Deutschland jetzt ganz lieb, versprochen!

Einige der älteren werden sich noch schaudernd zurückerinnern: während der Fußball-Weltmeisterschaft, die zu allem Überfluss auch noch in Deutschland stattfand, begannen die Deutschen und die, die es gerne wären, mit hemmungslosen Liebesbekundungen für „ihr“ Land, „ihre“ Mannschaft und dergleichen mehr. Das bürgerliche Feuilleton war damals schon sehr angetan ob dieser Entwicklungen. Nun ist die WM bereits eine ganze Weile dabei und der für unbefangenes Nationalgefühl und moderne, postnazistische Heimatliebe zuständige Teil der Journalie kratzt sich am Kopf und stellt allenthalben die Frage: War’s das? Oder kommt da noch mehr? Bilderbuchhaft führt wird diese Kratzbewegung vom Deutschlandradio vorgeführt: „So viel Schwarz-Rot-Gold war nie. Die Deutschen haben bei der Fußball-Weltmeisterschaft Flagge gezeigt und eine neue Freude am eigenen Land entdeckt. Was knapp drei Monate nach dem Schlusspfiff im Berliner Olympiastadion bleibt, ist die Frage nach den Ursachen des ungewohnten deutschen Selbstwertgefühls. Gibt es einen neuen Patriotismus in Deutschland, und wodurch zeichnet er sich aus?“

Um dieser für das nationale Wohlbefinden überaus wichtigen Frage auch die richtige Antwort zu verpassen, gibt es nun also im Deutschlandradio eine Sendereihe mit Beiträgen von mehr oder minder prominenten Persönlichkeiten. Die Auswahl der ProtagonistInnen wurde in aller Regel peinlich genau darauf geachtet, das sie nicht ohnehin bereits durch notorische Deutschtümelei aufgefallen sind. Vielmehr geht es darum nachzuweisen, dass das Deutschland von 2006 ein gutes Deutschland ist und das es keinen Grund gibt, sich der Liebe für dieses Land zu schämen.

Immer gern dabei ist in solchen Fällen bekanntlich die Zeit, die so auch die entsprechenden Aufsätze brav auf ihrer Homepage veröffentlicht. Für sie wohl eine willkommene Möglichkeit, die ausführlich geführte Patriotismus-Debatte während der WM fortzusetzen. Ausgangspunkt der Choreographie scheinen die bisherigen Kritikpunkte an der Deutschtümelei. Das neue Deutschland, so die Botschaft, die vermutlich auch der gleichnamigen Tageszeitung gefallen dürfte, ist nicht rassistisch und antisemitisch. Die neue Vaterlandsliebe ist die reflektierte, friedfertige Liebe zu den Errungenschaften dieser Gesellschaft. Nothing more.

Und so lassen die InitiatorInnen dann auch Charlotte Knobloch vortreten, ihreszeichens Holocaust-Überlebende und Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland. Die rekurriert dann auch auf ihre Vergangenheit, um dann aber gleich festzustellen: „Trotzdem bleibe ich dabei: Deutschland braucht einen neuen Patriotismus. Denn nur wer sein Land liebt, kann sich für die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in ihm verantwortlich fühlen. Nur wer sein Land bejaht, sich mit seiner Nation und ihrer Geschichte identifiziert, wird sich einmischen.“ Hier fällt auf, das die Behauptung völlig ohne Argument auskommt. Warum sollen sich nur Menschen, die tatsächlich ihr „Land“ lieben, sich um die gesellschaftlichen Geschehnisse in ihrer Umgebung kümmern? Es ist ja nun nicht so, das mir die Menschen um mich herum völlig egal wären. Und manchmal gibt es sicherlich auch landschaftlich sehr schöne Ecken, schöne Architektur und dergleichen mehr. Nur hat alles dies ja erstmal nichts mit Deutschland zu tun, der Art und Weise also, wie die Menschen und die Landschaft unter zu einem großen Ganzen zusammengefasst wurden. Was hier als vermeindlich liberales Argument daherkommt, ist in Wahrheit gar keins und hat auch schon das ganze Grauen vorausgesetzt.

Ebenfalls auf dieser Ebene funktioniert auch das Argument mit der Integration: Die deutschen Grundwerte (was auch immer das sein mag) „können nie zu einem Identifikationspunkt auch für Migranten werden. Denn wie sollen diese Loyalität gegenüber einem Gemeinwesen entwickeln, von dem sich selbst die Deutschen distanzieren?“ Hier wird suggeriert, für ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen bräuchten die Menschen eine Art Basis-Kultur, von der aus sie einander dann begegnen können. Deutsche, stolz auf ihre autochtone deutsche Kultur, treffen dann auf TürkInnen, ebenfalls stolz auf althergebrachten kulturellen Codes. Und dann können die beiden Gruppen – wahlweise auch gerne mehr – friedlich und freundlich sich miteinander austauschen und sich dabei ganz furchtbar multikulturalistisch vorkommen. Nur hat diese Form des Multikulti immer schon einen Nachteil: sie setzt homogene Kulturen, auf die eins Stolz sein könnte, bereits voraus. Beides allerdings ist eine Fiktion: einerseits sind Kulturen nie homogen, sondern immer eine Mischung aus unterschiedlichsten Erlebniswelten, die im Nachhinein von der Betrachterin zusammengefasst und zur Kultur deklariert werden. Und zum anderen ist das, was da zusammengefasst wird, zumeist tief patriarchal, borniert und autoritär – und mithin keine gute Basis für eine freiheitlich Gesellschaft.

Aber nicht nur die ehemals Verfolgten des Naziregimes – so die Botschaft – auch die MigrantInnen, die ja offensichtlich potentielle Opfer deutschen Nationalbewusstseins sind – fühlen sich hier wohl. Feridun Zaimoglu, linker Türke und Vorkämpfer für das multikulturelle Miteinander, fühlt sich hier sehr wohl:

„Es ist soviel schöner Sinn und Klang, wenn man Deutschland sagt, und Deutschland meint, und man sollte sich dieser Liebe nicht schämen. Ich lasse mich ungern einschüchtern: Aus der Geschichte kann ich lernen, die Gegenwart muss ich meistern. Ich freue mich viel mehr über die Lebenden, ich lebe mit ihnen, und sie nähren in mir das Gefühl, im richtigen Land zur richtigen Zeit zu leben. Deutschland ist zunächst einmal das Pflaster vor der eigenen Haustür, es ist der Zeitungskiosk, die Bäckerei, der Supermarkt, das Café, die Stadtmitte und der Bahnhof, es ist die Zeitung, die ich aufschlage, und der Leitartikel und der Text im Feuilleton, die ich lese. Deutschland wird zum bloßen Wort, wenn man es zur großen dunklen Wolke verklärt, die den erhofften Regen spenden soll.“

Nun hat es Zaimoglu offensichtlich nicht besonders schwer, die Gegenwart zu meistern. Es gibt Menschen in diesem Land – zumal mit migrantischem Hintergrund – die sich den Gang in das nette Cafe in der Innenstadt nicht leisten können, die nur in ausgewählten Supermärkten einkaufen können, in denen ihre Lebensmittelgutscheine akzeptiert werden, denen der Bahnhof egal sein kann, weil die Residenzflicht ihnen verbietet, den Landkreis zu verlassen. Das Deutschland für viele Menschen lediglich als rassistischer Ausgrenzungsapperat erscheint, hat sich dem Bewusstsein des intellektuellen Essayisten scheinbar entzogen. Er nämlich ist „gerne Deutscher, weil mir die Menschen ans Herz gewachsen sind – ich liebe den Boden, auf dem ich gehe, und betrachte diese Liebe als eine selbstverständliche Sache.“

Nun wird sicherlich niemand behaupten, alle Deutschen seien irgendwie dufte Typen. Es gibt immer auch mal Arschlöcher. Der Typ in der Ausländerbehörde etwa, der libanesische Flüchtlinge terrorisiert. Der Polit-Heini im Fernsehen, der Angst verbreitet und die rassistische Hetze schürt. Die Frau in der Bäckerei, die den Schwarzen mit „Du wollen haben Brot?“ anredet (um sich als Retourkutsche ein „Können sie nicht richtig deutsch sprechen?“ einzufangen, wie eins mit dem ehemaligen Fußballprofi Anthony Buffoe geschehen). Die HauseigentümerInnen, die Schwule und vermeintliche AusländerInnen nicht in ihrer Wohnung haben wollen. Alles das ist nämlich Deutschland, mindestens ebenso wie die freundlichen und höflichen Menschen, mit denen Zaimoglu im Cafe sitzt. Nur das gerade hier die Abwertung der anderen aus der Position der vermeindlichen Normalität erfolgt, aus dem Standpunkt des weißen, heterosexuellen Deutschen, am besten Männlich, aber nicht unbedingt.

Nun hat Zaimoglu natürlich ein reales Problem: „Das Land meiner Eltern, die Türkei, ist für mich das vertraute Ausland: Die waschechten Türken sehen in mir einen Deutschen“ – was es für ihn scheinbar nahelegt, sich denn auch als Deutscher zu begreifen. Wie kann „man in einem Land aufwachsen, sein ganzes Leben verbringen, und trotzdem Ausländer bleiben wollen?“ fragt Zaimoglu nicht ganz zu unrecht. Bürgerrechte haben, nicht diskriminiert zu werden, dafür lohnt es sich zu kämpfen. Nur wird Deutschland ja nicht dadurch gut, das es dieses recht dann vereinzelt auch an ehemalige TürkInnen rausrückt. Was in diesem Spannungsverhältnis von deutsch und nicht-deutsch verlorengeht ist die Perspektive nach einer Welt, in der wir uns nicht mehr in derartig enge Schemen pressen lassen müssen.

to be continued.