Wagner tötet Eisbären

„Unsere Erde hat Fieber!“ Mit diesen Worten beginnt der Exklusivbericht von Al Gore in der heutigen Bild-Zeitung. Das unser Planet aber erhöhte Temperatur hat, bleibt nicht ohne Folgen für seine Bewohner: „Eisbären ertrinken.“ Wir sind geschockt! Das ist ja fast wie damals:

„Das Überleben unserer Zivilisation und die Bewohnbarkeit der Erde stehen auf dem Spiel. Denken Sie daran, was in der Krise des weltweiten Faschismus geschehen ist. Zu Beginn war auch die Wahrheit über Hitler unbequem.“

Nun wusste ich gar nicht, das Eisbären zum originären Teil menschlicher Zivilisation gehören. Und überhaupt: die Eisbären sind die Juden von heute? Da scheint mir doch einiges durcheinander zu gehen. Und selbst als Vergleich in der Umweltpolitik taugt der Vergleich recht wenig. „Sparen für den Führer“ hieß es damals immer, wie Christoph Spehr im gleichnamigen Kapitel seines Buches „Die Ökofalle“ berichtet:

„Das Sammeln und Trennen von Müll war ein umweltpolitisches Exerzierfeld der Nazis. In einigen Gauen wurde systematisch Jagd auf verwertbare Abfälle gemacht, und die Schulen waren eine Schaltstelle dieser Mülljagd. Papier, Korken, Tuben, Eisenteile, ja sogar Knochen wurden auf den Schulhöfen in sogenannten Schulvorsammelstellen getrennt. ‚Dauernd hinterherjagen‘ sollten die SchülerInnen den Altstoffen – nach dem Willen des Reichskommissars für Altmaterialsammlung, Hans Heck. 1944 protestierte der Regierungspräsident von Stade energisch dagege, daß die SchülerInnen kriegswirtschaftlich bedeutsame Gebrauchsgegenstände als Altmaterial zwangseinsammelten, um im Punktesystem des schulischen Sammelwettbewerbs brillieren zu können. Vor dem jugendlichen Übereifer, der sich im Einklang mit dem nationalen Volkswohl wusste, schien kaum etwas sicher zu sein.

Ökologie muss nichts Tolles sein. Die Beschäftigung mit Ökologie und die Durchsetzung praktischen Umweltschutzes sind nicht das Privileg von sozialen Bewegungen, die eine emanzipatorische Politik anstreben. Die Existenz ökofaschistischer Theorien und Bewegungen ist kein Ausrutscher, ist weder ein oberflächliches taktisches Manöver noch das Aufgreifen an sich richtiger Probleme in einem falschem Kontext. Es gibt eine in sich logische, kohärente faschistische Ökologie. Der Nationalsozialismus in Deutschland, der italienische und der japanische Faschismus haben sie angewandt.“

Die faschistische Ökologie beruhte auf einem simplen Gedanken: damit das Vaterland in aller Welt erfolgreich Krieg führen und Menschen vernichten kann, muss die Bevölkerung mit den natürlichen Ressourcen schonend umgehen. Denn dann kann mehr Krieg geführt werden. Was ja Ziel der ganzen Veranstaltung ist. Ganz ähnlich läuft auch der neue Nachhaltigkeits-Diskurs. Auch hier sollen sich die Menschen einschränken, an eine Änderung der globalen Produktions- und Handelsmechanismen ist nicht mal im entferntesten gedacht.

„Wir können die Welt retten, wenn wir unser Leben verändern!“ schreibt Al Gore in Bild. Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel meldet sich zu Wort: Um die Welt zu retten „muss die EU wieder eine Vorreiterrolle übernehmen“. Denn es geht voran gegen den gemeinsamen Feind. Nein, nicht Hitler, wie noch eben bei Al Gore. Ganz im Gegenteil: „Gemeinsam müssen wir auch die Amerikaner zum Mitziehen bewegen.

Das hören die Deutschen gerne. Wenn die Amis und ihre Politik an all dem Schuld sind, dann bleibt das traute deutsche Heim in Frieden. So toll viele das mit Faschismus auch gefunden haben, auf ihre Privilegien möchten sie dann doch nicht verzichten. Nicht so richtig. Darum hat Bild auch – mal wieder – Post von Wagner gekriegt. „Lieber schöner, blauer Planet“ ist die kurze Mitteilung vom Bildzeitungs-Clown an die Erde betitelt. Und dann geht’s in die vollen:


„Ich als Autofahrer, Kühlschrankbesitzer, Zeitungsleser, Mallorca-Flieger, Steak-Esser, wehre mich dagegen, Dein Mörder zu sein.

Ich lebe auf dem Planeten, wie ich lebe. Was soll ich denn tun, wenn mein Bruder, 400 km von mir entfernt, krank ist? Zu Fuß hinlaufen oder mich in meinen Mercedes setzen?

Ich bin Junggeselle, kann nicht kochen, ich taue mir meine Pizzas auf. Bin ich deshalb ein Umwelt-mörder? Ich habe als unfreundlicher Mensch keine Gäste zu Hause, deshalb gucke ich Fernsehen. Alles schädlich für die Erderwärmung?

Was sollen wir tun? Ich denke, wir sollten in Ruhe weiterleben. Morgens geht wieder die Sonne auf – und wenn nicht, dann werden wir Menschen die Tapfersten sein.“

Wagner tötet kleine süße Eisbären mit seinem Mercedes. Das ist dann die andere Seite der Medaille. Da eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse per se als Möglichkeit nicht in Frage kommt und persönliche Einschränkungen ja auch immer irgendwie unangenehm sind, wird einfach auf stur geschaltet. Mir doch egal. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Einfach weitermachen. Das Wagner (Mann) als Junggeselle (alleine) Probleme hat, seine tägliche Reproduktionsarbeit zu organisieren, ist schon irgendwie klar. Deshalb „taue ich mir meine Pizzas auf“. Auftauen ist ja erstmal nicht so besonders umweltschädlich. Schmeckt aber auch nicht so gut. Andere hingegen nehmen ihre Pizza und machen sie im Backofen warm. Das ist schon weniger umweltfreundlich, schmeckt dafür aber besser.

Es bleibt da aber ein Unbehagen. Denn natürlich ist der Wahn, jede und jeder müsste ein eigenes Auto haben und damit ordentlich rumcruisen, schon irgendwie nicht besonders umweltschonend. Nur kommt der halt nicht aus dem Nichts, sondern hat einen rationalen Grund. Wer jede Arbeit annehmen soll, muss auch bereit sein, da hinzufahren. Es ist ja nicht nur die Fahrt zum kranken Bruder, es ist die tägliche Gurkerei zur Arbeit. Dienstfahrten. Lkw’s, die von Milch aus Baden-Württemberg nach Schleswig-Holstein bringen, weil das wirtschaftlich grade Sinn zu machen scheint. Bundeswehrtransporter, die durch Afghanistan dengeln. Das hat natürlich etwas damit zu tun, wie wir unsere Gesellschaft eingerichtet haben. Damit, das wir Arbeitsgesellschaft haben, das wir in einer Gesellschaft leben, in der patriarchale Problemlösungsmechanismen vorherrschend sind, in der ökonomische ‚Vernunft‘ zählt und dergleichen mehr.

Ökologie und ökonomische Vernunft passen nun aber einmal nicht zusammen. Da lässt sich nichts dran rütteln. Denn ökonomische Vernunft braucht Wirtschaftswachstum und Wirtschaftswachstum verbraucht Natur. Andererseits macht es aber auch nur wenig Sinn, Ökologie zum alleinigen Zweck zu erklären. Das ist auch nicht viel besser und ist nur allzuhäufig eher eine Drohung für die Menschen denn ein Angebot zur Befreiung. Vielmehr wäre es wichtig, stets auf die Mechanismen zu verweisen, mit denen diese Gesellschaft geradezu strukturell auf Naturzerstörung verweist. Um Formen gesellschaftlicher Kooperation zu entwickeln, in denen wir überhaupt mal selbst darüber bestimmen können, was wir wollen und was wir nicht wollen, in denen die Entscheidungen nicht einem abstrakten Prinzip untergeordnet sind, sondern menschlicher Selbstreflektion und bewusster Setzung von Prioritäten. Oder so ähnlich. Jedenfalls muss das Ding mit dem Kapitalismus weg. Ganz eindeutig.