Marx Lektürekurs (3)

Nachdem wir beim letzten Mal den Doppelcharakter der Ware geklärt hatten, kommen wir nur zum „Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit“ – und damit zum Kapitel 1.2

Marx wiederholt zunächst seine Kernerkenntnisse aus Kapitel 1.1: Ware erscheint zunächst als Gebrauchswert und Tauschwert. Das gemeinsame aller Waren, das sie dann entsprechend tauschbar macht, ist die Arbeit und die wird „im Wert ausgedrückt“. Marx betont, diese „zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden“ – wobei er dabei sich meint und nicht mich.

Das sollte nicht so missverstanden werden, das er sich anmaßen würde als erster den Doppelcharakter der Ware durchschaut zu haben. Das hat die „Politische Ökonomie“ auch schon vor ihm gemacht. Auch David Ricardo unterschied schon zwischen Nützlichkeit auf der einen und Tauschwert auf der anderen Seite. Was er jedoch nicht unterschieden hat, ist der Doppelcharakter der Arbeit, die sich in diesen Waren darstellt. Darum die Überschrift des Unterkapitels und darum der Hinweis, er sei der erste gewesen, der diese Unterscheidung nachgewiesen habe. Er hält ihn für den „Springpunkt (….) um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“ und möchte ihn darum im Folgenden näher ausführen.

Dabei wiederholt er zunächst scheinbar banales, um es aus der Sicht der Arbeit genauer zu fassen. Um den Rock als Gebrauchswert hervorzubringen, so beginnt er, „bedarf es einer bestimmten Art produktiver Tätigkeit.“ Diese produktive Tätigkeit oder „nützliche Arbeit“ ist bestimmt dadurch, was genau ich für da tun will (Zweck), die Art ihrer Anwendung (Operationsweise), die zur Verfügung stehenden Rohstoffe und Materialien (Gegenstand), die benutzten Arbeitsgegenstände (Mittel) und das, was ich eigentlich produzieren will (Resultat). Die Arbeit wird hier also betrachtet unter dem Gesichtspunkt, was sie konkret nutzt, also „mit Bezug auf ihren Nutzeffekt.“

Als konkrete oder nützliche Arbeiten sind die Arbeiten ebenso unterschiedlich wie die von ihnen produzierten Waren. Was auch zwingend notwendig ist, denn „wären jene Dinge nicht qualitativ verschiedne Gebrauchswerte und daher Produkte qualitativ verschiedner nützlicher Arbeiten, so könnten sie sich überhaupt nicht als Waren gegenübertreten. Rock tauscht sich nicht aus gegen Rock, derselbe Gebrauchswert nicht gegen denselben Gebrauchswert.“ Eigentlich logisch. Warum sollte ich zwei völlig identische Dinge gegeneinander austauschen? Macht ja erstmal wenig Sinn sowas.

Aber – wie gesagt – nicht nur die Gebrauchswerte sind verschieden, sondern auch die Arbeiten, die sie hervorbringen (Marx nennt Beispielhaft Schneiderei und Weberei, passend zu seinem Beispiel, in dem er Leinwand und Rock austauschen möchte). Und analog zu den Gebrauchswerten lassen sich auch die Arbeiten kategorisieren. Es gibt Hosen, Hemden und Schuhe. Und es gibt entsprechend Gummiestiefel, Lederschuhe, Schlappen und der gleichen mehr. Entsprechend gibt es auch jeweils unterschiedliche Arbeiten, die dann zu den jeweiligen Produkten führen. Nichts anderes meint Marx, wenn er schreibt, es gäbe „nach Gattung, Art, Familie, Unterart, Varietät“ unterscheidbare nützliche Arbeiten. Voraussetzung für Warenproduktion ist also „eine gesellschaftliche Teilung der Arbeit“ – wobei Marx hier mit Arbeitsteilung lediglich die Tatsache meint, das unterschiedliche Menschen unterschiedliche Produkte herstellen. Die innerbetriebliche, tayloristische Arbeitsteilung, bei der unterschiedliche Arbeitsschritte aufgeteilt werden, ist dabei noch nicht gemeint.

Eine anderen wichtigen Unterschied schiebt Marx hier jedoch noch ein. Die Tatsache, das Warenproduktion immer Arbeitsteilung voraussetzt, heißt noch lange nicht, das jede arbeitsteilige Gesellschaft auch eine Warenproduktion ist. „In der altindischen Gemeinde ist die Arbeit gesellschaftlich geteilt, ohne daß die Produkte zu Waren werden. Oder, ein näher liegendes Beispiel, in jeder Fabrik ist die Arbeit systematisch geteilt, aber diese Teilung nicht dadurch vermittelt, daß die Arbeiter ihre individuellen Produkte austauschen.“ Ganz ähnlich hat er auch schon in der Einleitung zu den Grundrissen argumentiert: „Andrerseits kann gesagt werden, daß es sehr entwickelte, ( … ) Gesellschaftsformen gibt, in denen die höchsten Formen der Ökonomie, z.B. die Kooperation, entwickelte Teilung der Arbeit etc., stattfinden, ohne daß irgendein Geld existiert, z.B. Peru.“ (MEW 42, 37) Es wäre folglich ein Kurzschluss, von der schlichten Sinnhaftigkeit von Arbeitsteilung auf die Notwendigkeit von Warenproduktion zu schließen.

Am Ende des vorigen Unterkapitels gab es einen Einschub von Engels, in dem dieser bemerkt: „Der mittelalterlichen Bauer produzierte das Zinskorn für den Feudalherrn, das Zehntkorn für den Pfaffen. Aber weder Zinskorn noch Zehnkorn wurden dadurch Ware, daß sie für andre produziert waren. Um Ware zu werden, muß das Produkt dem andern, dem es als Gebrauchswert dient, durch den Austausch übertragen werden.“ Nur in einer Gesellschaft, so das Argument, in dem der gesellschaftliche Zusammenhang darauf ausgerichtet ist, das Dinge „durch den Austausch“ übertragen werden, nehmen diese Dinge Warenform an und haben Wert. Dieser Gedanke wird nun präzisiert (wenngleich Marx ihn nicht als Präzision gemeint haben wird, schließlich ist er vorher entstanden), wenn Marx schreibt: „Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber.“ Das klingt erstmal recht schlicht, hat aber weitgehende Folgen. „Unabhängiger Privatarbeit“, das heißt zunächst, das jede und jeder für sich selbst, also privat produziert. Nur eben nicht die Dinge, die er oder sie tatsächlich braucht. Weshalb sich die Produkte dann als Waren gegenübertreten. Moishe Postone hat das mal wie folgt sehr schön auf den Punkt gebracht:


„In der warenförmigen Gesellschaft sind die Vergegenständlichungen der Arbeit des Einen die MIttel, um von Anderen produzierte Güter zu erwerben. Das Produkt de Einen dient den Anderen als Gut: als Gebrauchswert. Es dient dem Produzenten als Mittel, um die Arbeitsprodukte der Anderen zu erwerben. In genau diesem Sinne ist ein Produkt eine Ware: es ist zugleich ein Gebrauchswert für die Anderen und ein Tauschmittel für den Produzenten. ( … ) Mit anderen Worten: in der warenförmigen Gesellschaft wird Arbeit auf ganz besondere Weise zum MIttel, Güter zu erwerben. Hinsichtlich der Produkte, die die Käufer dank ihrer Arbeit erwerben, abstrahieren sie von der Besonderheit der Arbeit der Produzenten. Es besteht keine innere Beziehung zwischen der spezifischen Beschaffenheit der verausgabten Arbeit und der spezifischen Beschaffenheit des Produkts, das mittels dieser Arbeit erworben wird.

Dies unterscheidet sich erheblich von Gesellschaftsformationen, in denen Warenproduktion und Austausch nicht vorherrschen und die gesellschaftliche Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte auf der Basis einer großen Vielfalt von Gebräuchen, traditionellen Bindungen, transparenten Machtverhältnissen oder, auch das ist vorstellbar, bewußten Entscheidungen erfolgt. In nicht-kapitalistischen Gesellschaften wird die Arbeit auf der Grundlage manifester gesellschaftlicher Verhältnisse verteilt. In einer Gesellschaft jedoch, die durch die Universalität der Warenform gekennzeichnet ist, erhält kein Individuum von anderen produzierte, in transparenten gesellschaftlichen Verhältnissen vermittelte Güter. ( … ) Arbeit selbst konstituiert eine gesellschaftliche Vermittlung anstelle transparenter gesellschaftlicher Verhältnisse. ( … ) Niemand konsumiert, was er produziert, und dennoch fungiert die Arbeit des Einen ( … ) als das notwendige Mittel, um die Prodzkte von Anderen zu erhalten. Damit besetzen die Arbeit und ihre Produkte im Resultat die Funktion der Vermittlung anstelle manifester gesellschaftlicher Verhältnisse.“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg 2003. Seite 231f)

Es produzieren also – im Rahmen einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung – alle Leute irgendwelche Dinge und die treten sich dann als „qualitativ verschiedne nützliche Arbeiten“ gegenüber. Es kommt so zu einem „vielgliedrigen System“, nur das es eben für die Beteiligten nicht durchschaubar und nachvollziehbar ist.

Im letzten Absatz des ersten Unterkapitels hatte Marx darauf verwiesen, das ein Gegenstand „Gebrauchswert sein kann, ohne Wert zu sein“. Das gilt einerseits bei naturbelassenen Produkten (Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz usw.), andererseits bei Arbeitsprodukten, die nicht durch „Austausch übertragen werden“ (Subsistenzproduktion, Zehntkorn für den Feudalherren). Entsprechend gilt auch für die konkrete Arbeit: „Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“ Darüber hinaus, so Marx, ist der Mensch immer darauf angewiesen, das ihm in irgendeiner Art und Weise „Natur“ zur Verfügung steht, die er umformen kann: „Arbeit ist also nicht der einzige Quelle der von ihr produzierten Gebrauchswerte, des stofflichen Reichtums. Die Arbeit ist sein Vater, wie William Petty sagt, und die Erde seine Mutter.“

Neben Gebrauchswert und konkreter Arbeit gibt es nun aber noch – Stichwort Doppelcharakter – abstrakte Arbeit und Wert. Arbeit in der warenproduzierenden Gesellschaft muss in der Lage sein, sich von einem Arbeitsbereich in einen anderen zu verlagern. Den einen Tag werden Hosen benötigt, den nächsten Schuhe, am dritten Panzer und am vierten vielleicht Schokotörtchen. Mit dem wechsel der Nachfrage ändert sich also der Tätigkeitsbereich der jeweiligen Arbeiten, wie Marx bemerkt: „Der Augenschein lehrt ferner, daß in unsrer kapitalistischen Gesellschaft, je nach der wechselnden Richtung der Arbeitsnachfrage, eine gegebene Portion menschlicher Arbeit abwechselnd in der Form von Schneiderei oder in der Form von Weberei zugeführt wird.“ Die Arbeiten müssen in gewisser Weise ineinander überführbar seien, sie kann nur noch als „Verausgabung menschlicher Arbeitskraft“ zählen:


„Sieht man ab von der Bestimmtheit der produktiven Tätigkeit und daher vom nützlichen Charakter der Arbeit, so bleibt das an ihr, daß sie eine Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ist. Schneiderei und Weberei, obgleich qualitativ verschiedne produktive Tätigkeiten, sind beide produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw., und in diesem Sinn beide menschliche Arbeit. Es sind nur zwei verschiedne Formen, menschliche Arbeitskraft zu verausgaben. Allerdings muß die menschliche Arbeitskraft selbst mehr oder minder entwickelt sein, um in dieser oder jener Form verausgabt zu werden. Der Wert der Ware aber stellt menschliche Arbeit schlechthin dar, Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt.“

Mit dem Verweis auf die Notwendigkeit des Überganges von einer konkreten Arbeit auf eine andere benennt Marx eine weitere Krisenpotenz der kapitalistischen Gesellschaft, wenn er schreibt: „Dieser Formwechsel der Arbeit mag nicht ohne Friktion abgehn, aber er muß gehn.“ Es kann eben immer mal passieren, das sich Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot nicht decken. Daraus ergibt sich bereits eine ganz grundsätzlich Krisenpotenz im Kapitalismus.

Im Anschluss diskutiert Marx das sog. „Reduktionsproblem“. Er stellt fest, das es in einer Gesellschaft unterschiedlich komplizierte Arbeit gibt und sagt: „Kompliziertere Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so daß ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größeren Quantum einfacher Arbeit.“ Diese Reduktion passiert real durch die Gleichsetzung der Waren: „Die verschiednen Proportionen, worin verschiedne Arbeitsarten auf einfache Arbeit als ihre Maßeinheit reduziert sind, werden durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben.“ Dieser „gesellschaftliche(…) Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten“ erinnert ein wenig an die „unvisible hand“ von Adam Smith und verweist (mal wieder) darauf, das die Verhältnisse im Kapitalismus keine transparenten, sondern ganz grundsätzlich intransparente sind. Entsprechend hält sich Marx auch nicht mit der Frage auf, wie im Detail diese Verrechnung stattfindet, sondern stellt schlicht fest: „Der Vereinfachung halber gilt uns im Folgenden jede Art Arbeitskraft unmittelbar für einfache Arbeitskraft, wodurch nur die Mühe der Reduktion erspart wird.“

Schließlich wendet sich Marx noch dem Problem der Wertgröße zu. Wert ist eben nicht einfach gleich Wert. Wert kann größer und kleiner sein, „nach unsrer Unterstellung ist der Rock doppelt soviel wert als 10 Ellen Leinwand“ schreibt etwa Marx, um in seinem Beispiel zu bleiben. Die Wertgrößen einzelner Waren unterscheiden sich durch die Menge der in ihnen enthaltenen, gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeit. Es zählt hier also nicht die Qualität der Arbeit, sondern ihre Quantität. Es handelt sich nicht mehr „um das Wie und Was der Arbeit“, sondern „um ihr Wieviel, ihre Zeitdauer.“ Entsprechend sind Waren, in denen gleich viel (gesellschaftlich durchschnittlich notwendige) Arbeitszeit „steckt“, auch gleich viel Wert.

Was aber passiert, wenn sich die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit verändert? Nehmen wir etwa an, „die zur Produktion eines Rocks notwendige Arbeit steige auf das Doppelte“, dann „hat ein Rock soviel Wert als vorher zwei Röcke“. Klar: Wenn ich in einer Stunde nicht mehr zwei, sondern nur noch einen Rock herstellen kann und die Zeit das Maß des Wertes ist, dann bleibt der Wert von dem, was ich in der Stunde produzieren kann, halt gleich. Nur verteilt er sich nicht mehr auf 2 Röcke, sondern lediglich auf einen einzigen.

Oder nehmen wir den entgegengesetzten Fall, die notwendige Arbeitszeit „falle um die Hälfte“, dann „haben zwei Röcke nur soviel Wert als vorher einer“. Auch klar: Wenn ich in besagter einer Stunde plötzlich doppelt so viel Röcke herstellen kann und die Arbeitszeit das Maß ihrer Wertgröße ist, dann bleibt die in der einen Stunde produzierte „Wertmasse“ eben gleich, auf den einzelnen Rock entfällt aber nur noch die hälfte des Wertes. Und das, „obgleich in beiden Fällen ein Rock nach wie vor dieselben Dienste leistet und die in ihm enthaltene nützliche Arbeit nach wie vor von derselben Güte bleibt“. Also obwohl sich an der konkreten Nützlichkeit, an den Gebrauchswerten nichts geändert hat.

Damit ist auf einen ganz grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus verwiesen, der schon im Beispiel der Einführung des Dampfwebstuhls in England im letzten Unterkapitel aufgeblitzt ist: es kann sein, das die Gebrauchswerte und Wert sich nicht parallel zueinander entwickeln. Es kann sein, das die Masse der Gebrauchswerte steigt, obwohl der produzierte Wert gleichbleibt oder gar sinkt. Das sagt Marx ganz eindeutig:

„Ein größres Quantum Gebrauchswert bildet an und für sich größren stofflichen Reichtum, zwei Röcke mehr als einer. Mit zwei Röcken kann man zwei Menschen kleiden, mit einem Rock nur einen Menschen usw. Dennoch kann der steigenden Masse des stofflichen Reichtums ein gleichzeitiger Fall seiner Wertgröße entsprechen. Diese gegensätzliche Bewegung entspringt aus dem zwieschlächtigen Charakter der Arbeit.“

Das was Marx als Produktivkraft eingeführt bzw. was er als Faktoren benannt hat, aufgrund derer sich Produktivkraft verändern kann („Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, de(r) Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsprozesses, und ( … ) Naturverhältnisse“) wirkt sich immer nur mehrend auf die Gebrauchswerte aus: „Produktivkraft ist natürlich stets Produktivkraft nützlicher, konkreter Arbeit“ Ganz anders ist das mit dem Wert, denn im Gegensatz zum Gebrauchswert „trifft ein Wechsel der Produktivkraft die im Wert dargestellte Arbeit an und für sich gar nicht.“

Wir halten also fest: eine gleichbleiben Arbeitsmenge kann unterschiedliche Mengen an Gebrauchswerten hervorbringen, aber „dieselbe Arbeit ergibt daher in denselben Zeiträumen stets dieselbe Wertgröße, wie immer die Produktivkraft wechsle.“ Im Zweifelsfall ist es derselbe Mechanismus, der einerseits ein Anwachsen des „stofflichen Reichtums“ und andererseits ein Sinken des wertförmigen Reichtums bewirkt: „Derselbe Wechsel der Produktivkraft, der die Fruchtbarkeit der Arbeit und daher die Masse der von ihr gelieferten Gebrauchswerte vermehrt, vermindert also die Wertgröße dieser vermehrten Gesamtmasse, wenn er die Summe der zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeit abkürzt. Ebenso umgekehrt.“

Zu guter Letzt ließe sich der Zusammenhang von Wert, Gebrauchswert, konkreter und abstrakter Arbeit vielleicht in einem Schaubild wie dem rechts überblicksartig zusammenfassen. Auch wenn so ein Schaubild vielleicht allzu statistisch ist, um die Dynamik der diskutierten Kategorien vernünftig einfangen zu können.

Der Wert als Gegensatz zum Gebrauchswert ließe sich übrigens auch als „gesellschaftlicher Reichtum“ beschreiben – im Gegensatz zum „stofflichen Reichum“, wie er in einer Sammlung von Gebrauchswerten erscheint. Das wird dadurch deutlich, das die gesellschaftlich relevante Größe für den Austausch von Waren (und damit von Reichum) die in den Waren kristallisierte abstrakte Arbeit ist. Der Wert ist eben nicht nur eine alternative „Erzählung“, mit der die Dinge halt anders beschrieben werden als mit dem Benutzen der Kategorie „Gebrauchswert“. Der Wert existiert vielmehr tatsächlich und wirkt auch entsprechend – nämlich als gesellschaftliche Kategorie. Etwas deutlicher wird das vielleicht durch dieses Zitat von Anselm Jappe (Wir wollen dabei kurz davon ausgehen, das Wert irgendwie auch etwas mit Geld zu tun hat, auch wenn diese Kategorie bislang nicht entwickelt ist. Ich wollte auf das Zitat aber trotzdem nicht verzichten):


„Die Warengesellschaft ist historisch die erste Gesellschaft, in der der gesellschaftliche Zusammenhang abstrakt wird, getrennt vom Rest, und diese Abstraktion als Abstraktion zur Wirklichkeit wird. Der konkrete Aspekt der Dinge ordnet sich der Abstraktion unter, und deshalb entwickelt die Abstraktion zerstörerische Folgen. Die abstrakte Arbeit reduziert alles auf dasselbe, auf eine einfache oder multiplizierte Verausgabung der allen Menschen gemeinsamen Arbeitsfähigkeit, so dass die Arbeit erst dann gesellschaftlich wird, wenn sie jeder konkreten gesellschaftlichen Bestimmung entkleidet ist. Wenn die Gesellschaftlichkeit eines Dings oder einer Arbeit nicht in der Nützlichkeit besteht, sondern nur in der Fähigkeit, sich in Geld zu verwandeln, werden die gesellschaftlichen Entscheidungen nicht im Hinblick auf den individuellen oder kollektiven Nutzen getroffen. Der Inhalt der konkreten Arbeiten, ihre Voraussetzungen, ihre gesellschaftlichen Folgen, ihre Auswirkungen auf Produzenten und Konsumenten, ihre Umweltverträglichkeit sind nicht mehr Teil ihres gesellschaftlichen Charakters. Gesellschaftlich ist nur der automatische und unkontrollierbare Prozess, bei dem ARbeit in Geld verwandelt wird. Die Unterordnung der Nützlichkeit der Produkte, die zur rein privaten Dimension wird, unter ihre Austauschbarkeit, ihrer einzigen gesellschaftlichen Dimension, muss zwangsläufig zu katastrophalen Ergebnissen führen.“ (Anselm Jappe: Die Abenteuer der Ware. Münster 2005. Seite 51f)

Das jedenfalls soll es dann ersteinmal gewesen sein. Im näxten Teil geht es dann weiter mit der Einleitung zur Wertformanalyse. Aber bis ich die fertig habe, geht wohl noch ein Tag ins Land. Und so lange wollte ich euch nicht warten lassen – auch wenn wir die schon besprochen haben.