Ideen zum Widerspruch von Konsumtion und Produktion

Im Kapitalismus gibt es eine Reihe von Widersprüchen. Nicht nur den zwischen Wert und Gebrauchswert, das ganze zeichnet sich auch auf einer oberflächlichen Ebene ab. Das klassische Beispiel ist hier wohl der widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sehr eindrucksvoll ist auch der zwischen Produzierenden und Konsumierenden.

Solange Menschen in Lohnarbeit stecken, ist es sicherlich immer sinnvoll, wenn sie versuchen, sich dem individuell oder kollektiv zu widersetzen. „Dienst nach Vorschrift“, bummeln und dergleichen mehr ist subversiv, trägt zur Senkung der Arbeitsmoral bei und ist in den Debatten um soziale Befreiung oft als sinnvoller Widerstandspunkt herausgearbeitet worden. Politisch lässt sich das sicherlich auch ein gutes stückweit nachvollziehen.

Privat ändert sich das allerdings, sobald ich in die Situation komme, das den Lohnarbeitenden als Kundin gegenüberstehe. Dann wird aus dem Zwang, via Anweisung von oben freundlich noch zu den größten Arschlöchern zu sein die schlichte Tatsache, das mich die Frau im Großmarkt einfach nur blöde anmacht und ich das natürlich nicht will. Dann erscheint die Testkäuferin, die Qualitätsstandarts im Verkauf testen soll, schon fast als Hort der Emanzipation – obwohl sie doch eigentlich nur als Auftragnehmerin des Kapitals daran arbeitet, Arbeitsdisziplin herzustellen und Profite zu maximieren.

Alleine der wechsel der Position – von der politischen Beobachterin hin zur zahlenden Kundin, verändert den Blickwinkel, die Empfindungen und letztlich auch die Interessen. Als Gewerkschafterin erscheinen mir viele Gesundheits- und Sicherheitsstandarts in der Systemgastronomie (sagen wir etwa bei BurgerKing, wo es im Gegensatz zu MacDoof immerhin noch Vegi-Burger gibt, und die Pommes sind auch viel besser…) als Gängelei und Testkäufe als Vorbereitung der nächsten Existenzzerstörung per Kündigung. Als Kundin finde ich es sinnvoll, wenn das Fleisch nicht gammelt und die Menschen hinter der Theke wenigstens über ein Minimum an sozialen Kompetenzen verfügen. Das geht auch nicht raus und ist wohl einer der Gründe, warum es soziale Kämpfe im vollentwickelten Kapitalismus so schwer haben: Grenzverläufe sind nicht mehr einfach von oben nach unten, die Beteiligten nicht immer klar zuzuordnen. Nur zu oft geht die Grenze auch durch uns selbst hindurch.

Ein anderes schönes Beispiel sind unterschiedliche Umzugspraktiken. Wenn ich, Variante Eins, mit einem Umzugsunternehmen umziehe, also andere dafür bezahle, dass die alte Wohnung erst aus- und die neue Wohnung dann eingeräumt wird, dann habe ich das Interesse, das die fleißigen Helfer (Frauen sind da tatsächlich eher selten – wenn überhaupt – anzutreffen) ordentlich anpacken, nicht rumstehen, nicht mit den Nachbarn quatschen, kurz Pausen machen und schnell fertigwerden. Ganz anders verhält sich das wenn ich, Variante Zwei, mit ein paar FreundInnen umziehe. Dann habe ich das Interesse, das die auch hinterher noch eine gute Meinung von mir haben, schließlich sind wir FreundInnen. Mir ist wichtig, das genug Leute mithelfen, damit sich niemand zu sehr anstrengen muss. Mir ist wichtig, das es für alle immer genug zu trinken gibt, das wir Pausen machen, das wir lachen, Spaß haben und bei allem was zu tun ist immer auch Menschen bleiben. Mein Blick auf die Dinge ist auch hier ein völlig anderer, es ist ein Blick, in dem der Widerspruch zwischen meinen Individualinteressen und den Interessen der Allgemeinheit (hier: der Gruppe die mir beim umziehen hilft) weitestgehend aufgehoben ist.

In einer Gesellschaft, die sich nach diesem Muster organisiert, wäre die „Herrschaft des Allgemeien über das Besondere, der Gesellschaft über ihre Zwangsmitglieder“ (Theodor W. Adorno: Gesellschaft. Soziologie Schriften I, Seite 14) zumindest in der Tendenz aufgehoben, die einzelnen könnten gehen, wenn sie keine Lust mehr haben, sie könnten Pause machen, wenn sie erschöpft sind, mich hängen lassen, wenn ich sie mies behandele. Persönliche Abhängigkeiten in der einen oder anderen Form werden natürlich bleiben, seien sie nun emotionaler oder sozialer Art. Aber darüber ließe sich nun reflektieren, wäre es doch die Abhängigkeit zwischen Menschen und im Einzelfall – und nicht mehr die Abhängigkeit von einer den Menschen automatisch gegenübertretenden Struktur, die auch nicht mit sich verhandeln lässt (obwohl sie doch erst durch Handel entsteht).