lebensinteresses stehen. „Leistung, Sicherheit und Einfluss sind den Jugendlichen wichtiger geworden. Das zeigt auch der Vergleich mit einer anderen wissenschaftlichen Untersuchung zur Wertorientierung aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre: Während damals erst 62 Prozent der Heranwachsenden ‚Fleiß und Ehrgeiz‘ für bedeutsam hielten, sind es heute bereits 75 Prozent. In der vorliegenden Studie ebenfalls ganz oben auf der Werteskala: ‚Streben nach Sicherheit‘ (von 69 Prozent auf 79 Prozent gestiegen), sowie ‚Macht und Einfluss‘ (von 27 Prozent auf 36 Prozent). ( … ) Gleichzeitig hat die Familie einen hohen Stellenwert. 75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen Befragten meinen, eine Familie zum ‚glücklich sein‘ zu brauchen.“ Das alles ließ schon nichts gutes hoffen für die nächsten Jahre.

Und so kommt es denn auch Dicke in der neuen Version der Shell-Studie, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Die Mixtur aus konservativen und liberalen Wert- und Verhaltensmustern hat sich tendenziell stabilisiert. „Das Wertesystem der Jugendlichen weist eine positive und stabile Ausrichtung auf. Familie, Freundschaft, Partnerschaft sowie Eigenverantwortung sind weiter „in“, begleitet von einem erhöhten Streben nach persönlicher Unabhängigkeit. Kreativität, aber auch Sicherheit und Ordnung werden als wichtig eingestuft. Die Tugenden Fleiß und Ehrgeiz befinden sich weiter im Aufwind. Damit vermischen sich in den Lebensorientierungen junger Menschen weiterhin moderne und traditionelle Werte.“

Die Shell-Studie nennt das „stabile Wertorientierung“: „Das Wertesystem der Jugendlichen weist insgesamt eine positive und stabile Ausrichtung auf. Weiter im Trend liegen bei beiden Geschlechtern soziale Nahorientierungen wie Freundschaft und Familie, begleitet von einem erhöhten Streben nach persönlicher Unabhängigkeit. Unabhängigkeit gehört zu einem Komplex von jugendlichen Werten, die auf die Entwicklung eigener Individualität gerichtet sind. ( … ) Weiter im Aufwind der Strebungen der Jugendlichen befinden sich die Sekundärtugenden, insbesondere Fleiß und Ehrgeiz. Auch das Streben nach einem gesundheitsbewussten Leben hat bei Jugendlichen seit 2002 zugenommen.“ Die einzige gute Nachricht scheint zu sein, das die befürchtete Neoreligiosität sich scheinbar (noch?) nicht in der Studie nachweisen lässt. Zwar glaubt ein Großteil der Befragten in der einen oder anderen Form an die eine oder andere Variante einer ‚höhreren Macht‘ und stehen fast 70% den Kirchen eher positiv gegenüber, nur scheint all dies keine besonders große Rolle für sie zu spielen. „Keine Renaissance der Religion“ stellt die Shell-Studie an dieser Stelle fest.

Wesentlich unschöner ist die nicht unerwartete Tatsache, dass sich diese ebenso egozentrischliberale wie nationalkonservative Wende sich auch auf die Beurteilung von politischen Universalismus und Migrationsprozessen auswirkt: „Ein erklärungsbedürftiger Trend bei den Jugendlichen ist die seit 2002 deutlich ablehnendere Beurteilung der Zuwanderung nach Deutschland, ergänzt durch eine deutlich skeptischere Sicht auf eine weitergehende europäische Vereinigungsperspektive. Die meisten Jugendlichen sind nunmehr der Meinung, die Zuwanderung nach Deutschland müsse begrenzt werden. Immer weniger Jugendliche finden außerdem den längerfristigen Zusammenschluss der Europäischen Union zu einem gemeinsamen Staat erstrebenswert. Ganz besonders reserviert beurteilen die Jugendlichen einen EU-Beitritt der Türkei.“

Was daran nun erklärungsbedürftig sein soll, ist mir allerdings nicht wirklich klar. Die „stabile Wertortientierung“ mit ihrer Rückwendung zu traditionellen Einstellungen in Verbindung mit der Erkenntnis, halt irgendwie durchkommen zu müssen in der sich stetig globalisierenden Welt, bringt eben diese Form des kollektiven Konkurrenzmechanismus mit sich. Wenn es für mich sinnvoll erscheint, mich nach außen abzugrenzen um meine Interessen zu verteidigen, dann mache ich das eben. Basta.

Die politische und gesellschaftliche Ordnung ist dabei stets vorausgesetzt. Ziel von Politik ist es in dieser Sichtweise, im Sinne des großen Ganzen Entscheidungen zu treffen. Parteien und Parteipolitik sind entsprechend wenig angesehen, werden sie doch mit der Vertretung von Partikularinteressen assoziiert. „Das Vertrauen der Jugendlichen in die gesellschaftlichen Institutionen und Akteure bestätigt das bisher dargestellte Bild. Erhöhtes Vertrauen genießen solche staatlichen Institutionen, die als parteiunabhängig angesehen werden, wie die Justiz und Polizei. Das geringste Vertrauen wird dagegen den politischen Parteien entgegengebracht.“ (Politik und Gesellschaft)

Auffällig ist dabei ein Phänomen, das Alex Demirovic und Gerd Paul schon Mittel der 90er Jahre für Studierende festgestellt haben. So ist auch laut Shell-Studie bei der „überwältigenden Mehrheit ein klarer Konsens mit den Normen unseres demokratischen Systems feststellbar“. Viele ordnen sich selber „leicht links von der Mitte ein“. Gleichzeitig ist davon nicht viel zu merken, sobald es an die Substanz geht. Parteien etwa stehen für genau das in der Kritik, was doch eigentlich den Kern von Demokratie (in einem emphatischen Sinne) ausmachen sollte: das Austragen von Interessenskonflikten, wie es sie in einer pluralistischen Gesellschaft nun einmal gibt. „Es ist weniger das Gemeinwohl, sondern eher der persönliche Machterhalt, der aus der Sicht der Jugendlichen das Agieren von Parteien und von Politikern bestimmt. ( … ) Hinzu kommt das Empfinden einer mangelnden Effektivität.“ Das allerdings „der von einem Teil der Jugendlichen ebenfalls reklamierte Wunsch, dass »eine starke Hand mal wieder Ordnung in unseren Staat bringen müsste« weniger für autoritäre Gesellschaftsbilder, sondern eher für die Forderung nach Geradlinigkeit und Konsequenz in der Politik“ stünde, halte ich dann vor diesem Hintergrund auch für einen Fehlschluss. Denn die Forderung nach Geradlinigkeit ist ja gerade die nach einer autoritären Gesellschaft.

Auch ist das ist kein Problem von mangelndem Wissen in dem Sinne, das solche Haltungen in erster Linie bei Menschen mit schlechterem Bildungsstand vorkämen. Vielmehr muss konstatiert werden, das solche Argumentationen bereits zum Allgemeingut geworden sind. „Zahlreiche der rechten Ideologeme werden heute eben nicht mehr nur in kleinen, eher unzugänglichen Zeitschriften, hinter vorgehaltener Hand, wütend am Stammtisch oder im engen privaten Kreis geäußert. Viele solcher Ideologeme finden sich in weiten gesellschaftlichen Bereichen. Sie lassen sich, wie in den voranstehenden Abschnitten gezeigt wurde, auch unter Studierenden finden und werden von diesen in den Interviews und Gruppengesprächen offen geäußert oder in der anonymen Befragung affirmiert. (…)

Mit den Äußerungen verbindet sich (jedoch) kein politischer Wille. Sie sind deswegen nicht harmlos. Doch sie sind intern (noch) nicht eindeutig als positiv verstandene rechte Topoi codiert. Sie gehören zu einem weiten Netz von rechten Äußerungen, die den Alltagsverstand, die liberale Öffentlichkeit und die politischen Institutionen durchziehen. (…)

Die Studierenden verstehen (…) nicht was sie sagen, und meinen auch nicht, ein rechtes Ideologem zu verwenden. Aber gerade die Tatsache, dass zahlreiche der von uns befragten Studenten offensichtlich keine Ahnung von der gefährlichen Dynamik ihrer eigenen Äußerungen haben, kann gefährlich sein. Denn verfangen in ein von den Medien erzeugtes Bild davon, was rechts ist, denken sie an kahlrasierte und betrunkene Gewalttäter, ohne zu erkennen, dass sie in einer etwas intelligenteren Art dasselbe sagen wie jene, das allein deswegen nicht als dasselbe erscheint, weil es von ihnen in einer anderen sozialen Position und von einer anderen Position aus geäußert wird. (…)

Bei zahlreichen Studierenden, dies zeigen die Gruppengespräche und Interviews, finden sich spezifische diskursive Elemente, die dazu führen, dass sich die Sprecherinnen und Sprecher selbst immer weiter in eine rechte Dynamik hineinreden. Die autoritäre Tendenz ihrer Äußerungen glauben sie durch Antizipation neutralisieren zu können. Revisionistisch wollen sie nicht sein, doch halten sie es für nötig, sich von der deutschen Geschichte nicht weiter beeindrucken und einschüchtern zu lassen, sondern rechte Ideologeme gegen das Ausland, die Medien, gegen die Lehrer und einen immer noch linken Zeitgeist auszusprechen. (…) NS-Verbrechen werden vielleicht nicht immer erwähnt, doch in kleinen Partikeln wird ihre Präsens als Vorgewusstes immer wieder angezeigt und durch eine manchmal trotzige Reaktion regelrecht als Blockade und Zensur abgewehrt. Wie manche Zitate erkennen lassen, wird darüber hinaus mit dem Gestus argumentiert, sich das Recht zu nehmen, den Spaß zu gönnen, etwas Altes erneut zu denken. Es ist ein Gestus, der Großzügigkeit, Wagemut, hedonistische Erkenntnislust und Grenzüberschreitung nahe legen will.“ (Alex Demirovic/Gerd Paul: Demokratisches Selbstverständnis und die Herausforderung von rechts. Student und POlitik in den 90er Jahren, Seite 210f; Aufsatz zum Thema hier)

That’s what I call ‚Generation Neon‘.


3 Antworten auf “Es gibt sie doch: Generation Neon im Anmarsch”


  1. 1 Eine besorgte Bürgerin aus der Nachbarschaft 14. August 2008 um 15:27 Uhr

    tjaja.
    als altbekannte Klugscheisserin wollte ich – ein paar Jahre zu spät, das geb ich gerne zu – noch etwas zu der Shell-Studie und den darin vorgestellten Werten sagen.

    Und zwar sind die wundervoll geschlechtsspezifisch getrennt. Sogar die Shell-Leutis bemerken, dass diese „typischen Werteunterschiede der Geschlechter“ verstärken und das nicht unbedingt progressiv ist. Frauen sind nämlich sozial-karitativ unterwegs (Harmonie, für die Familie etc) und Männer stehen total auf „Materialismus und Hedonismus“ (Macht, eigene Bedürfnisse durchsetzen, etc).

    Na, wenn das mal kein Grund zum Feiern ist.
    Endlich darf Frau mal wieder Frau sein.
    Oder so.
    Irgendwas war da doch …

  2. 2 Eine besorgte Bürgerin aus der Nachbarschaft 14. August 2008 um 15:28 Uhr

    ?

  3. 3 Juli 15. August 2008 um 20:17 Uhr

    Materialismus und Hedonismus als Konzept junger deutscher Männer – ein Interessanter Ged*ganke. Was genau hieße das denn dann für die antifaschistischen Jungs von nebenan? *grübel*

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