Marx Lektürekurs (2)

Hier nun der zweite Teil vom Kapital-Lektürekurs. Nach meinem letzten Beitrag gab es viel Lob, aber auch viel Kritik. Vorallem wurde kritisiert, es sei ohnehin völlig unmöglich, dem Gang der Argumentation zu folgen – gerade für EinsteigerInnen. Das macht mich tief betroffen. Jedenfalls fänd ich es nett, mehr solcher Rückmeldungen zu bekommen um zu sehen, was ich wo und wie in der Darstellung ändern kann.

Beim letzten Mal hatten wir uns mit dem Anfang des Marx’schen Kapital auseinandergesetzt. Die Ware, so durften wir erfahren, ist einerseits Gebrauchswert und Tauschwert. Tauschwert kann sie aber nur sein wenn die Ware von all ihren konkreten Eigenschaften absieht und sich auf ein geheimnisvolles „gemeinsames Drittes“ reduzieren lässt. Und nach langer Not durften wird dann zur Kenntnis nehmen, was dieses „gemeinsame Dritte“ ist – und genau hier setzt dieser Teil ein.

Marx Kernargument lief darauf hinaus (Seite 52 oben), das die Waren als Gebrauchswerte „vor allem verschiedner Qualität“ sind. Als Tauschwerte hingegen „können sie nur verschiedner Quantität sein, enthalten also kein Atom Gebrauchswert.“
Er löst die Frage nach der Gemeinsamkeit dann wie folgt auf:

„Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten. Jedoch ist uns auch das Arbeitsprodukt bereits in der Hand verwandelt. Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir auch von den körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen. Es ist nicht länger Tisch oder Haus oder Garn oder sonst ein nützlich. Alle seine sinnlichen Beschaffenheiten sind ausgelöscht. Es ist auch nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit. Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützlicher Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.“

Nachdem er also festgestellt hat, das Nutzen sich nicht als Gemeinsamkeit eignet stellt er fest, das es nur eine Sache gibt, die den Dingen gemeinsam ist: sie alle sind Arbeitsprodukte. Und zwar nicht Produkte „der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit.“. Sondern vielmehr Produkte von Arbeit im Allgemeinen, der Tauschwert bezieht sich also auf „gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.“

Diese Stelle erscheint vielen sehr willkürlich. Einen wirklichen Beweis für seine Behauptung, Arbeit wäre die Grundlage von Warenwerten, gibt Marx nicht. Und tatsächlich scheinen viele Alltagserfahrungen dem auch zu widersprechen. Was ist beispielsweise mit Markenklamotten, für die ein Aufpreis genommen wird, nur weil der richtige Name an der Seite steht? Da steckt unter Umständen in der Diesel-Jeans nicht mehr Arbeit drin als in einer anderen Jeans, trotzdem kostet sie das Doppelte. Oder nehmen wir die Bepreisung im Kiosk um die Ecke. Der hat länger als der Supermarkt und kann daher höhere Preise nehmen. Ganz eindeutig eine Frage von Angebot und Nachfrage – und nix mit Arbeitskraftverausgabung.

Um die Fragen beantworten zu können, müssen wir uns an die Marx’sche Methode zurückerinnern. Marx beginnt mit der Ware, weil er nur sie erklären kann, ohne das er gleich das Ganze des Kapitalismus begrifflich entfaltet haben muss. Er spricht auf dieser Ebene noch nicht von den Preisen, wie sie dann später auf die Schilder im Supermarkt geklebt werden. Zu der Frage kommt er erst in einigen hundert Seiten. Entsprechend hat er die Frage nach dem Beweis der Arbeitswerttheorie ebenso zurückgewiesen wie er die Bedeutung der Methode an dieser Stelle hervorgehoben hat. Allerdings nicht im Kapital, sondern in einem Brief an seinen Kumpel Kugelmann. Der hatte ihm nämlich von solcherlei Einwänden gegen seine Theorie berichtet. Marx schrieb dazu in gewohnt seriöser und hochwissenschaftlicher Manier:

„Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständiger Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind.“

Außerdem, so fährt Marx fort, sei dem Kind ebenfalls klar, das die Menschen doch letztlich nur das konsumieren können, was sie vorher produziert hätten. Letztlich sei es doch so, das Menschen in Privatarbeit dinge herstellen (erarbeiten) und diese Dinge dann eben austauschen. Da die Menschen aber letztlich Arbeitsprodukte tauschen, muss es logischerweise in „einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht ( … ) eben der Tauschwert dieser Produkte“ sein, den diese Arbeit darstellt.

Zu den scheinbar dieser Banalität widersprechenden Phänomenen merkt er dann an:

„Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt. Wollte man also von vornherein alle dem Gesetz scheinbar widersprechenden Phänomene ‚erklären‘, so müßte man die Wissenschaft vor der Wissenschaft liefern. ( … ) Der Vulgärökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirkichen, täglichen Austauschverhältnisse und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. Der Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß a priori keine bewußte gesellschaftliche Regelung der Produktion stattfindet. Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch. Und dann glaubt der Vulgäre eine große Entdeckung zu machen, wenn er der Enthüllung des inneren Zusammenhangs gegenüber darauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Schein festhält und ihn als letztes nimmt. Wozu dann überhaupt noch Wissenschaft?“

Marx betont hier den Unterschied zwischen einem Wesen des Kapitalismus und seinen Erscheinungsformen. Am Anfang des Kapital untersuche er das Wesen – und könne deshalb zu den Erscheinungsformen nur begrenzte Auskünfte erteilen, so der Tenor seiner Aussage. Weshalb wir vielleicht einfach mal im Text weitermachen sollten, um irgendwann auch noch mal bei den Erscheinungsformen anzukommen (heute allerdings nicht mehr).

Marx war gerade dazu gekommen, die Arbeit als das zu enttarnen, das allen Waren gemeinsam ist. Er schmückt das im Folgenden noch etwas aus, in dem er sich das von Arbeitsprodukten anschaut, was nach aller Abstraktion an ihnen übriggeblieben ist:

„Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unerschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung.“ Gallterte bezeichnet eine feste Masse ehemals pflanzlicher oder tierischer Stoffe, deren Ursprungsbestandteile aber nicht mehr erkennbar sind. Genauso ist das auch mit der Arbeit. Alles konkrete und sinnliche ist in ihr ausgelöscht, sie ist „menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung“, also ohne Berücksichtigung der besonderen Art und Weise, in der sie verausgabt wurde. „Diese Dinge“, so fährt Marx fort, „stellen nur noch dar, daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“

Hier führt Marx zum ersten mal den Begriff „Wert“ ein. Vorher war von Tauschwerten die Rede, jetzt spricht er plötzlich von Werten. Um das genauer zu erklären, müssen wir noch mal zurückspringen. Marx hatte, auf Seite 51 oben, die Problemstellung formuliert. Ich kann eine Ware nicht nur gegen eine Ware, sondern gegen eine Vielzahl von Waren austauschen. Den Stuhl also gegen bestimmte Menge Kugelschreiber, Taschentücher oder Bohnen. Das, was den Tauschwert bestimmt, kann also nicht in der einzelnen Ware sitzen. Es muss folglich in allen Waren etwas gemeinsames geben: „Es folgt daher erstens: Die gültigen Tauschwerte derselben Ware drücken ein Gleiches aus.“ Und von diesem Gemeinsamen ist der Tauschwert die Erscheinungsform, er drückt also ein verborgenes Wesen aus, das irgendwo dahinterliegt: „Zweitens aber: Der Tauschwert kann überhaupt nur die Ausdrucksweise, die ‚Erscheinungsform‘ eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein.“

Marx hat dann festgestellt, das es sich bei diesem Gemeinsamen um die Arbeit handeln muss. Diese Arbeit, sobald sie verausgabt und aufgehäuft ist, stellt den Wert dar. Waren werden Werte „als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen Substanz“. Damit hat Marx das Gemeinsame gefunden, das allen Waren innewohnt: „Das Gemeinsame, was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt, ist also ihr Wert.“ Als geronnene menschliche Arbeit.“ Mit dieser Erkenntnis rückt der Tauschwert für Marx in den Hintergrund und er will sich zunächst einer genaueren Analyse des Wertes widmen: „Der Fortgang der Untersuchung wird uns zurückführen zum Tauschwert als der notwendigen Ausdrucksweise oder Erscheinungsform des Werts, welcher zunächst jedoch unabhängig von dieser Form zu betrachten ist.“

Marx stellt sich bei dieser Analyse zunächst der Größe des Wertes. Wie bitteschön soll die zu messen sein? „Durch das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz‘, der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst mißt sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.“ Der Wert ist folglich bestimmt durch die Zeit, die ich für meine Arbeit aufwende. Arbeitet der eine zwei Stunden und der andere vier Stunden, so hat der zweite doppelt soviel Wert produziert wie der erste.

Was jetzt aber nicht heißen soll, das ich einfach dadurch mehr Wert produzieren kann, das ich langsamer arbeite. „Es könnte scheinen,“ so Marx, „daß, wenn der Wert einer Ware durch das während ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht.“ Doch dem sei natürlich nicht so. Marx spricht vielmehr immer von Arbeit, die den „Charakter einer gesellschaftlichen Durchschnitts-Arbeitskraft besitzt“. Sie darf also „in der Produktion einer Ware auch nur die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ besitzen. Das ist bei einer Arbeit laut Marx immer dann der Fall, wenn sie „dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit“ entspricht. Ich darf also nicht langsamer arbeiten als das gesellschaftlich üblich ist und ich darf auch nicht linkere Hände haben als das gesellschaftlich üblich ist. Wichtig ist dabei, das es sich bei der Marx’schen Formulierung vom „Durchschnitt“ nicht um einen wie auch immer gearteten mathematisch-statistischen Mittelwert handelt, sondern um das gesellschaftlich übliche bzw. gesellschaftlich normale.

Wenn sich nun die Bedingungen verändern, unter denen ich meine Arbeit verrichte, dann hat das auch Auswirkungen auf die Wertproduktion. Marx bringt das Beispiel der Einführung des Dampfwebstuhls in England. Durch diesen Dampfwebstuhl konnten die ArbeiterInnen schneller produzieren und in einer Stunde viel mehr Garn produzieren als vorher. Die Zeit, die zur Produktion einer bestimmten Menge Garn nötig war, ist entsprechend gesunken. Der im Garn vergegenständlichte Wert ist also durch die Einführung neuer Technologie gesunken. Diese Erkenntnis erscheint vielen oft zunächst merkwürdig. Aber eigentlich ist sie recht logisch und deckt sich im Ergebnis etwa mit dem, was heute als „Gesetz der Massenproduktion“ firmiert: je mehr ich produziere, je schneller die Maschinen werden, desto billiger werden die Waren. Nur das Marx hier nicht auf der Erscheinungsebene über Preise spricht, sondern auf das Wesen dieses Phänomens zurückgeht: Arbeit ist mehr oder weniger produktiv.

Damit spricht Marx auch zum ersten Mal einen ganz grundsätzlichen Widerspruch aus, der dem Kapitalismus innewohnt. Im Marx’schen Beispiel von den englischen Dampfwebstühlen werden zwar mehr Gebrauchswerte produziert, die (ökonomisch relevante) Wertproduktion bleibt jedoch gleich. Wert und Gebrauchwert müssen sich also nicht unbedingt in die selbe Richtung entwickeln. Nur weil mehr Gebrauchsgegentände zur Verfügung stehen (und die Supermärkte voll sind) heißt das noch lange nicht, das auch die Wertproduktion angestiegen ist. Viel mehr können wir dazu an dieser Stelle aber auch noch nicht sagen.

Was wir aber machen können, ist, die Marx’sche Argumentation weiterzuverfolgen. Marx hatte festgestellt, das die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ den Wert einer Ware ausmacht und betrachtet die einzelne Ware entsprechen immer nur „als Durchschnittsexemplar ihrer Art“ Wenn nun für zwei Waren gleichviel gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit benötigt wird, um sie herzustellen, dann „haben (sie) daher dieselbe Wertgröße.“ Marx versucht dies in einer mathematischen Gleichung auszudrücken: „Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder andren Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit.“

Entscheidend für die Wertgröße ist also die Relation zwischen den einzelnen Waren bzw. zwischen den Arbeitszeiten, die für ihre Produktion benötigt wurden. Brauche ich für den Tisch doppelt so viel Arbeitszeit wie für den Stuhl, dann ist der Tisch auch doppelt so viel Wert wie der Stuhl. That’s it.

Wir haben es hier also mit zwei Dimensionen des Wertes zu tun. Einerseits hat er eine absolute Größe, die sich in der Menge der notwendigen Arbeitszeit ausdrückt. Wird gesamtgesellschaftlich mehr Arbeit verausgabt, wird auch mehr Wert produziert. Wird weniger Arbeit verausgabt, wird entsprechend weniger Wert produziert. Darauf verwies das Beispiel mit dem Dampfwebstuhl. Darüber hinaus ist die Wertgröße aber immer auch relational zu bestimmen, als Verhältnis zwischen unterschiedlichen Arbeiten.

Marx jedenfalls geht im Folgenden noch etwas näher auf die Bedeutung der Arbeitszeit für die Wertgröße ein und stellt fest, das sie „mit jedem Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit“ die Wertgröße der Ware wechselt. Er zählt dann unterschiedliche Formen auf, wordurch die „Produktivkraft der Arbeit“ bestimmt ist. Da gibt es zunächst den „Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter“, also ihre Qualifizierung oder ihr Humankapital, wie das heutzutage genannt wird. Dann ist „die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit“ von Bedeutung, also letztlich der Stand von Wissenschaft und Forschung. Darüber hinaus gibt es noch „die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses“, also die Art und Weise, wie die einzelnen Tätigkeiten (innerhalb der Produktion einer Ware) miteinander in Beziehung gesetzt werden: Fließbandarbeit, Gruppenarbeit, Arbeit an Werkbänken, Heimarbeit etc. Schließlich spricht er von „Umfang und ( … ) Wirkungsfähigkeit des Produktionsprozesses“. Die Produktivkraft ist also nicht nur vom technischen Wissen abhängig, sondern auch davon, wie weit seine Umsetzung real verbreitet ist. Als letztes führt er die „Naturverhältnisse“ als Produktivkraft an. Er bezieht sich dabei darauf, das ich bei günstigen Witterungsverhältnissen mit derselben Arbeitskraft mehr Weizen produzieren kann als in Jahren, in denen ich mit Trockenheit zu kämpfen habe. Oder, um seine Beispiel aus Bergbau und Edelsteinschürfung zu zitieren: „Dasselbe Quantum Arbeit liefert mehr Metalle in reichhaltigen als in armen Minen usw. Diamanten kommen selten in der Erdrinde vor, und ihre Findung kostet daher im Durchschnitt viel Arbeitszeit. Folglich stellen sie in wenig Volumen viel Arbeit dar.“

Wenn nun die Produktivkraft der Arbeit steigt, dann muss ich weniger Arbeit aufwenden, um einen Gegenstand herzustellen. Entsprechend sinkt sein Wert, wie Marx zurecht ausführt:

„Mit reichhaltigeren Gruben würde dasselbe Arbeitsquantum sich in mehr Diamanten darstellen und ihr Wert sinken. Gelingt es, mit wenig Arbeit Kohle in Diamant zu verwandeln, so kann sein Wert unter den von Ziegelsteinen fallen. Allgemein: Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, desto kleiner die in ihm kristallisierte Arbeitsmasse, desto kleiner sein Wert. Umgekehrt, je kleiner die Produktivkraft der Arbeit, desto größer die zur Herstellung eines Artikels notwendige Arbeitszeit, desto größer sein Wert. Die Wertgröße einer Ware wechselt also direkt wie das Quantum und umgekehrt wie die Produktivkraft der sich in ihr verwirklichenden Arbeit.“

Im Anschluss an diese Überlegungen geht Marx noch einmal auf die unterschiedlichen Bestimmungen von Wert und Gebrauchswert ein. Zunächst kann ein Ding einen Gebrauchswert haben, ohne gleichzeitig Wert auszudrücken. Etwa wenn es keine Arbeit benötigt hat, die Dinge herzustellen. Als Beispiele dafür nennt Marx „Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz usw.“ Darüber hinaus kann aber auch ein Arbeitsprodukt etwas nützliches herstellen, ohne das dieses Ding Ware wird. „Wer durch sein Produkt sein eignes Bedürfnis befriedigt, schafft zwar Gebrauchswert, aber nicht Ware.“ Das wäre etwa bei Kleingartenkolonien der Fall, in denen Menschen für ihren Eigenbedarf anbauen. Ein Ding wird aber erst zur Ware (und hat auch dann erst Wert), wenn es sich bei ihm nicht nur um bloßen Gebrauchswert, sondern um „Gebrauchswert für andre, gesellschaftliche(n) Gebrauchswert“ Und auch der, so fügt Engels in einer Fußnote hinzu, „nicht nur für andre schlechthin. Der mittelalterlichen Bauer produzierte das Zinskorn für den Feudalherrn, das Zehntkorn für den Pfaffen. Aber weder Zinskorn noch Zehnkorn wurden dadurch Ware, daß sie für andre produziert waren. Um Ware zu werden, muß das Produkt dem andern, dem es als Gebrauchswert dient, durch den Austausch übertragen werden.“
Auf jeden Fall aber muss das Ding ein Gebrauchsgegenstand sein, einen Gebrauchswert haben, wenn es Wert sein soll. „Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert.“

Und beim näxten mal geht es dann mit der „in den Waren dargestellten Arbeit“ und ihrem „Doppelcharakter“ weiter.


2 Antworten auf “Marx Lektürekurs (2)”


  1. 1 Benni Bärmann 17. November 2006 um 1:10 Uhr

    Du wolltest Feadback? Bitte weiter so!

  2. 2 Gabi 19. November 2006 um 17:11 Uhr

    Ich bin persönlich nicht so betroffen, weil ich hab ganz gut geerbt. Aber prinzipiell hatte Marx mit seiner Arbeitstheorie doch Recht, ja?

    Den Mittelteil hab ich nämlich nicht ganz kapiert. Kann man jetzt konkrete gegen abstrakte Waren tauschen oder muß ich da weiterhin Papa’s Kreditkarte für nehmen?

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