Kapitalismus ist teuer

Ein ehemaliger ehemaliger Chefökonom der Weltbank, mit Namen Nicholas Stern, hat eine Studie über die ökonomischen Folgen der Umweltzerstörung veröffentlicht. Und da geht es hart zur Sache, wie Spiegel-Online berichtet:

Die Ökonomen um Stern mahnen, dass schon jetzt rund ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts – etwa 270 Milliarden Euro jährlich – ausgegeben werden müsse, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Geschehe das nicht, warnen sie unter anderem:

* Überschwemmungen infolge steigender Meeresspiegel könnten bis zu 100 Millionen Menschen obdachlos machen.
* Schmelzende Gletscher könnten für einen von sechs Menschen auf der Welt zu Wasserknappheit führen.
* Bis zu 40 Prozent aller Tierarten könnten ausgerottet werden.
* Trockenheiten und Dürre könnten Hunderte Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen machen.

„Unsere Handlungen in den nächsten Jahrzehnten könnten Risiken erheblicher Verwerfungen für die wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten später im Jahrhundert und im kommenden erschaffen“, warnt Stern.

Darum, so Stern, müsste die Sache mit der Klimaveränderung doch mal etwas ernsthafter angegangen werden. Schuld sind dabei wie immer die anderen:

Wenig überraschend stützt der Stern-Report die Position der britischen Regierung, dass die Hauptschuldigen am stetig wachsenden Kohlendioxid-Ausstoß mit in eine Lösung eingebunden werden müssten: Würde Großbritannien von heute auf morgen alle Kraftwerke abschalten, rechnet die Studie vor, so würde die daraus resultierende CO2-Ersparnis schon binnen eines Jahres durch die steigenden Emissionen in China zunichte gemacht.

Besonders China und die USA müssten für die Verschmutzung, die sie produzierten, „den Preis bezahlen“, sagte Stern. Seine Studie empfiehlt eine neue internationale Übereinkunft für das kommende Jahr. Eigentlich sollte eine Nachfolgeregelung für das Klimaschutz-Abkommen von Kyoto erst 2011 vereinbart werden. Dieses hatten beispielsweise die USA und China aber nicht einmal unterzeichnet.

Die gelbe Gefahr und die amerikanischen Heuschrecken gleichzeitig – das wird auch die deutsche Öffentlichkeit überzeugen. Die Debatte wird uns wohl also noch eine Weile begleiten. Dabei verschleiert diese Sicht gerade den wesentlichen Punkt in Sachen Umweltzerstörung: Umweltzerstörung ist keine neutrale Sache, die halt einfach stattfindet, weil sich Menschen komisch verhalten. Umweltzerstörung findet immer im Wechselspiel von Gesellschaft und Natur statt, und da ist es eben wichtig mal zu kucken, wie die (Welt-) Gesellschaft so mit der Natur umgeht. Und – Punkt zwei – nicht alle sind gleichermaßen von den Folgen der Umweltzerstörung betroffen.

Beginnen wir mit Punkt eins: in einem Gesellschaftsmodell, deren Basisprinzip die rastlose Vermehrung Eurostücken ist, kommt Umweltschutz schnell mal an seine Grenzen. Nicht, weil die Eurostücke so viele Ressourcen verbrauchen würden (dafür gibts ja Buchgeld), sondern weil die Kapitalakkumulation eben gerade darauf abzielt, immer mehr Gebrauchsgegenstände rauszuschmeißen. Nicht zu letzt vor dem Hintergrund der Produktivkraftsteigerung: Wenn ich mit immer weniger Arbeit meine Gebrauchsgegenstände herstellen kann, dann muss ich die Produktion ausdehnen, um die Reichtumsproduktion (die sich ja an der Verausgabung von Arbeitskraft misst) aufrechterhalten zu können. Da werden dann haufenweise unnötige Dinge hergestellt, die aber stets auf Kosten des globalen Energieverbrauchs gehen. Darüber hinaus profitieren die Menschen dann ganz unterschiedlich von diesen hergestellten Dingen. Die einen konsumieren viel, die anderen vergleichsweise weniger. Das gilt innerhalb eines Staates, aber auch weltgesellschaftlich konsumieren einige Regionen vergleichsweise mehr als andere.

Mit Punkt zwei sieht es dann schon wieder anders aus: von Umweltzerstörung als Folge dieser verstärkten Konsumtion sind alle in unterschiedlicher Weise betroffen. Manche haben halt die Mittel und Ressourcen, sich abzusichern, den eigenen Strand zu schützen und dergleichen mehr. Andere haben die eher nicht. Wer in Slums wohnt, ist von Naturkatastrophen und Seuchen aufgrund der dichteren Siedlungsfrequenz eher stärker betroffen als Leute in stabilen Häuschen in mitteleuropäischen Vorstadtsiedlungen. Wüstenbildung trifft vor allem Menschen in Afrika, nicht aber in Großbritannien. Ihr versteht was ich meine.

Falls nicht, wird das wohl deutlich, wenn wir lesen, was die Süddeutsche dazu schreibt:

Sonst drohten Überflutungen, die bis zu 100 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben würden. Das Schmelzen von Gletschern könnte zu Wassermangel führen, von dem etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung betroffen wären – insbesondere in Indien, China und den Anden-Ländern.

Bis zu 40 Prozent aller Arten könnten aussterben und Trockenheiten würden zehn Millionen – vielleicht sogar Hunderte von Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen. Allein in Afrika, das besonders betroffen wäre, müssten hunderte Millionen mit Ernteausfällen rechnen.

Nun bleibt die Frage, wer denn wie zur Verringerung der Umweltzerstörung beitragen soll. Christoph Spehr hat dazu am Anfang seines Buches „Die Ökofalle“ ein schönes Beispiel:

Nach dem Ende der Bauernkriege in Deutschland und Österreich, also in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, machten es sich die Feudalherren zur Gewohnheit, über die Verschwendungssucht der Bauern zu lamentieren. Die Bauern seien triebhaft und gedankenlos und verpraßten alles. Anstatt zurückzulegen und zu investieren, feierten sie andauernd sinnlose Feste und äßen ihre Habe buchstäblich auf.

Die Bauern feierten in der Tat gern. Das bäuerliche Jahr kannte lange Zeiten schmaler Kost, aber auch Zeitpunkte des Überflusses; und dieser Überfluß wurde gemeinsam konsumiert. Bei wohlhabenderen Bauern und in guten Jahren konnte ein solches Fest mehrere Tage dauern, bis alles gegessen und getrunken war. – Dies ärgerte die Feudalherren ungemein. Die Bauern sollten gefälligst sparen anstatt zu feiern; ihren Überschuß auf den Markt bringen; dadurch die Wirtschaft ankurbeln und ihrer Herrschaft in schlechten Zeiten nicht auf der Tasche liegen. Die Bauern wollten nicht hören; die Fest wurden verboten.

Das Verbot der Feste war ein Musterbeispiel für verordneten nachhaltigen Konsum. Für die Bauern war es wahrscheinlich sogar gesünder, sich nicht mehr periodisch ungeordnet vollzufressen und zu betrinken; das Verbot war vernünftig. Der Verlust an bäuerlicher Kultur, an sozialem Leben, der damit einherging, schlug sich jedoch in keiner ökonomischen Statistik nieder. Natürlich führte der neue, vernünftig begrenzte Lebensstil der Bauern nicht dazu, daß sie weniger gearbeitet, weniger angebaut, mehr Land der Brache überlassen oder mehr Korn am Halm hätten stehen lassen. Denn die Feudalherren verdoppelten ihre Anstrengungen, sich das anzueignen, was früher einfachin den Bäuchen der Bauern verschwunden war. Sie machten es zu Geld, rüsteten auf, schufen neue bürokratische Apparate und verbesserte Heere, die den Bauern noch mehr vernünftige Selbstbeschränkung aufzwangen. Schließlich gingen sie dazu über, den Anbau selbst wissenschaftlich zu planen. Die Ausbeutung der Flächen nahm zu, nicht ab. Nur Feste gab es keine mehr.

Die heutige Propaganda für Nachhaltigkeit lässt sich, die Bereitschaft zur historischen Parallele vorausgesetzt, genau so lesen. Das Papier, auf dem zukunftsfähige Modelle globaler Gerechtigkeit und ökologischer Entspannung entwickelt werden, ist geduldig. Was aber auf der Seite der praktischen Umsetzung wirklich geschieht, was tatsächlich die Form von Gesetzen oder Programmen annimmt, richtet sich hauptsächlich darauf, daß die Menschen mit weniger auskommen sollen als bisher. Daß sie vernünftiger produzieren und verbrauchen sollen, daß heißt mit weniger Aufwand und Folgekosten, auch mit weniger großen Rosinen im Kopf. Die Leute, die mit weniger auskommen sollen, kontrollieren nicht, was mit dem Ersparten geschieht. Sieh können nicht beeinflussen, wer sich die ökologischen Spielräume unter den Nagel reißt, die von ihnen freigemacht werden. Es wird auch nicht weniger produziert, ganz im Gegenteil: Es passen jetzt mehr vernünftige Produktionsprozesse unter die gleichen ökologischen Belastungsgrenzen. Und diese Belastungsgrenzen, wissenschaftlich berechnet, werden weiter ausgereizt.

So war das auch in Deutschland, als rot-grün Ende des letzten Jahrhunderts die „ökologisch-soziale Steuerreform“ durchgepeitscht hat. Die Wirtschaft war weitgehend von den Mehrbelastungen ausgenommen, aber die Leute sollten weniger heizen und Fahrgemeinschaften bilden auf dem Weg zur Arbeit. Belastet wurde durch den höheren Benzinpreis die Länge des Weges zur Arbeit, entlastet wurde durch die Senkung der Sozialabgaben einerseits die Wirtschaft, andererseits und überproportional die Besserverdienenden. Die Spehrsche „Ökofalle“ ist von 1996, die „ökologisch-soziale Steuerreform“ von 1998. Alles wie angekündigt.

Was jetzt auf uns zukommen wird, ist somit klar. Privatkonsum einschränken, die ökonomische Akkumulationsprozesse schützen. Wetten?