Archiv für Oktober 2006

Reinheit deutscher Sprache

Zwischendurch gibt es immer mal wieder ein paar Wahnsinnige, die auf die Idee kommen, die deutsche Sprache retten zu müssen. Der „Verein Deutsche Sprache“ ist auf diesem Feld wohl leidlich bekannt, wird doch dort schon seid Jahren und mit immer wiederkehrenden Medienauftritten begleitet die Hetze gegen das „Denglish“ kunstvoll in Szene gesetzt. Dabei ist der Verband allerdings gar nicht gegen jeden Anglizismus, mensch ist ja nicht dogmatisch: “ Wir tolerieren aber einige englische Ausdrücke wie Laser, Jeans, Computer, dopen, surfen, Team, Stress, internet wenn sie international sind und sich in das Laut- und Formensystem der deutschen Sprache einordnen lassen.“ Was ja auch für das Wort „Workshop“ gelten würde, für den gerade händeringend Ersatz gesucht wird. Aber gut, wir wollen es nicht übertreiben mit der Logik. Als Ausgangspunkt wollen deutschen Sprachfans dabei aber nicht eine irgendwie geartete deutsche Borniertheit setzen, sondern ein inter-europäisches Interesse, wie sie in ihren „Sprachpolitischen Leitlinien“ betonen: “ Immer mehr Sprecher und Schreiber in Europa übernehmen angloamerikanische Wendungen in ihren Sprachgebrauch. Diese Entwicklung ist nicht nur eine Modeerscheinung – sie schwächt vielmehr auch die sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit der europäischen Länder bis hin zur politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Abhängigkeit Europas von den USA. Die sprachliche Eigenständigkeit als wichtigstes Merkmal der wirtschaftlichen und kulturellen Selbstbehauptung der europäischen Länder droht so allmählich verloren zu gehen. „ Nun ist das englische ja doche eine tendenziell eher europäische Sprache. So schlimme kann das also gar nicht sein. Aber vermutlich sind die Briten als alte Angelsachsen da ein anglo-amerikanisches Bündnis eingegangen, um das „alte Europa“ ans kulturelle, politische wirtschaftliche Messer zu liefern. (mehr…)

Deutsche Tugenden

Nun ist es also raus. Nachdem jahrelang nicht nur das statistisch relevante führen von Angriffskriegen den deutschen Anti-Amerikanismus unterfütterte, kam vor einigen Jahren die menschrechtswidrige Praxis in amerikanischen Foltergefängnissen hinzu. Unter den Stichworten „Guantanamo Bay“ und „Militärgefängnis Abu Ghraib“ wurden bis in Soziologie-Seminare hinein Debatten über den Charakter amerikanischer Investigationspraxis geführt. Das die ganze Sache so nicht wirklich aufgeht, war schon damals klar. So gab es beispielsweise den Historiker der Bundeswehrhochschule in München, Michael Wolffsohn, der im Fernsehen stolz bekundete, der hielte Folter als Mittel gegen Terroristen für legitim. Und es gab den stellvertretenden Polizeipräsidenten von Frankfurt, Wolfgang Daschner, der im Entführungsfall Jakob von Metzlar dem Verdächtigen Folter androhen ließ, solle er den Aufenthaltsort des Kindes nicht preisgeben. (vgl. dazu etwa: Petra Haarmann: Das Bürgerrecht auf Folter. In: Exit 2) (mehr…)

Mal wieder: Schule und Geschlecht

Der gesellschaftliche Roll-Back schreitet voran. Früher gab es mal den Feminismus, aber den hat Eva Hermann für erledigt erklärt. Stattdessen veranstaltet Manndatt e.V. heute eine Jugenkonferenz. Damit allerdings ist das Elend noch lange nicht vorbei, ganz augenscheinlich hat es damit gerade mal angefangen. Die taz zumindest greift heute noch mal ganz offensiv die Frage auf, ob Jungen nicht vielleicht doch in der Schule benachteiligt werden. Die Grundschullehrerin Astrid Kaiser etwa versucht das zu erläutern, und zwar am „Beispiel Rechtschreibung in der Grundschule. Jungen können andere Wörter gut schreiben als Mädchen. Fußball, Gespenst, Computer. Wörter eben, die Jungen emotional nahe sind. Doch dieser Wortschatz kommt in der Leistungsbewertung der Grundschulen gar nicht vor. Stattdessen müssen die Kinder im Diktat süßliche Gedichte schreiben. Rund um Sonne und Wiesen. Texte, die Mädchen entsprechen. Bei Diktaten über böse Gespenster, die durch die Burg sausen, hätten Jungen bessere Noten.“ (mehr…)

Über, unter oder gleich ganz weg?

Juli Zeh ist ein Begriff, oder? Sie ist, für alle die sich da nicht so auskennen, eine von diesen hoffnungsvollen deutschen Nachwuchsschriftstellerinnen, hat das Schreiben in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut gelernt und gilt als irgendwie links-liberal, warum weiß niemand so genau. So richtig an der Uni war sie auch mal, Jura hat sie da studiert. Völkerrecht war ihr Fachgebiet, Schwerpunkt nation-building.

Und was so eine gelernte nation-builderin ist, setzt das einmal erworbene Humankapital natürlich umgehend in schriftstellerische Glanzleistungen um. Für solcherlei Späße zu haben ist ja bekanntlich die Zeit, die sich dabei vermutlich unheimlich hip fühlt. Die nation jedenfalls, die Juli Zeh gerne builden möchte, ist die Deutsche. Die ist zwar schon da, könnte aber etwas Aufmunterung gebrauchen. Meint Juli Zeh. (mehr…)

Wie ich das Subjekt lieben lernte

In Werftpfuhl bei Berlin, in der Bundesbildungsstätte der Falken, dem Kurt-Löwenstein-Haus, fand unter dem Titel „Wiederentdeckung der Dialektik im Neoliberalismus“ die Herbstakademie des BdWi statt. und dargeboten wurde eine Mischung aus philosophisch-theoretischen Erörterungen und empirischem Material zu den Widersprüchen in Ideologie und Alltagshandeln der Menschen. Klingt spannend, gelle? Drum bin ich da auch hingefahren und habe dieses Block für einige Tage unbeaufsichtigt gelassen. Nachdem ich nun wieder zurück bin, hat sich allerdings der leise Zweifel eingeschlichen, das die Sache nicht halten konnte was sie versprach. (Einen anderen Seminar-Bericht gibt es hier, einen dritten hier)

Wenn es um eine Wiederentdeckung von Dialektik geht, und das mit dem Ziel, die aktuellen Strukturreformen analytisch denken zu können, dann hätte sicherlich mal eine genauere Klärung darüber not getan, was genau denn Dialektik nun eigentlich sein soll. Es gab dazu in verschiedenen Vorträgen, etwa von Frieder Otto Wolf (Dialektik nach der Postmoderne), Alex Demirovic (Dialektik ist an der Zeit) oder Wolfgang Fritz Haug (Dialektik in Theorie und Praxis) zwar das Versprechen, diese Klärung vorzunehmen, tatsächlich erfolgt ist sie allerdings nicht. (mehr…)