Archiv für September 2006

Anleitung zum Unglücklichsein Oder: Warum Neon lesen rockt

Neon kennt ihr, oder? Das ist dies stylische Stern-Magazin für Leute, die sich jung fühlen aber trotzdem erwachsen sein wollen. Für Leute, die irgendwo zwischen 17 und 30, vielleicht 35 herumvegetieren. Die in der Oberstufe sind, eher noch studieren. Vielleicht auch schon damit fertig sind, in den Job eingestiegen. Möglicherweise auch nie studiert haben, sondern nach dem Abi gleich eine Ausbildung angefangen haben. Die Sorte von Jungspunden, die fest überzeugt sind, sie wüssten wie es abgeht in der Welt. Die Zukunft quasi. Die, die unsereinem das Leben immer so furchtbar schwer machen.

Und genau darum lesen ich Neon – um zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, wie die ticken, die Leute, die mir das Leben immer so schwer machen. Beim Lesen fühle ich mich dann immer an Adorno erinnert, der in dem Aphorismus „Rasenbank“ in den Minima Moralia einst schrieb: „Heute aber finden wir uns einer angeblich jungen Generation gegenüber, die in jeder ihrer Regungen unerträglich viel erwachsener ist, als je die Eltern es waren; die entsagt hat, schon ehe es zum Konflikt überhaupt kam, und daraus ihre Macht zieht, verbissen autorität und unerschütterlich.“

Vielleicht kennen einige ja dieses Phänomen der absoluten Verzweiflung, angesichts der Überzeugungskraft, mit der manchmal der größte Schwachsinn vertreten wird. Um mal ein wirklich willkürliches Beispiel zu wählen, nur um sich mal in meine Lage hineinversetzen zu können. Um es dann mit dem grandiosen Neon-Text „Du bist so aggressiv – Bist du links“ (alleine der Titel macht mich ja schon aggressiv…) abzugleichen. Also, here we go: (mehr…)

Eva am Herd

Eine Eva Hermann müsste mensch sein. Dann würden einem die Leute auch zuhören. Nicht, dass das was bringen würde, wenn mensch Eva Hermann wäre. Aber immerhin, sie würden zuhören. Und so wurde im Feuilleton, im Panorma, auf den Gesellschafts-, Kultur- und Lebens-Seiten der einschlägigen Zeitungen auch kräftig debattiert über Frau Hermann und ihre Ansichten über Gegenwart und Zukunft des Feminismus in Deutschland.

Es lohnt sich durchaus, sich den Aufsatz aus dem Cicero, der die Debatte hervorgerufen hatte, noch mal genau anzusehen. Das Ausgangsproblem von Eva Hermann ist nämlich ein alt bekanntes: „Die Deutschen sterben aus“ – so beginnt sie ihren Aufsatz. Das heißt, vermutlich war sie das gar nicht selber, sondern der Cicero, der einen krachigen Aufmacher haben wollte. Im richtigen Text beginnt sie dann mit „Deutschland bekommt kaum noch Kinder“. Was ja erstmal gar nicht so schlecht klingt: dann müssten die nicht immer „Lebensraum im Osten“ suchen, die Deutschen. Und auch für das mit den überlasteten Arbeitsmärkten würde sich langfristig zumindest nicht noch verschärfen. Darüber allerdings denkt sie gar nicht nach. Das die Deutschen nicht aussterben respektive nicht weniger Kinder kriegen dürfen, scheint ihr ein Herzensanliegen zu sein. Eins von der Sorte, für die es keine gesonderten Begründungen mehr braucht. (mehr…)

Männer an die Macht!

Früher galt die tageszeitung ja mal als Hort der Emanzipation. Das war allerdings zu den Zeiten, als auch die Emma noch bei vielen als progressiv galt. Heutzutage gilt das nicht immer. In der aktuellen Ausgabe (Mittwoch) zum Beispiel. Da weißt sie viel zu berichten, über die Benachtteiligung der Jungen an den deutschen Schulen etwa. Es gab nämlich eine „Jungskonferenz“, und das fand die taz toll und hat gleich einige ihrer besten RedakteurInnen hingeschickt. Den anerkannten „Bildungsexperten“ Christian Füller etwa. Der hat schon nicht verstanden, warum das mit den Studiengebühren dummfug ist, und dann lassen die ihn auf die Geschlechterverhältnisse los! Und all das nicht mal auf der Wahrheits-Seite, sondern als ernstgemeinte Berichterstattung über „Bildung“. Ich bin erzürnt. Lesen sie hier, warum.

Zunächst beschreibt Füller, wie er den Kongress empfindet. Fast ausschließlich Frauen sind da, und die benehmen sich auch so: eine Horde unverbesserlicher Feministinnen, die noch immer an das Patriarchat glauben, diesen Eindruck erhält unsereins beim Lesen. Ganz furchtbar, findet Füller, da sieht mann mal, was die Frauen mit unseren Kindern machen. Manchmal darf frau die Jungs natürlich mal rügen, aber eben nur in speziell ausgewählten Situationen. „Was aber falsch ist, die Jungs per se zu rügen für ihre, zugegeben, häufig unartikulierte, oft grobe, ungeschlachte Männlichkeit. Das nämlich impliziert, Männlichkeit pauschal darzustellen als einen Fehler der Natur. ‚Du musst lernen mit deinen Y-chromosomalen Errata umzugehen‘, so lautet dann die zerstörerische Botschaft an die Jungs.“ (mehr…)

Fragmente zum Wertbegriff

Am Wochenende war ich in der Kooperative Haina
bei einem Seminar rund um die Frage, was genau denn nun mit dem Wert gemeint sei. Der exakte Titel war „Abstrakte Arbeit als Substanz des Kapitals?“. Referent war Michael Heinrich, der im Übrigen ein sehr sympathischer Mensch und überaus versierter Marx-Kenner ist. :-)

Heinrich grenzt sich in seiner Wert-Konzeption insbesondere von den Werttheorien ab, die er selber als naturalistisch bezeichnet. Damit sind solche Konzeptionen gemeint, in denen der Wert etwas tatsächlich der einzelnen Ware innewohnendes, etwas positiv bestimmbares, etwas quasi natürliches oder physikalisches ist. Dieses Konzept macht er als Überbleibsel der Klassik aus, von dem sich auch eine an Marx orientierte Theoriebildung nur teilweise hätte lösen können. (mehr…)

Was denn nun?

Bei den derzeitigen Reformen im Bereich von Bildungs und Wissenschaft wird nach einer Art eierlegender Wollmilchsau gesucht. Das wichtigste und immer wieder hervorgekramt Argument für die neuen B.A/M.A-Studiengänge etwa sind die bessere Vergleichbarkeit von Studiengängen und die damit verbundenen Möglichkeiten für Studierende, ihre Studienorte – auch europaweit – während des Studiums zu wechseln. Gleichzeitig sollen dadurch mehr Studierende in kürzerer Zeit durch die Uni geschleust werden. kann der durchschnittliche Bachelor in sechs statt in real elf Semestern (wie der durchschnittliche Diplom- oder Magister-Studi) produziert werden. Gleichzeitig soll so vermieden werden, das die Leute nach der Hälfte ihres Studiums das Ganze abbrechen. Das brauchen sie ja nicht mehr, denkt sich der positivistische Verstand. Weil dann das Studium ja zu Ende ist. (mehr…)