Über, unter oder gleich ganz weg?

Juli Zeh ist ein Begriff, oder? Sie ist, für alle die sich da nicht so auskennen, eine von diesen hoffnungsvollen deutschen Nachwuchsschriftstellerinnen, hat das Schreiben in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut gelernt und gilt als irgendwie links-liberal, warum weiß niemand so genau. So richtig an der Uni war sie auch mal, Jura hat sie da studiert. Völkerrecht war ihr Fachgebiet, Schwerpunkt nation-building.

Und was so eine gelernte nation-builderin ist, setzt das einmal erworbene Humankapital natürlich umgehend in schriftstellerische Glanzleistungen um. Für solcherlei Späße zu haben ist ja bekanntlich die Zeit, die sich dabei vermutlich unheimlich hip fühlt. Die nation jedenfalls, die Juli Zeh gerne builden möchte, ist die Deutsche. Die ist zwar schon da, könnte aber etwas Aufmunterung gebrauchen. Meint Juli Zeh.

Sie beginnt – auch das ist nicht selten – ihr nation-buildung mit einem Reisebericht. Stellen wir uns also vor: Juli Zeh im Zug, in einem dieser kleinen Viererplätze mit Tisch in der Mitte. Mit ihr in dem kleinen Rund ein Italiener, ein Österreicher und ein Kroate. Und Juli Zeh, unpatriotisch as hell, fängt umgehend an, das Vaterland zu beleidigen. Wir betreten die Szenerie, als ihr der Kroate gerade mit hochgezogenen Augenbrauen ins Wort fährt:

„Wieso“, sagt er, „ihr Deutschen habt doch das beste Verkehrssystem in Europa!“
„Und die sauberste Politik“, ergänzt der Italiener.
„Und die anspruchsvollste und vielfältigste Presselandschaft der Welt“, fügt der Österreicher hinzu.
„Nicht nur, dass eure Bürgersteige aufgeräumt sind…“ fährt er fort.
„Und die Politiker NICHT korrupt!“, wirft der Italiener ein.
„Wenn man an der Bushaltestelle steht“, ruft der Kroate, „kommt auch noch ein Bus! Und zwar nach Fahrplan. Einfach unglaublich.“

Juli ist peinlich berührt, fühlt sich ertappt und an ihr 2. Staatsexamen erinnert. Sie schämt sich. Denn unsere herausragendste Fähigkeit besteht darin, alles einigermaßen richtig zu machen und dabei alles richtig grauenvoll zu finden. Während sich unsereins noch fragt, was genau sie damit meint, während noch Bilder von der Niederschlagung der Herero-Aufstände, von Vernichtungslagern im zweiten Weltkrieg, den die Deutschen genau wie den ersten losgetreten hatten, aber auch von Abschiebeszenerien des 21. Jahrhunderts am geistigen Auge vorbeiziehen, platzt es aus ihr heraus:

Der vieldiskutierte, neue Patriotismus, dessen virtuelle Geburtsstunde die erfolgreiche Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft markiert, zeigt sich in erster Linie in dem Eingeständnis, dass bei uns in Wahrheit alles nicht ganz so schlimm ist, wie wir dachten – oder wie wir jedenfalls ständig und lautstark behauptet haben.

Wir bleiben stehen, blicken zustimmend nickend auf die Szenerie: Stimmt eigentlich, läuft alles super hier. Die Pünktlichkeit der Deutschen ist ja wirklich weltweit bekannt. Kurz werden die Gedanken von einer Durchsage unterbrochen – wegen Bauarbeiten kommt der Zug leider 20 Minuten zu spät, eine Garantie für das Erreichen der Anschlusszüge wird leider nicht übernommen – doch die Begeisterung ist nicht mehr aufzuhalten: eigentlich haben die doch recht. Die Züge sind immer pünktlich, haben wir ja grade erlebt. Und selbst in mein kleines Heimtdörfchen fährt am Wochenende immerhin noch noch ein… nein, die Busse am Wochenende gibts nicht mehr, schade eigentlich. Aber immerhin während der Woche komme ich da hin. Zweimal pro Tag, besser als nichts. Auch unsere Politiker sind nicht mal ansatzweise korrupt, wir erinnern uns an die Schmiergeld-Affäre der CDU, die wussten schließlich alle von nichts. Selbst die Presselandschaft – wirklich vielfältig, Hut ab. Im Bahnhofskiosk hab ich es grade erst gesehen – eine neoliberale Tageszeitung neben der anderen. Total toll! Auch sonst – keine Probleme. Die Arbeitslosigkeit ist nahe null, Abschiebungen von Menschen, die halt zufällig den falschen Pass haben gibt es eigentlich – naja, sie werden mehr, und ja, das deutsche Abschieberegime ist das härteste in Europa, aber eigentlich doch auch gar nicht so schlimm. Und auch im Sozialbereich wird alles immer besser, die Sozialstandarts werden stetig ausgebaut (Stichwort Hartz IV, that’s what I call Hängematte), die Gelder für Kultur, Bildung und Jugend werden in kaum vorstellbarem Maße erhöht – etwa durch die Einführung von Studiengebühren. Gut das wir unsere ausländischen Freunde und Nachbarn haben, die uns endlich wieder zu einem normalen Verhältnis zu unserer Nation verhelfen, wo die doch auch wirklich toll ist! Ein Anlass zu temporärer Entspannung, wie Juli Zeh zurecht bemerkt.

Nun ist natürlich nicht – das würde sie niemals behaupten – alles gut in Deutschland, klar. Weshalb Juli Zeh uns die Dialektik des nationalen Selbstbewusstseins vorführt:

Nur eins sollte beim Fahneschwenken nicht vergessen werden. Die deutsche Neigung zu übersteigerter Selbstkritik war niemals Ausdruck einer angeborenen Bescheidenheit. Vielmehr ist unser traditioneller, seit dem Zweiten Weltkrieg zur Staatsphilosophie erhobener Hass auf die eigene Herkunft den Mechanismen eines handelsüblichen Nationalismus nicht unähnlich. Auf den ersten Blick mag das paradox wirken. Beim genaueren Hinsehen lässt sich jedoch leicht erkennen, dass die kollektive Selbstanklage ebenso eine Form der nationalen Egozentrik darstellt wie die gemeinsame Selbstverherrlichung – und deshalb unschwer in diese umschlagen kann.

Wie wäre es also, wenn wir das Wesen eines positiven deutschen Patriotismus in zwei Schritten definierten: Erstens hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden – denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichem Ausmaß gleich. Dabei verzichten wir, zweitens, auf die Idee, dass wir, wenn schon nicht schlechter, dann aber wohl besser als alle anderen sind.

Das erinnert an Brechts Kinderhymne: „Und nicht über und nicht unter andern Völkern wollen wir sein“. Das ist wie bei der Fußball-WM, die ja die virtuelle Geburtsstunde dieses duften neuen Patriotismus darstellt. Da ging es auch nur um Fußball und multikulturelles Miteinander, bis dann der Italiener als solcher das multikulturelle Freundschaftsband zerschnitten hat, in dem er erst das deutsche Mittelfeld durch Petzen auseinandergerissen und dann auch noch ganz unfreundlich gegen die neustolzen Deutschen gewonnen hat. Womit klar war, was er eigentlich ist: „nur ein Pizzalieferant“ nämlich, wie es einem seinerzeit an jedem Marktplatz entgegenschallte. Da war ganz schnell Essig mit Völkerverständigung.

Womit dann auch mein Unwohlsein mit jeder Form von Vaterlandslieberei auf den Punkt gebracht wäre: es gibt kein fröhliches Miteinander, kein feierliches piep-piep-piep, solange der Deutsche im Spiel ist. Als einzelner Mensch mag er ja im Einzelfall ein passabler Typ sein, aber als Charaktermaske ist er einfach nur widerlich. Weshalb er mal Ganz schnell Leine ziehen und die Menschheit einfach Menschheit sein lassen sollte – und kein Konglomerat aus „Völkern“, von denen am Ende ohnehin keiner so recht weiß, was die ausmacht und wozu die eigentlich da sind – außer um im Zweifelsfall im Krieg nach außen andere Menschen und im Krieg nach innen den eigenen Sozialstaat zu erledigen.

Die kursiven Passagen sind Zitate von Juli Zeh. Diese ausgenommen.


4 Antworten auf “Über, unter oder gleich ganz weg?”


  1. 1 AGIT6581 04. Oktober 2006 um 14:55 Uhr

    „[…] denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichem Ausmaß gleich.“

    Verdammt undankbar aber auch. Warum sollte man nem bürgerlichen Nationalstaat Respekt erweisen? Etwa weil er einen so schön die die autoritäre Wettbewerbsformation integriert? Weil er den Menschen die richtigen „Werte“ vermittelt und sie arbeitsmäßíg an der Kandare hält? Zum Kotzen dieses postmoderne Geschwurbel. Ahistorisch bis zum geht nicht mehr und ideologisch völlig fixiert auf die illusionäre „strahlende Zukunft“ einer globalisierten Weltwarengesellschaft.

    :/

  2. 2 Schorsch 05. Oktober 2006 um 2:16 Uhr

    Hallo,

    Ja, sehr ekelhaft das und gleichzeitig ein exemplarisches Beispiel für einen Nationalismus, der sich als „vernünftiger Patriotismus“ geriert und z.B. bekenndenden Faschisten lediglich entgegenhalten kann, dass es auch „tüchtige und geblidete Migranten“ gibt und damit dem Hass auf „unproduktive Einwanderer im deutschen Volkskörper“ stillschweigend zustimmt.

    Eine Anmerkung: Zwar ist es wichtig, auf den ideologischen vernebelten Blick von Zeh aufmerksam zu machen und darauf hinzuweisen, dass sie mit ihrer Beschreibung des Gegebenen zeigt, dass sie die Dinge ganz und gar verkehrt erfasst, denke aber nicht, dass dort radikale Kritik ansetzen muss. Vielmehr müsste diese darüberhinaus zeigen, weshalb nicht nur die Diskrepanz von Zeh’s gezeichnetem Ideal und der wirklichen Realität kritikabel ist, sondern ihr Ideal und natürlich auch die Realität, prinzipiell abzulehnen.

    Was wäre, wenn in Deutschland tatsächlich die Bahn punktlich, die Politiker unbestechlich und die Abschiebepraxis weniger rigoros praktiziert würde, als diese von anderen Nationen durchgeführt wird?
    Wäre dann der Nationalismus von Zeh nicht anzugreifen?

    Zugegeben: Ein paar Gründe, Stolz auf „ihr Land“ zu sein, hätten einige Bürger vielleicht schon. Aber prinzipiellen Gegensätze würden sich nicht auflösen und der anti-emanzipatorische Gehalt eines Nationalismus würde sich nicht in sein Gegenteil, in ein emanzipatorisches Projekt, umwandeln.
    Ich denke, dass das schon klar ist, wollte aber nocheinmal drauf hinweisen.

    Übrigens: Die zitierten Stellen laß ich vor kurzem auch. In Verbindung mit den Statements anderer Autoren und zwar in einer Sonderseite der hiesigen Lokalzeitung. Zeh’s Anmerkung mochte ich in Anbetracht der weiteren Kommentaren noch den „kritischsten“ Wortlaut nennen. Die publizierten Beiträge wurden einige Tage später per „deutscher Welle“ an die bundesrepublikanischen Bürger übertragen.

    Wenn Filme wie „Deutschland – Ein Sommermärchen“, positive „Nachbearbeitungen“ der WM und solche Meldungen Realität sind, hält sich der Nationalismus, dem ein Überleben nur während WM-Zeiten attestiert wurde, wohl doch etwas und von „harmlos“ und „spaßeshalber“ kann wahrlich keine Rede sein, wie es einige Zeitgenossen gerne tun.

    Soweit so schlecht,

    Schorschi

  3. 3 Administrator 05. Oktober 2006 um 9:24 Uhr

    @schorsch

    ja, da hast du natürlich recht. pünktlichkeit, also die einhaltung abstrakter zeitvorgaben, ist ja selber (1) ausdruck autoritärer gesellschaftsverfasstheit und (2) folge der „abstrakten zeit“, die es in vor-bürgerlichen zeiten so nicht gab – und die dann perfektioniert werden soll. (um das mal kursorisch zu umreißen)

    die abschiebepraxen haben da m.E. aber noch mal ne sonderrolle. denn da leiden ja ganz konkret menschen drunter, weshalb ich verbesserungen auf dem gebiet immer irgendwie anders behandeln wollen würde – ohne das grundsatzproblem dabei aus den augen zu verlieren.

    anonsten würde ich mich ja auch anschließen, das die Zeh einen gemäßigten Nationalismus vertritt. Ich frage mich aber, ob er nicht dadurch besonders wirksam wird. Schon lange ist es ja so, das der „nationalismus der mitte“ den „natationalismus der nazis“ rechtfertigt. sozusagen eine legitimierung durch die jeweils weniger radikalen dafür, das der krassere teil durchaus seinen platz finden kann und soll.

  4. 4 Schorsch 05. Oktober 2006 um 15:33 Uhr

    Hallo,

    Soweit Zustimmung.

    „Schon lange ist es ja so, das der “nationalismus der mitte” den “natationalismus der nazis” rechtfertigt. sozusagen eine legitimierung durch die jeweils weniger radikalen dafür, das der krassere teil durchaus seinen platz finden kann und soll.“

    Ich finde der „Nationalimus der Mitte“, oder der „demokratische Nationalismus“ gibt sich aber auch häufig „antifaschistisch“. So etwa, wenn z.B. Nationalisten auf Anti-Nazi Demos gehen oder, hinreichend bekannt, wenn Deutschland wegen der „verantwortungsbewussten Geschichtsbewältigung“ ihrem Stolz auf ihr Vaterland freien und demokratischen Lauf lassen dürfen und sollen. Grade weil Nationalismus häufig nur dann Kritiker findet, wenn dieser pöbelhaft artikuliert wird, oder in Gestalt eines prügelnden Nazis auftritt, scheint jede andere „Spielart“ legtitim und aufgeklärt zu sein. Darin liegt, wie du schon geschrieben hast, eine besondere Wirksamkeit.

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