Rauchen und Emanzipation

Es gehört zu den Gewissheiten linksradikaler Politik, für die Freiheit des Einzelnen einzutreten. Ebenso gehört es zu ihren Gewissheiten, neoliberale und neokonservative Argumentationsweisen innerhalb herrschender Diskurse aufzudecken. Ein Beispiel dafür ist der unermüdliche Einsatz vieler Linker für das Rauchen. So analysierte etwa Jörn Schulz unter dem Titel „Lieber süchtig als züchtig“ in der Jungle World (die übrigens gerettet gehört, auch wenn sie sich wohl selber in ihre Position geboxt haben dürfte; aber sehet trotzdem das tolle Bildlein rechts) die Situation dahingehend, das die Herausforderungen des globalen Kapitalismus eine fitte und stets einsatzfähige Arbeitnehmerin verlangen würden, die nie krank werden und stets Höchstleistungen bringe.

„Der Kapitalismus schadet bekanntlich der Gesundheit. Es wäre jedoch der Produktivität abträglich, in der Gesundheitsförderung jene Risiken zu erwähnen, denen Lohnabhängige durch den Produktionsprozess und dessen Folgen ausgesetzt sind. Über das Gesundheitsrisiko Arbeit sprechen die Vertreter von Staat und Kapital nur ungern. Und als bekannt wurde, dass in Deutschland mehr als 60 000 Menschen pro Jahr am Feinstaub sterben, folgte dieser Erkenntnis nicht etwa eine Kampagne gegen asoziale Autofahrer, die unschuldige Kinder am Straßenrand mit Abgasen einnebeln. Finanzminister Hans Eichel befand vielmehr, die Diskussion werde »zu hysterisch« geführt. Sie könne dazu führen, dass die Leute weniger Autos kaufen. »Das Land braucht Mobilität und keine Feinstaubdiskussion«, entschied Wirtschaftsminister Wolfgang Clement.

Staatliche und unternehmerische Gesundheitspolitik konzentriert sich auf die Lebensweise des Lohnabhängigen. Wie alle Risiken im Kapitalismus wird auch das Risiko, krank zu werden, in den Bereich der individuellen Verantwortung geschoben.

Es ist zwar offensichtlich, dass es auch für gesundheitsschädliches individuelles Verhalten soziale, nicht zuletzt in der Arbeitswelt zu findende Ursachen gibt. So ist die Quote der Raucher in erzieherischen Berufen, in denen der Stress besonders groß ist, und in Metall- oder Chemiebetrieben, wo der Umgang mit giftigen Stoffen zum Alltag gehört, höher als im Bundestag oder in den Chefetagen der Manager. Doch den Tugendterroristen gelten gesundheitsschädliche Gewohnheiten allein als Folge individueller Willensschwäche.

Sie zu überwinden, wird zur patriotischen Pflicht erklärt. Es geht nicht nur um die Steigerung der Produktivität und die Senkung der Gesundheitsausgaben im Dienste der Standortkonkurrenz. Mit der Individualisierung der Lebensrisiken im Kapitalismus geht eine Einschränkung der individuellen Freiheiten einher. Die Kampagne gegen das Rauchen ist das derzeit wichtigste Symbol für diese neopuritanischen und autoritären Tendenzen. ( … )

Insbesondere die deutsche Bourgeoisie hat die hohe Kunst kultiviert, sich als unterdrückte Minderheit darzustellen, die dennoch unermüdlich unter der Last einer hohen Verantwortung schuftet. In den USA gibt es noch Kapitalisten, die es wie Donald Trump sichtlich genießen, der herrschenden Klasse anzugehören. Andererseits ist in den USA der Neopuritanismus am weitesten verbreitet.

Vorbei sind die Zeiten, in denen der symbolische Gesamtkapitalist ein dicker Mann mit Zigarre war, dem man selbstverständlich unterstellte, dass er sich ständig im Bordell mit Champagner besäuft. Der zeitgenössische Kapitalist ist ein drahtiger Sportsmann, der am liebsten Wasser trinkt, wenn auch das teuerste. ( … )

Unterstützung findet sie vornehmlich unter den aufstiegsorientierten Mittelschichten. Ob diese an die Erlösung durch Karottenkuchen und den Dalai Lama oder durch Joggen und die Bibel glauben, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Sie bilden die Massenbasis des Tugendterrors.

Rauchen gilt bereits als Merkmal für die Zugehörigkeit zur Unterschicht. Es wäre sicherlich übertrieben, nun das Anzünden einer Zigarette zum Akt des proletarischen Widerstands zu stilisieren. Die gesundheitlichen Gefahren werden durch den Willen, sich gegen die vollständige Verwertung im Produktionsprozess zu wehren, leider nicht gemindert. Der neopuritanische Kontrollstaat ist jedoch eine Gefahr für die Bürgerrechte. Anders als die gewöhnliche staatliche Repression, die zumindest den Verdacht eines Verbrechens voraussetzt, greift die Kontrolle ständig in das Privat- und Intimleben ein.

Der Aufstieg einer neopuritanischen Bourgeoisie wirft jedoch noch eine andere Frage auf: Wozu ist ein Wirtschaftssystem gut, in dem nicht einmal mehr die herrschende Klasse ihren Spaß hat?“

Der Wahn vom Nichtrauchen ist also primär neobourgeoises Enthaltsamkeitsgebrabbel, Rauchen hingegen hat schon fast was rebellisches. Wie nicht nur Schulz andeutet, sondern wie in der selben Ausgabe der Jungle World auch in einem lustigen Kommentar von Elke Wittich deutlich wird:

„Denn die jüngste und kleinste Schülerin des Kleinstadtgymnasiums zu sein, war kein Spaß, und wie sollte man sonst zeigen, dass man im Grunde schon richtig erwachsen war, wenn nicht mit einer Zigarette in der Hand? Bevor man sich jedoch nonchalant rauchend auf dem Schulhof präsentieren konnte, musste geübt werden, denn ein Hustenanfall hätte die ganze schöne Performance zunichte gemacht, so viel war klar.

Ärgerlicherweise schmeckte diese Zigarette ganz furchtbar. Vielleicht war es doch ein Fehler, ausgerechnet mit einer Roth-Händle ohne Filter das Rauchen anzufangen. Mit Filterzigaretten klappte es schon deutlich besser, so dass nur wenige Tage später die erste öffentliche Raucherei stattfinden konnte.

Zuerst musste die Marke festgelegt werden, von der man zukünftig abhängig sein wollte. Mädchenzigaretten waren verpönt. Die Dinger mit den auf den weißen Filter gedruckten Blümchen etwa galten als hochgradig peinlich. Einige Sorten (HB, Ernte 23, Lord Extra) waren wegen der ganz und gar hässlichen Packung verboten.

Im Grunde waren nur Camel und Marlboro coole Marken. Am coolsten war es, wenn man seine Zigaretten selber drehte. Was für jemanden, der motorisch notorisch ungeschickt ist, jedoch nicht in Frage kam. Schließlich ist es völlig unmöglich, hip zu wirken, wenn man über und über mit Tabakkrümeln bedeckt ist, während man eine Zigarette im Mund hat, die gerade dabei ist, sich in Rauch aufzulösen. Und wenn man überdies gleichzeitig an der Lippe blutet, weil das verdammte Papier die Tendenz hat, mit der zarten Haut eine unauflösliche Verbindung einzugehen. Also Camel Filter. ( … )

Wie fortschrittlich eine Schule war, wurde damals daran gemessen, ob der Direktor dem Drängen der Oberstufe nachgegeben und eine Raucherecke eingerichtet hatte. Die Pause dort zu verbringen, war äußerst wichtig, denn, soweit man das in dem vernebelten Raum sehen konnte, war es der Ort, an dem die coolsten Typen der Schule anzutreffen waren. Und nun würde man sogar ein gemeinsames Gesprächsthema haben. »Haste mal Feuer?« würde man etwa sagen. Oder: »Gib mir mal den Aschenbecher.« Oder auch: »Deine Lippe blutet.«

Was machte es da schon, dass man in beinahe jedem Fach über die Gefahren des Rauchens aufgeklärt wurde. Sterblich, so viel war klar, waren nur die anderen. Und Lehrern, die keine Ahnung von Lifestyle hatten und nicht mal in der Lage waren, die Hits in den Charts voneinander zu unterscheiden, konnte man sowieso nicht trauen. Womöglich hatten sie die Bilder von geteerten Lungen und blutigen Geschwüren sowieso selber gefälscht.

Und überhaupt: Geraucht wurde schon immer, und wenn die Qualmerei wirklich so gefährlich wäre, dann wäre die Menschheit sicher schon ausgestorben.

Bereits seit dem 17. Jahrhundert ist das Rauchen in. Der Seefahrer Sir Walter Raleigh hat es zur Mode gemacht. Wie wichtig ihm der Tabak war, wurde deutlich, als er auf Befehl des Königs Jakob I. hingerichtet werden sollte, in letzter Sekunde jedoch begnadigt wurde. »Über diesem Unsinn« sei ihm »doch glatt die Pfeife ausgegangen«, brummelte der Volksheld.“

Wir lernen also: Rauchen ist widerständig und sowieso normal. Einige werden an dieser Stelle allerdings stutzig. Seit dem 17. Jahrhundert soll das Rauchen verstärkt trendy geworden sein? Ein verdächtiger Zeitraum, in in der Gegend doch auch Nation und bürgerliche Gesellschaft in Mode gekommen. Sollte es da also gar einen Zusammenhang geben, zwischen bürgerlicher Aufklärung und dem Rauchen?

Das zumindest findet das Nichtidentisches-Blog in dem überaus großartigen Text „Rauchen als Verkehrung“, den ich hiermit allen ans Herz legen möchte. Der hängt das mit der bürgerlichen Gesellschaft in der Einleitung zwar nicht so hoch, verweist aber auf die mystischen, fetischisten Praktiken, zu denen indigene Schamenen auf Tabakkonsum zurückgegriffen hätten und stellt im Anschluss fest: „In der Linken und dort wiederum insbesondere in der antideutschen Szene fällt ein überproportionaler Anteil an Rauchern auf, der nicht allein auf die oft jugendlichen Strukturen zurückfällt, sondern anscheinend direkt mit einer gewissen Ideologieform korreliert.“

Was ich dann gestern erstmal empirisch überprüft habe indem ich während hefitgen Zechens in der der lokalen Stammkneipe einfach mal ein ein paar Antideutsche, an deren Tisch tatsächlich alle am Rauchen zu sein schienen, auf die RaucherInnenquote in ihrer Polit-Gruppe ansprach. Die sei schon nicht niedrig, aber es würden mehr Leute Sport treiben als Rauchen, wurde mir erklärt. Ich muss kurz an die „aufstiegsorientiert Mittelschichten“ aus dem Text von Jörn Schulz denken, die glauben würden, „durch Joggen“ zur Erlösung zu gelangen, verkneife mir den Spruch aber wegen der guten Stimmung und weil mensch ja nicht oft einen ausgegeben kriegt. Trotz alledem bleibt da die Erkenntnis, das die These bislang nicht falsifiziert ist und wir deshalb auch der erlauchten Erklärung des Nichtidentischen lauschen sollten, hier mal in Ausschnitten:


„Das Bewusstsein von Ohnmacht, das aus der kritischen Theorie erwächst, eine gewisse fatalistische Grundhaltung, wie sie sich auch im schwarzen Humor antideutscher Identifikationswitzeleien – das Nachäffen von antisemitischen Parolen, oder das völlig trockene Vortragen derselben – findet, muss kompensiert werden in einem vermeintlich beherrschten Prozess, dem des Drehen, Anzünden und Rauchen. Ähnliches findet im Extrem bei einigen psychisch kranken Personen statt: Sie rauchen im Zustand der Krankheit intensiver und häufiger, um sich an einem Stückchen Realität festzuhalten und darauf zu beziehen. Diese Beherrschung ist schwabbeliger Schein, der von den rauchenden Personen selten durchschaut wird. Anschaulich wird das an den häufigen Beispielen von Ex- und Gelegenheitsrauchern, die bis zuletzt behaupten, sie hätten die wieder- oder neuaufgenommene Sucht im Griff. Einsicht erfolgt allenfalls dann, wenn es zu spät ist und diese nur noch in Schicksalsergebenheit münden kann.“

Großartig beispielsweise diese brilliante Pathologisierung des Antideutschtums. Ich bin begeistert! Nein, wirklich. Da fängt mensch gleich noch mal an, seine Position zum Rauchen zu überdenken. Mir als Nichtraucherin (ich gestehe, ich Schwein!) fällt das ja auch recht leicht. Lesen wir also weiter und kommen zu einer selber etwas nebulösen Analogie zwischen Rauchen und Warenproduktion:

„Rauchen und Warenfetischismus ähneln sich: Beiden ist gleich, dass ein kurzfristiges Durchschauen dessen nicht die Aufhebung zur Folge haben muss. Es erforderte die gesellschaftliche Tat, beides zu durchdringen. Ebenso wie die Aufhebung des Kapitalismus nur durch die Assoziation emanzipierter Individuen stattfinden kann, muss das Aufgeben des Rauchens ein Bruch mit allem bisher bekannten darstellen, ja er muss gesellschaftliche Tat werden, um nicht von einem System aus sozialer Abhängigkeit und quasi kulturalistischer Toleranz eingeholt und aufs Neue verschlungen zu werden. Entwöhnung ist der beste Begriff für einen solchen Prozess, der eben beinhaltet, das bekannte, wohnliche Elend zu verlassen.“

Was zwar lustig klingt, aber auch nicht viel mehr als eine Analogie sein kann – ist doch Warentausch eine gesellschaftliche Kiste, während rauchen von den meisten doch noch selbstständig und autonom durchgeführt wird. Der Akt selber ist ungesellschaftlich, auch wenn die Folgen vielleicht gesellschaftlich sein mögen. Trotz allem gelingt es, eine schlüssige Analogie zum politischen Verhalten zu ziehen, die im Fortgang der Argumentation noch wichtig wird:

„Entweder das Individuum greift zur Robinsonade, es vereinzelt sich, löst sich aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus, die es stets aufs Neue in das Suchtverhalten treiben, oder es geht dazu über, mit der eigenen Freiheit die Freiheit aller einzufordern.“

Da wird erstmal nicht klar, wie das gemeint ist. Variante Eins ist klar, die Einzelne privatisiert ihre Existenz, trifft die alten Freunde nicht mehr und was es da noch so alles an unangenehmen Möglichkeiten gibt. Aber was ist mit der Einforderung der „Freiheit aller“ gemeint? Es scheint die Freiheit zu sein, sich nicht länger der Sucht hingeben zu müssen. Das zumindest würde den nächsten Absatz erklären:

„In dem Maße, in dem kulturalistische Toleranz eine Gesellschaft bestimmt, wird sie auch die Freiheit des Individuums nicht verwirklichen können, sie wird ihr nur als verkehrte erscheinen können, nämlich die der Freiheit eines objektiven Prozesses, sei dies Staat, Religion oder Suchtkrankheit zum Zugriff auf das Individuum. Ebenso wie es eine zivilisatorische Errungenschaft ist, um das Leben einer Person gegen deren Willen zu kämpfen, ist das angekündigte Rauchverbot in Kneipen eine zutiefst emanzipatorische Errungenschaft. Es schafft einen einzufordernden Rechtsstatus des Individuums auf körperliche Unversehrtheit, was zu Nachteilen derer geht, denen die im Rauchen praktizierte schrittweise Selbstvernichtung und in Kauf genommene (wenn überhaupt bewusste) Vernichtung des Anderen als Freiheit gilt. Vernichtung des Anderen ist dabei nicht Telos, sondern akzeptiertes Übel. Bezweifelt sei aber, dass Rauchen eine derartige Attraktivität entfalten könnte, wenn es nicht gerade gefährlich sei, den Tod enthalten würde. Unbewusst kennt jedes Individuum die Bilder von Raucherbeinen, die Statistiken von Raucherkrankheiten, das ambivalente Suchtverhalten zieht einen gewissen Reiz aus dieser Todessehnsucht und Todesverachtung. Die Verächtlichkeit für die Gesundheit und die, denen diese etwas bedeutet, mündet in ein nicht selten offen artikuliertes „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“

Hier fallen mehrere Sachen auf. Zum einen das Fehlen der Wertverwertung als des objektiven Prozesses, der als „Realmetaphysik“ doch sowohl Denkformen wie die Religion als auch materielle Institutionen wie den Staat hervorbringt. Aber sei es drum, wir wollen keine Erbsen zählen. Viel wichtiger scheint mir der Schritt, den „Rechtsstatus des Individuums auf körperliche Unversehrtheit“ in den Mittelpunkt zu stellen. Das erinnert an die Debatten um Sterbehilfe, in denen etwa der AStA Köln 1999 eine ähnliche Position stark machte, in der er auf die soziale Konstruktion des Todeswunsches und die damit berechtigte objektive Notwendigkeit ihm nicht nachzukommen verwies:

Es gibt keine freiwillige Euthanasie. Was es gibt, sind gesellschaftliche Verhältnisse, die Menschen glauben machen und ihnen nahelegen, ihr Leben sei ncht mehr lebenswert. ( … )

Alle entsprechenden Untersuchungen belegen darüberhinaus, dass die Ursachen für einen Sterbewunsch weniger in körperlichen Schmerzen liegen, sondern „vielmehr in der Angst vor Abhängigkeit und Würdelosigkeit“ (Oliver Tolmein). Ein Viertel der Betroffenen geben als wichtigsten Grund an, „nicht mehr länger eine Last sein zu wollen“. Bei weiteren 46 Prozent spielt dies eine zentrale Rolle.

Nun ist kaum anzunehmen, das Antideutsche und Linke sterben wollen, weil sie niemanden eine Last sein wollen. Es stellt sich also die Frage, warum im Falle des Rauchens die „Todessehnsucht und Todesverachtung“ kommt, die das Nichtidentische unterstellt. Was voraussetzen würde, das die Einschätzung von Elke Wittich, das sei alles gar nicht so gewesen. „Sterblich, so viel war klar, waren nur die anderen.“ schreibt sie und verweist auf den Umstand, das man Lehrern „sowieso nicht trauen“ könne. „Womöglich hatten sie die Bilder von geteerten Lungen und blutigen Geschwüren sowieso selber gefälscht.“ Was allerdings einer ziemlich Naivität gleichkäme, die ich der durchschnittlichen Linksradikalen so erstmal nicht unterstellen wollen würde. Vielleicht sind das aber auch nur Phänomene der Verleugnung und Verharmlosung, wie sie im Rahmen des Erklärungsversuches, woher denn nun die Todessehnsucht komme, auftauchen:

„Der Tod erscheint als Lust, die das Leben erst lebenswert mache. Die intrinsische Abhängigkeit von einem weitgehend objektiven Suchtprozess wird geleugnet oder verharmlost, das Leiden daran auf seltene Momente verdrängt. Der Leidensgewinn verspricht Selbstbestrafung, frühen Tod, Trotz und Auflehnung gegen die verhassten Subjekte, denen man wirklich etwas bedeutet, nicht zuletzt der eigenen Person. Die Freiheit zum Tode erscheint als das einzige wirklich selbstbestimmte, was in der Totalität noch möglich ist, wenn nicht Suizid sogar zum Event verkommt. Anders als bei anderen beliebten selbstzerstörerischen Prozessen wie übermäßigem Alkoholkonsum ist das Rauchen jedoch stets notwendig auch das Leiden derer, die gar nicht leiden müssten. (Der Autounfall des Alkoholikers ist kein notwendiger, weil schon von Rechtsnormen erfasst und begriffen. Er ist häufiger Ausnahmezustand, während das Passivrauchen akzeptierte Normalität, Normalisierung des Ausnahmezustandes ist).“

Soviel dazu. Aber was macht die theoretisch versierte Linke?

„Anstatt nun aus Einsicht in den selbstzerstörerischen Prozess einzugreifen und zumindest die Zerstörung des Anderen abzuwenden, wird der, der an die begrenzte Unabhängigkeit in der verhassten Möglichkeit einer Symbiose von Tabakabstinenz und Freiheit gemahnt, zum Störenfried, sein Anspruch ist die Verneinung der eigenen Freiheit zum Tode. Frech und unverschämt, totalitär und antiliberal sei sein Beharren auf dem Willen zum Leben, ein Rauchverbot in der WG, Mindeststandard zivilisatorischer Praxis, gilt den antideutschen Rauchern als Wiederkunft des Faschismus. Folglich geben sie sich schwer generös, wenn sie gelegentlich rhetorisch anbieten, auf die eine oder andere Zigarette zu verzichten, was der noble Nichtraucher natürlich abzulehnen hat, gefragt wird ohnehin erst mit gezücktem Feuerzeug und um die Droge gespitzen Lippen.“

Ihr könnt euch ungefähr vorstellen, wie das weitergeht. Spannend vielleicht noch die These, das es nicht bei der Vereinzelung bleibt, sondern das auch hier die Kollektivierung nicht fern ist:

„Wo man Kopftuch und Frauenbeschneidung akzeptiert, muss das Individuum auch jeden anderen Schmerz, den das Kollektiv ihm dafür zufügt, dazu zu gehören, akzeptieren, und sei es von entschiedenen Feinden der ersteren Zumutungen. Das Rauchen wird dann ausgerechnet jenen zum Ersatzkollektiv, die an bestehenden Kollektiven das Falsche benennen können. Es formt dieses Kollektiv. Die Individuen wissen das nicht, aber sie tun es. Indem sie schnorren, um Feuer bitten, den Aschenbecher herüberreichen produzieren sie einen Kollektivgewinn, sie simulieren ein Netzwerk, das sie auf wirklich sozialer Ebene gegen das Rauchen, also auch mit Nichtrauchern und gegen kapitalistische Verwertungsgesetze zu schaffen nie in der Lage sind.“

Entsprechend ist es auch für die Jungle World auch ein benennbares Übel, schreibt sie doch in einem Bericht von 2001 über das Übel der Fatwa in Afghanistan die folgenden schönen Sätze, die erst im Kontext dieses Argumentes und der oben zitierten Debatte um deutschen Gesundheitswahn so richtig Würze bekommen:

„Der Islam ist auch für etwas gut, für unsere Gesundheit nämlich. Der Groß-Ayatollah Mohammed Hussein Fadlallah aus Beirut hat »aus Sorge um die Gesundheit seiner Anhänger« per Fatwa das Rauchen verboten, meldet die Frankfurter Rundschau. Nach islamischen Recht sei alles verboten, was dem Körper schade, sagte der Groß-Ayatollah. Jeder Raucher begehe ein doppeltes Verbrechen, gegen sich selbst und gegen seine Umgebung.“

Als hätte auch die Betreiberin meines neuen Lieblingsblogs das gelesen, fährt sie fort:

„Während also das Bewusstsein der Sucht oszilliert zwischen Überhöhung, deren Leidensgewinn sklavische Ergebenheit in die Abhängigkeit ist, und Verdrängung in Lust, wobei der Leidensgewinn sich klar lokalisieren lässt in der stärkeren Position einer Verteidigung von Lustfreiheit gegen Prüderie, wird die Nichtsucht zur Krankheit, zum Problem stigmatisiert. Nichtraucher müssen sich in solchen Zusammenhängen für ihr Nichtrauchen entschuldigen, rechtfertigen, aushandeln und stets aufs Neue erkennen, dass zwei Stunden später das Ausgehandelte Makulatur, niemals reliabel ist. Nun den Vertrag einzufordern, hieße endgültig zu vergällen, allzu pingelig sein. Der Nichtraucher ist zum Opfer nicht bereit, das von ihm gefordert wird, um das zwanghaft friedliche Zusammenleben des Kollektivs zu erhalten. Akzidentielle, weil auf Wahrscheinlichkeiten basierende Schäden wie Krebserkrankungen werden in dieser Ideologie zu Hirngespinsten des Nichtrauchers, die dieser in Wahn und Hypersensibilität nur ausspiele, um seinen Machtgelüsten, Kastrationsägsten und Deprivationsängsten Abhilfe über Beherrschung von unschuldigen Rauchern zu verschaffen. Ein selbstbestimmtes Handeln von Tabakrauchkonsumenten hin zu freien Assoziationen, in denen die Eigenschaft „Rauchen“ zur sekundären auch und vor allem von Seiten des Rauchers gerät, scheint ausgeschlossen, das System, das sie erschaffen und sie erschafft ist ein autopoietisches, es kann allein aufgebrochen werden durch die Gewalt der kritischen und damit selbstkritischen Vernunft, die gegen die Fetischisierungen von Sucht und Wahn ankämpfen muss, um je Gehör im Individuum zu finden. Die Tabakkonsumenten erachten ihre durch den Suchtprozess bedingte Persönlichkeit (beider Parteien, denn auch die des Nichtrauchers und des Coanhängigen verändert sich) als ontologisch, natürlich, sie begreifen ihren augenblicklichen Zustand bereits als Freiheit, die Basis des Kommunismus sein müsse, und verteidigen mit Händen und Füßen ein verselbstständigtes Gefängnis, das sie sich selbst erbauten und erbauen.“

Wie aus den Kommentaren zu dem Text hervorgeht, hat sich die Autorin wohl nicht unbedingt beliebt gemacht mit ihren Thesen. Scheinbar hat sie einen wunden Punkt getroffen. In der Diskussion, in der sie Vorwürfe übrigens brilliant pariert, tauchte das Argument auf, sie solle doch auch mal was zum Autofahren und der damit verbundenen Verschmutzung von Umwelt und Zerstörung von Lebensqualität schreiben. Sie selber hält Autofahren für ein zu vernachlässigendes Phänomen mit relativ geringen Schäden, wenig Todesfällen und dergleichen mehr. Was bleibt, ist der kollektive Wahncharakter, der dem Autofahren wohl kaum abzusprechen ist. Zur Freude der Leserinnen würde ich hier gerne Georg Seeßlen zitieren, aber den habe ich wohl grade verliehen. Gebet ihn mir zurück, so ich ihn euch gegeben habe!


1 Antwort auf “Rauchen und Emanzipation”


  1. 1 streifenstyle 27. November 2006 um 2:02 Uhr

    raucherstudien mit antideutschen im tkeller. soso.

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