Marx Lektürekurs (6)

Nachdem wir im vorletzten Lektürekurs in die Wertformanalyse eingeleitet haben und in letzten die Besonderheiten von relativer Wertform und Äquivalentform klären konnten, geht es jetzt um „das Ganze der einfache Wertform“ Hier fasst Marx noch einmal die wesentlichen Bestimmungen zusammen, die er bislang vorgenommen hat.

„Die einfache Wertform einer Ware“, um die es ja bislang ging, bezeichnet das Verhältnis von einer Ware zu einer anderen. Sie „ist enthalten in ihrem Wertverhältnis zu einer verschiedenartigen Ware oder im Austauschverhältnis mit derselben.“ Das hat zwei Aspekte: einen qualitativen und einen quantitativen. Qualitativ drück sich der Wert einer Ware aus „durch die unmittelbare Austauschbarkeit“ mit einer anderen Ware. Quantitativ drückt er sich aus „durch die Austauschbarkeit eines bestimmten Quantums“ der jeweiligen Waren. Das, worin sich der Wert ausdrückt, ist ihr Tauschwert, wie Marx auch hier noch einmal betont. Und er bezieht sich kritisch zurück auf den Anfang seiner Untersuchung, indem er bemerkt: “

„Wenn es im Eingang dieses Kapitels in der gang und gäben Manier hieß: Die Ware ist Gebrauchswert und Tauschwert, so war dies, genau gesprochen, falsch. Die Ware ist Gebrauchswert oder Gebrauchsgegenstand und „Wert“. Sie stellt sich dar als dies Doppelte, was sie ist, sobald ihr Wert eine eigne, von ihrer Naturalform verschiedene Erscheinungsform besitzt, die des Tauschwerts, und sie besitzt diese Form niemals isoliert betrachtet, sondern stets nur im Wert- oder Austauschverhältnis zu einer zweiten, verschiedenartigen Ware. Weiß man das jedoch einmal, so tut jene Sprechweise keinen Harm, sondern dient zur Abkürzung.“ (75)

Erst im Austausch, so argumentiert Marx hier, erscheint das Doppelte der Ware: das sie Gebrauchswert auf der einen und Wert auf der anderen Seite ist. Erscheinen tut es, weil es nur dann sichtbar ist, im Tausch. Der Wert ist allerdings schon vor dem Tausch dar, lediglich der Tauschwert ist ein Phänomen der Zirkulation. Der Satz, die Ware stelle sich dar als das Doppelte, „was sie ist“, verweist darauf, das es das Doppelte auch schon vorher war. Soviel zur alten Frage, ob es Wert und abstrakte Arbeit nur im Moment des Tausches gäbe.

Der Tauschwert, die Tatsache, das der Wert im Austausch erscheint, ist eine Folge der schlichten Tatsache, das er Wert ist. Und nicht umgekehrt, so das der Wert nur deshalb entsteht, weil er als Tauschwert erscheint. Marx kritisiert im Folgenden Absatz eben diese Vorstellungen bei einigen zeitgenössischen Ökonomen. Das soll uns an dieser Stelle aber nicht weiter kümmern. Wir fahren lieber mit der marxens inhaltlicher Zusammenfassung seiner bisherigen Analyse-Ergebnisse fort.

Eine weitere wichtige Erkenntnis war, das innerhalb des Wertverhältnis der Gebrauchswert der einen Ware dazu dient, den Wert der anderen Ware darzustellen. „Der in der Ware eingehüllte innere Gegensatz von Gebrauchswert und Wert wird also dargestellt durch einen äußeren Gegensatz“. Durch den Gegensatz nämlich in dem „die eine Ware, deren Wert ausgedrückt werden soll, unmittelbar nur als Gebrauchswert“ gilt und „die andre Ware hingegen, worin Wert ausgedrückt wird, unmittelbar nur als Tauschwert gilt.“

Das ein Arbeitsprodukt solche Widersprüchlichkeiten aufweist, ist dabei keine naturhafte Geschichte, wie Marx hier noch einmal bemerkt. Zwar ist es „in allen gesellschaftlichen Zuständen Gebrauchsgegenstand“, wie Marx bereits zu Beginn des Kapitals ausgeführt hatte. Es ist jedoch „nur eine historisch bestimmte Entwicklungsepoche, welche die in der Produktion eines Gebrauchsdings verausgabte Arbeit als seine ‚gegenständliche‘ Eigenschaft darstellt, d.h. als seinen Wert“ Und erst hier „verwandelt (sich) das Arbeitsprodukt in Ware.“ Die Formulierung der „historisch bestimmte(n) Entwicklungsepoche“ legt dabei nahe, das auch eine nachkapitalistische Gesellschaft ohne solchen Schmarrn auszukommen hätte.

Die bislang geschilderten Eigenschaften der einfachen Wertform sind alledings selber nicht vollkommen, , vielmehr zeigt, so marx bereits „der erste Blick ( … ) das Unzulängliche der einfachen Wertform“ Denn die Ware wird lediglich mit einer anderen Ware gleichgesetzt, „statt ihre qualitative Gleichheit und quantitative Proportionalität mit allen andren Waren darzustellen.“ Das beißt sich mit der Realität, in der die Ware mit einer Vielzahl anderer Waren in Beziehung steht. „Die Anzahl ihrer möglichen Wertausdrücke ist nur beschränkt durch die Anzahl von ihr verschiedner Warenarten. Ihr vereinzelter Wertausdruck verwandelt sich daher in die stets verlängerbare Reihe ihrer verschiednen einfachen Wertausdrücke.“

Hierzu bemerkt Nadja Rakowitz:


„Egal, in welcher Form man Rock und Leinwand zu einander in Beziehung setzt, über ihren Wert erfährt man nur sehr beschränkt etwas. Man kennt nur den Rockwert der Leinwand und den Leinwandwert des Rocks. Beide Waren berühren sich nur an einem Punkt. Es geht hier aber nicht um einfachen Produktentausch, sondern um systematischen Warentausch. In diesem muß der Wert allgemein bestimmt sein, das heißt, er muß in Bezug zu allen Waren gesetzt sein. Dies ist aber nicht möglich. Die einfache Wertform kann diese Anforderung nicht erfüllen.“ (Nadja Rakowitz: Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie. Freiburg 2003. Seite 114)

Am Ende des Unterkapitels zur Einfachen Wertform taucht dann bei Marx auch der Begriff der Keimform auf, der heute häufig in Bezug auf eine emanzipatorische Überwindung der Gesellschaft diskutiert wird. Marx bezeichnet die Keimform hier als das „Unzulängliche“, das „erst durch eine Reihe von Metamorphosen“ zum Anderen heranreifen muss. Wobei es wohl falsch wäre, das andere als das „Neue“ zu bezeichnen, ist es doch letztlich im Alten bereits enthalten, irgendwie. Fragt sich, inweiweit diese Metapher trägt. Aber das soll nicht hier entschieden werden…