Vorbilder für die Jugend

Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein jung und motiviert war (ja, das ist schon eine Weile her…), da spaltete sich die Jugend recht häufig in zwei Teile. Es gab da auf der einen Seite die, die „Die drei ???“ gehört haben und auf der anderen Seite die, die „TKKG“ gehört haben. Und sind beide Sendungen sicherlich nicht gerade die Speerspitze der Emanzipation, aber ich bekenne trotzdem, leidenschatliche Hörerin der „drei ???“ gewesen zu sein. Auch wenn die Hierarchien klar waren (der Erste Detektiv sagt, wo es langgeht und ist schlauer als anderen) und auch die sportliche Leistungsfähigkeiten der aktiven Detektive wohl eher überhöht wurde (der „Zweite“, Peter Shaw, hat wohl so ziemlich jeden Erwachsenen im Wettlauf abgehängt), so kommt das wohl noch lange nicht an TKKG heran.

Da musste ich natürlich einfach mitlesen, als Spiegel Online den TKKG-Autor Rolf Kalmuczak interviewte. Auf die Frage, warum die Serie wohl so erfolgreich gewesen sei, wusste er klare Antwort: Die Zielgruppe, Jugendliche zwischen 9 und 13 Jahren, verschlingen die mittlerweile über 100 Folgen geradezu, „weil sie spannend sind und weil sie Figuren darin finden, mit denen sie sich gerne identifizieren.“ Fragt sich nur, mit was sie sich da so identifizieren. Der coole Macker ist Tim bzw. Tarzan, der als absoluter Übermensch auftritt. Er ist klug und allwissend, gleichzeitig aber auch ein sportliches Übertier, das problemlos jeden Gegner niederstreckt. Gleichzeitig sprüht die Serie nur so vor Vorurteilen und Clichees. Das hat auch schon so mancher Fan registriert, und so schreibt ein alter Fan beispielsweise im TKKG-Board: „Nachdem ich mittlererweile seit über 20 Jahren TKKG kenne und höre, fällt mir immer wieder auf wie pervers die Serie eigentlich ist. Die Feindbilder sind extrem naiv, körperliche Gewalt darf vermuteten Bösewichtern von den „guten“ TKKGs sowohl angedroht als auch angetan werden, TKKG sind an keine gesetze gebunden, sondern verletzen die Privatsphäre, verstoßen gegen Datenschutz, verdächtigen wahllos, brechen ein, beleidigen… naja.“ Nun sollte sich niemand die weitergehenden Bemerkungen des netten Menschen durchlesen, es bestünde die Gefahr von Übelkeit oder politischer Frustration. Aber immerhin wird so deutlich, dass die Probleme durchaus auch Fans auffallen. Auf Wikipedia gibt es übrigens auch eine ausführliche Kritik an TKKG, die letztlich auf ähnliches hinausläuft:

„Die TKKG-Geschichten, vor allem die frühen Folgen, benutzen häufig Klischees, um Verbrecher deutlich zu kennzeichnen. So sind Verbrecher oft an ihrem Äußeren zu erkennen (Narben, besondere Körper- und Gesichtsmerkmale etc.) oder durch ihre Herkunft (z. B. Südländer, Zigeuner), soziale Gruppenzugehörigkeit (Rocker, Punks, Obdachlose) oder den Beruf. Wolf bedient sich hier gesellschaftlicher und populärer Vorurteile und Stereotype, wie es in u.a. der Kinder- und Jugendliteratur häufig getan wird. Auf die Frage nach seiner häufigen Verwendung von Klischees (im Bezug auf seine Charaktere), verteidigt der Autor dies und antwortet weiter: ‚Das gehört einfach dazu, und irgendwie ist an Klischees ja auch immer etwas Wahres dran, oder?‘.

Besonders hervorstechend ist die oft extrem abwertende Kommentierung sozial schlechter gestellter Gruppen wie z. B. der Obdachlosen durch TKKG selbst. Andererseits treten TKKG von Anfang an auch für Mitglieder oder ganze Minderheiten ein. Dabei werden positive Figuren z. B. ethnischer Minderheiten vorgestellt, die den Klischees anderer Folgen widersprechen. Bei diesen Widersprüchen fällt vor allem das unstimmige Verhalten der TKKG-Freunde selbst auf, die einerseits moralisierend und als Gutmenschen auftreten, jedoch andererseits durch ihr eigenes Vorverurteilen und oft bemühtes ‚der Zweck heiligt die Mittel‘-Vorgehen ihre selbstbestimmte Moral umgehen. Ein weiteres Beispiel ist die Rolle der Frau. Obwohl Wolf oft starke Frauenfiguren zeigt und die TKKG-Freunde für eine Gleichberechtigung der Geschlechter eintreten, wird Gaby bei gefährlichen Situation oder bei Unternehmungen zu später Stunde regelmäßig aus der Gruppe ausgegrenzt (Tarzan/Tim: ‚Mädchen in deinem Alter gehören um diese Uhrzeit ins Bett‘).“

Laut unbestätigten Gerüchten sprechen die Bösen in der Folge „Anschlag auf den Silberpfeil“ jiddisch und haben Gaunernasen (kennt die Folge jemand? Hätte das gerne mal bestätigt…).

Der Autor sieht das selbstverfreihlich etwas anders: „TKKG steht für alles, was dem Erhalt der Welt dient und den Menschen hilft. In erster Linie heißt das: Nichtweggucken, sondern sich mit Couragiertheit einsetzen. Es gibt auch keine Ausgrenzung bei TKKG, keinen Rassismus. Meine vier Protagonisten unterscheiden zwischen Kriminellen und anständigen Menschen. Das ist der einzige Maßstab für sie. Sie kennen keine Vorurteile irgendwelcher Art.“ Womit es dann wohl der Autor sein muss, der Vorurteilsbeladen durchs Leben wankt. Da hilft es auch nichts, wenn die vier HeldInnen zwischendurch auch mal armen, hilflosen AusländerInnen aus der Patsche helfen. Das kann im Zweifelsfall nämlich selbst ein rassistischer Ressintement sein und verstellt den Blick auf die Funktionsweise des Vorurteils: Mensch ist gar nicht prinzipiell gegen AusländerInnen oder Obdachlose. Mensch ist höchstens gegen VerbrecherInnen. Und wenn die dann unglücklicherweise dauernd entweder obdachlos oder ohne deutschen Pass sind, dann muss es doch wohl erlaubt sein, das auszusprechen. Der mutige Rebell lässt grüßen!

Zu dem Rebellentum kommt dann allerdings noch eine kräftige Portion politischer Naivität. Den oben zitierten Spruch, Mädchen gehörten spätabends ins Bett, wird er wohl gar nicht so gemeint haben: „Eine Frau darf bei mir alles, was sie will. Sie hat alle Rechte, aber, und das ist ganz entscheidend, sie muss nicht alles tun, was auch Männer tun. Es gibt ganz klar eine Rollenverteilung, die sich auch mal umkehrt, indem Männer das Baby hüten und die Wäsche waschen. Mein Ding wäre das zwar nicht, aber wenn eine Frau die Aussicht auf einen besseren Job hätte als der Mann, dann wäre es Blödsinn, von seinem Hilfsarbeitergehalt zu leben.“ Will sagen: solange der Mann prinzipiell die Hosen anbehält, darf die Frau gnädigerweise auch mal arbeiten gehen. Aber das niemand auf die Idee kommt, die grundsätzliche Rollenverteilung in Frage zu stellen. Denn die Fürsorge für andere liegt den Frauen ja bekanntlich im Blut: „Frauen haben eine viel breitere emotionale Palette, die sie besser zum Ausdruck bringen können als Männer. Eine kluge Frau ist einem ebenso klugen Mann deshalb automatisch überlegen.“ Männer hingegen „sind mit einer größeren Nüchternheit ausgestattet und deshalb die besseren Logiker. Ihr Orientierungssinn ist besser, und sie können besser einparken.“ Was dann ja endlich mal geklärt wäre. Bei der Gelegentheit rutscht ihm dann auch das Ganze Geheimnis um die Klischees in der Serie heraus: „Klischees sind der erste Ansatzpunkt, um sich einer Sache zu nähern. Sie sind wie eine Statistik. Darin stecken Erfahrungen, die etwas Grundlegendes ausdrücken. Natürlich kann ein Klischee im Endeffekt einer Sache nie gerecht werden, andererseits können Klischees auch dienlich sein. Für meine ‚TKKG‘-Zielgruppe muss ich beispielsweise auf sie zurückgreifen. Würde ich alle Figuren mit einem differenzierten Innenleben ausstatten, würde ich die Leser überfordern.“ Nein wirklich, auf rassistische, sexistische und antisemitische Ressintements zu verzichten, das würde den gewöhnlichen Deutschen vermutlich wirklich überfordern. Aufklärung jedenfalls wäre etwas anderes.

Alles in allem also eine ziemlich ekelige Veranstaltung. Da bleibe ich doch lieber bei Benjamin Blümchen, Bibi Blockberg und Pippi Langstrumpf, die sind wenigstens AnarchistInnen. (1|2|3|4