Solcher und solcher Fetisch

Das Dinge etwas kosten, ist schon ein Skandal. Ich muss erst arbeiten, um einen via Geld einen Teil des gesamtgesellchaftlichen Reichtums zu bekommen. Trotz allem will das moderne Alltagsbewusstsein nicht wahrhaben, das es die Arbeit ist, die die Substanz der Werte bildet. Der Wert scheint den Dingen selbst anzuhaften, ganz so, als wäre er eine natürliche Eigenschaft. Aber natürlich ist das nicht natürlich. Es ist vielmehr die Folge der ganz speziellen Art und Weise, wie wir derzeit Gesellschaft machen. Wir tun das, indem wir die Produkte „voneinander unabhängiger Privatarbeiten“ (MEW 23,89) aufeinander als Waren beziehen und die in ihnen enthaltene gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit aufeinander beziehen. „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. ( … ) Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“ (MEW 23, 86f)

Der bürgerliche Alltagsverstand versteht unter Fetischismus oftmals etwas anderes. Dann geht es nicht um die schlichte Tatsache, das Dinge überhaupt als Waren erscheinen, sondern das einigen dieser Waren der Glanz anklebt, ihr Wert sei doch viel höher als er eigentlich ist. Ein schönes Lehrbespiel für diese Ansicht bietet etwa die Arte-Doku „Der allmächtige Warenfetisch“. Sehr schön liest sich das auch in diesem Artikel bei Spiegel-Online an, in dem über die revolutionäre Neuerung eines cleveren Unternehmers berichtet wird, doch den kalkulierten Preisaufschlag für Markenprodukte einfach wegzulassen. Das nämlich sei schlechte Alltäglichkeit:

Turnschuhe auf der New Yorker Fifth Avenue zu kaufen ist ein Einkaufserlebnis erster Klasse. Im Laden der National Basketball Association, gleich gegenüber von Versace, Fendi und Cartier, ist alles exquisit: Der spiralförmige Aufgang erinnert an die Reichstagskuppel oder das Guggenheim-Museum. An den Wänden hängen Sportlerfotos für 1100 Dollar das Stück. Es gibt Kapuzenpullis aus Kaschmir und handsignierte Basketbälle von Michael Jordan (1500 Dollar). Die schönsten Turnschuhe werden wie Juwelen in Glasvitrinen präsentiert.

Das tut natürlich nicht not. Und ändert auch nichts an der Tatsache, das die Arbeit Substanz der Werte ist. Denn das sich der Preis nicht nur vom Wert der Ware unterscheiden kann, sondern das in aller Regel auch tut (ja vielleicht nicht einmal damit vergleichbar ist, die Gelehrten streiten noch) wusste schon der olle Marx. Jedenfalls schreitet „Stephon Marbury, einer der berühmtesten Basketballer Amerikas und Spieler der New York Knicks“ als Vorkämpfer wider die skrupellosen Geschäftsmethoden voran:

Gemeinsam mit einer Billigladenkette hat er im August ein Sneaker-Paar für 14,98 Dollar auf den Markt gebracht – und trägt seinen „Starbury One“ bei jedem Profi-Spiel selbst. „Wenn deine Mutter 15.000 Dollar im Jahr verdient, kannst du dir keine Sneaker für 200 Dollar leisten“, sagt Marbury, ein Multimillionär, der aus armen Verhältnissen stammt: sechs Geschwister, sozialer Wohnungsbau in Brooklyn, New York.

Das ist nichts revolutionäres, hebt die Warenform nicht auf, hilft aber den Kids aus eher mieseren sozialen Verhältnissen vielleicht, ein bissel mehr am Leben teilhaben zu können – und sei es auch eins im Falschen. Was dann auch gleich entsprechend vermarktet wird:

Am Ende freilich geht es um banale Fragen: Wie cool sind Billigtreter für 15 Dollar, wenn Schuhlegenden wie der „Air Jordan“ leicht das Zehnfache oder mehr kosten? Sind die Superschuhe womöglich nur deshalb so teuer, weil die Konzerne damit den Ruhm ihrer teuren Stars versilbern? Und kann man mit der Billigkonkurrenz überhaupt Körbe werfen? ( … )

Zumindest in der Elterngeneration dürfte Marbury, 29, deshalb wohl unbestritten zum neuen Superstar aufgestiegen sein. Denn dessen Vermarkter haben es geschafft, ihr neues Produkt ohne millionenschwere Werbekampagne als „revolutionär“ zu positionieren; als Befreiungsakt fürs gemeine Volk, das – nach ihrer Lesart – nur darauf gewartet hat, dem Konsumdiktat und Imageterror der großen Marken zu entkommen. ( … )

Jugendliche hätten geschwärmt, dass sie endlich nicht mehr veralbert würden für ihre Billigtreter, Mütter seien ihm begeistert um den Hals gefallen, voller Dank, weil sie nicht mehr für 200-Dollar-Schuhe sparen müssen. „Es war einfach phänomenal“, sagt Todd. „Unsere erste Lieferung war schon nach drei Tagen ausverkauft.“ Täglich kämen neue Container-Ladungen aus China an. Und dennoch stünden die Leute immer noch Schlange. Cool gleich teuer – das gelte nicht mehr.

Das Turnschuhgeschäft ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Industrie mit gesundem Wettbewerb. Marken wie Adidas, Nike, Puma oder Reebok sind seit Jahrzehnten dabei. Wieso hatte bislang niemand von ihnen einen Schuh für unter 15 Dollar ins Programm genommen?

„Schneiden Sie unseren Sneaker doch in zwei Hälften“, sagt Marketing-Manager Howard Schacter von Steve & Barry’s, „er sieht genauso aus wie die Modelle der Konkurrenz.“ Chinesische Produktion, verwendete Materialien – alles Branchenstandard, sagt er. Selbst am Design wurde angeblich nicht gespart. Die beauftragte Agentur habe zuvor für Nike gearbeitet. Kurz: Die Herstellungskosten sind für alle etwa gleich, bezahlt werde vor allem fürs Image, für eine diffuse, übertechnisierte Wohlfühl-Philosophie.

Was fällt einem noch dazu ein? Die Frage nach den Arbeitsbedingungen in China, die so billige Schuhe ermöglichen? Wir wollen doch nicht kleinlich werden…


2 Antworten auf “Solcher und solcher Fetisch”


  1. 1 herumspringen 06. Dezember 2006 um 3:47 Uhr

    wo steht denn das bei marx mit preis und wert?

  2. 2 emanzipationoderbarbarei 06. Dezember 2006 um 11:31 Uhr

    Gute Frage. *blätter*

    In einem recht berüchtigten Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868 setzt sich Marx mit einer Ähnlichen auseinander. Er macht dann den Unterschied von Wesen und Erscheinung auf. Er schreibt von dem Vulgärökonomen, der glaubt „eien große Entdeckung zu machen, wenn er der Enthüllung des inneren Zusammenhangs gegenüber darauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Schein festhält und ihn als letztes nimmt. Woizu dann überhaupt noch Wissenchaft?“

    Da steht erstmal nichts von Geld, die Aussage ist aber m.E. der theoretische Hintergrund: der Wert ist das „Wesen“ des Kapitalismus, Preis ist eine Erscheinungsform. Im Kapital selber erwähnt Marx dies Problem zunächst nur eher am Rande, etwa in der Fußnote 37 auf MEW 23, 180. Da geht darum, das er Kapitalbildung vor dem Hintergrund von Äquivalententausch erklären möchte, er also davon ausgeht, das niemand beschissen wird im Kapitalismus. Er schreibt:

    „Die Kapitalbildung muß möglich sein, auch wenn der Warenpreis gleich dem Warenwert (was ja darauf hindeutet, dass das nicht der Normalfall ist, EoB). Sie kann nicht aus der Abweichung der Warenpreise von den Warenwertern erklärt werden. ( … ) Wie kann Kapital entstehn, bei der Regelung der Preise durch den Durchscnittspreis, d.h. in letzter Instanz durch den Wert der Ware? Ich sage „in letzter Instantz“, weil die Durchschnittspreise nicht direkt mit den Wertgrößen der Waren zusammenfallen“.

    Er behandelt das Problem dann später im dritten Band, und zwar ab Seite 164 im MEW, dem Kapitel mit der bezeichnenden Überschrift „Bildung einer allgemeinen Profitrate (Durchschnittsprofitrate) und Verwandlung der Warenwerte in Produktionspreise.

    Für Hinweise danke ich Michael Heinrich und Moishe Postone

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