Aufhebung der Arbeitsteilung?

Fordistische Fließbandarbeit gilt als Synonym für kapitalistische Produktivkraftentwicklung. An Fließbändern stehen in einer Reihe die ArbeiterInnen, die dann immer nur die eine, immergleiche Bewegung vollführen. Die einzelnen Arbeitsschritte werden auseinandergerissen, die ProduzentInnen sind vereinzelt, sie kennen nicht den Zusammenhang von dem was sie tun. Mustergültig beschrieben ist dies Bild in Bini Adamczak’s wunderbareen kleinen „Geschichte wie endlich alles anders wird“:


Und kaum haben sie die Tür zugemacht, beginnt die Fabrik auch schon mit ihnen zu sprechen: „Geh hier den GAng lang“, sagt die Fabrik mit ihrer dröhnenden Stimme, „und dann geh dort rechts in die Tür. Siehst du dort den Stuhl, setz dich da erstmal hin.“ Dann muss die Fabrik einen Moment nachdenken, bevor sie fortfährt: „So, was haben wir denn da? Heute müssen eintausendzweihundertdreiundzwanzig Bügeleisen hergestellt werden. Und deswegen musst du jede Stunde hundert Mal auf diesen Nagel hier hauen.“ „Was, auf diesen doofen Nagel soll ich hauen?“, fragt der Mensch empört, „aber warum denn, wozu soll das gut sein, was hat das mit den Bügeleisen zu tun und wer will die überhaupt alle haben? Wer braucht denn so viele Bügeleisen?“ Aber da ist die Fabrikstimme schon wieder weg. Sie hat viel Wichtigeres zu tun, als die Fragen der Arbeiterinnen zu beantworten. Und außerdem wüsste sie wahrscheinlich selbst keine Antwort darauf. ( … )

Weil die Menschen sehr große und sehr viele Fabriken gebaut haben, müssen sie sich auch sehr viel anhören. Und dabei reden die Fabriken und die Büros immerzu über die gleichen drei Dinge. Sie sagen ihnen, 1. wie, 2. was und 3. wie viel sie herstellen müssen. So sagt die Fabrik den einen Arbeiterinnen zum Beispiel, dass sie jeden Abend in Gruppen um Tische sitzen und reden oder sich Sachen reichen müssen. Und andere Arbeiterinnen müssen de ganzen Tag alleine zu Hause sitzen und bügeln. Und dann sagt die Fabrik dem einen Menschen zum Beispiel, dass er Nägel klopfen soll. Und einer anderen Arbeiterin sagt sie, dass sie den Computer an- und ausmachen soll und über ein Thema schreiben soll, dass sich die Fabrik selbst ausdenkt. Und eine dritte Arbeiterin soll Pistolen bauen. Und dann sagt die Fabrik noch wie viele von dem. Zum Beispiel 100 Nägel in einer Stunde klopfen oder eine Familienwäsche bügeln oder 5 Computerseiten an einem Tag schreiben.

Aber die eine Arbeiterin möchte nicht den ganzen Tag alleine Nägel klopfen, sondern viel lieber Seiten vollschreiben und nicht 5, sondern 4. Und die andere Arbeiterin möchte nicht immer nur bügeln, sondern auch mal mit anderen um einen Tisch sitzen oder, noch besser, von allem ein bisschen. Mal zu hause bügeln, mal ean einem Tisch sitzen und abends Texte schreiben. Und die dritte Arbeiterin mag sowieso keine echten Pistolen. (Bini Adamczak: Kommunismus. Kleine Geschichte wie endlich alles anders wird. Münster 2006, Seite 18)

Da lässt sich auch nicht viel dran drehen, so funktioniert das halt. Denn „wenn die Arbeiterinnen zur Fabrik gehen und ihr Vorschläge machen, dann stellt sich die Fabrik auf einmal taub“. Nun ist das mit der Fließbandarbeit heutzutage aber auch nicht mehr das, was es früher mal war. Immer mehr Betriebe steigen auf Gruppenarbeit um, manchen gilt das sogar als Befreiung. SpiegelOnline berichtet nun von einem „Hersteller von Audiosystemen“ aus Schottland, der das alles ganz anders handhabt. Firmengründer Ivor Tiefenbrun erklärt uns die Idee:

„Als ich eines Tages wieder frustriert darüber war, dass es mir nicht gelang, den Produktionsprozess zu optimieren, bat ich eine Mitarbeiterin aus der Produktionslinie für Plattenspieler zu mir. Sie sollte alle dafür nötigen Teile zusammensuchen, sie zusammenzusetzen und mir das Endprodukt zeigen. Sie sah mich etwas befremdet an und zog dann los, um die Teile zu holen und zu montieren. Sie schaffte dies in 17,5 Minuten – am Förderband dauerte derselbe Vorgang 22 Minuten. Das war ein Aha-Erlebnis für mich.

Wir reorganisierten die Fabrik und stellten auf Einzelfertigung um, wobei wir Wagen benutzten, die durch einen Computer gesteuert wurden. Diese brachten das benötigte Material zu den entsprechenden Arbeitsstationen, und wir qualifizierten jeden Arbeiter in der Fabrik dafür, jedes beliebige Teil aus unserer Produktpalette herstellen zu können. Auf diese Weise konnten wir in kürzester Zeit jedes Produkt fertigen, das ein Kunde bestellt hatte.“

Marx beschrieb den Prozess der großen Industrie noch als Unterordnung des Menschen unter den Produktionsprozess des Kapitals als „reelle Subsumtion“ (MEW 23, 533). In Schottland soll das jetzt nicht mehr gelten, wie Tiefenbrun bemerkt:

„Die Herausforderung besteht darin, die Fähigkeiten und die Fantasie der Mitarbeiter optimal zu nutzen. Wir haben unseren Produktionsprozess so umgestaltet, dass unsere Mitarbeiter nicht mehr dazu da sind, auf der untersten Stufe Maschinen zu füttern, sondern die Roboter sind umgekehrt dazu da, den Mitarbeitern zu dienen. Sie sollen es ihnen erlauben, ihre Arbeit auf höchstmöglichem Niveau zu erledigen.“

Die Maschinen dienen nun also den Mensche, fast schon eine freie Gesellschaft. Und auch andere Kritikpunkte sind wie weggeblasen:

„Wenn ein Mitarbeiter ein Produkt vom Anfang bis zum Ende selbst herstellt, fühlt er sich dafür verantwortlich und kann den Zusammenhang zwischen seiner Arbeit und der Qualität unmittelbar erkennen. Seit wir dafür gesorgt haben, dass jene Mitarbeiter, die ein Produkt gefertigt haben, auch für dessen Service zuständig sind, können sie auch sehen, wie glücklich beziehungsweise unglücklich ein Kunde damit ist. Auf diese Weise lernen sie wesentlich mehr, als nur Produkte zu montieren. Sie stellen dabei Verbindungen her, auf die kein Ingenieur, Servicetechniker oder Fließbandarbeiter jemals kommen würde. Infolgedessen können sie wesentlich zur Verbesserung der Produktqualität und Innovation beitragen. ( … )

Wir haben sehr viele Mitarbeiter hier, die so wie er über ein breites und fundiertes Wissen verfügen. Der umfassender Einblick in den ganzen Prozess ist vielleicht nicht die alleinige Basis seines Talents. Aber sicherlich ist es eine Erklärung dafür, warum er so Herausragendes leistet.“

Nun können die MitarbeiterInnen natürlich nicht machen was sie wollen. Sie müssen nach wie vor den Imperativen der Wertvergesellschaftung genügen. Wenn der Markt als anonyme Macht an sie herantritt, dann müssen sie produzieren. Ob solche neuen Kooperationsformen sich durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. Passieren wird das nur, wenn die Kapitalakkumulation da was von hat. Und was solche Produktionsformen für Nebenwidersprüche haben, die dem Firmeninhaber nicht so ins Auge fallen, bliebe ebenfalls zu klären.

Bei Gruppenarbeit etwa wird immer wieder darauf verwiesen, das durch die Gruppe ein disziplinierender Druck auf die Einzelnen ausgeübt werde, der letztlich nicht weniger repressiv sei als die Stumpfsinnigkeit der Fließbandmaloche. Zumindest steigert es die Identifikation mit dem Betrieb – und damit mit dem Verwertungsprozess. Andere wiederrum glauben, das hier ein Moment von Autonomie aufblitzt, dass dann bei der den ArbeiterInnen den Wunsch nach realer Autonomie hervorruft. Was dann dem blindwütigen Wirken der Wertverwertung den Garaus machen würde. Und schildert Tiefenbrun nicht letztlich, wie die Technik dem Individuum das Produzieren ermöglicht, ohne es der Repression von Eintönigkeit und Gruppendruck auszusetzen? Die Versöhnung von Gesellschaft und Individuum, oder zumindest die technische Möglichkeit, sie zu gewährleisten? Annette Schlemm würde sich freuen. Ich kultiviere derweil meine Zweifel, bin aber weiter gespannt. Und hoffe auf Eindrücke und Anmerkungen ;-)


8 Antworten auf “Aufhebung der Arbeitsteilung?”


  1. 1 StefanMz 20. Dezember 2006 um 16:08 Uhr

    Ich verstehe nicht: Wieso würde sich Annette Schlemm freuen? (der Link auf ihre Homepage ist übrigens defekt)

  2. 2 herumspringen 20. Dezember 2006 um 16:18 Uhr

    also diese version von fabrikarbeit habe ich schon vor einigen jahren in der berufsschule als das neue ding beigebracht bekommen. fließbandarbeit galt als veraltet. grund war natürlich, dass die arbeiter so motivierter sind und als folge daraus produktiver.

  3. 3 emanzipationoderbarbarei 20. Dezember 2006 um 16:23 Uhr

    naja, im verlinkten text (das utopische klo) klingt so ein technisierter histomat durch: wenn die produktivkräfte weit genug entwickelt sind, dann ist das alles kein problem mehr. darauf sollte die formulierung der Versöhnung von Gesellschaft und Individuum durch technik sollte darauf verweisen. war wohl eher ein insider-gag für mich… bei ihr klingt das jedenfalls imho immer ein bissel nach „technische lösung für soziale probleme“.

    und danke, das mit dem link müsste jetzt funzen. :)

  4. 4 klonutzer 20. Dezember 2006 um 17:10 Uhr

    Wobei an der Sache mit den Klos ja was dran ist. Selbstbestimmt und sich dabei selbst entfaltend Toiletten putzen ist für mich doch eine relativ schwierige Vorstellung.
    Aber nachdem ich mal auf einer Autobahnraststätte so ein halbautomatisches, sich selbst reinigendes Klo genutzt habe, sehe ich die Sache mit dem Kommunismus auch wieder optimistischer.

  5. 5 emanzipationoderbarbarei 20. Dezember 2006 um 20:33 Uhr

    @klonutzi

    ja, die sind toll. und es verweist natürlich auf potentiale, die es so gibt. nur bleibt es doch letztlich so, das menschen sich sozial einigen müssen, wie sie leben wollen. das kann ihnen keine technik abnehmen. bei automatischen reinigungsklos auffer autobahn-raste oder vollautomatischen individualfertigungen wie in diesem beispiel liegt dieser gedanke ja auch ein bisschen nahe. aber die technik als solche ist halt erstmal neutral. gut, es gibt sicherlich technische entwicklungen, die sich besser in emanzipative vergesellschaftungsformen einpassen lassen als andere (solartechnik besser als atomkraft, und mikroelektronik is ja auch erstmal mikro, also kleinteilig einsetzbar, im gegensatz zur fabrikhalle der 60er und 70er), aber an der organisierungsfrage kommen wir trotz alledem nicht vorbei.

  6. 6 klonutzer 21. Dezember 2006 um 1:02 Uhr

    Ja sicher, da gebe ich dir völlig recht, bevor die Technik da groß hilfreich sein kann, müssen sich erstmal Menschen zusammenfinden und sich einigen, wie sie sie nutzen wollen.

    Blinder Fortschrittsglaube ist sicherlich auf keinen Fall angebracht, bringt aber für den Rückblick viel Unterhaltung – Beispiel 40/50er Jahre als Anfang der Atomenergie: Ideen von Atomgetriebenen Autos und kleinen Atomreaktoren in jedem Haushalt.

  7. 7 negativepotential 22. Dezember 2006 um 3:55 Uhr
  8. 8 HatitsChe 29. Januar 2008 um 12:48 Uhr

    aloo ihr würstChen jaa was isch n losssss :D
    ich liebe euch
    ciao

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