Archiv für Dezember 2006

Generation Sparen

Gott sei dank, Deutschland ist gerettet! Es gibt noch Menschen, denen die Nation wirklich etwas bedeutet, die bereit sind, über ihren Schatten zu springen und gemeinsam anzupacken für das große Ganze. Die ihre parteipolitischen Präferenzen hintenanstellen um mal etwas voranzubringen im Land. Die Rede ist von GiG – der Intiative „Generationengerechtigkeit ins Grundgesetz“, der diverse Bundestagsabgeordnete aus CDU, SPD, FDP und Grünen angehören. Das findet anerkennende Worte, etwa auf dem Online-Portal der Tagesschau: „Es geht nicht um irgendwelche Hinterzimmerabsprachen, sondern um ein klares Ziel. Die Rechte der Jungen sollen ins Grundgesetz.“

Das lustige dabei ist, das jetzt allenthalben so getan wird, als sei das was besonderes. Dabei ist die Sache doch eigentlich ebenso gewöhnlich wie banal: (mehr…)

Deutschland im Zeitalter des Postnationalismus

Vom Historischen Seminar eingeladen hat der Geschichtswissenschaftler und Nationalismusforscher Hans-Ulrich Wehler einen Vortrag über die Entwicklung von Nationen im Allgemeinen und die deutsche Nation im Besonderen gehalten. Nachdem er die Nation als für die europäische Geschichte typisches, ideengeschichtliches Konstrukt eingeführt hatte, hatte er über die deutsche Nation einige überaus merkwürdige Dinge zu sagen. Der Nationalsozialismus, der für Wehler sehr eng mit der Figur Adolf Hitlers verknüpft zu sein scheint, ist für ihn vorallem deshalb so „erfolgreich“ gewesen, weil er der Idee einer „deutschen Nation“ zu Ruhm und Ehre gereichen konnte. Der Nationalismus, also der Wunsch nach dem Erfolg der eigenen Nation, habe die Deutschen geeint. Der Antisemitismus der Nazis etwa sei da nicht so wirklich wichtig gewesen in dem Zusammenhang. Nach Ende des Krieges hätten die Deutschen dann festgestellt, dass das mit dem Nationalismus vielleicht doch keine so gute Idee gewesen sei und hätten kollektiv der Nation abgeschworen und seien zu glühenden Beführwortern Europas geworden. Das habe sich auch nach 1989 so fortgesetzt und bis heute angehalten. Bestätigt sah er sich in seiner Sicht von diversen Studien, die er Forschungsinstituten wie Allensbach und Emnid zuschrieb. Allenfalls gäbe es noch so etwas wie einen „Leistungsnationalismus“, der sich freue über die Errungenschaften der deutschen Demokratie und Sozialstaatlichkeit. (mehr…)

Aufhebung der Arbeitsteilung?

Fordistische Fließbandarbeit gilt als Synonym für kapitalistische Produktivkraftentwicklung. An Fließbändern stehen in einer Reihe die ArbeiterInnen, die dann immer nur die eine, immergleiche Bewegung vollführen. Die einzelnen Arbeitsschritte werden auseinandergerissen, die ProduzentInnen sind vereinzelt, sie kennen nicht den Zusammenhang von dem was sie tun. Mustergültig beschrieben ist dies Bild in Bini Adamczak’s wunderbareen kleinen „Geschichte wie endlich alles anders wird“: (mehr…)

Fluchtschicksale

Das Leben im tendenziell globalen Kapitalismus ist für die meisten Menschen auf der Welt keine Freude. Die wenigen Wohlstandsinseln, die derzeit qua neoliberaler Sparpolitik niedergerissen werden, sind für weite Teile der Menschheit schlicht nicht erreichbar. Das Gro der afrikanischen MigrantInnen etwa wandert innerhalb Afrikas. Nur wenige machen sich auf den Weg Richtung Europa. Was dann die amstführenden Charaktermasken in Europa gar nicht so lustig finden. Und entsprechend versuchen, eine große Quasi-Mauer um Europa zu ziehen. Wie ich bereits an anderem Ort ausführlich diskutiert habe. Auch darauf, das Flüchtlingsschicksale aufgrund der immer perfideren Abschottung Europas eher mehr und schlimmer werden, hatte ich hingewiesen.

Ein ebenso tragisches wie eindrucksvolles Beispiel dafür hat sich gerade vor der Küste Senegals ereignet, wo „zwischen 80 und 102 Senegalesen“ ertrunken sind, wie die taz berichtet und betroffen feststellt: „Das Drama der afrikanischen Auswanderung nach Europa mit kleinen Fischerbooten auf dem Atlantik hat seine bisher größte Katastrophe produziert.“ Im Detail liest sich das wie folgt:

Die Angst davor, von den EU-Patrouillen entdeckt zu werden, zwang die Migranten nicht nur zu einer längeren Reise, sondern könnte sie auch in den Tod getrieben haben. Erst am vergangenen Mittwoch wurden an einem Strand nahe Senegals Hauptstadt Dakar 29 Schiffbrüchige angeschwemmt. Sie berichteten, ihr Boot habe vor der Küste Mauretaniens kehrtmachen müssen, um nicht von den EU-Überwachern gesehen zu werden. 22 der Bootsinsassen seien unterwegs gestorben. Zwei der Geretteten starben noch am Strand.

Während die Migranten auf See waren, hat sich in der europäisch-afrikanischen Migrationspolitik einiges getan. Spanien und Senegal vereinbarten legale, kontingentierte Einwanderung: Am Mittwoch gewährte Spanien die ersten 75 von geplanten 4.000 Einreisevisa Senegalesen, die von spanischen Unternehmen ausgesucht worden waren. Am Freitag bestätigte der EU-Gipfel in Brüssel, die EU strebe nächstes Jahr unter deutscher Präsidentschaft eine Migrationspolitik gegenüber Afrika an, „die auf bestimmte Arbeitsmarktbedürfnisse von EU-Mitgliedstaaten abgestimmt ist“.

All das ist angesichts des Massenelends von Millionen perspektivlosen Jugendlichen in Westafrika nichts.

Da bleibt nur der Hinweis auf die guten, alten Demosprüche: Um Europa keine Mauer, Bleiberecht für alle und auf Dauer.

Marx Lektürekurs (6)

Nachdem wir im vorletzten Lektürekurs in die Wertformanalyse eingeleitet haben und in letzten die Besonderheiten von relativer Wertform und Äquivalentform klären konnten, geht es jetzt um „das Ganze der einfache Wertform“ Hier fasst Marx noch einmal die wesentlichen Bestimmungen zusammen, die er bislang vorgenommen hat. (mehr…)

Fahnenstreit

Wer wissen will, wie seine oder ihre Mitmenschen so drauf sind, kann sich eines ganz einfachen Tricks bedienen: einfach mal den Gutmenschen raushängen lassen. Das klappt auf vielen Gebieten, am Besten aber immernoch dann, wenn es um Israel, Antisemitismus und den Holocaust geht. Wer etwa in einem Gespräch ganz beiläufig erwähnt, der Antisemitismus in Deutschland würde ja doch eher ansteigen als abnehmen und ein beliebiges Beispiel dafür einbringt, wird maximale Entrüstung ernten. (mehr…)

Deutsche Zustände – Erste Sondierung

Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung rund um Wilhelm Heitmeyer ist an der Uni Bielefeld ansässig und hat gerade den sechsten Teil der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ herausgegeben. Dabei kommt regelmäßig heraus, das Sexismus, Rassismus und Antisemitismus im Allgemeinen in Deutschland eher zu den abnehmen und im übrigen schon lange keine Phänomene am Rande der Gesellchaft, sondern längst eins der Mitte sind.

Viel ist zu dieser Studie bislang noch nicht öffentlich zugänglich, darum werde ich später wohl noch mal genauer darauf eingehen. Zunächst aber ein paar Spotlights. (mehr…)

Marx Lektürekurs (5)

Fahren wir also fort mit der einfachen, einzelnen oder zufälligen Wertform. Marx stellt hier zwei Waren einander gegenüber. In seinem Beispiel sind es Leinwand und Rock. Beide Waren spiele eine unterschiedliche Rolle in dem Set, das er im folgenden aufbaut. Wenn die eine Ware gegen die andere getauscht wird, so heißt das nichts weiter, als das sich der Wert der einen Ware sich in der anderen Ware darstellt. In der Gleichung x Rock = y Leinwand wird also der Wert des Rockes in der Leinwand dargestellt. In der Gleichung y Leinwand = x Rock wird der Wert der Leinwand im Rock dargestellt. „Die Leinwand drückt ihren Wert aus im Rock, der Rock dient zum Material dieses Wertausdrucks.“ (mehr…)

Marx Lektürekurs (4)

Nach längerer Pause soll es jetzt mal weitergehen mit dem Kapital-Lektürekurs. Mittlerweile war ich einmal nicht beim gemeinsamen weiterlesen dabei, wir sind mittlerweile mitten in der Wertformanalyse und ich hab‘ hier noch einiges aufzuholen. Wir steigen also direkt ein in das Kapitel „3. Die Wertform oder der Tauschwert“, nachzulesen auch hier oder im MEW 23 ab Seite 62. Marx hatte zuvor festgestellt, das es sowohl Gebrauchswert als auch Wert und Tauschwert gibt. Passend dazu gibt es die konkrete und die abstrakte Arbeit, wobei letztere die Substanz der Werte bildet, die Tauschwerte wiederrum die Erscheinungsform der Werte sind. Oder des Wertes. Wie auch immer. (mehr…)

Killer-Leben verbieten

Terror in Schulen ist schon gruselig. Erst wirst du via Schulfplicht gezwungen in so einen Laden zu gehen wo du weder Bock auf die Leute noch auf das hast, was die so mit dir anstellen. Und dann, wenn dir das Ganze ohnehin schon tierisch auf den Senkel geht, kommt da ein anderer (meist männlich), dem das noch viel mehr stinkt, an und will dich, sich und ein paar andere, die zufällig des Weges kommen, mal ganz flott entsorgen. Auf den Müllhaufen der Geschichte. Schöne Scheiße. (mehr…)

Zum bedingungslosen Grundeinkommen

In der taz, aber nicht nur da, ist durch ein Interview mit dem Chef vom dm-Drogeriemarkt und Anthroposoph Götz Werner die Sache mit dem Grundeinkommen wieder in die Debatte gekommen. (mehr…)

Solcher und solcher Fetisch

Das Dinge etwas kosten, ist schon ein Skandal. Ich muss erst arbeiten, um einen via Geld einen Teil des gesamtgesellchaftlichen Reichtums zu bekommen. Trotz allem will das moderne Alltagsbewusstsein nicht wahrhaben, das es die Arbeit ist, die die Substanz der Werte bildet. Der Wert scheint den Dingen selbst anzuhaften, ganz so, als wäre er eine natürliche Eigenschaft. Aber natürlich ist das nicht natürlich. Es ist vielmehr die Folge der ganz speziellen Art und Weise, wie wir derzeit Gesellschaft machen. Wir tun das, indem wir die Produkte „voneinander unabhängiger Privatarbeiten“ (MEW 23,89) aufeinander als Waren beziehen und die in ihnen enthaltene gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit aufeinander beziehen. „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. ( … ) Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“ (MEW 23, 86f) (mehr…)

Ideen zum Widerspruch von Konsumtion und Produktion

Im Kapitalismus gibt es eine Reihe von Widersprüchen. Nicht nur den zwischen Wert und Gebrauchswert, das ganze zeichnet sich auch auf einer oberflächlichen Ebene ab. Das klassische Beispiel ist hier wohl der widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sehr eindrucksvoll ist auch der zwischen Produzierenden und Konsumierenden. (mehr…)