Von Lehrstellen und Leerstellen

Das mit der Jugendarbeitslosigkeit ist eins von diesen jährlich wiederkehrenden Themen, bei denen sich im Laufe der Jahre nicht wirklich viel ändert. Die genauen Zahlen schwangen immer ein bisschen, im Grunde sieht es aber aus wie dieses Jahr: 49.500 Menschen, die gerne eine Ausbildung machen möchten, haben noch keinen Ausbildungsplatz. Da ist dann schon die Reihe derer abgezogen, die keinen Arbeitsplatz gekriegt hat und statt dessen lieber weiter zur schule geht, Zivildienst macht oder zum Bund geht: „Von den deutschlandweit 763.100 Bewerbern fand weniger als die Hälfte einen Ausbildungsplatz. Rund 80.000 zogen es daher vor, weiter zur Schule zu gehen oder ein Studium zu beginnen. Knapp 64.000 kamen in einer der zahlreichen Maßnahmen von Agentur und Bundesländern unter. Mehr als 110.000 gingen erst einmal zum Bund oder leisteten Zivildienst. 86.000 nahmen ohne Ausbildung einen Job an.“ (tageszeitung) Für viele von denen ist das allerdings keine entgültige Lösung. Wir werden sie wiedersehen – in der Statistik vom nächsten Jahr.

Für die Jusos ist das ganze die Folge einer kurzfristigen Politik: „Kurzfristige Renditeüberlegungen verhindern zu häufig Investitionen in die Berufbildung, während gleichzeitig über den Fachkräftemangel in einigen Branchen lamentiert wird.“ Ganz in diesem Sine erklärt dann auch der Vorsitzende der DGB-Jugend: „Der DGB setzt sich weiterhin für eine Ausbildungsumlage ein, die in der Baubranche seit 30 Jahren erfolgreich praktiziert wird. Firmen, die ausbilden, sollen entlastet werden, Firmen die nicht ausbilden, sollen ihren Beitrag zur Ausbildung leisten. Das schafft nicht nur mehr Ausbildungsplätze, sondern auch einen fairen Ausgleich zwischen den Unternehmen.“

Nun ist bei den vorgelegten Zahlen eins klar: es liegt nicht wirklich an den Leuten, das sie keinen Ausbildungsplatz kriegen. Wo sich 10 Leute um 100 Lehrstellen balgen, müssen halt am Ende 90 übrigbleiben. Den Betroffenen vorzuwerfen, sie wollten ja eigentlich gar nicht arbeiten, ist da schon ein wenig makaber. Gleichzeitig gibt es da aber noch einen anderen Aspekt, auf den VertreterInnen der Unternehmerverbände wie der Internationalen Handelskammer oder der FDP hinweisen: „“Wer jetzt noch eine Stelle sucht, hat oft nur einen schlechten oder gar keinen Schulabschluss“, sagt Holger Lunau von der Internationalen Handelskammer Berlin. Bewerber könnten manchmal nicht richtig Deutsch oder müssten erst einmal lernen, morgens irgendwo pünktlich zu erscheinen. Auch bei der FDP hält man es für naiv, zu glauben, wenn nur genügend Lehrstellen geschaffen würden, kämen alle Bewerber unter. Schließlich seien trotz des Mangels an Ausbildungsplätzen mehr als 15.000 Lehrstellen unbesetzt. Patrick Meinhardt, bildungspolitischer Specher der Fraktion, plädiert daher zuallererst für eine Aufwertung der Hauptschule und für frühzeitigen Kontakt zu lokalen Betrieben. „Schon ab der siebten Klasse sollten Hauptschüler Praktika absolvieren um frühzeitig herauszufinden, wo sie hinwollen.“ (tageszeitung)

Jetzt setzen wir uns nochmal hin, rühren den Tee um und denken kurz darüber nach: Wie genau war denn so die Bildungspolitik der unterschiedlichsten Landes- und Bundesregierung in den letzten Jahren? Richtig, nicht gerade so, das der Standart an den Schulen besser würde. Nun könnte unsereins lachen und denken: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Nur scheinen mir die Vorschläge, wieder etwas Erde in selbige Grube zu kippen, doch etwas übereilt. Wir sollten zumindest die Leute vorher rausholen, die da (neben der heimischen Wirtschaft) noch so drinneliegen.

Denn wenn Bewerber „nicht mal richtig Deutsch“ sprechen können, dann verweist das auch grundsätzliche Probleme. Und das lässt sich nicht über ein paar Betriebspraktika beheben. Die Betroffen kommen – das behaupte ich jetzt ohne es nachgeprüft zu haben – aus bildungsfernen (logisch!) und sozial schwachen Schichten. Gesellschaftliche Looser aus dem Umfeld anderer gesellschaftlicher Looser. In einer Gesellschaft, die systematisch gesellschaftliche Looser produziert. Womit wir das Problem schon recht genau umschrieben hätten. Kurzfristig mag es helfen, hier mit Ganztags- und Gesamtschulen, mit besserer Ausstattung der Schulen, mehr ErzieherInnen, LehrerInnen und SozialpädagogInnen gegen vorzugehen. Besser für die Menschen wäre es auf alle Fälle. Aber am grundsätzlichen Problem führt das nicht vorbei: das die Zahl derer, die die Gesellschaft nicht mehr braucht, eher steigt denn sinkt. Die gesellschaftliche Realität passt sich dem an, auch wenn die Propaganda es noch nicht wahrhaben will: wer als „industrielle Reservearmee“ (Marx) nicht mehr gebraucht wird, der fängt eben auch an, sich so zu benehmen. Müßig zu erwähnen, das wir jetzt eigentlich mal den Kapitalismus abschaffen müssten…

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3 Antworten auf “Von Lehrstellen und Leerstellen”


  1. 1 ascetonym 13. Oktober 2006 um 6:34 Uhr

    Wo sich 10 Leute um 100 Lehrstellen balgen, müssen halt am Ende 90 übrigbleiben.

    Du meinst das sicher andersherum ;)

  2. 2 VM 13. Oktober 2006 um 15:18 Uhr

    Hallo,

    neben den geschilderten Problemen sehe ich aber noch ein weiteres. Ich möchte auf die asoziale Einstellungspolitik von Unternehmen hinweisen.
    Das Berufsbildungssystem in der BRD ist so gedacht, dass Leute nach der Haupt- oder Realschule eine Ausbildung machen (ganz im Sinne des preußischen 3-Klassen-Systems). Heute ist es aber so, dass Unternehmen verstärkt auf AbiturientInnen setzen. Hört sich zwar zunächst gut an, ist aber in der Praxis weder für den/die AuszubildendeN noch für die gesamte Gesellschaft gut. Denn die Berufsbilder werden nicht anspruchsvoller nur weil jetzt jemand mit Abitur da ist.
    Gleichzeit müssen die eigentlichen Azubis, also die Leute mit Haupt- und Realschulabschluss, „Ehrenrunden“ drehen. Es fehlt später an AkademikerInnen, weil die jetzt in FacharbeiterInnenberufen stecken.
    Viele Bereiche der Wirtschaft bilden heute gar nicht mehr aus. Vor allem der Dienstleistungsbereich entzieht sich dort seiner Verantwortung. Begründet wird dies neben einer fehlenden Tradition (hahahaha), mit der Aussage, dass in diesem Bereich höher qualifizierte ArbeitnehmerInnen arbeiten müssen.
    Natürlich eine Ausbildung kostet Geld und eine gute Ausbildung kostet viel Geld. Aber warum Leute teuer ausbilden, wenn sie doch sowieso bei der nächsten Entlassungswelle ausfliegen? – und die kommt bestimmt!!!

  3. 3 Administrator 14. Oktober 2006 um 20:19 Uhr

    @ ascetonym

    upsi… jau, da haste mal recht.

    @vm

    es gab ja mal eine zeit, da haben banken und sparkassen beispielsweise versucht, wieder stärker auf realschülerInnen zurückzugreifen. weil sie die erfahrung gemacht hatten, das abiturientInnen oftmals an die ausbildung ein studium drangehängt haben und deshalb dem betrieb nicht mehr zur verfügung standen – was ja auch nicht ganz im sinne einer ausbildung ist. es sei denn, es handelt sich um den öffentlichen dienst, denn die haben zumindest früher weit über ihrem bedarf ausgebildet und waren froh, wenn sich einzelne hinterher verpieselt haben…

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