Archiv für Januar 2007

Konkurrenz und Kooperation

Es ist eine alte Mär liberaler und konservativer Propaganda, das „der Mensch dem Menschen ein Wolf“ ist. Der Ausspruch ist bekanntgeworden durch Thomas Hobbes, stammt aber ursprünglich von römischen Dichter Plautus und geht in voller Gänze so: „Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit, non novit.“ Was auf deutsch soviel heißt wie: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch, wenn er nicht weiß, welcher Art [sein Gegenüber] ist.“ Der Mensch ist also nicht automisch, sozusagen von Natur aus, anderen Menschen bösartig gegenüber eingestellt, sondern nur dann, wenn er glaubt, ihn nicht zu kennen. Hier ließen sich jetzt umfangreiche philosophische Überlegungen über Entfremdung, Eigen- und Fremd-Gruppe und gesellschaftliche Kategorisierungen einfügen. Das möchte ich uns aber an dieser Stelle ersparen. (mehr…)

Die Schwierigkeit von Informationen, die Waren sein sollen

Im Kapitalismus soll alles Ware sein. Das macht keinen Spaß, ist aber erstmal so. Zur Zeit gibt es immer wieder Punkte, an denen deutlich wird, das dies dem menschlichen Miteinander nicht unbedingt förderlich ist. Ein Beispiel wären die Reformen im Bildungsbereich, ein anderes das harte Vorgehen gegen die NutzerInnen von Internettauschbörsen. (mehr…)

Demokratisches Bewusstsein

Nachdem in der letzten Zeit einige Studien (1|2|3) sowohl zunehmende Menschenfeindlichkeit als auch einen Anwachsen von antidemokratischen und im traditionellen Sinne apolitischen Einstellungen festgestellt hat, schlägt die bürgerliche Gesellschaft jetzt zurück. Mittels eines ihrer Zentralorgane, der Zeit, versucht sie nun mit dem Mythos, dass an Deutschland irgendwas schlecht sein könnte, aufzuräumen.

In einem großartig demagogischen Essay lässt sie vier Menschen zu Wort kommen und versucht dann, anhand deren Statements, die These vom undemokratischen, apolitischen und menschenfeindlichen Deutschen zu wiederlegen. (mehr…)

Marx Lektürekurs (8)

Ich hätte es wissen müssen. Schon als ich begonnen habe diesen Lektürekurs (der ja noch immer ein Ergebnis der gemeinsamen Diskussionen am Mittwoch abend ist; wer gerne dazustoßen möchte, möge ich übers Kontaktformular melden), hätte mir klar sein können: du kommst um das Fetisch-Kapitel nicht herum. Ich möchte dann aber doch der alten marxistischen Logik widerstehen, es damit im Zweifelsfall nicht allzu ernst zu nehmen. Besonders weit sind wir nicht gekommen, aber ich möchte es den geneigten LeserInnen trotz allem nicht vorenthalten. (mehr…)

Filesharing, Wissen, Warenform – Erste Nährungsversuche

Seit einigen Jahren tobt eine halb juristische, halb politische Auseinandersetzung nicht nur in Deutschland, aber auch da. Der Hintergrund: Durch sogenannten „Tauschbörsen“ ist es möglich, im Internet Filme, Lieder oder Computerspiele auszutauschen. Das ist – rein rechtlich – ein Verstoß gegen diese unangenehme Geschichte mit dem Privateigentum. Insofern nichts besonderes, auch Einbrüche in Wohnungen oder der Diebstahl von Autos ist schließlich verboten und werden verfolgt. Nur gibt es hier zwei Besonderheiten, die mir doch erwähnenswert erscheinen: zum einen unterscheidet sich ein Autodiebstahl von illegalem downloaden dadurch, das im Falle des Autos dieses die Besitzerin wechselt. Es kann immer nur eine das Auto fahren. Beim Filesharing ist das anders: hier werden die Dateien einfach verdoppelt. Es gibt sie zweimal, niemand erleidet (zunächst) einen Nachteil. Zum anderen gibt es – im Gegensatz zum Diebstahl von Autos oder Geldbörsen – hier kaum ein Unrechtsbewusstsein. Es sind nicht nur ein paar vereinzelte Gangster die illegal Daten aus dem Internet laden – es sind hunderttausende. Und die haben ein Umfeld, das von den Downloads profitiert und sie gutheißt. (mehr…)

Es grünt so schön

Die Grünen sind nicht mehr in der Regierung. Das ist gut, weil sie dann weniger Unsinn anrichten können. Und weil sie mal wieder Zeit haben, sich über ganz grundlegende Fragen Gedanken zu machen. Sowas wie: was soll das eigentlich, was wir hier machen? Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm. Und so gibt es jetzt -um nur mal ein Beispiel zu nennen – ein Paper von einigen grünen PolitikerInnen mit dem Titel „Jenseits der Lager, diesseits der Realität“, bei dem die „Zukunft der Grünen während und nach der Großen Koalition“ geklärt werden soll. Das tolle dabei ist, das die AutorInnen das allem Anschein nach ernst meinen… (mehr…)

Günstig Einkaufen: Feminismus-Wochen

Manchmal kommt mir der Gedanke, dass das Patriarchat bestimmt alle Verrücktheiten schon durch hat. Und dann kommt das junge Modehaus „Trends“ und präsentiert uns die Feminismus-Wochen. Da gibt es nicht irgendie feministische Aufklärung zu jedem gekauften Möbelstück oder Werkbänke für Frauen billiger, damit die mal aus der klassischen Rollenzuschreibung ausbrechen können. Und selbst das wäre ja noch – rein politisch gesehen – eher ne fragwürdige Veranstaltung. Aber statt dessen gibt es – und jetzt schnalle mensch sich an! – Rabatt auf Küchen. Für alle Frauen. Insbesondere – wie auf dem Foto – für die, die den gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Wegen dem Feminismus. Wie titelte das Gender-Blog schon ganz richtig: „Feminismus ist, wenn die Küchen billiger werden.“ Und auch dem Mödchenblog ist rechtzugeben, wenn es dort heißt: „da hat wohl jemand etwas nicht ganz verstanden …“.

Danke an Mädchenblog, ColdClocks und Genderblog

Dieter Bohlen & die popkulturellen Massenproduktionen

Wenn BILD aufschreit, dann ist das ein Grund, sich das mal genauer anzukucken. Bei der aktuellen Runde von „Deutschland sucht den Superstar“ hat Dieter Bohlen – eigentlich wie immer – ordentlich rumgepöbelt. Und nun mag ihn die Bildzeitung nicht mehr. (mehr…)

Marx Lektürekurs (7)

Nachdem wir zum Ende des letzten Lektürekurses festgestellt hatten, dass die einfache Wertform durchaus so ihre Mängel hat, kommen wir nun zum näxten Schritt, der die Mängel der einfachen Wertform aufheben soll. Marx nennt sie die „totale oder entfaltete Wertform“ und beginnt mit ihrer Analyse auf Seite 77. (mehr…)

Wahnsinnige aller Länder – vereinigt euch!

Für einige ist es klar. Das Böse hat ein Gesicht. In der Regel ist es George W. Bush, und damit das auch alle merken, wird der dann in schöner Regelmäßigkeit mit Hitler verglichen: (mehr…)

Markt macht glücklich?

Das von der Marktwirtschaft eine gar heilende, wohlstandschaffende und das private wie gesellschaftliche Glück mehrende Wirkung ausginge, ist immer mal wieder zu hören. Wenn an der einen oder anderen Stelle mal nicht alles so furchtbar dufte aussieht, dann liegt das daran, dass es halt einfach zu wenig Markt und zu viel Staat gibt. Oder das korrupte PolitikerInnen und faule Menschen die Sache irgendwie falsch anfassen. Einer der weltweit bekanntesten Protagonisten dieser Vorstellung ist wohl Hernando de Soto. Über den stand neulich in der schweizer Weltwoche: (mehr…)

Legal oder Legitim?

Die Interventionistische Linke ruft zur Blokade des G8-Gipfels in Heiligendamm auf. Grund: Der G8-Gipfel sei nicht legitim. Das klingt im Aufruf „Make Capitalism History oder: die Mobilisierung gegen den G8-Gipfel ausweiten“ dann so: (mehr…)

Prekariat oder Faulheit?

Als eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung einen Teil der bundesdeutschen Bevölkerung als „abgehängtes Prekariat“ bezeichnete, da wollten breite Teile der Politik das nicht wahrhaben. Franz Müntefering etwa meinte, diese Formulierung sei lediglich das unsägliche Gelaber „lebensfremder Soziologen, es gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft.“ (Wikipedia). Darüber, das es hier in erster Linie darum geht, „sich wortreich von der Verantwortung für die Ausgestaltung von Lebensumständen zu verabschieden. Armut und Abstieg werden zum individuellen Schicksal umdefiniert; und wer arm bleibt oder absteigt, der hatte eben Pech, er hätte sich mehr anstrengen sollen“, wie der Mainzer Politologe Gerd Mielke von Wikipedia zitiert wird, hatte ich ja schon hier und hier was geschrieben. Nun hat vor kurzem der SPD-Vorsitzende Kurt Beck Kontakt zu eben diesem Prekariat geknüpft, wenn auch unfreiwillig. Der Langzeitarbeitslose und ALG-II-Empfänger Henrico Frank nämlich begegnete Beck auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt, machte ihm Vorwürfe ob der vielen Schikanen, denen er seit Hartz IV ausgesetzt ist. Beck lies das nicht auf sich sitzen und schnauzte zurück: „Waschen und rasieren Sie sich, dann haben Sie in drei Wochen einen Job.“ Der saß. Als er nun in den Medien kritisch beäugt wurde, lud er Frank mit patriarchaler Geste in die Staatskanzlei ein, dieser wollte sich nicht vorführen lassen und lehnte ab. Seine Argumente: es ginge ihm nicht nur um sich, sondern um alle die von Hartz-IV betroffen seien. Außerdem sei es ja eine miese Art, Termine einfach festzulegen – und sie nicht gemeinsam zu vereinbaren. Womit er ja auch erstmal recht hat. (mehr…)

Gefahrenabwägung: virtuelles und reales Ballern

Ich hatte an anderem Orte schon mal auf den Dummfug mit dem Verbot der sog. „Killer-Spiele“ hingewiesen. Und darauf, wie wiedersprüchlich und lächerlich die Argumente der BefürworterInnen dieser Maßnahme sind. Kompi verwies in der Diskussion auf das wunderschöne Editorial aus der C‘t mit dem Titel „Wurzel aller Übel“

Morgens halb acht in Deutschland: Statt Pausenbrot und Mathebuch packen reihenweise deutsche Schüler Uzis und Blendgranaten in ihre Ranzen. Andere schnappen sich beim Boxenstopp in der Küche den Integralhelm und besteigen 900-PS-Flitzer. Dann jagen sie am nächsten Zebrastreifen ein paar Rentner. Wieder andere springen mit ihren Motorrädern durch Schaufenster oder stürzen sich im Lila-Kuh-Dress mit Skiern vom nächsten Hausdach.

Da gibts nur eins: Wir müssen endlich auf den tiefschwarzen Ritter aus Bayern und seine niedersächsischen Gefährten hören und das Übel gleich an der Wurzel ausrotten. Sie haben nach gründlicher statistischer Untersuchung das – als Killerspiel inkarnierte – Böse als Erste erkannt. Auf den Scheiterhaufen mit den Killerspielen!

So einfach und bestechend der Schlachtplan auch ist, kläglich scheitern wird er: Scheiterhaufen entsprechen nicht ganz den Regeln der Political Correctness. Lobbyisten laufen Sturm gegen die PC-Spiele-Verderber und Elternverbände warnen bereits davor, dass die Kinder dann am Sonntagmorgen bereits ab 7:42 Uhr im elterlichen Schlafzimmer um Aufmerksamkeit betteln.

Emsdetten war aber nur der Anfang: Kreative Statistiker fanden kürzlich heraus, dass nicht nur Ego-Shooter unsere Kinder zerstören: Das Online-Training mit Sportspielen suggeriert ihnen, sie wären auch im realen Leben talentierte Skispringer, Motocross-Fahrer oder sturmerprobte Einhandsegler. Nun kommen die Lieferanten von Gipsbinden, Krücken und Rollstühlen nicht mehr mit der Produktion hinterher. Die Arbeitsämter fordern eindringlich Hartz-IV.5, um der gewaltigen Schwemme arbeitsloser A380-Piloten Herr zu werden, die Microsoft und Co. Tag für Tag ausbilden. Von den verheerenden Auswirkungen der Schachspiele ganz zu schweigen.

Verbote braucht das Land! Nicht nur Ego-Shooter, sondern alle potenziellen Gefahrenquellen sind zu eliminieren. So zum Beispiel Brot. Brot birgt statistisch eine weit größere Gefahr als Killerspiele. Über 90 Prozent der Amokläufer konsumieren in den 24 Stunden vor ihren Massakern Brot. Noch fataler sind Eltern. Die Statistik belegt eindeutig: Jeder Verrückte hat welche!

Wie viele Menschenleben man da retten könnte! Um Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder nicht anständig erziehen, brauchen wir uns dann zum Glück keine Gedanken mehr zu machen, denn sie verbietet das Gesetz ja gleich mit.

Eine andere lustige Anekdote zum Verbots-Wahnsinn hat jetzt Tobias Haase ausgegraben: Der niedersächsische Innenminister ist nicht nur einer der Protagonisten dieser Forderung, sondern gleichzeitig „verheiratet und hat zwei Kinder“, wie wir seiner Homepage entnehmen können. Einschlägige Kreise haben bereits angefangen sich Sorgen um die beiden zu machen, bis ihnen dann im nächsten Satz das ganze Grauen bewusst wurde: „Er ist Mitglied im Lions Club Holzminden und im Sportschützen-Club Holzminden.“ Beachtenswert ist dabei weniger Schünemanns Vorliebe für große Raubkatzen, sondern seine Mitgliedschaft im Sportschützen-Club. Das die mal nicht irgendwie auf seine Kinder abfärbt. Oder das der Minister gar selber Amok läuft und am Ende noch die Abschiebung von Gazele Salame zurücknimmt. Das wäre dann wohl das erste Mal, das ein Amoklauf positive Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen hätte. In diesem Sinne: Schünemann, geh du voran!

Danke an Kompi und die Reflexionsschicht für die Hinweise!

G8: Soziale Bewegungen und Emanzipation

Im Juni gehts los. Nein, da ist nicht schon wieder Fußball-Weltmeisterschaft, auch wenn das sicherlich ein dankbares Interventionsfeld für die emanzipatorische Linke gewesen wäre. Vom 6. bis 8. Juni ist der G8-Gipfel in Heiligendamm. Da treffen sich die Staats- und Regierungschefs aus den Japan, Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland, USA, Kanada und Russland an der mecklenburgischen Ostseeküste, um mal ein wenig zu plauschen und gemeinsam zu überlegen, wie so sinnvoll mit dem umgegangen werden kann, was grade auf der politischen Agenda steht. (mehr…)