Geld als Ideologieverstärker?

Ein wesentliches Kennzeichen des Kapitalismus ist die Tatsache, das es der gesellschaftliche Zusammenhang auf eine ganz bestimmte Art und Weise hergestellt wird. Dinge werden nicht produziert um sie zu nutzen, sondern um sie zu tauschen. Das hat zur Folge, das die Dinge, die ich produziere, nicht von mir selber genutzt und konsumiert werden. Und das ich selber nur Dinge konsumiere, die ich nicht selber produziert habe. Das funktioniert so, das ich die von mir produzierte Ware verkaufe, dafür Geld kriege und mir mit diesem Geld andere Waren kaufe. Arbeit wird so zum Mittel, mir die Produkte anderer anzueignen. Und das vermittelt über das Geld.

Was dem Geld eine bestimmte Wirkung verleiht. Es steht so in gewisser Weise für Selbständigkeit, weil der zusammenhang zwischen Geld und Arbeit nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist – so selbstverständlich und klar er doch tatsächlich auch sein mag. Da der gesellschaftliche Zusammenhang kein direkter ist, sondern – über den Umweg von Arbeit und Geld – ein indirekter, erscheint Geld als ungesellschaftliches, natürliches Versprechen auf Selbständigkeit. Das hat jetzt auch eine Studie festgestellt, auf die mich Benni Bärmann hingewiesen hat. Ein ausführlicher Bericht steht bei Heise. Der Versuchsablauf sah wie folgt aus:

„Jeweils eine Probandengruppe musste eingangs eine Übung absolvieren, bei der „Geld“ als ein Schlüsselreiz auf einer eher unbewussten Ebene abgerufen wurde. Beispielsweise flimmerte in ihrer Nähe zufällig ein Bildschirmschoner, der verschiedene Währungen zeigte, während die Kontrollgruppen Fische (neutraler Reiz) bzw. einen schwarzen Bildschirm sahen. Mit der Aufgabe, die sie erledigen mussten, hatte der Bildschirmschoner jedoch nichts zu tun. Anschließend wurden sie verschiedenen Test unterzogen, in denen ihre Bereitschaft auf die Probe gestellt wurde, bei anderen Hilfe zur Lösung bestimmter Aufgaben zu suchen bzw. anderen, die dabei um Unterstützung baten, zu helfen.“

Das Ergebnis war recht eindeutig: Alleine der Verweis auf den Reiz „Geld“ bewirkte die Illusion, unabhängig vom Rest der Gesellschaft, als Monade, seine Probleme lösen zu können:

Das Ergebnis war durchgängig gleich: Testpersonen, denen der Stimulus „Geld“ verabreicht worden war, mühten sich – selbst bei unlösbaren Aufgaben – lieber länger allein ab, als andere um Hilfe zu bitten. Umgekehrt waren sie auch weniger bereit, anderen Testpersonen bei der Lösung von Aufgaben zu helfen. Dies brachten sie bei der Aufgabe, ein Kennenlerngespräch zu simulieren, sogar durch Herstellung einer räumlichen Distanz, das Wegrücken ihres Stuhls, zum Ausdruck. Darüber hinaus zeigten sie sich selbstzentrierter: Hatten sie die Wahl, vier Einzelkochstunden zu erhalten oder ein Dinner für Vier spendiert zu bekommen, entschieden sie sich fürs Kochen.

„Geld muss als Idee nur irgendwie präsent sein, allein das verändert die Leute“, kommentiert Kathleen Vohs. „Die Folgen können negativ oder positiv sein, je nachdem, wie man es interpretiert. Doch es ist allein der Reiz, der das Gefühl von Unabhängigkeit steigert. Dann wollen die Leute niemandem eine Last sein.“

Auch der Status dessen, der um Hilfe bat oder seine Hilfe anbot (ob Experimentleiter oder Proband), spielte keine Rolle. Es war auch gleichgültig, ob zur Lösung einer Aufgabe ein Vorwissen nötig war oder nicht.

„Offenbar glaubten diejenigen Probanden, bei denen der Reiz Geld abgerufen wurde, dass ihre Mitstreiter schon allein herausfinden würden, wie die Aufgabe zu bewältigen ist – so wie das eben eine unabhängige Person tun würde“, schreiben Vohs und Kollegen.

Besonders faszinierend sind diese Ergebnisse natürlich vor dem Hintergrund, das Geld als objektives Vermittlungsmedium für alle in vielen Lebenslagen selbstverständlich ist, seine bildliche Präsens aber trotz alledem Auswirkungen auf das Untersuchungsergebnis zu haben scheint. Insofernt scheint es eine symbolische Ebene zu besitzen, die sich in gewisser Weise von der materiellen Realität verselbständigt hat. Was auch immer das dann heißen könnte…