Marx Lektürekurs (5)

Fahren wir also fort mit der einfachen, einzelnen oder zufälligen Wertform. Marx stellt hier zwei Waren einander gegenüber. In seinem Beispiel sind es Leinwand und Rock. Beide Waren spiele eine unterschiedliche Rolle in dem Set, das er im folgenden aufbaut. Wenn die eine Ware gegen die andere getauscht wird, so heißt das nichts weiter, als das sich der Wert der einen Ware sich in der anderen Ware darstellt. In der Gleichung x Rock = y Leinwand wird also der Wert des Rockes in der Leinwand dargestellt. In der Gleichung y Leinwand = x Rock wird der Wert der Leinwand im Rock dargestellt. „Die Leinwand drückt ihren Wert aus im Rock, der Rock dient zum Material dieses Wertausdrucks.“

Die Gleichung gibt das relative Verhältnis der ersten Ware zur zweiten Ware wider. Darum sagt Marx: „Der Wert der ersten Ware ist als relativer Wert dargestellt, oder sie befindet sich in relativer Wertform.“ Die zweite Ware drückt aus, wie groß der Wert der ersten Ware ist. sie „funktioniert als Äquivalent oder befindet sich in Äquivalentform.“

Beide Formen sind natürlich nicht ohne die jeweils andere denkbar, genau wie eine Ware eben nur zur Ware wird, wenn sie sich auf andere Waren beziehen kann. Sie sind „zueinander gehörige, sich wechselseitig bedingende, unzertrennliche Momente, aber zugleich einander ausschließende oder entgegengesetzte Extreme, d.h. Pole desselben Wertausdrucks“.

In sich selber kann sich der Wert einer Ware nicht darstellen, worauf Marx zurecht insistiert:

„Ich kann z.B. den Wert der Leinwand nicht in Leinwand ausdrücken. 20 Ellen Leinwand = 20 Ellen Leinwand ist kein Wertausdruck. Die Gleichung sagt vielmehr umgekehrt: 20 Ellen Leinwand sind nichts andres als 20 Ellen Leinwand, ein bestimmtes Quantum des Gebrauchsgegenstandes Leinwand. Der Wert der Leinwand kann also nur relativ ausgedrückt werden, d.h. in andrer Ware.“ Diese „liefert nur dem Wertausdruck andrer Ware das Material.“

Fassen wir zusammen: es braucht stets zwei Waren, eine in relativer Wertform und eine in der Äquivalentform. Jede Ware kann prinzipiell jede der beiden Funktionen übernehmen, sie müssen eben nur übernommen sein. Was das en detail bedeutet, klärt Marx dann in zwei gesonderten Unterabschnitten, nämlich einem zur relativen Wertform (Seite 64f) und einem zur Äquivalentform (Seite 70f). Beginnen wir mit dem zur relativen Wertform, der wiederrum unterteilt ist. In einen Teil nämlich zum Gehalt der relativen Wertform und einen zur quantitativen Bestimmtheit der relativen Wertform.

Bei der Frage nach dem Gehalt geht es Marx darum herauszufinden wie es sein kann, dass „der einfache Wertausdruck einer Ware im Wertverhältnis zweier Waren steckt“, wie genau das vor sich geht. Sie hängt für Marx eng zusammen mit der früher diskutierten Frage nach der „Einheit“, durch die die Waren „gleichnamige, daher kommensurable Größen“ werden.

Kommen wir zurück zur Gleichung x Leinwand = y Rock. Hier wird nichts über den Wert des Rockes ausgesagt. „Nur der Wert der Leinwand wird ausgedrückt. Und wie? Durch ihre Beziehung auf den Rock als ihr „Äquivalent“ oder mit ihr „Austauschbares“. In diesem Verhältnis gilt der Rock als Existenzform von Wert, als Wertding, denn nur als solches ist er dasselbe wie die Leinwand.“

Stofflich sind Leinwand und Rock etwas verschiedenes. Erst durch den Bezug mit einer gleichen Einheit werden sie vergleichbar. Das ist die Arbeit und das hatten wir schon. Das heißt allerdings auch, dass „das eigne Wertsein der Leinwand zum Vorschein (kommt) oder erhält einen selbständigen Ausdruck (erhält), denn nur als Wert ist sie auf den Rock als Gleichwertiges oder mit ihr Austauschbares bezüglich.“ Was Marx im Folgenden tut, sieht zunächst sehr redundant aus (ist es vielleicht auch), bereitet aber eine wesentlich Erkenntnis vor.

Zunächst versucht er den bislang ausgeführten Gedanken anhand eines (wie ich finde) etwas unglücklichen chemikalischen Beispiels klar zu machen, wobei noch ungeklärt ist. Im Unterschied zu allen chemischen Prozessen ist der Prozess der Wertbildung ein rein gesellschaftlicher. Und er ist auch kein reiner Gedankenprozess, der im Nachhinein so etwas wie einen Wert zu konstruieren versucht. „Sagen wir: als Werte sind die Waren bloße Gallerten menschlicher Arbeit, so reduziert unsre Analyse dieselben auf die Wertabstraktion, gibt ihnen aber keine von ihren Naturalformen verschiedne Wertform. Anders im Wertverhältnis einer Ware zur andern. Ihr Wertcharakter tritt hier hervor durch ihre eigne Beziehung zu der andern Ware. ndem z.B. der Rock als Wertding der Leinwand gleichgesetzt wird, wird die in ihm steckende Arbeit der in ihr steckenden Arbeit gleichgesetzt.“ Und für die Arbeiten gilt dann wieder genau das, was eben für Wert und Gebrauchswert gesagt wurde:

„Nun ist zwar die Schneiderei, die den Rock macht, eine von der Weberei, die die Leinwand macht, verschiedenartiger konkrete Arbeit. Aber die Gleichsetzung mit der Weberei reduziert die Schneiderei tatsächlich auf das in beiden Arbeiten wirklich Gleiche, auf ihren gemeinsamen Charakter menschlicher Arbeit. Auf diesem Umweg ist dann gesagt, daß auch die Weberei, sofern sie Wert webt, keine Unterscheindungsmerkmale von der Schneiderei besitzt, also abstrakt menschliche Arbeit ist. Nur der Äquivalenzausdruck verschiedenartiger Waren bringt den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein, indem er die in den verschiedenartigen Waren steckenden, verschiedenartigen Arbeiten tatsächlich auf ihr Gemeinsames reduziert, auf menschliche Arbeit überhaupt“

Wert wird die abstrakte Arbeit aber erst dann, wenn sie vom „flüssigen Zustand“ in den „geronnene(n) Zustand, in gegenständliche(…) Form“ übergeht. Das heißt aber auch: „Um den Leinwandwert als Gallerte menschlicher Arbeit auszudrücken, muß er als eine ‚Gegenständlichkeit‘ ausgedrückt werden, welche von der Leinwand selbst dinglich verschieden und ihr zugleich mit andrer Ware gemeinsam ist. Wenn der Rock nun aber seinen Wert in der Leinwand ausdrücken will, so hat das eine Grundbedingung, und hier wird es relevant: „Der Rock kann ihr gegenüber jedoch nicht Wert darstellen, ohne daß für sie gleichzeitig der Wert die Form eines Rockes annimmt. ( … ) m Wertverhältnis, worin der Rock das Äquivalent der Leinwand bildet, gilt also die Rockform als Wertform. Der Wert der Ware Leinwand wird daher ausgedrückt im Körper der Ware Rock, der Wert einer Ware im Gebrauchswert der andren.“

Schnallen wir uns an. Der Wert des Rockes stellt sich dar im Gebrauchswert der Leinwand. Was ja irgendwie auch sinn macht. Würde er sich im Wert der Leinwand ausdrücken, wäre damit nicht viel gesagt. Es bliebe die Frage, was der Wert der Leinwand sein soll. Es wäre eine unbefriedigende Antwort, weil der Wert ja gerade nicht greifbar, nicht bestimmbar ist. Er würde zur reinen Fiktion.

Das ist er nicht. Er ist real, was Marx bestimmt damit andeutet, das die Waren einander „tatsächlich“ gleichgesetzt würden. Alfred Sohn-Rethel hat den Wert deshalb auch als Realabstraktion bezeichnet:


„Das Wesen der Warenabstraktion aber ist, daß sie nicht denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der Menschen hat, sondern in ihrem Tun. Und dennoch gibt das ihrem Begriff keine bloße metaphorische Bedeutung. Sie ist Abstraktion im scharfen wörtlichen Sinne. Der ökonomische Wertbegriff, der aus ihr resultiert, ist gekennzeichnet durch vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Differenzierbarkeit und durch Anwendbarkeit auf jedwede Art von Waren und von Dienstleistungen, welche auf einem Markt auftreten mögen. Mit diesen Eigenschaften hat die ökonomische Wertabstraktion in der Tat frappante äußere Ähnlichkeit mit tragenden Kategorien der quantifizierenden Naturerkenntnis (…). Während die Begriff der Naturerkenntnis Denkabstraktionen sind, ist der ökonomische Wertbegriff eine Realabstraktion. Er existiert zwar nirgends anders als im menschlichen Denken, er entspringt aber nicht aus dem Denken. Er ist unmittelbar gesellschaftlicher Natur, hat seinen Ursprung in der raumzeitlichen Sphäre zwischenmenschlichen Verkehrs. Nicht die Personen erzeugen diese Abstraktion, sondern ihre Handlungen tun das, ihre Handlungen miteinander.“ (Alfred Son-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis. Frankfurt am Main 1970, Seite 41f)

Auf die Besonderheiten, die hinter dieser Bestimmung stehen, kommt Marx im Unterabschnitt „Die Äquivalentform“ zurückkommen. Vorher jedoch macht er einige nicht besonders neue und überraschende Ausführungen zur Wertgröße. In der Gleichung x Rock = y Leinwand kann sich der Rockwert auf mehrere Arten verändern: es kann sich die Produktivkraft der Arbeit verändern, die Rock herstellt. Es kann sich aber auch die Produktivkraft der Arbeit verändern, die Leinwand herstellt. Oder es können sich beide ändern, in jeweils unterschiedlichen oder wahlweise auch gleichen Proportionen. Im Grunde widerholt hier Marx ähnliche Überlegungen, wie er sie schon früher angestellt hat. Allerdings führt er eine neue Kategorie ein, die mir auch für die Debatte um den marx’schen Wertbegriff nicht unwichtig erscheint.

Nehmen wir das Beispiel, das die notwendige Arbeit zur Herstellung der Leinwand sich verändert, die zur Herstellung des Rockes aber konstant bleibt. Wird etwa mehr Zeit benötigt um die Leinwand herzustellen erhöht sich ihr Wert, wie das ja im Kapitel 1.2 ausführlich dargelegt und diskutiert wurde. Wird weniger Zeit benötigt, sinkt ihr Wert. Auch das ist keine Neuigkeit. Aber „der relative Wert der Ware A, d.h. ihr Wert ausgedrückt in der Ware B, steigt und fällt ( … ) direkt wie der Wert der Ware A, bei gleichbleibenden Wert der Ware B.“ Es gibt also neben Wert bei Marx auch noch den „relativen Wert“. Der relative Wert bezeichnet die Austauschproportionen zwischen zwei Waren und scheint mir eine Analogie zum Tauschwert zu sein. Davon unabhängig ist jedoch der ‚eigentliche‘ Wert der Waren, der auf die für ihre Produktion gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit verweist.

Aber kommen wir zurück zu den Folgen der Tatsache, das sich der Wert der einen Ware im Gebrauchswert der anderen Ware darstellen muss und treten wir also ein in das Unterkapitel zur Äquivalentform. Es braucht, das hatten wir bereits festgestellt, immer eine zweite Ware, in deren Gebrauchswert sich der Wert der ersten Ware spiegeln kann: „Weil die Warenart Rock hier die Rolle des Äquivalents spielt, der Gebrauchswert Rock der Leinwand gegenüber als Wertkörper gilt, genügt auch ein bestimmtes Quantum Röcke, um ein bestimmtes Wertquantum Leinwand auszudrücken. Zwei Röcke können daher die Wertgröße von 40 Ellen Leinwand, aber sie können nie ihre eigne Wertgröße, die Wertgröße von Röcken, ausdrücken.“ Danach gehts dann ans eingemachte und Marx untersucht die Spezifika, die hinter dieser Annahme stehen. Er teilt sie in drei „Eigentümlichkeiten“ auf.

Eigentümlichkeit 1: „Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts.“

Oder, in den Begriffen vom Anfang der Wertformanalyse ausgedrückt: „Die Naturalform der Ware wird zur Wertform“ Und das ganze, wir erinnern uns, innerhalb einer Beziehung mit einer anderen Ware. „Da keine Ware sich auf sich selbst als Äquivalent beziehn, also auch nicht ihre eigne Naturalhaut zum Ausdruck ihres eignen Werts machen kann, muß sie sich auf andre Ware als Äquivalent beziehn oder die Naturalhaut einer andren Ware zu ihrer eignen Wertform machen.“

Marx versucht zunächst, dies am Beispiel von Zuckerhut und Eisen darzustellen. Beide haben Gewicht und lassen sich so auf ein gemeinsames Maß bringen: Schwere. Er gibt jedoch freimütig zu, das auch diese (wie so viele andere auch) Analogie nur eine begrenzte Aussagekraft hat. Schließlich geht es beim Wert nicht um eine Natureigenschaft wie Gewicht, sondern um „etwas rein Gesellschaftliches“

Wir haben jetzt also immernoch die relative Wertform der Leinwand, und die drükt „ihr Wertsein als etwas von ihrem Körper und seinen Eigenschaften durchaus Unterschiedenes aus“, indem sie es nämlich in einer anderen Ware darstellt. So kommt es, das es sich zwar um ein „gesellschaftliches Verhältnis“ handelt, es sich aber gleichsam „verbirgt.“

Der Rock nämlich, selber nur Gebrauchswert, drückt nämlich seinerseits Wert aus. Seine Natur besitzt plötzlich wertform – wenn auch aus einem rein gesellschaftlichen Grund. „Da aber Eigenschaften eines Dings nicht aus seinem Verhältnis zu andern Dingen entspringen, sich vielmehr in solchem Verhältnis nur betätigen, scheint auch der Rock seine Äquivalentform, seine Eigenschaft unmittelbarer Austauschbarkeit, ebensosehr von Natur zu besitzen wie seine Eigenschaft, schwer zu sein oder warm zu halten.“ So kommt es, das die spezifische Gesellschaftlichkeit von Warenproduktion und Tausch in der bürgerlichen Gesellschaft als etwas ganz natürliches erscheint.

Eigentümlichkeit 2: „Konkrete Arbeit (wird) zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit“

Was für die Verkehrung von Wert und Gebrauchswert gilt, gilt auch für andere Ebenen der Darstellung. So wird auch die „konkrete Arbeit ( … ) zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit.“ Im Wert der Leinwand etwa spiegelt sich nicht die Schneiderei als nützliche Tätigkeit, sondern nur das sie „Gallerte von Arbeit (ist), die sich durchaus nicht unterscheidet von der im Leinwandwert vergegenständlichten Arbeit. Um solch einen Wertspiegel zu machen, muß die Schneiderei selbst nichts widerspiegeln außer ihrer abstrakten Eigenschaft, menschliche Arbeit zu sein.“

Wir sehen: auch hier wird „die Sache verdreht.“ Auch hier stellt sich das abstrakte im konkreten dar. In Marx Worten: „Um z.B. auszudrücken, daß das Weben nicht in seiner konkreten Form als Weben, sondern in seiner allgemeinen Eigenschaft als menschliche Arbeit den Leinwandwert bildet, wird ihm die Schneiderei, die konkrete Arbeit, die das Leinwand-Äquivalent produziert, gegenübergestellt als die handgreifliche Verwirklichungsform abstrakt menschlicher Arbeit.“

Eigentümlichkeit 4: „Privatarbeit (wird) ur Form ihres Gegenteils ( … ), zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form.“

Die Schneiderei als konkrete Arbeit wird zunächst von einzelnen Warenproduzenten auf deren Rechnung und Initiative getan. Sie ist dadurch Privatarbeit. Trotz allem wird sie nicht deshalb getan, weil der arbeitende Mensch das Produkt bräuchte, sondern weil die Gesellschaft als solche das Produkt braucht. die Privatarbeit ist so gleichzeitig „Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form.“

Der letzte Gedanke treibt etwa Moishe Postone um, wenn er schreibt:


„In der warenförmigen Gesellschaft sind die Vergegenständlichungen der Arbeit des Einen die Mittel, um von Anderen produzierte Güter zu erwerben. Man arbeitet, um andere Produkte zu erwerben. Das Produkt des Einen dient den Anderen als Gut: als Gebrauchswert. Es dient dem Produzentenals Mittel, um die Arbeitsprodukte der anderen zu erwerben. In genau diesem Sinne ist ein Produkt eine War: es ist zugleich ein Gebrauchswert für die Anderen und ein Tauschmittel für den Produzenten. Dies bedeutet, das die Arbeit des Einen zweifache Funktion hat: einerseits ist die eine spezifische Art der Arbeit, die besondere Produkte für andere produziert. Andererseits dient Arbeit, unabhängig von ihrem besonderen Inhalt, dem Produzenten als Mittel, Güter zu erwerben. Hinsichtlich der Produkte, die die Käufer dank ihrer Arbeit erwerben, abstrahieren sie von der Besonderheit der Arbeit der Produzenten. Es besteht keine innere Beziehung zwischen der spezifischen Besonderheit der verausgabten Arbeit der spezifischen Beschaffenheit des Produkts, das mittels dieser Arbeit erworben wird. ( … ) Arbeit selbst konstituiert die Vermittlung anstatt transparenter gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Arbeit. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg 2003, Seite 231f)

Ganz ähnlich diskutiert das auch Marx in einer früheren ökonomiekritischen Schrift, den Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie. Er schreibt da:

„Da jeder für sich arbeitet und sein Produkt nichts für sich ist, muß er natürlich austauschen, nicht nur, um an dem allgemeinen Produktionsvermögen teilzunehmen, sondern aum sein eigenes Produkt in ein Lebensmittel für sich selbst zu verwandeln. ( … ) Der Austausch vermittelt durch den Tauschwert und das Geld setzt allerdings die Allseitige Abhängigkeit der Produzenten voneinander voraus, aber zugleich die völlige Isolierung ihrer Privatinteressen und eine Teilung der gesellschafltichen Arbeit, deren Einheit und wechselseitige Ergänzung gleichsam als ein Naturverhältnis außer den Individuen, unabhängig von ihnen, existiert. Der Druck der allgemeinen Nachfrage und Zufuhr aufeinander vermittelt den Zusammenhang der gegeneinander Gleichgültigen.“ (MEW 42, 91f)

Damit ist umrissen, was damit gemeint ist, das Privatarbeit zu unmittelbar gesellschaftlicher Arbeit wird. Für diejenigen, die es interessiert, sei hier noch kurz darauf verwiesen, welche (soziologischen) Folgen sich daraus für Postone ergeben. Ganz allgemein möchte ich auf das Kapitel „Abstrakte Arbeit und gesellschaftliche Vermittlung“ in dem oben zitierten Buch hinweisen, das sich sehr ausführlich mit dieser Frage auseinandersetzt.


„Insgesamt ist die Arbeit aller Warenproduzenten eine Ansammlung verschiedener konkreter Arbeiten. Jeder ist besonderer Teil des Ganzen. ( … ) Somit konstituieren ihre Produkte eine gesellschaftlich total Vermittlung: Wert. Die Vermittlung ist nicht nur deshalb allgemein, weil sie alle Produzenten miteinander verbindet, sondern auch, weil ihr Charakter allgemein ist, denn in ihr ist von jeder materiellen Besonderheit wie auch von jeder manifest gesellschaftlichen Partikularität abstrahiert. Deshalb besitzt die Vermittlung auf individueller Ebene die gleiche allgemeine Qualität wie auf gesamtgesellschaftlicher. Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive betrachtet ist die konkrete Arbeit des Individuums eine besondere und Teil eines qualitativ heterogenen Ganzen. Als abstrakte Arbeit jedoch ist die ein individuiertes Moment einer qualitativ homogenen, allgemeinen gesellschaftlichen Vermittlung, die eine gesellschaftliche Totalität konstituiert. Diese Dualität von Konkretem und Abstraktem charaktersiert die kapitalistische Gesellschaftsformation.“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Arbeit. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg 2003, Seite 236)

So, und da können wir jetzt erstmal ne Nacht drüber schlafen. ;-)

Marx versucht am Beispiel Aristoteles, einen Aspekt seiner Ausführungen näher zu bestimmen. Er bezeichnet Aristoteles als den „großen Forscher“ der nicht nur die Wertform, sondern auch viele andere „Denkformen, Gesellschaftsformen und Naturformen zuerst analysiert hat“ Damit spielt er noch einmal mit dem vorher niedergeschriebenen. Der Wert in seiner Beziehung zum Gebrauchswert einer anderen Ware ist eine Verwebung aus Gesellschaftsform und Naturform. Gleichzeitig hat er aber auch etwas mit Denkformen zu tun.

Aristoteles jedenfalls hatte sich bereits mit der Frage beschäftigt, weshalb Dinge austauschbar sind und festgestellt, dass das eigentlich gar nicht sein kann. Es müsste etwas geben, das in ihnen steckt und sie vergleichbar macht – was aber augenscheinlich nicht der Fall war. Dies Gleiche wäre die menschliche Arbeit, was für Aristoteles aber noch nicht erkennbar gewesen sei, „weil die griechische Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte, daher die Ungleichheit der Menschen und ihrer Arbeitskräfte zur Naturbasis hatte.“ Solange also Arbeiskraft nicht als Ware auf zu haben ist, lässt sich das Geheimnis nicht lüften. Und das ist sie erst mit vollständiger Durchsetzung der Warenproduktion (oder ist die Warenproduktion erst völlig durchgesetzt, wenn auch die Arbeitskraft als Ware erscheint? Oder lässt sich beides letztlich gar nicht trennen?)

Dadurch, das alles, auch Arbeitskraft, zur Ware wird, hört die „Ungleichheit der Menschen und ihrer Arbeitskräfte“ auf, die „Naturbasis“, also das Fundament der Gesellchaft zu sein. Was ja letztlich die Rede von der Naturbasis ad absurdum führt. Ab jetzt ist die Gleichheit das gesellschaftliche Fundament, auf dem alles beruht: „Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist. „

Grundlage dieses Begriffes „der menschlichen Gleichheit“ ist die Gleichheit der Waren im Tausch. Somit ist „der Tauschwert oder näher das Geldsystem in der Tat das System der Gleichheit und Freiheit“ (MEW 42, 174) und die bürgerlichen Werte von Freiheit und Gleichheit sind lediglich Reflexe auf die Freiheit der Warenbesitzer und die Gleichheit der Waren im Tausch. Auch Postone stellt fest, das die Universalisierung der Wertform die modernen Vorstellungen etwa von Gleichheit hervorgebracht hat, denn die Herausbildung einer allumfassenden Geltung der Wertform ist

„die soziohistorische Vorbedingung für die Entstehung einer populären Vorstellung menschlicher Gleichheit (…). Die moderne Idee der Gleichheit verdankt sich also einer gesellschaftlichen Form von Gleichheit, die historisch mit der Entwicklung der Warenform entstanden ist“. (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Arbeit. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg 2003, Seite 252)

Aber dazu später mehr.