Du bist Harald-Schmidt!

Das im Fernsehen meist Schrott läuft und die Leute im zweifelsfall dummer davor weggehen als sie sich davorgesetzt haben, scheint manchmal schon zum allgemeinen Wissensbestand geworden zu sein. Trotzdem setzen sich auch kluge Menschen immer wieder vor die Glotze. Warum? Weil es da ja auch Ausnahmen gibt. Harald Schmidt zum Beispiel.

Mein Prinzip auf der Bühne lautet schon immer: „Einschüchterung durch Halbbildung“. Um Eindruck zu schinden, genügt es, einenSatz mit folgender Aufzählung zu beginnen: „Jünger, Benn, Carl Schmitt …“ – dann starren die Leute schon ehrfurchtsvoll. Oder man lässt vor Publikum den Begriff „Vermehrungsmeute“ im Zusammenhang mit afrikanischen Bootsflüchtlingen fallen – da zieht der deutsche Kabarettzuschauer erschrocken die Luft durch die Zähne. Ich beruhige dann: „Keine Angst, ‚Vermehrungsmeute“ steht bei Canetti. Nobelpreis! Jude! Sie sind auf der sicheren Seite“ Zur Zeite habe ich neben „Masse und Macht“ von Canetti noch zwei Hauptklaubereiche: „Die Antiquiertheit des Menschen“ von Günther Anders und ein bisschen aus Nietzsches „Morgenröte“. Ich habe keine große Ahnung, ich habe aber ein gutes Gedächtnis.

Nun ist das mit der Halbbildung keine so furchtbar neue Erfindung. Auch Adorno schrieb über Halbbildung, die er die „Allgegenwart des entfremdeten Geistes“ nannte und für ein ebenso stink normales wie gruseliges Moment der bürgerlichen Moderne hielt. Bildung hatte für ihn immer etwas von Freiheit zu tun, mit der Fähigkeit der Einzelnen, sich gegenüber dem gesellschaftlichen Ganzen behaupten zu können. Klingt gut, klappt aber nicht. Weil, so Adorno, Bildung nicht bedingungslos sei. Als solche Bedingung hat sie „Autonomie und Freiheit, verweist jedoch zugleich, bis heute, auf Strukturen einer dem je Einzelnen gegenüber vorgegebenen, in gewissem Sinn heteronomen und darum hinfälligen Ordnung“. Is klar: Wer sich wirklich mit der Welt da draußen auseinandersetzen will, der braucht dazu Muße, die Möglichkeit, sich mal auf eine Sache einzulassen. Und inmitten von Arbeitsstress, Uni-Hektik und Bildzeitung fällt das – oh wunder! – halt schwer. Darum ist Bildung dann auch „zu sozialisierter Halbbildung geworden“. In ihr drückt sich aus, das die Leute irgendwie doch neben sich stehen und das auch noch toll finden. Das kommt vom Narzißmus: weil es gesellschaftlich total angesagt ist, ne coole Sau zu sein, wollen alle gerne die Größten sein. Leider sind sie in aller Regel nur mikrige, kleine Würstchen. Das tut dem Selbstbewusstsein nicht gut, weshalb der oder die Einzelne dazu neigt, sich einfach für was Großes zu halten. Zur Not eben einfach durch Identifikation mit irgendwas anderem. Der WG, wo so coole Leute wohnen. Der Uni, die ja echt voll die Elite-Uni is – oder eben Deutschland, wegen der Dichter und Denker.

Adorno konnte das natürlich viel schöner sagen. Er sprach vom „kollektiven Narzißmus“ und merkte an:

Halbbildung hat das geheime Königreich zu dem aller gemacht. Kollektiver Narzißmus läuft drauf hinaus, daß Menshcen das bis in ihre individuellen Triebkonstellationen hineinreichende Bewußtsein der ihrer sozialen Ohnmacht und zugleich das Gefühl der Schuld, weil sie das nicht sind und tun, was sie dem eigenen Begriff nach sein und tun sollten, dadurch kompensieren, daß sie, real oder bloß in der Imagination, sich zu Gliedern eines Höheren, Umfassenden machen, dem sie die Attribute alles dessen zusprechen, was ihnen selbst fehlt, und von dem sie stellvertretend etwas wie Teilhabe an jenen Qualitäten zurückempfangen. ( … ) Die Attitüde, in der Halbbildung und kollektiver Narzißmus sich verinen, ist die des Verfügens, Mitredens, als Fachmann sich Gebärdens“

Nun ist Adorno schon ein paar Järchen tot und vielleicht auch irgendwie schon überholt. Denn Schmidt behauptet ja gar nicht, mitreden zu wollen. Selber reden, das möchte er gerne („Meine Autoren werden eigentlich dafür bezahlt, mir in den Konferenzen beim Monologisieren zuzuhören“), zuhören schon weniger („Aber selbst in übelsten Testosteronfolterzeiten konnte ich mir noch nicht mal besoffen irgendwelchen Text länger als fünf Minuten anhören“) – und er glaubt auch nicht, irgendwie von irgendwas eine Ahnung zu haben. Schmidt ist stolz auf seine Mittelmäßigkeit und hat dafür auf dem Schirm, das mensch auch mit sowas groß rauskommen kann. Wer es nur wirklich will, der schafft es auch.

Die Welt ist ein Bluff und es kommt eben darauf an, hemmungslos mitzubluffen. Wie in der Wirtschaft. Da löst eine Finanzblase fröhlich die andere ab, und alle tun so, als wäre es kein Problem. Immer schön in die Kamera lächeln und weitermachen. Ansonsten ist die Sache ganz einfach:

Man sollte die gegenwärtig amtliche Meinung zu einem Thema kennen. Zwei biografische Daten eines wichtigen Vertreters dieser Meinung, dazu ein gutes Zitat. Ich lauere zum Beispiel schon lange auf eine Gelegenheit, den Satz anzubringen: „Also eigentlich war Novalis ja Bergbauingenieur“. Ein Hammersatz!

Der uns leider gar nix sagt. Aber darauf kommt es ja scheinbar nicht mehr an. Der Verweis auf die Halbbildung wird zum Befreiungsschlag dadurch, das er die Bildung als solche für Obsolet erklärt. Es gebe ohnehin, so Schmidt, „nur zwei lebende Deutsche, die ich als vollgebildet bezeichnen würde, und die in der Öffentlichkeit stattfinden: Habermas und Ratzinger.“ Habermas, das war der, der meinte, Marx sei überholt, Adorno ohnehin und ein gelegentlicher Krieg wie etwa im Kosovo doch eine ganz tuffige Sache. Und Ratzinger, das is der Typ der uns letztlich erzählen wollte, besser als Argumente oder Sozialstaat sei doch ohne das Gebot zu Jesus & Co. Und ja, bevor ich es vergesse, auch die Sache mit dem kriegerischen Islam war ganz großes Kino. Aber der Rest – haben alle keine Ahnung. Damit erledigt Schmidt das, was Adorno (der ja überholt ist) noch als Problem beschrieben hat. Das nämlich die Halbbildung sich immer an die Bildung als solche Klammert, ohne die Bildung nicht auskommt und letztlich schon ahnt, das es mit dem eigenen Bescheidwissen nicht so weit her ist. „Darum ist Halbbildung gereizt und böse; das allseitige BEscheidwissen immer zugleich auch ein Besserwissen-Wollen.“ Da steht Harald Schmidt drüber. Er erledigt das schlechte Gewissen, indem er die Bildung für obsolet erklärt. WEshalb dann auch auf ihn zutrifft, was Adorno schon 1959 formulierte: das nämlich Halbbildung all jene angreife, „welche irgend noch einen Funken von Selbstbesinnung bewahren.“

So passt Schmidt am Ende wunderbar zu dem reichhaltigen Reformfundus an den Hochschulen. Der Bachelor als institutionalisierte Halbbildung braucht den Kabarettisten, um die eigene Deklassierung überhaupt ertragen zu können. Vielleicht sind die Schmidt-Fans im Neon-Forum deshalb so begeistert ob des Worten ihres Meisters. Vielleicht haben sie aber auch gar nicht gemerkt, worum es geht.

Und da wundert es dann auch, das Schmidt seinerzeit bei der „Du-bist-Deutschland“-Kampagne mitgespielt hat. Wobei er dann, kurz vor Ende der Kampagne,doch noch ein bissel die Rolle des Abtrünnigen gespielt hat (siehe Bild rechts) – darin gefällt er sich scheinbar. Ob nun aber dieser Angriff auf die Entlassungswelle bei Daimler-Chrysler (auf die er das seinerzeit bezogen hatte) eher ein sozialkritischer oder ein plumper Angriff auf „die-da-oben“ war, das lasse ich mal dahingestellt. Soll ja kein Roman werden hier…

Noch eine weitere Parallele soll nicht unerwähnt bleiben: wenn Schmidt wie im obigen Zitat erst rassistische Witze auf Kosten von MigrantInnen macht, dann versucht er sich über die billige Analogie zu Elias Canetti zu retten. Weil er doch eigentlich ob der Blödheit seiner Aussage weiß. „Ich habe nichts gegen Ausländer“, so die Botschaft. „Mein bester Freund ist Ausländer.“ Und gerade da muss es doch mal gesat werden dürfen. Rein im Scherz natürlich. Nur um zu provozieren. Es hätte auch ein Witz über Blumen oder Vöglein sein können. Oder auch gerade nicht.


1 Antwort auf “Du bist Harald-Schmidt!”


  1. 1 - 11. Dezember 2006 um 2:24 Uhr

    du hast die bedeutung von „satire“ offenbar noch nicht verstanden.

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