Marx Lektürekurs (4)

Nach längerer Pause soll es jetzt mal weitergehen mit dem Kapital-Lektürekurs. Mittlerweile war ich einmal nicht beim gemeinsamen weiterlesen dabei, wir sind mittlerweile mitten in der Wertformanalyse und ich hab‘ hier noch einiges aufzuholen. Wir steigen also direkt ein in das Kapitel „3. Die Wertform oder der Tauschwert“, nachzulesen auch hier oder im MEW 23 ab Seite 62. Marx hatte zuvor festgestellt, das es sowohl Gebrauchswert als auch Wert und Tauschwert gibt. Passend dazu gibt es die konkrete und die abstrakte Arbeit, wobei letztere die Substanz der Werte bildet, die Tauschwerte wiederrum die Erscheinungsform der Werte sind. Oder des Wertes. Wie auch immer.

Zum Beginn des Kapitels verliert Marx ein paar einleitende Worte über das, was er im Folgenden zu tun beabsichtigt bzw. in welchem Kontext er das bislang geschriebene (bzw. gelesene) verortet. Im ersten Absatz geht er auf den Begriff der Form ein. Er bezeichnet den Gebrauchswert als die Naturalform und den Wert als Wertform. Waren wiederrum haben nur „die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“

Der zweite Absatz beginnt dann mit dem Folgenden vieldiskutierten Satz: „Die Wertgegenständlichkeit der Waren unterscheidet sich dadurch von der Wittib Hurtig, daß man nicht weiß, wo sie zu haben ist.“ Wittib Hurtig, so klärt uns der Anhang auf, ist eine Figur aus Shakespeares „Heinrich der Vierte“ und taucht dort im 1. Teil, 3. Aufzug auf. Es geht letztlich, soviel lässt sich erahnen, um die schlichte Feststellung, das der Wert nichts stoffliches – und somit nichts greifbares – ist. Über die genauere Bedeutung dieser Anspielung klärt uns Wolfgang Fritz Haug auf:


„Im Unterschied zur Wittib Hurtig, einer Wirtshausbesitzerin und Prostituierten, die Shakespeare von sich sagen lässt, bei ihr wisse man immer, wo man sie, im Doppelsinn, fassen kann, ist der Wert der Ware an ihr selbst als diesem bestimmten Gegenstand , also ,gegenständlich‘ nicht zu fassen.“ (Wolfgang Fritz Haug: „Vorlesungen zur Einführung ins ‚Kapital‘“ Neufassung von 2005. Hamburg 2005, Seite 122)

Das wird auch deutlich, wenn wir den marx’schen Ausführungen weiter folgen: „Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein. Man mag daher eine einzelne Ware drehen und wenden, wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding. Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann.“ Aber das wussten wir ja letztlich schon alles aus den zwei vorangegangenen Unterkapiteln.

Im nächsten Satz verrät uns Marx auch noch nicht viel neues, sondern bezieht sich lediglich zurück auf seine Feststellung von Seite 53:

„Im Austauschverhältnis der Waren selbst erschien uns ihr Tauschwert als etwas von ihren Gebrauchswerten durchaus Unabhängiges. Abstrahiert man nun wirklich vom Gebrauchswert der Arbeitsprodukte, so erhält man ihren Wert, wie er eben bestimmt ward. Das Gemeinsame, was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt, ist also ihr Wert. Der Fortgang der Untersuchung wird uns zurückführen zum Tauschwert als der notwendigen Ausdrucksweise oder Erscheinungsform des Werts, welcher zunächst jedoch unabhängig von dieser Form zu betrachten ist.“

Marx war dort über den Umweg des Tauschwertes auf den Wert als geronnener menschlicher Arbeit (die sich trotz allem nicht anfassen lässt) gekommen und wollte sich zunächst einer genaueren Bestimmung des Wertes widmen, um dann zu einem späteren Zeitpunkt zum Tauschwert zurückzukommen. Dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen, Marx kehrt zurück und wir hängen wie gebannt an seinen Lippen: „Wir gingen in der Tat vom Tauschwert oder Austauschverhältnis der Waren aus, um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Erscheinungsform des Wertes zurückkehren.“

Wenn Waren getauscht werden, dann passiert das in der Realität nur äußerst selten über den Austausch einzelner Waren. Im Regelfall wird eine Ware gegen Geld getauscht, das Geld wiederrum gegen eine andere Ware. Das ist allgemein bekannt, wie Marx spöttisch feststellt: „Jedermann weiß, wenn er auch sonst nichts weiß, daß die Waren eine mit den bunten Naturalformen ihrer Gebrauchswerte höchst frappant kontrastierende, gemeinsame Wertform besitzen – die Geldform. Hier gilt es jedoch zu leisten, was von der bürgerlichen Ökonomie nicht einmal versucht ward, nämlich die Genesis dieser Geldform nachzuweisen, also die Entwicklung des im Wertverhältnis der Waren enthaltenen Wertausdrucks von seiner einfachsten unscheinbarsten Gestalt bis zur blendenden Geldform zu verfolgen. Damit verschwindet zugleich das Geldrätsel.“

Damit wäre also die Aufgabe für die nächsten Lektürekurse benannt: wir werden uns damit beschäftigen, „die Genesis dieser Geldform nachzuweisen“, die den Waren scheinbar anklebt. Was dann schon die dritte Form wäre, auf die Marx innerhalb von nur einer Seite zu sprechen kommt. Und auch die Genesis, von der Marx hier spricht, ist entsprechend eine formale. Es geht ihm nicht darum, die historische Entstehungsgeschichte des Geldes, und sei es auch nur „bereinigt von allen historischen Zufälligkeiten“, wie es Engels einst bezeichnet hat, nachzuzeichen. Vielmehr will er die systematisch-logisch Entwicklung des Geldes aus der einfachsten Tauschbeziehung heraus dartellen. Entsprechend muss er mit dem einfachsten denkbaren Wertverhältnis anfangen, nämlich mit dem „Wertverhältnis zweier Waren“. Was er dann unter der Überschrift „Einfache, einzelne oder zufällige Wertform“ auch tut. Ich allerdings werde das jetzt nicht tun, sondern erstmal zur Oaxaca-Veranstaltung gehen.