Deutschland im Zeitalter des Postnationalismus

Vom Historischen Seminar eingeladen hat der Geschichtswissenschaftler und Nationalismusforscher Hans-Ulrich Wehler einen Vortrag über die Entwicklung von Nationen im Allgemeinen und die deutsche Nation im Besonderen gehalten. Nachdem er die Nation als für die europäische Geschichte typisches, ideengeschichtliches Konstrukt eingeführt hatte, hatte er über die deutsche Nation einige überaus merkwürdige Dinge zu sagen. Der Nationalsozialismus, der für Wehler sehr eng mit der Figur Adolf Hitlers verknüpft zu sein scheint, ist für ihn vorallem deshalb so „erfolgreich“ gewesen, weil er der Idee einer „deutschen Nation“ zu Ruhm und Ehre gereichen konnte. Der Nationalismus, also der Wunsch nach dem Erfolg der eigenen Nation, habe die Deutschen geeint. Der Antisemitismus der Nazis etwa sei da nicht so wirklich wichtig gewesen in dem Zusammenhang. Nach Ende des Krieges hätten die Deutschen dann festgestellt, dass das mit dem Nationalismus vielleicht doch keine so gute Idee gewesen sei und hätten kollektiv der Nation abgeschworen und seien zu glühenden Beführwortern Europas geworden. Das habe sich auch nach 1989 so fortgesetzt und bis heute angehalten. Bestätigt sah er sich in seiner Sicht von diversen Studien, die er Forschungsinstituten wie Allensbach und Emnid zuschrieb. Allenfalls gäbe es noch so etwas wie einen „Leistungsnationalismus“, der sich freue über die Errungenschaften der deutschen Demokratie und Sozialstaatlichkeit.

In der abschließenden Diskussion wurde er dann auf die neueren Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Studien verwiesen, die doch eher auf andersartige Befunde hindeuten. So haben laut der neuesten „Heitmeyer-Studie“ 86 Prozent der der deutschen zu Protokoll gegeben, sie seien stolz darauf, Deutsche zu sein. Was ja erstmal nicht so sehr für die These von einer postnationalen Gesellschaft spricht. Während die Zustimmung zu dieser Frage gestiegen ist, sind die Akzeptanzwerte für Demokratie und Sozialstaatlichkeit entsprechend gesunken. In einer anderen, von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie hat ein Viertel der Befragten „eine starke Partei die die gesamte Volksgemeinschaft verkörpert“ eingefordert. Was ja auch erstmal nicht unbedingt auf eine tiefgreifende Aufarbeitung der Vergangenheit hindeutet.

Seine Antworten darauf waren ebenso einfach wie perfide: zunächst kam der Verweis, das sei ja doch aber aber gar kein deutsches Phänomen, die Polen hätten schließlich nach dem 2. Weltkrieg noch Pogrome an Juden durchgeführt. Außerdem sei das ja auch nicht immer so einfach, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen und man solle doch froh sein über das erreichte. Nachdem dann damit kokettiert hat, ja selber in diesen Kreisen ‚drinzustecken‘ (gemeint war die Heitmeyer-Studie; Wehler kommt selber aus Bielefeld), bemängelte er angebliche methodische Schwächen der Studie. Diese Schwächen wollte er, der da doch angeblich in der Materie stecken würde, gerade an einem Beispiel der Friedrich-Ebert-Studie deutlich machen. Es sei nämlich gar nicht ausgewiesen, wie der Zusammehang von Ost und West genau sei. Die Hohe Zustimmung von AnhängerInnen einer einzigen Volksgemeinschafts-Vertretungspartei sei nämlich vor allem auf die Erfahrungen in der ehemaligen DDR zurückzuführen.

Unglücklicherweise gab es in dieser Studie aber einen Ost-West-Vergleich. Und tatsächlich lag der Anteil derer, die der Frage zugestimmt haben, im Osten leicht höher – bei 29% nämlich. Im Westen waren es immerhin 25%, was dann einen Schnitt von lockeren 26% ergibt. Bei den anderen Fragen zum Komplex einer „Beführwortung einer rechtsautoritären Diktatur“ war das ganz ähnlich. Letztlich kann von einem relevanten Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen in dieser Frage nicht gesprochen werden. Wer es gerne nachlesen möchte, die Studie gibts hier zum Download. Die entsprechenden Zahlen stehen auf Seite 35.

Wehler allerdings ging mit seiner Falschbehauptung nach Hause – und die anderen ZuhörerInnen im voll ZHG 010 ebenfalls. Vielleicht sollte mensch mal einen offenen Brief an den Herrn Historiker schreiben…