Archiv für Oktober 2006

Kapitalismus ist teuer

Ein ehemaliger ehemaliger Chefökonom der Weltbank, mit Namen Nicholas Stern, hat eine Studie über die ökonomischen Folgen der Umweltzerstörung veröffentlicht. Und da geht es hart zur Sache, wie Spiegel-Online berichtet:

Die Ökonomen um Stern mahnen, dass schon jetzt rund ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts – etwa 270 Milliarden Euro jährlich – ausgegeben werden müsse, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Geschehe das nicht, warnen sie unter anderem:

* Überschwemmungen infolge steigender Meeresspiegel könnten bis zu 100 Millionen Menschen obdachlos machen.
* Schmelzende Gletscher könnten für einen von sechs Menschen auf der Welt zu Wasserknappheit führen.
* Bis zu 40 Prozent aller Tierarten könnten ausgerottet werden.
* Trockenheiten und Dürre könnten Hunderte Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen machen.

„Unsere Handlungen in den nächsten Jahrzehnten könnten Risiken erheblicher Verwerfungen für die wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten später im Jahrhundert und im kommenden erschaffen“, warnt Stern.

Darum, so Stern, müsste die Sache mit der Klimaveränderung doch mal etwas ernsthafter angegangen werden. Schuld sind dabei wie immer die anderen: (mehr…)

Allgemeine Gefahrenabwehrkontrolle

Demonstrationen sind immer wieder eine lustige Erfahrung, wenn es darum geht, den Rechsstaat auszulachen. Immer wieder ergeben sich da lustige Ereignisse rund um die Fragen von Rechtssicherheit, bürgerlichen Freiheitsrechten und polizeilichen Befugnissen. Und so gab es auch heute in Göttingen wieder viel zu lachen. (mehr…)

Du bist Harald-Schmidt!

Das im Fernsehen meist Schrott läuft und die Leute im zweifelsfall dummer davor weggehen als sie sich davorgesetzt haben, scheint manchmal schon zum allgemeinen Wissensbestand geworden zu sein. Trotzdem setzen sich auch kluge Menschen immer wieder vor die Glotze. Warum? Weil es da ja auch Ausnahmen gibt. Harald Schmidt zum Beispiel. (mehr…)

Komm zum Bund!

Über die Bundeswehr schreibe ich besonders gerne. Weil sich an der immer wieder zeigt, das es Bösartigkeiten und Kriegsverbrechen nicht nur in Amiland gibt. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Murat Kurnaz, der von der Bundeswehr in einem US-Gefängnis gefoltert wurde. Auch früher gab es ja immer schon mal lustige Geschichten, Videos von Vergewaltigungen und dergleichen mehr. Da haben deutsche Soldaten mit obszönen Gesten vor Totenschädeln fotografieren lassen. Was nach allgemeiner Einschätzung unter die Rubrik „Leichenschändung“ fällt. Jetzt geht die Angst um. „Radikale Kräfte“, so gibt der afghanische Wirtschaftsminister (!) bei Spiegel-Online zu Protokoll, könnten „gegen die westlichen Truppen oder speziell gegen die Deutschen“ irgendwie Groll hegen. Was selbstverständlich völlig überflüssig sei, denn schließlich hätte die Bundeswehr „einen exzellenten Ruf im Land“. Und so ein exzellenter Ruf darf schließlich nicht wegen so ein paar Einzeltätern in Gefahr geraten. (mehr…)

AStA jetzt lustig!

In diesem Semester zahlen die Erstis zum ersten mal Studiengebühren. Was sie nicht davon abhält, seltsam grölend durch die Innenstadt zu ziehen (großartig ist da vor allem der Smash-Hit: „Wir sind Wiwi-holiker“. Selten so gelacht ob unbündiger Kreativität). Ab dem näxten Semester jedenfalls sind dann alle dran. 500 Euro Studiengebühren plus 200 Euro sonstige Gebühren und Beiträge werden dann fällig. Und weil das nicht nur in Göttingen so ist, sondern in ganz Niedersachsen – und noch in einigen anderen Bundesländern – gibt es Planungen für einen Studiengebührenboykott. Infos dazu gibt es auf den Seiten der jeweiligen Asten, also etwa für Göttingen, Oldenburg, Hannover oder Braunschweig. Nein, das war ein Scherz. Keiner der Asten stellt Infos dazu zur Verfügung, lediglich beim Basisdemokratischen Bündnis aus Göttingen gibt es sowohl einen Artikel zu dem Thema als auch ein FAQ zu Fragen des Boykottes. Mal ganz von der letzten Ausgabe der BB-Publikation abgesehen…

Das verwundert schon ein wenig, denn sooo verschlafen wirken die meisten Asten auf den ersten Blick gar nicht. Das der AStA in Göttingen dazu nix publiziert, verwundert zumindest nicht. Denn erstens gibt es für sowas ja die Opposition, die sich fleißig Tag für Tag in die Mensa stellt und Öffentlichkeitsarbeit macht – da können sich die hochbezahlten MitarbeiterInnen des AStA auch anderen Themen widmen. Dem erstellen von lustigen Umfragen unter Studierenden, bei denen zunächst als einziges Studienfach „Saufen“ gewählt werden darf (Bild groß): (mehr…)

Gleicher als andere?

EmanzipationOderBarbarei berichtete: der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Bernhard Häussler hatte ein Verfahren gegen Jürgen Kamm eingeleitet. Kamm ist Chef von einem Antifa-Versand und hat – wie ein Antifa-Versand das so macht – auch entstellte Hakenkreuze verkauft. Durchgestrichen, auf dem Weg in die Mülltonne, was auch immer. Noch im April wurde Kamm freigesprochen. Dann wurde der Fall vor demLandgericht verhandelt – und Kamm wurde zu einer Geldstrafe von 3600 € verurteilt. (1|2) (mehr…)

Mehr Panzer in die Städte

Was es alles für Bücher gibt. Ich war ja schon mit diesen Schwarzbüchern überfordert, dem „Schwarzbuch Markenfirmen“ etwa, in dem die Schandtaten der Großindustrie angeprangert wurden. Oder dem „Schwarzbuch Kommunismus“, in dem die blutrünstigen Methoden des Stalinismus (=alles, was nicht auf den freien markt schwört) dargestellt waren. Das „Schwarzbuch Kapitalismus“ war da schon fast eine positive Ausnahme. Nun gibt es aber zu allem Überfluss auch noch Weißbücher. Was das ist, weiß Wikipedia:

„Ein Weißbuch ist eine Sammlung mit Vorschlägen zum Vorgehen in einem bestimmten Bereich. Das Weißbuch im ursprünglichen Sinn ist eines der internationalen Bunt- oder Farbbücher. Darunter versteht man Dokumentensammlungen, die die Regierung eines Staates veröffentlicht, um Orientierung über politische Fragen zu geben, die meist die Außenpolitik betreffen. Oft dient es der Rechtfertigung des eigenen politischen Handelns. Die Veröffentlichung solcher diplomatischer Akten erfolgt in den verschiedenen Ländern in Büchern mit Umschlägen in bestimmten Farben: im Vereinigten Königreich sind sie blau, in Frankreich gelb, in Deutschland weiß, in den USA und in Österreich rot, in Japan grau, und in Russland waren sie bis 1917 orange.“

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Achtung! Erkenntisgefahr!

Die neue „Unterschichtsdebatte“ ist schon toll. Alleine schon deshalb, weil alle so tun, als hätten sie vorher gar nicht bemerkt, das es frapante Unterschiede in den Einkommens- und Lebenschancen in Deutschland gibt. Die große Herausforderung für Politik und meinungsführende Medien besteht nun darin, das Ruder so einzustellen, das alles im Lot bleibt. Es dürfen keine Forderungen herauskommen, die im Widerspruch zur bisherigen Politik oder zur geplanten Fortsetzung dieser Politik stehen.

Die erste Maßnahme auf diesem Weg ist die Einführung einer ganz spezifischen Sprachregelung. Einer Sprachregelung zumal, die alle Probleme schon in sich trägt. Die FAZ etwa beginnt einen Bericht über „Das Proll-Problem“ mit dem folgenden Bericht: (mehr…)

Bücher, Wissen, Ware

Bücher sind schon was tolles. Da steht unheimlich viel drinne, Informationen häufig, manchmal auch nur einfach Schönes. Manche Bücher habe ich in meinem Zimmerchen im Bücherregal stehen, andere in der WG-eigenen Fachbibliothek im Flur. Wieder andere kriege ich über Stadt- und Universitätsbibliotheken. Den Rest – und hier hört es auf Spaß zu machen – den Rest muss ich kaufen, um anschließend in ihm lesen zu können. Das hat natürlich – gesellschaftlich betrachtet – nicht unbedingt positive Folgen für die Verbreitung von Wissen. Und das, wo wir doch angeblich in einer Wissensgesellschaft leben. Da müsste doch eigentlich jedes Wissen möglichst vielen – will sagen: allen – Menschen zugänglich gemacht werden. Stattdessen wird der Kram nur für teuer Geld anderen zugänglich gemacht. Eine kluge Göttinger Unigruppe sagte einst: „Wo Bildung zur Ware wird, wird Wissenschaft zur Farce.“ Womit sie sicherlich recht hatte. (mehr…)

Noch immer nicht weg: Armut in Deutschland

Manchmal fällt es sogar den PolitikerInnen der großen Parteien auf: In Deutschland, da gibt’s Armut! Nachdem die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie in Auftrag gegeben hatte zu eben dieser Frage, bricht nun die Diskussion los. SPD und CDU versuchen nun, sich als Anwältinnen derer aufzuspielen, die da keine Chance mehr haben. Sehr schön nachzulesen etwa in der Frankfurter Rundschau. Ottmar Schreiner und Ursula Engelen-Kefer haben – in ihrer Funktion als arbeitsmarktpolitische SPD-Prominenz der Hartz-Gesetzgebung eine Mitschuld an dem ganzen Schlamassel gegeben. CDU-Sozialpolitiker Ralf Brauksiepe widerspricht dem ganz dolle: „Hartz IV ist sicher nicht Schuld an den Problemen“ – was ja sogesehen auch erstmal richtig ist. Schuld ist wohl die hiesige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Nur war es innerhalb dieser ja auch mal besser, wenn auch schlimm genug. Und das war eben vor Hartz IV. Wenn Schreiner sagt: „Millionen Menschen haben keine Chance mehr, aus dem Niedriglohnsektor mit seinen Hungerlöhnen herauszufinden“, dann sollte Brauksiepe nicht vergessen, dass das doch wohl der einzige Sinn des Niedriglohnsektors ist: das da dauerhaft Menschen zur Verfügung stellen, die zu billigsten Löhnen verfügbar sind. (mehr…)

Vorbilder für die Jugend

Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein jung und motiviert war (ja, das ist schon eine Weile her…), da spaltete sich die Jugend recht häufig in zwei Teile. Es gab da auf der einen Seite die, die „Die drei ???“ gehört haben und auf der anderen Seite die, die „TKKG“ gehört haben. Und sind beide Sendungen sicherlich nicht gerade die Speerspitze der Emanzipation, aber ich bekenne trotzdem, leidenschatliche Hörerin der „drei ???“ gewesen zu sein. Auch wenn die Hierarchien klar waren (der Erste Detektiv sagt, wo es langgeht und ist schlauer als anderen) und auch die sportliche Leistungsfähigkeiten der aktiven Detektive wohl eher überhöht wurde (der „Zweite“, Peter Shaw, hat wohl so ziemlich jeden Erwachsenen im Wettlauf abgehängt), so kommt das wohl noch lange nicht an TKKG heran. (mehr…)

Von Lehrstellen und Leerstellen

Das mit der Jugendarbeitslosigkeit ist eins von diesen jährlich wiederkehrenden Themen, bei denen sich im Laufe der Jahre nicht wirklich viel ändert. Die genauen Zahlen schwangen immer ein bisschen, im Grunde sieht es aber aus wie dieses Jahr: 49.500 Menschen, die gerne eine Ausbildung machen möchten, haben noch keinen Ausbildungsplatz. Da ist dann schon die Reihe derer abgezogen, die keinen Arbeitsplatz gekriegt hat und statt dessen lieber weiter zur schule geht, Zivildienst macht oder zum Bund geht: „Von den deutschlandweit 763.100 Bewerbern fand weniger als die Hälfte einen Ausbildungsplatz. Rund 80.000 zogen es daher vor, weiter zur Schule zu gehen oder ein Studium zu beginnen. Knapp 64.000 kamen in einer der zahlreichen Maßnahmen von Agentur und Bundesländern unter. Mehr als 110.000 gingen erst einmal zum Bund oder leisteten Zivildienst. 86.000 nahmen ohne Ausbildung einen Job an.“ (tageszeitung) Für viele von denen ist das allerdings keine entgültige Lösung. Wir werden sie wiedersehen – in der Statistik vom nächsten Jahr. (mehr…)

Deutschland jetzt ganz lieb, versprochen!

Einige der älteren werden sich noch schaudernd zurückerinnern: während der Fußball-Weltmeisterschaft, die zu allem Überfluss auch noch in Deutschland stattfand, begannen die Deutschen und die, die es gerne wären, mit hemmungslosen Liebesbekundungen für „ihr“ Land, „ihre“ Mannschaft und dergleichen mehr. Das bürgerliche Feuilleton war damals schon sehr angetan ob dieser Entwicklungen. Nun ist die WM bereits eine ganze Weile dabei und der für unbefangenes Nationalgefühl und moderne, postnazistische Heimatliebe zuständige Teil der Journalie kratzt sich am Kopf und stellt allenthalben die Frage: War’s das? Oder kommt da noch mehr? Bilderbuchhaft führt wird diese Kratzbewegung vom Deutschlandradio vorgeführt: „So viel Schwarz-Rot-Gold war nie. Die Deutschen haben bei der Fußball-Weltmeisterschaft Flagge gezeigt und eine neue Freude am eigenen Land entdeckt. Was knapp drei Monate nach dem Schlusspfiff im Berliner Olympiastadion bleibt, ist die Frage nach den Ursachen des ungewohnten deutschen Selbstwertgefühls. Gibt es einen neuen Patriotismus in Deutschland, und wodurch zeichnet er sich aus?“

Um dieser für das nationale Wohlbefinden überaus wichtigen Frage auch die richtige Antwort zu verpassen, gibt es nun also im Deutschlandradio eine Sendereihe mit Beiträgen von mehr oder minder prominenten Persönlichkeiten. Die Auswahl der ProtagonistInnen wurde in aller Regel peinlich genau darauf geachtet, das sie nicht ohnehin bereits durch notorische Deutschtümelei aufgefallen sind. Vielmehr geht es darum nachzuweisen, dass das Deutschland von 2006 ein gutes Deutschland ist und das es keinen Grund gibt, sich der Liebe für dieses Land zu schämen. (mehr…)

Schuldzuweisungen

Wer ist denn nun eigentlich schuld am Bösen in der Welt. Garbor Steingart meinte ja noch, es sei der chinesische Volkscharakter: “China ist dem Wortsinne nach eine düstere Großmacht, weil wir nicht fühlen, was sie fühlen, nicht wissen, was sie denken, und nicht einmal ahnen, was sie planen.” Auf der Homepage der Tagesschau gibt es jetzt ein Alternativangebot: (mehr…)

Selber Schuld

Manche sind wirklich selber schuld. Michael Broers zum Beipiel. Der glaubte nicht an die Revolution und betrat deshalb ersatzweise einen Lotto-Laden. Broers allerdings belies es nicht beim olympischen „dabeisein ist alles“ sondern gewann mal locker-flockig 2,7 Millionen Deutschmark. Das hat er natürlich nicht – wie immer mal wieder berichtet wird – hemmungslos auf den Kopf gehauen. Er hat es vielmehr investiert. In ein Autohaus, in dem er mehr oder minder seine komplette Familie untergebracht hat. Und das Autohaus ist dann halt Pleite gegangen. Heute lebt Broers von Hartz IV. Das zumindest berichtet uns Spiegel Online.

Von den 2,7 Millionen DM, was ja auch in Euro umgerechnet jetzt nicht so furchtbar schlecht wäre, hätte er bis zum Ende seines Lebens vermutlich recht ordentlich leben können – und weite Teile seiner Familie ebenfalls. Aber vom Wahn befallen ein auf Teufel komm raus ein produktives Mitglied der Gesellschaft sein zu wollen hat er das versucht, was in dieser Gesellschaft das bestimmende Prinzip ist. Er hat versucht, aus einem Euro zwei zu machen, aus zwei Millionen drei. Dabei ist er unglücklicherweise gescheitertert. Merke: niemals arbeiten, wenn es nicht unbedingt sein muss!

Ich für meinen Teil hätte sichere Anlagemöglichkeiten für die Kohlen, von meiner Altersversorgung mal ganz abgesehen. Den Weltladen in Göttingen etwa, den Roten Buchladen, den Theaterkeller oder unterstützenswerte politische Projekte wie die Krisis oder die Exit. Bis vor kurzem hätte sich sicher auch noch das Junge Theater unterstütz, aber seit die auf Heimatfront machen, sind die von der Liste gestrichen. Bleibt mehr für die anderen über, wenn ich demnäxt mit den sechs Richtigen nach Hause gehe. Jetzt müsste ich nur noch zu spielen anfangen…