Achtung! Erkenntisgefahr!

Die neue „Unterschichtsdebatte“ ist schon toll. Alleine schon deshalb, weil alle so tun, als hätten sie vorher gar nicht bemerkt, das es frapante Unterschiede in den Einkommens- und Lebenschancen in Deutschland gibt. Die große Herausforderung für Politik und meinungsführende Medien besteht nun darin, das Ruder so einzustellen, das alles im Lot bleibt. Es dürfen keine Forderungen herauskommen, die im Widerspruch zur bisherigen Politik oder zur geplanten Fortsetzung dieser Politik stehen.

Die erste Maßnahme auf diesem Weg ist die Einführung einer ganz spezifischen Sprachregelung. Einer Sprachregelung zumal, die alle Probleme schon in sich trägt. Die FAZ etwa beginnt einen Bericht über „Das Proll-Problem“ mit dem folgenden Bericht:

„Vor einiger Zeit kam es im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee zu einem semantischen Konflikt. Dort las der Autor Clemens Meyer aus seinem vielgelobten Roman „Als wir träumten“, in dem es um eine Clique gestrauchelter Jugendlicher im Leipzig der Nachwendezeit geht. Der Moderator des Abends nannte diese Jungen beharrlich Angehörige der „Unterschicht“.

Dem Autor, dessen ganzer tätowierter Habitus zeigte, daß ihm die von ihm beschriebenen Verhältnisse nicht fremd sind, gefiel das gar nicht. Er verbat sich das Wort mehrfach, was den Literaturredakteur überhaupt nicht davon abhielt, es wieder zu sagen. Man ging verstimmt auseinander.“

Und die Bild-Zeitung bringt das Ganze auf den beabsichtigten Punktund lässt ihren Kommentator Alfred Draxler die folgenden Worte in die Tastatur hämmern:

Unterschicht. Ein schreckliches, ein erschreckendes Wort.
Es klingt wie: Ihr da unten, im Sumpf der Gesellschaft, abgestempelt als Verlierer und Verlorene, als Habe- und Taugenichtse.
Und deshalb ist es auch ein so furchtbar gefährliches Wort. Mit ihm könnten Millionen in eine Schublade gezwängt werden, in die sie nicht gehören.
Denn Armut muss keine Schande sein.“
(Hervorhebungen im Original)

Nun lässt sich dieser Satz ganz pauschal aus mehreren Richtungen betrachten: einerseits wäre es natürlich wirklich falsch, den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, dafür nun auch noch die Schuld zu geben. Nur tut das mit dem Wort „Unterschicht“ so noch niemand. Diese Interpretation wird erst dann wichtig, wenn die Deutung, die Leute wären doch ohnehin selber Schuld an ihrem Schicksal, vorausgesetzt wird. Sie steht über allem, dient als Folie – und lässt die Rede von der „Unterschicht“ als menschenfeindlich erscheinen. Wer von Unterschicht redet, der kritisiert anscheinend nicht mehr die Gesellschaft, die Menschen zur Unterschicht macht, sondern er nimmt die Menschen selber unter verbalen Beschuss. Dagegen hieße es doch, an der einer ebenso alten wie treffenden Formulierung Adornos festzuhalten: „Die Glorifizierung der prächtigen underdogs läuft auf die des prächtigen Systems heraus, das sie dazu macht.“ Ironie der Geschichte: Adorno formulierte diese Worte als Affront gegen kritische, linke Intellektuelle, die sich in einer Umwerbung der ArbeiterInnenklasse ihrer eigenen intellektuellen Redlichkeit versicherten. Immer dann, wenn die Menschen als bewusste, tätige Meister ihres Lebens beschrieben werden – mal in ihrer Eigenschaft als ArbeiterInnen, mal in ihrer Eigenschaft als Deutsche – treffen sich postmodernes Bewusstsein und Postoperaismus.

Draxler jedenfalls setzt seinen Kommentar ganz im Sinne des eben herausgearbeiteten fort:

„Viele Menschen, die fleißig gearbeitet haben, werden durch den Verlust ihres Jobs an die Armutsgrenze gedrückt. Viele Rentner. Und viele Alleinerziehende, die sich durch ihr Leben kämpfen.
Unterschicht, dieser Ausdruck darf nur für Menschen gelten, die sich aufgegeben und zwischen Bier, Sofa und Fernsehen eingerichtet haben. Deren einziger Ehrgeiz oft im professionellen Missbrauch von Sozialleistungen besteht. Und die den Satz nicht kennen, der Generationen vorwärts getrieben hat: „Du sollst es mal besser haben.“

Wir lernen: der brave Deutsche als solcher will unbedingt arbeiten – weshalb sein Ruf nicht beschmutzt werden darf. Alle anderen allerdings werden zu den wahren Schuldigen erkoren: diejenigen, die sich nicht anstrengen. Wobei dann das mangelnde Bemühen um sozialen Aufstieg (auf den viele realistischerweise schon gar nicht mehr hoffen) mit dem „professionellen Missbrauch von Sozialleistungen“ kurzgeschlossen. Und schwups, schon ist die schöne, heile Bild-Welt wieder in Ordnung. Schuld haben immer die anderen.

Der zweite Argumentationsstrang setzt weniger auf Sprachpolitik, gibt sich dafür um so bemühter, den bisherigen politischen Kurs aufrechtzuerhalten. Ausgangspunkt bietet die ja nicht falsche Erkenntnis, dass es bei „Armut“ nicht nur um finanzielle Fragen, sondern immer auch ganz allgemein um gesellschaftliche Teilhabe, um Kultur, Bildung und mehr geht. Bild zitiert hierzu „Unions-Fraktionschef Volker Kauder“, denn der „lehnt weitere finanzielle Hilfen ab: ‚Es ist nicht der richtige Weg, die schlechte soziale Situation mit Geld zu verfestigen.‘“ Und bevor die verblüffte Kritiker so richtig weiß wie ihr geschieht, ist aus dem kritischen Einwand ein Grund geworden, die Sozialleistungen nicht erhöhen zu müssen. Stattdessen müssen die Leute – siehe oben – halt Arbeit kriegen. Und sei es nur kurzfristig: „EKD-Sozialexperte Wagner zu BILD: „Kurzfristig kann man nur durch die Vermittlung einfacher Jobs auf dem Bauhof oder in der Stadtgärtnerei helfen.“

Eine andere Variante der strategischen Diskurspolitik können wir bei Spiegel Online nachlesen. Während „CDU-Generalsekretär Pofalla ( … ) die Vorgängerregierung für die steigende Armut in Deutschland verantwortlich“ macht, hält Münte das für falsch: „Vielmehr habe Rot-Grün mit der Arbeitsmarktreform Menschen aus der Sozialhilfe geholt. Mit der Hartz- IV-Reform hätten Sozialhilfeempfänger eine Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalten.“ Ideologie ist nun aber beides: einerseits ist die Armut unter rot-grün auch nicht stärker gestiegen als zuvor unter schwarz-gelb. Und andererseits ist es reine Augenwischerei zu glauben, durch die Umbenennung der Sozialkasse (ALG II statt Sozialhilfe) und öffentliche Demütigungen würden die Betroffenen gesellschaftlich besser dastehen.

Völlig abstrus wird es dann aber, wenn wir dem Arbeitsminister weiter folgen: „Zugleich fordert der SPD-Minister größere Anstrengungen bei der Arbeitsvermittlung. Zudem müsse man auch denen, die arbeitslos seien und Schwierigkeiten hätten, sagen: ‚Ihr müsst euch anstrengen. Ihr müsst auch die Jobs nehmen, die wir zur Verfügung stellen können.‘“ Nun fragt sich allerdings, wo denn die weit über 4 Millionen Jobs sind, die da zur Verfügung gestellt werden, damit die Arbeitslosen sie auch annehmen können. Und wohin die ArbeitsvermittlerInnen da irgendwen vermitteln sollen, wenn es real an eben diesen Stellen ja gerade fehlt.


2 Antworten auf “Achtung! Erkenntisgefahr!”


  1. 1 Christine 17. Oktober 2006 um 13:59 Uhr

    Hi,
    sieht interessant aus, der Artikel.
    Aber ich kann ihn leider nicht lesen. Es tut in den Augen weh. Weiss auf schwarz ist schlimm zu lesen, besonders, wenns längere Artikel sind. Grau auf schwarz ist auf meinem Display überhaupt nicht mehr zu entziffern. Aua.
    Auf einem Bildschirm zu lesen ist sowieso unangenehmer als auf dem Papier, aber ein anständiges Design kann es erleichtern.

    Sehr interessante Themen hier, aber ich werde wohl trotzdem nicht wiederkommen. Schade.

  2. 2 herumspringen 23. Oktober 2006 um 11:44 Uhr

    Münte war letztens ja auch wieder groß, wie er total entrüstet im fernsehen behauptete, dass es nur realitätsferne soziologen sein könnten, die von unterschicht sprechen. gut, dass er so nah an dem realen leben ist.

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