Schuldzuweisungen

Wer ist denn nun eigentlich schuld am Bösen in der Welt. Garbor Steingart meinte ja noch, es sei der chinesische Volkscharakter: “China ist dem Wortsinne nach eine düstere Großmacht, weil wir nicht fühlen, was sie fühlen, nicht wissen, was sie denken, und nicht einmal ahnen, was sie planen.” Auf der Homepage der Tagesschau gibt es jetzt ein Alternativangebot:

„Bao und seine Arbeiterin Tang Wei produzieren für den Weltmarkt – zu unschlagbar niedrigen Kosten und Preisen. Das gängige Globalisierungs-Klischee dahinter: Bao, der Ausbeuter, zahlt Tang Wei einen Hungerlohn, verdient sich eine goldene Nase und ruiniert nebenbei die Arbeitsplätze in Europa. Doch das will der Fabrikant so nicht stehen lassen: ‚Ich würde meinen Arbeitern ja gerne mehr zahlen – aber wie? Einen Vorhang herzustellen kostet mich rund 1,60 Euro, die westlichen Handelsketten geben mir 1,70 Euro. In Europa oder Amerika verkaufen sie ihn dann für 20 bis 30 Euro.‘ Bao verdiene an einem Vorhang also höchstens zehn Cent, die ausländischen Aufkäufer das zwei- oder dreihundertfache.“

Nun wäre also wieder Garbor Steingart gefragt, der an anderer Stelle meinte:

“Der normale Käufer bei Karstadt, Metro und Lidl ist ein regelrechter Globalisierungsfanatiker, der Preis und Leistung vergleicht, aber nicht Nationalitäten und ihre sozialen Sicherungssysteme. Er will Rabatte bekommen und nicht Aufschläge zahlen. Der gute Deal interessiert ihn, nicht das schmutzige Geschäft, das ihm irgendwo auf der Welt vorausgegangen ist. Er ist ein Materialist, wie er im Buche steht, auch wenn er sich selbst für einen Romantiker hält. Nur außerhalb der Geschäftszeiten befallen ihn zuweilen idealistische Zweifel. Dann wundern sich viele, wie es denn sein kann, dass so große Teppiche für so kleines Geld zu haben sind, und dass auch die Preise von Computern und Mobiltelefonen zuweilen nur noch einer Art Schutzgebühr gleichen.”

Ist nun also doch der Konsument in Deutschland schuld an der Globalisierung. Das wäre hart, vor allem für den Konsumenten in Deutschland, der da ja eigentlich eher andere Feindbilder pflegt. Aber keine Angst, die Tagesschau kriegt grade noch die Kurve:

„‚Kürzlich kamen US-Aufkäufer vorbei und winkten mit einem Millionenauftrag.‘ Den hätte er natürlich gerne bekommen. Seine Kosten für den gewünschten Duschvorhang: 1,96 Dollar. Sein Verkaufsangebot: Zwei Dollar. ‚Sie haben mir 1,80 Dollar angeboten‘, sagt Bao. ‚Was hätte ich denn machen sollen? Billiger kann ich nicht produzieren! Also hätte ich es bei meinen Arbeitern herausholen müssen.‘ Das bedeutet: Weniger Lohn, längere Arbeitszeit, statt sechs eben zehn Leute pro Schlafraum. ‚Und am Ende heißt es, wir beuteten unsere Arbeiter aus. Den US-Aufkäufern waren meine Sozialstandards übrigens völlig egal, die haben nur mit den Schultern gezuckt. Die Europäer sind da anders. Nicht alle natürlich, aber einige zumindest.‘“

Also doch: der Ami ist schuld. Mit seinem Shareholder-Kapitalismus, der immer nur den maximalen Profit will. Im Gegensatz zu IKEA: „Ikea, Baos Großkunde, kontrolliert hier gerne mal unangemeldet. Dafür sei er sogar dankbar, sagt Bao, denn gemeinsam mit den Schweden habe er seine Sozialstandards entwickelt.“ Toll, was? Unglücklicherweise hat das nicht lange gehalten: „Aber jetzt fordern auch die plötzlich zehn Prozent Discount. Wie soll er denn, fragt er sich, all die schönen Standards halten – ohne Gewinn? Und der Wettbewerb in China ist brutal.“

Und nicht nur da. Aber gut, das es so ein reichhaltiges Angebot an Schuldigen gibt. Nur einer, dem wird nie die Schuld gegeben, obwohl der sicher nicht unschuldig ist. (Vgl. Marx, Karl: Das Kapital, Band 1 bis 3)