Hilfe, die Asiaten kommen!

Kennen sie Samuel Huntington? Nein, das ist nicht der Kerl gleich links. Das ist der Typ, der glaubt, hinter den derzeitigen weltpolitischen Auseinandersetzungen stünden in erster Linie unterschiedliche Auffassungen von der Welt, divergierende Werte und Normen. Bei dem jedenfalls scheint Gabor Steingart (das ist allerdings der Kerl auf dem Bild) in die Lehre gegangen zu sein. Für ihn stellt sich das ungefähr so dar: auf der einen Seite gibt es die zivilisierten Staaten mit ihren westlichen Werten, auf der anderen Seite gibt es die quasi-faschistoiden Asiaten. Und die kämpfen nun miteinander. Nicht so mit Maschinengewehren und Panzern, eher mit Geld, Waren und Sozialstandarts. Der Westen zeichnet sich nun dadurch aus, das ihm seine westlichen Werte, seine soziale Verantwortung, sein ökologisches Gewissen und dergleichen mehr durchaus ins Herz gewachsen sind. Während der Asiate als solcher auf solche Standarts scheißt und den armen, gebeutelten Westen damit gnadenlos in die Knie konkurriert.

„Was in Asien nach Marktwirtschaft aussieht, folgt in Wahrheit den Regeln einer Gesellschaftsformation, die Ludwig Erhard als ‚Termitenstaat‘ bezeichnete. Das Kollektiv, nicht das Individuum setzt in ihm die Prioritäten, weist dem Einzelnen auf geheimnisvolle und für den Außenstehenden kaum nachvollziehbare Weise seine Aufgaben zu, die dem höheren Nutzen der Führung zu dienen haben. So viel Freiheit wie nötig, so viel Kollektiv wie möglich, lautet die Maxime, die genauso unausgesprochen bleibt wie all die anderen Dinge.“

Nun ist das mit der Unterordnung unter das Kollektiv zum höheren Nutzen einer Führung respektive eines Führers nicht so unbedingt eine asiatische Erfindung. Eher eine deutsche. Denken wir an den Begriff der „Volksgemeinschaft“. Der „war bereits um 1900 ein häufig gebrauchter Begriff. Als Gegenbild zur modernen, von Konflikten und sozialen Gegensätzen geprägten Gesellschaft war er für die verschiedensten politischen Gruppierungen und konservativen, aber auch liberalen, nationalbolschewistischen und christlichen attraktiv.“

Propagiert wurde eine naturhafte Verbindung der Deutschen untereinander, damit diese sich bedingungslos dem Volksganzen unterordnen würden. Das galt schon damals als passable Möglichkeit für eben diesen Einzelnen, sich zu verwirklichen. Heute ist diese Formulierung durch ihre historische Verwendung im NS diskreditiert. Heute sprechen die politisch Verantwortlichen deshalb lieber vom „Standort Deutschland“, schimpfen von der vermeintlichen „Anspruchsgesellschaft“ und fordern das Individuum auf, sich ganz brav ins Kollektiv einzuordnen und für das nationale Ganze auf Löhne, Sozialleistungen, die eigene Gesundheit und ähnliche Nebensächlichkeiten zu verzichten. Typisch asiatisch ist es jedenfalls nicht.

Das fällt einem dann etwa beim Betrachten der einschlägigen Internetforen auf. „Jammern wir alle zu viel?“ fragt der Administrator des Spiegel-Forums, der ehemalige Bundeskanzler Schröder beklagte die „Mitnehmermentalität“ der Deutschen und Roman Herzog forderte einst, es müsse ein „Ruck“ durch Deutschland gehen. Ergänzt wird das Ganze durch diverse Kampagnen wie die auch vom Spiegel (dem Arbeitgeber vom Herrn Steingart) getragene „Du-bist-Deutschland“-LKampagne: „Wie wäre es, wenn du dich mal wieder selbst anfeuerst?“ heißt es da. In einer ersten Auswertung zitiert eine Presseerklärung der Kampagne ihren Organisator Bernd Bauer mit den Worten „Es ist uns ohne Zweifel gelungen, eine Diskussion über die Rolle von Eigenverantwortung und Engagement für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes anzustoßen.“ Diese vielgerühmte „Eigenverantwortung“ ist wohl das, was Steingart mit dem Individuum bezeichnet, das „die Prioritäten“ setzen soll. Denn genau diese Prioritätensetzung ist real nicht der Gegensatz zum Kollektivismus, sondern nur die andere Seite der Medaille. Das wird auch bei Bauer deutlich. Der beharrt nämlich darauf, „dass die Kampagne richtig und wichtig ist: Wenn wir gemeinsam wieder nach vorne wollen, sind nicht nur Politik und Wirtschaft gefragt, sondern jeder Einzelne von uns.“ Das ist dann auch gemeint, wenn die neoklassische Volkswirtschaftslehre stolz erklärt, bei ihr stünde der Mensch im Mittelpunkt. Das ist als Drohung aufzufassen. Im Fadenkreuz würde besser passen. Da braucht es dann schon gar kein nationalduseliges Fahnenschwenken während der Weltmeisterschaft mehr, damit einem schlecht wird. Was uns dann aber trotzdem nicht erspart blieb…

Aber kommen wir zurück zu Gabor Steingart. Bei dem gibt es diesen Teil der Realität leider nicht. Dafür verkommt seine ganz spezielle Version des Huntington’schen „Clash of Civilisations“ zu einer Art mythischer Verschwörung, die ich hier niemandem vorenthalten möchte: „China ist dem Wortsinne nach eine düstere Großmacht, weil wir nicht fühlen, was sie fühlen, nicht wissen, was sie denken, und nicht einmal ahnen, was sie planen.“

Die sind eben ganz schön anders die Asiaten. Alle. „Überall in Asien stoßen wir auf eine sehr ähnliche Gleichgültigkeit gegenüber den westlichen Werten, auch wenn das keiner so sagen würde. Gerade das Unausgesprochene trennt die Welten voneinander.“ Aber Steingart geht mutig voran und spricht das aus, was angeblich nicht gesagt werden darf: „Freie Gewerkschaften werden nicht geschmäht, aber auch nicht zugelassen. Die Umwelt wird als schützenswertes Gut gepriesen und gleichzeitig wie ein Autowrack ausgeschlachtet. Kinderarbeit wird verurteilt und toleriert. Zum Schutz westlicher Erfindungen gibt es umfangreiche Gesetze, die nur leider keine Anwendung finden.“

Ganz schönhinterhältig, diese Asiaten. Vornerum immer freundlich, und hintenrum den Standort Deutschland kaputtmachen. Und ihre eigenen Landsleute. Würden „wir“ ja nie machen. „Wir“ (schon wieder so ein Kollektiv, wo das wohl plötzlich herkommt?) haben nämlich noch Werte, die „uns“ wichtig sind: „Alles, was uns wichtig ist, die soziale Umrahmung des Arbeitsalltags beispielsweise, der individuelle Leistungsgedanke und seine Verankerung in der vom Staat garantierten Wettbewerbsordnung, wird von den Mitgliedern der asiatischen Elite höflich belächelt. Das für uns Elementare ist in ihren Augen bürgerlicher Brokat.“

Das Problem scheint also zu sein, das in den asiatischen Volksgemeinchaften als Ausgleich für die Unterordnung unters Kollektiv nicht gleichzeitig das Individuum auf ein Podest gestellt wird. Der Platz auf dem Podest ist auch im Westen stets einer zum Vorzeigen gewesen. Real wirken die Zwänge von Markt, Konkurrenz und Kommerz auf die Einzelnen ein, so das denen am Ende doch nicht viel Handlungsspielraum blieb. Christoph Spehr bezeichnete diese Form der Freiheit einst als ‚Gartenzwerging‘: „auch wenn man ganz genau gleich groß gemacht wurde, stand man immer noch im Garten herum, im Schatten eines riesigen Hauses, blieb der größte Teil des kollektiven Reichtums der Gleichheit entzogen – da kam man nicht ran.“ So etwas, so Spehr, gäbe es nur auf Kühlrank- oder Knastplaneten. Warum die so heißen? „Kühlschrankplaneten, weil man ständig etwas geliefert bekommt, was man ganz bestimmt nicht bestellt hat, nur weil man angeblich irgendwann vorgeburtlich unterschrieben hat. Man bekommt Verfassungen geliefert, Gesetze, Technologien, Umgehungsstraßen und Kriege, obwohl man schwören könnte, dass man nichts geordert hat und bestimmt nicht dabei war, als das ausgehandelt wurde. Knastplaneten, weil auf ihnen keine freie Kooperation herrscht, sondern erzwungene. Man steht drin und hat sie zu schlucken, wie sie ist. Man kann keinen Einfluss auf die Regeln nehmen, weil man seine Kooperationsleistung nicht verweigern oder einschränken darf, und weil es niemand interessiert, wenn man geht“. (Die Säge der Benita Torres)

Aber ich schweife schon wieder ab. Denn im Gegensatz zu Christoph Spehr geht es Gabor Steingart keineswegs um die soziale Emanzipation des Menschen. Der Westen nämlich muss auf diesen Affront der schlimmbösen Asiaten jetzt irgendwie reagieren. Wie? Na, in dem er das selbe tut wie sie natürlich: „Der Westen wird, wo kein Schiedsrichter auf die Einhaltung gleicher Regeln pocht, zur raueren Spielweise ermuntert, gedrängt, zum Teil durch die Verhältnisse regelrecht gezwungen. Will er nicht an jedem Handelstag als Verlierer vom Platz gehen, muss auch er seine Betriebsräte domestizieren, seine Umweltgesetze lockern und die soziale Absicherung stückweise wieder an die Familie oder den Einzelnen zurück überweisen.“

Also: runter mit dem überflüssigen Sozial- und Umweltbalast. Und das nicht, weil es in Wirklichkeit schon immer nur darum gegangen wäre, aus einem Euro möglichst viele weitere Euros zu machen, sondern weil uns das aufgedrängt wird. Von außen. Vom Asiaten. Der ist nämlich böse. Aber das hatten wir ja schon. Schuld sind bei Gregor Steingart immer die anderen. Die Konsumenten, die Asiaten, wer auch immer. Bloß niemals die heimische Politik. Oder gar der Kapitalismus als Ganzer, der ja letztlich die ganzen Zwänge produziert, in denen sich die Tragödie abspielt. Für den gewieften Spiegel-Autor kein Problem, hat er den Kapitalismus doch längst als recht naturhafte Veranstaltuang dechiffriert, gegen die „wir“ ohnehin nichts tun können.

Aber heute wird zurückgeschossen: Gabor Steingart in Aktion Das mag nun bereits der einen oder der anderen ziemlich schräg vorkommen, richtig witzig wird es dann aber, wenn Steingart historische Parallelen zieht. Die sieht er nämlich in der Abschreckungspolitik der NATO während des Kalten Krieges: „50 Jahre lang wurde es von vielen bestritten, heute weiß es jedes Kind: Ohne die Nato gäbe es kein freies Europa. Hätte das westliche Verteidigungsbündnis nicht mit großer Entschlossenheit immer wieder seine Kampfbomber und Panzerdivisionen vorgezeigt, modernisiert und sie zuweilen auch aufgestockt, wäre der Sowjetkommunismus nicht implodiert, sondern in Richtung Westen expandiert. Am Ende des Kalten Krieges hatten auch die letzten Skeptiker den Clou der Geschichte verstanden: Das Edelste wurde gerade dadurch verteidigt, dass man zum Grausamsten bereit war.“ Und was früher der Atomkrieg war, ist heute der Sozialabbau. „Die Friedenstaube überlebte, weil oben auf der Zinne der Falke saß.“ Das möchte er gerne wieder aufleben lassen. In einem strategischen Bündnis mit den USA und Kanada als Bestandteile eben dieser westlichen Wertegemeinschaft. Schluss mit dem ewigen Ökonomiepazifismus. Ab heute wird zurückgeschossen!

Ganz großes Kino. Ich glaube, ich kaufe mir das Buch doch. Ist fast wie Neon lesen…