Wie ich das Subjekt lieben lernte

In Werftpfuhl bei Berlin, in der Bundesbildungsstätte der Falken, dem Kurt-Löwenstein-Haus, fand unter dem Titel „Wiederentdeckung der Dialektik im Neoliberalismus“ die Herbstakademie des BdWi statt. und dargeboten wurde eine Mischung aus philosophisch-theoretischen Erörterungen und empirischem Material zu den Widersprüchen in Ideologie und Alltagshandeln der Menschen. Klingt spannend, gelle? Drum bin ich da auch hingefahren und habe dieses Block für einige Tage unbeaufsichtigt gelassen. Nachdem ich nun wieder zurück bin, hat sich allerdings der leise Zweifel eingeschlichen, das die Sache nicht halten konnte was sie versprach. (Einen anderen Seminar-Bericht gibt es hier, einen dritten hier)

Wenn es um eine Wiederentdeckung von Dialektik geht, und das mit dem Ziel, die aktuellen Strukturreformen analytisch denken zu können, dann hätte sicherlich mal eine genauere Klärung darüber not getan, was genau denn Dialektik nun eigentlich sein soll. Es gab dazu in verschiedenen Vorträgen, etwa von Frieder Otto Wolf (Dialektik nach der Postmoderne), Alex Demirovic (Dialektik ist an der Zeit) oder Wolfgang Fritz Haug (Dialektik in Theorie und Praxis) zwar das Versprechen, diese Klärung vorzunehmen, tatsächlich erfolgt ist sie allerdings nicht.

Symptomatisch ist etwa das Verständnis von Wolfgang Fritz Haug von dem, was ein dialektischer Widerspruch ist. Dialektik verkommt bei ihm zur Rechtfertigung, einfach jeden Dummfug mit gutem Gewissen durchziehen zu können. Entsprechend sagt er auch nie, aus welchen Elementen genau denn jetzt die Dialektik, die er so vollmundig beschwört, bestehen soll. Immer, solange es antagonistische Gesellschaft gibt, sind die Verhältnisse widersprüchlich. Dialektik heißt dann für ihn, diese Widersprüche zu denken. Das gilt für erstmal überhistorisch, unabhängig von den spezifischen Formbestimmungen der Gesellschaft. Zur Beschreibung von dem, was er mit Dialektik meint, greift er auf ein Beispiel von Heraklit zurück. die Widersprüche von Strukturen und Situationen sind oft wie ein Bogen: zwei auseinanderstrebende Teile, die aber gerade durch ihr auseinanderstreben die Dynamik des Bogens ausmachen. Den Bogen gibt es nur als Einheit seiner widerstrebenden Teile. Den zu formulierenden Widerspruch gilt es dann jedoch nicht aufzulösen, sondern auszuhalten.

In der Praxis sieht das dann wie folgt aus, um mal zwei Beispiele zu wählen:

Die Regierungsteilnahme der PDS in Berlin, aber auch in anderen ostdeutschen Bundesländern, hat an der inhaltlichen Politik der jeweiligen Regierungen nicht viel geändert. Das ist die eine Seite. Andererseits haben die bürgerlichen Parteien damit aber die Linke, wie sie heute heißt, aus der Schmuddelecke herausgeholt. Ab jetzt hat sie faktisch bewiesen, regierungsfähig zu sein, ihre Konzepte gelten somit als demokratisch akzeptabel und politisch vertretbar. Das ist die andere Seite. Damit wäre der Heraklit’sche Bogen beschrieben. Und das war’s dann auch schon mit der Haug’schen Dialektik. Das müssen wir jetzt eben aushalten.

Dabei wird es doch an dieser Stelle erst spannend: welche Dynamik sich aus den widerstrebenden Erkenntnissen ergibt, ist noch lange nicht gesagt. Die Haug’sche Folgerung, deshalb sei das mit der Regierungsbeteiligung schon okay gewesen, ist eher eine ziemlich undialektische. Die Dynamik, die Haug übersieht, ließe sich wohl wie folgt skizzieren: einerseits ist gerade dadurch, das die vermeintlichen KritikerInnen plötzlich mitgemacht haben, die Reform erst umsetzbar geworden. Die PDS hat durch ihre Regierungsbeteiligung gerade umgekehrt die neoliberale Umstrukturierung geadelt. Andererseits ist diese Umstrukturierung zu einem guten Teil dadurch, das sie eben von ihr umgesetzt wurde, auch zu ihrem Programm geworden. Die Linke ist Teil des neoliberalen Konsenses geworden, der neoliberale Konsens steht fester und unerschütterlicher da denn je. Der Glaube, das es keine Alternative zur allseits beklagten Reformwütigkeit gibt, hat gesiegt. So kann uns die Dialektik tatsächlich helfen, die Situation zu verstehen, nur stellt sie sich leider anders dar, als der organische Intellektuelle es gerne hätte.

Ein anderes Beispiel ist seine Analyse des Konservatismus. Der ist nämlich gegen Nazis, weil er für die französische Revolution ist. Andererseits macht er selber manchmal AusländerInnenfeindliche Politik, weshalb viele Linke ihn nicht auf den Demos haben. Aber für Haug ist das halt Dialektik, da muss man auch schon mal bereit sein, mit Merkel und Stoiber eingehakt vorm Brandenburger Tor zu stehen. Widersprüche aushalten ist angesagt. Auch hier bleibt er wieder mal bei der Beschreibung von Widersprüchlichkeiten stehen, ohne wenigstens zu versuchen, mittels Dialektik die Dynamik der ganzen Veranstaltung zu beschreiben. Denn gerade dadurch, das Abschiebefreund und Asylfeind Wolfgang Schäuble über die antifaschistische Demonstration rollt, legitimiert er seine Abschiebepolitik als gar nicht mal so schlimm und Teil eines akzeptierten demokratischen Konsenses, der eben durchaus möglich sei.

Schön auch die Dialektik des Massenbewusstseins. Das mag im Moment grade im Keller sein, die Menschen eher nicht so für emanzipatorische Projekte zugänglich und dergleichen mehr. Aber das kann auch mal ganz schnell umschlagen. Das wusste schon Rosa Luxemburg. Vielleicht jubeln die Leute, die am einen Tag den Nazis zuklatschen, weil sie MigrantInnen in Rostock-Lichtenhagen angreifen schon bald den erfolgreichen RevolutionärInnen zu. Da muss man eben dialektisch sein und die Spontaneität des Volkes berücksichtigen. Wie genau das aber kommt, das die Leute auch mal schnell vom Wahlkreuz bei der NPD zum Wahlkreuz bei der Linken springen, darauf geht er nicht direkt ein.
Es könnte an den Begriffen liegen, um die zu kämpfen uns geboten wäre, ginge es nach Wolfgang Fritz Haug. Um den des Volkes etwa, den wir nicht einfach auf den Müllhaufen der Geschichte schmeißen dürfen, nur weil (zufälligerweise?) die Rechten den auch benutzt hätten. Da müssen wir drum kämpfen. Es ist ein „dümmlicher Antifaschismus“, der noch immer versucht, den Volksbegriff zu negieren und aus dem linken Vokabular zu verbannen. Sehr verbreitet, wie er zugeben musste, aber eben doch dümmlich. Wobei er natürlich niemanden im Raum beleidigen wollte.

Dabei fällt die spezielle Art und Weise auf, wie er ganz grundsätzlich Auftritt und wie er kritische Positionen erledigt. Entweder werden sie in paternalistischer Form gedemütigt, ganz im Stile des großen alten Meisters (oder eben des Papstes, nicht umsonst hat ihn ein Nürnberger Theoretiker einst den „emeritierten Papst des Arbeiterbewegungsmarxismus genannt), der mal eben den Schäflein erklärt, wie das mit dem Leben funktioniert und was sie noch nicht richtig begriffen haben. „Dumme Penäler“ wird dann zum Argument gegen eine differierende Theoretische Strömung. Die Offenheit und Wiederholungsrate, mit der andere Positionen als Lächerlich diffamiert wurden, mit der Absolutheitsansprüche und Urteile nicht nur über Standpunkte, sondern über Menschen verbreitet wurde, war schon fast nicht mehr zu ertragen. Insider behaupten jedoch, er sei noch recht friedlich unterwegs gewesen. Haug selber wird das wohl als ziemlich dialektisch empfinden, ich jedenfalls hatte eine ganze Menge Widerspruch und musste viel aushalten.

Das galt auch für seine Ausfälle bezüglich der Dialektik des Antirassismus, die in etwa darin besteht, das er halt nicht zu antirassistisch sein dürfe. Ausgehend von der These, Politik dürfe nicht moralisierend daherkommen, sondern müsse immer die eigenen Interessen vertreten, betonte er zunächst sehr vehement, das doch auch deutsche Linke in den KZ’s gesessen hätten (Konservative übrigens auch, was sie in seinen Augen zu willkommenen BündnispartnerInnen macht) und deshalb ein Kampf gegen Antisemitismus (der bei ihm immer nur Rassismus heißt) deshalb letztlich – damals wie heute – ein Kampf für das eigenene, linke Interesse sei. Irgendwie, so die Botschaft, sind wir alle Juden. Insbesondere die Palästinener, die sind nämlich „die Juden von heute“. Davon, das Ministerpräsident Olmert einen Plan zur Endlösung der Palästinenserfrage vorgelegt hätte, ist mir nichts bekannt. Überhaupt war die – aller rassistischen Praxis zum Trotz – nie Teil israelischer Staatsideologie. Aber vermutlich muss mensch auch diesen Widerspruch einfach mal aushalten. Ganz dialektisch, versteht sich.

Ebenfalls auffällig war die doch recht brachiale Marx-Rezeption bei allen ReferentInnen. Den wichtigsten Widerspruch, der die Marx’sche Analyse charakterisiere, wollten ausnahmslos alle ReferentInnen in dem von Arbeit und Kapital sehen, wobei Kapital durchaus personal gesehen wurde. Letztlich geht es um die Bourgeoisie, was in der Debatte um einen (vermeintlichen?) Antirassismus ohne AusländerInnen in einigen Regionen Ostdeutschlands zu schönen Sätzen wie diesem führte: „Ich kenne ja auch keinen Kapitalisten, aber ich will sie trotzdem abschaffen.“ Praxis wurde entsprechend immer als Klassenkampf gedacht, auch wenn migrantischen oder genderbezogenen Kämpfen durchaus ihre Bedeutung zugestanden wurde. Kritische Einwände wie etwa die von Stefan Meretz, der das Kapital als „kybernetisches System“ beschreiben wollte, wurde entgegengehalten, sowas gäbe es bei Marx gar nicht. Dieser würde das „automatische Subjekt“ nur als Schein demaskieren und würde es später verwerfen. Das steht bei Marx so zwar nicht, aber darum ging es wohl auch gar nicht. Letztlich schien es darum zu gehen, das die bisherige Form der Praxis, eben der Klassenkampf, damit erstmal zumindest deutlich relativiert wäre. Und andere Formen sozialer Praxis, wie sie von Stefan Meretz etwa am Beispiel der freien Software skizziert wurde, wurden in der Debatte nicht wirklich aufgegriffen.

Dadurch, das die Vorstellung von Kapitalismus aber immer eine sehr diffuse blieb, konnte auch nie genau bestimmt werden, was denn nun genau die einschränkenden Momente sind, die uns das Leben so schwer machen.

So hat Mario Candeias beispielsweise zunächst festgestellt, das ein romantisierendes Nachtrauern nach alten fordistischen Zeiten eine recht müßige Sache ist. Einerseits, weil auch im Fordismus nicht alles toll war, andererseits weil die Subjektivitäten und Lebensrealitäten der Menshen bereits derart geändert haben, das eine solches Zurückholen rein praktisch kaum möglich erscheint. Auf eine ganz perfide Art schaffen es jedenfalls die neoliberalen Reformen, an (ehemals emanzipatorische) Wünsche und Hoffnungen der Menschen anzudocken und unter ihren Bedingungen zu setzen. Nur bedeutet der Abschied von der traditionellen Kleinfamilie mit sorgender Mutter am Herd dann eben im Zweifelsfall die doppelte Vergesellschaftung der Frau. Was ja nur heißt: unter den Bedingungen der Herrschaft des Kapitals (nicht: der Kapitalisten) kann es halt keine rein emanzipativen Veränderungen geben. Die werden eben „reell subsumniert“ und an die Bedürfnisse des Kapitals angepasst.

Candeias möchte nun kucken, was genau die progressiven Teile der Reformen sind und wie sich an die diskursinterventionistisch anknüpfen ließe. Also etwa vor dem Hintergrund fortschreitender Arbeitszeitverlängerungen nicht auf die alte Linke Nummer mit der Arbeitszeitverkürzung zu bauen, sondern eine Arbeitszeitverlängerung auf 70 Stunden zu fordern. Warum? Weil die Leute ohnehin länger arbeiten als im Tarifvertrag steht, das könnte mal anerkannt werden. Weil die Menschen auch Reproduktionsarbeit machen, die ja auch berücksichtigt werden muss, ist sie doch notwendig für das funktionieren des Ganzen und dergleichen mehr. Eine Forderung, die letztlich auf die ultimative Komplettierung der Arbeitsgesellschaft zielt und auch noch die letzten Bereiche menschlichen Miteinanders kommodifizieren würde. Das nun Arbeit selber vielleicht eine Kategorie sein könnte, die mal kritisch hinterfragt gehören würde, gerät gar nicht erst in den Blick. Und das die Forderung, selbst wenn sie (wie er zugibt) nur als Intervention Sinn gedacht ist, um über all diese Dinge mal zu reden, würde sie auf der anderen Seite derart viele wichtige Ideologienstärken, das wohl eher mehr verloren denn gewonnen wäre. Nehmen wir – um nur ein Beispiel zu nennen – die schlichte Tatsache, das der repressive Rahmen (Stichwort: warenproduzierende Gesellschaft, Wertverwertung, Kapitalakkumulation) gar nicht benanntwird , sondern im Gegenteil weiterhin stille Voraussetzung bleibt und nebenbei diskursiv anerkannt wird. Muss nich sein vielleicht…

Ganz ähnlich sieht es mit anderen Forderungen aus, wenn Candeias etwa vorschlägt, den Arbeitsethos der Menschen anzusprechen und sie dabei zu packen, das neoliberale Managementstrategien es gerade verunmöglichen, das die Arbeitenden einen sinnvollen Gebrauchswert herstellen. „Auch die Putzfrau ärgert sich, wenn sie durch dauerndes Gängeln nicht vernünftig arbeiten kann.“ Da gerät ebenfalls die grundsätzliche Problematik von Arbeit und Zwang aus dem Blick, es wird die Ideologie gestärkt, das im lohnabhängiges Tätigsein ohne die Folgen der Lohnabhängigkeit möglich wäre. Das muss unsereins dann vermutlich aber auch einfach mal aushalten. Dialektik halt. Har har.

Was bleibt also als Fazit? Nichts gegen eine Wiederaneignung der Dialektik und nichts gegen eine kritische Wissenschaften. Aber es hat mich schon überrascht, wie restlos die kritische Theorie frankfurter Prägung mit ihrem beharren auf Zusammenhängen aus dem linken akademischen Diskurs entfernt wurde. Schade eigentlich.


4 Antworten auf “Wie ich das Subjekt lieben lernte”


  1. 1 super 04. Oktober 2006 um 16:13 Uhr

    Da freue ich mich ja, das ich nicht hingefahren bin. Ich hatte kurzfristig (letzte Woche) von dem Seminar gelesen und es dann doch nicht geschafft – kein sehr großer Verlust nach deinen Schilderungen.

  2. 2 StefanMz 06. Oktober 2006 um 10:23 Uhr

    Whow, viel krasser als ich das formulierte, aber auch richtig. Hättste doch auf dort in Werftpfuhl mal mehr gesagt, vielleicht wäre es möglich gewesen, den ganzen Diskurs etwas zu drehen. Ich kenne viele, die aus solchen Erlebnissen den Schluss ziehen: „Da gehe ich nicht mehr hin“. Aber sich immer nur im eigenen Selbstvergewisserungsdiskurs zu bewegen, bringt es doch auch nicht. Muss man halt „dialektisch“ sehen;-)

  3. 3 Tom 30. Oktober 2006 um 2:09 Uhr

    Du schreibst lustig über Haug; so habe ich ihn auch erlebt. Lachen mußte ich bis zum Satz: Palästinener, die sind nämlich „die Juden von heute“. Ist das tatsächlich wörtlich, also zitierbar, oder Deine Interpretation? Bitte stelle es klar, denn mir ist es wichtig. Warum sollten so viele Dicke Hunde ausgehalten werden?

  4. 4 Administrator 30. Oktober 2006 um 19:46 Uhr

    Joa, das mit den „Juden von heute“ ist ein Originalzitat. Auch die Formulierungen, eigentlich seien wir doch alle Juden, kamen so direkt von ihm. Gegen den Holocaust sollten wir eben sein, weil wir selber dran wären, käme er wieder. Nicht, weil Juden vergast wurden. „Juden“ wird dann bei ihm zu einer Art Metapher für die Unterdrückten aller Länder. Naja, und dann sind die Palästinenser – siehe oben.

    Es ist also zitierbar. Und ja, so viele dicke Hunde sollten nicht ausgehalten werden. Steht jedenfalls ganz in der Tradition der aktuellen Ausgabe der Argument-Zeitschrift…

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.