Gewalt gegen Frauen wegmachen – Jetzt!

In Deutschland ist das mit der Gleichberechtigung der Geschlechter kein richtiges Thema mehr, das weiß jeder Student und jede Studentin. „Die traditionellen Rollenzuweisungen der Geschlechter wurden aufgebrochen.“ steht dann auch bei Tatsachen über Deutschland. Die Gleichberechtigung, so heißt es weiter, sei „ein erhebliches Stück vorangekommen“, Mädchen hätten Jugen sogar schon bei den Bildungserfolgen überholt.

Mit derlei Tatsachen verträgt sich dann aber weniger mit dem, was etwa der Freitag in seiner aktuellen Ausgabe (47/2006) thematisiert. Der berichtet nämlich – anlässlich des „Internationalen Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ wie das bei der UNO heißt bzw. des Aktionstags „NEIN zu Gewalt an Frauen“ wie das bei Terre de Femmes heißt – über eine Studie der Uni Bielefeld, die sich mit Gewalt gegen Frauen im häuslichen Bereich auseinandersetzt:

Es stellte sich zunächst heraus, dass Deutschland im europäischen Vergleich nicht etwa auffallend friedlich, zivil, emanzipiert abschneidet, sondern in punkto Prügelquote im „mittleren bis oberen Feld“ rangiert. 40 Prozent der Frauen in Deutschland gab an, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben – oder beides. Das ist alarmierend – und bestätigte in etwa Dunkelfeldschätzungen der Frauenpolitik und Frauenprojektebewegung – die stets für hoch gegriffen gehalten worden war. Auffallend war, dass die Studie hinsichtlich der „Gewalt in Paarbeziehungen“ Ergebnisse zu Tage förderte, die alle jemals geschätzten Daten in den Schatten stellten. Jede vierte Frau erzählt von Gewalt durch ihren Freund, Geliebten, Ehemann. Und dabei sind es nicht die kleinen Schupsereien oder leichten Ohrfeigen, die den Kohl fett und die Zahl beeindruckend machen. 64 Prozent der Betroffenen berichten von Übergriffen, die zu Prellungen, Verstauchungen, Knochenbrüchen, offenen Wunden, Kopf- und Gesichtsverletzungen führen. Der Würger, Schläger, Vergewaltiger ist nicht der fremde Mann. Die Gefahrenzone nicht der dunkle Park. Das Böse schleicht auf Hauspantoffeln.

Geprügelt wird in jeder Gesellschaftsschicht und Einkommensgruppe. Unterschiede bestehen in Form und Ausprägung von Gewalt, als auch in deren Sichtbarwerden. So sind körperliche Übergriffe in der Unterschichtenfamilie in einem Mietshaus kaum zu überhören. Im Vergleich dazu, vermutet Monika Schröttle, Leiterin des Forschungsprojektes, finde man in der oberen Mittelschicht oder Oberschicht verdecktere, subtilere Gewalt. Die Gewalt ist wohlhabend oder arm und gehört allen erdenklichen kulturellen Gruppen an – signifikant ist vor allem eines: 70 Prozent der Übergriffe geschehen in Wohnungen. Die schwersten aller Verletzungen werden in Beziehungen zugefügt. Je größer die finanzielle und existenzielle Abhängigkeit desto länger verharren die Frauen in den Beziehungen. Und je länger die Beziehungen bestehen, desto niedriger sinkt die Hemmschwelle, und umso exzessiver wird die Gewalt. Und: Selten wenden sich Frauen an Ärzte, Frauenhilfseinrichtungen oder die Polizei. Weniger als elf Prozent aller Frauen gab an, nach körperlicher oder sexueller Gewalt mit einem professionellen Helfer gesprochen zu haben. Zu groß war die Scham, sich als Opfer auszustellen – oder gar den Vertrauten schuldig zu sprechen.

Darüber steht nichts bei den Tatsachen über Deutschland, auch nicht, wenn es um Familie geht. Betroffene Frauen, so weiß auch der Freitag, haben häufig nur das örtliche Frauenhaus als Anlaufstelle. Ein solches Frauenhaus gibt es auch in Göttingen. Finanziell unterstützt wird es vom Land Niedersachsen. Und dort wurde gerade beschlossen, die Förderung fortzusetzen, immerhin: „Das Land Niedersachsen will das Göttinger Frauenhaus auch in den kommenden drei Jahren finanziell unterstützen.“ (Stadtradio Gö) Unglücklicherweise wird gleichzeitig der Standart der Förderung gesenkt, was weniger schön ist, wir aber auch vom Stadtradio erfahren:

„Die Göttinger Sozialpädagogin und Mitarbeiterin des Frauenhauses, Johanna Kurt, sagte im StadtRadio, das Land habe jedoch gleichzeitig die Richtlinien für die Finanzierung geändert. Bislang seien im Göttinger Frauenhaus drei volle Personalstellen als zuschussfähig anerkannt. In Zukunft werde nur noch eine volle Stelle zuschussfähig sein. Kurt kritisierte, dadurch werde die qualifizierte Arbeit in den Frauenhäusern abgeschwächt. Bei weiteren Kürzungen könne qualifizierte Arbeit nicht mehr garantiert werden.“

Wir sehen: hier gibts noch viel zu tun.


2 Antworten auf “Gewalt gegen Frauen wegmachen – Jetzt!”


  1. 1 heike 29. November 2006 um 19:07 Uhr

    hier gibt es in der tat noch viel zu tun. interessant wäre eine über die symptome hinausgehende neue debatte auch in der linken. btw: sagt die studie was dazu?

  2. 2 antifaunited 07. September 2008 um 16:35 Uhr

    Diese Zahlen kommen mir so vor, als ob die Dunkelziffer weitaus höher ist. Zumal ja sicher auch nur Fälle zu Wort kommen, die Registriert wurden.

    Was ich gut finde sind so Ansätze wie „Wer prügelt fliegt raus“, jedoch ist das auch keine Lösung des Problems.

    Zumindest zeigt dies, das der Muslimophobe Mob lügt, denn von denen wird ja immer behauptet, das nur die „bösen musels“ ihre Frauen schlagen würden.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.