Prekariat oder Faulheit?

Als eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung einen Teil der bundesdeutschen Bevölkerung als „abgehängtes Prekariat“ bezeichnete, da wollten breite Teile der Politik das nicht wahrhaben. Franz Müntefering etwa meinte, diese Formulierung sei lediglich das unsägliche Gelaber „lebensfremder Soziologen, es gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft.“ (Wikipedia). Darüber, das es hier in erster Linie darum geht, „sich wortreich von der Verantwortung für die Ausgestaltung von Lebensumständen zu verabschieden. Armut und Abstieg werden zum individuellen Schicksal umdefiniert; und wer arm bleibt oder absteigt, der hatte eben Pech, er hätte sich mehr anstrengen sollen“, wie der Mainzer Politologe Gerd Mielke von Wikipedia zitiert wird, hatte ich ja schon hier und hier was geschrieben. Nun hat vor kurzem der SPD-Vorsitzende Kurt Beck Kontakt zu eben diesem Prekariat geknüpft, wenn auch unfreiwillig. Der Langzeitarbeitslose und ALG-II-Empfänger Henrico Frank nämlich begegnete Beck auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt, machte ihm Vorwürfe ob der vielen Schikanen, denen er seit Hartz IV ausgesetzt ist. Beck lies das nicht auf sich sitzen und schnauzte zurück: „Waschen und rasieren Sie sich, dann haben Sie in drei Wochen einen Job.“ Der saß. Als er nun in den Medien kritisch beäugt wurde, lud er Frank mit patriarchaler Geste in die Staatskanzlei ein, dieser wollte sich nicht vorführen lassen und lehnte ab. Seine Argumente: es ginge ihm nicht nur um sich, sondern um alle die von Hartz-IV betroffen seien. Außerdem sei es ja eine miese Art, Termine einfach festzulegen – und sie nicht gemeinsam zu vereinbaren. Womit er ja auch erstmal recht hat.

Nun ist es sicherlich richtig, das Henrico Frank sich taktisch gesehen eher ungeschickt verhalten hat. Über die Gründe mögen andere spekulieren, mir ist das alles zu undurchsichtig. Aber zweierlei bleibt doch zu bemerken: Zum einen, das Kurt Beck hier vom Prekariat eingeholt wurde, wie die taz heute angerissen hat:

„Dabei ist es noch verzeihlich, dass ihm angesichts der Pöbeleien eines angetrunkenen Arbeitslosen für einen kurzen Moment die Sicherungen durchgebrannt sind. Hätte er sich für seine taktlose, ressentimentgeladene Äußerung entschuldigt – die Angelegenheit hätte man getrost vergessen können. Was viel schwerer wiegt: Beck hat auch nach seiner Erregung nicht erkannt, dass ein seit langem arbeitsloser, verzweifelter, entwurzelter Mann nicht einfach so in ein bürgerliches Leben zurückgeholt werden kann, indem man ihm ein paar Arbeitsangebote in den Briefkasten steckt. Solche Menschen brauchen eine viel grundsätzlichere, professionelle Hilfe für ihr Leben, die etwas kostet, das mit Geld nicht zu bezahlen ist: Zeit, Geduld, Hartnäckigkeit.“

Die soziale Lage schreibt sich eben, wie Pierre Bourdieu zurecht bemerkt hat, in die Verhaltensweisen eines Menschen ein. Bei ihm heißt das Habitus und is ne ziemlich nachtragende Sache. Das Problem beim Habitus ist – zumal in der bürgerlichen Gesellschaft – das sich an seiner grundsätzlichen Konstitution nur dann etwas ändern lässt, wenn sich letztere verdünnisiert. Was sie nicht vor hat, leider. Zumindest nicht freiwillig und nicht so richtig.Weshalb alleine „Zeit, Geduld, Hartnäckigkeit“ nicht ausreichen werden, auch wenn die tageszeitung das gerne so hätte.

Zum anderen zeigt sich aber auch, das Beck nur ausgesprochen hat, was eigentlich alle finden. Beweise gefällig? Kein Problem, here we go – nehmen wir die Bild-Zeitung:

„Franks Hartz-IV-Stütze zahlt die Stadt Wiesbaden. Er hat vier Handys. Er sagt: „Ich bin kein Faulenzer!“ Aber an seiner schwarzen Lederjacke hatte er einen Button ‚Arbeit ist Scheiße!‘ ( … )

Laurenz Meyer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion: „Das Verhalten von Henrico Frank ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die wirklich Arbeit suchen. Wenn er angebotene Arbeit ablehnt, muss die Unterstützung gekürzt werden.“

Michael Fuchs (CDU), Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand: ‚Der Fall zeigt klar, unsere Systeme sind nicht scharf genug. Was wirft das für ein Licht auf all die anderen Arbeitslosen! Henrico Frank bringt sie alle in Verruf.‘

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel: ‚Das ist eine schäbige Posse: Millionen Arbeitslose wünschen sich nichts sehnlicher als Arbeit. Und geboten wird ihnen die Geschichte vom Mann ohne Bart.‘“

Oder etwa Jong im Leserportal bei der Rheinischen Post:

„Vielleicht öffnet diese Posse den Leuten endlich mal die Augen: Es gibt sie sehr wohl, die Arbeitsunwilligen, sich auf Kosten der Allgemeinheit Monat für Monat ihr Geld erschleichen… Mir tut es nur leid für die Arbeitslosen, die wirklich arbeiten möchten und nun im gleichen Licht dastehen wie unser Hr. Frank!“

Oder bei Yahoo-Answers:

„für einige arbeitslose ist das Angebot von Arbeit eine Beleidigung es kann sogar krank machen “

„es gibt ja immer sone und solche Strolche, aber:
Ich habe keine Lösung für 4 Millionen, aber für Hunderte Individuen, die angeblich einen Job suchen. Ich kann denen sagen, wo es gutbezahlte Vertriebsjobs gibt für Leute bis etwa 50. Seltsamerweise wird man dafür noch beschimpft! Ich kenne einige Hartz4er. Bis auf einen Fall sind das alles Schmarotzer! Seltsam oder? den Leuten, die sich hier bei Clever als Opfer hinstellen, biete ich immer mal wieder an, Ihnen Tipps zu geben ( ich profitiere davon nicht) , wie sie innerhalb von ein bis zwei Monaten einen Job haben…
Wieviele interessieren sich wohl dafür??? Rate mal!“

Oder in den Kommentaren im RA-blog:

„Das mit der Absage wegen des Ehrenamts stand auch in diversen anderen Magazinen. Wenn das stimmen sollte, frage ich mich allerdings ehrlich, wie ernst der Typ es meint, mit dem Arbeiten wollen.“

„War mir von Anfang an klar, dass dieser Geselle die Arbeit scheut, wie der Teufel das Weihwasser. Sein ganzes Palaver war nur Schaumschlägerei.“

Oder bei Medienkompetenz:

„Ich weiß nicht, ob Herr Frank das absichtlich macht oder ob sich diese Haltung aus dem lethargischen Alltag eines Arbeitslosen ergibt (kenne ich aus Erfahrung). Trotzdem fügt sich diese Haltung nahtlos in das mir bekannte übliche Verhaltensmuster von Leuten, die Arbeit (bewusst oder unbewusst) um jeden Preis vermeiden wollen.

Ich habe selbst einen Fall in der Familie. Dem Mann ist keine Ausrede zu blöd oder zu abwegig, um keine Arbeit annehmen zu müssen. Er sei zu schwach für den Einzelhandel, der Arzt hätte ihm geraten, bei einem BMI von 17 auf keinen Fall zuzunehmen, weil sonst das Rückgrat brechen würde und ähnlichen Unsinn. Kann das ein medizinischer Rat sein – bin kein Mediziner aber sowas habe ich noch nie gehört. Dabei ist seine schwächliche körperliche Verfassung durch eine Essstörung verursacht (”Sahne ist eklig”, “Schokolade ist eklig”, “Fleisch ist eklig”, aber zwei Nudeln aus dem Gulasch kann man ja mal essen, hingegen Cola mit 36 Stücken Würfelzucker (äquivalent) pro Liter ist OK). Eine von der Krankenkasse bezahlte Psychotherapie hat er auf eigenen Wunsch abgebrochen. Der Mann lebt mit 25 Jahren noch bei Papi, dieser wiederum erkennt weder die Essstörung als Problem noch motiviert er seinen Sohn. Tolle Wurst, dieser Mensch hat dem Deutschen Volk einen Sozialfall beschert.

Wenn ich ALG-II-Empfänger werden würde, hätte ich ein sehr großes Problem. Aber nicht Hartz-IV ist das Problem, sondern die Arbeitslosigkeit an sich ist das Problem – und da gilt es so schnell wie möglich von wegzukommen. Hartz-IV stellt sicher, dass in Deutschland unter normalen Umständen niemand verhungern oder sich von Müll ernähren muss. DAS wäre unwürdig und eine Katastrophe.

Der deutsche Sozialstaat lebt noch immer. Er ist nur nicht mehr so spendabel wie früher. Ich verstehe ja, dass das einigen Leuten nicht passt. Aber man muss mal einen Slum, eine Armensiedlung in der dritten Welt/in einem Schwellenland “von Innen” gesehen haben um zu erkennen, dass es selbst den letzten Pennern, Saufnasen oder unverschuldet Obdachlosen in Deutschland besser geht als den unglücklichen Menschen, die ihre Kinder auf einer Müllhalde aufziehen und sich jeden Tag, mal erfolgreich, mal erfolglos, um Arbeit kümmern müssen – ohne Sozialversicherung, Jugendamt, Arbeitsberatern oder gar Rente für später. Ich habe das gesehen und es war schockierend. „

Oder im Focus-Forum:

„Er nützt die schwächen des Systems, was Politiker zu verantworten haben. Exclamation. In meine Augen ist er trotzdem hemmungslos asozial!!!!!!!!!!!!“

„es ist nur noch zum Kotzen, dass anständige Menschen in diesem Land in die Armut getreiben werden und die Asozialen immer wieder mit ihrer Dreisitgkeit durchkommen“

„Für diesen Typen und Gleichgesinnte muss gelten:
„Wer nicht arbeitet braucht nicht essen“
=> Leistungen auf null, soll er sich doch mit dem Hut an die Strasse setzen und von dem Leben was ihm die Leute freiwillig geben. Die Einsparung kann dann den „echten“ Arbeitssuchenden zugute kommen.“

„Das Problem ist nur, dass ausgerechnet diese Typen ganz genau wissen, welche RECHTE und Pflichten sie haben. Der arme Junge, von der Hollywoodschaukel gefallen, und seitdem arbeitsunfähig. Laughing
Der Spruch, wer Arbeit will, der findet auch welche, stimmt leider so nicht mehr. Aber wer wirklich wieder arbeiten möchte, sollte doch mindestens dafür sorgen, dass er einigermassen ansprechend aussieht.
Na ja, hoffen wir mal, dass Beck’s starker Arm auch dazu reicht um ihm jegliche Sozialleistungen zu kürzen. Wink“

„Dieser Henrico erinnert mich so in seinem Verhalten an einen User hier im FF, der immer auf Montagsdemonstrationen ging.
Im WDR wurde heute ein Chef einer Entsorgungsfirma gezeigt, der diesem Herrn eine Stelle als Müllwagenfahrer angeboten hat.
Müllwagenfahrer – der richtige und zumutbare Job für diesen Herrn.
Dafür brauchte er sich weder waschen oder rasieren
Da hätte er seinen Stil beibehalten können.
Und der unrasierte Beck hätte sein Belader werden können
(aber mit den Lohnkonditionen in dieser Branche – nix mit Diäten).“

„--Die Gründe der Arbeitslosigkeit haben wir ja in etlichen Forem mehrfach durchgekaut. Tatsache ist auch, daß D Schlußlicht in Europa betreffend das Wirtschaftswachstum ist und führend in Gewährung von Sozialleistungen, der Höhe der Löhne und Lohnnebenkosten sowie im Kündigungsschutz. Aber das ist ja neoliberal und verwerflich, sowas in einen Zusammenhang zu bringen. Wink“

Wir lernen also: jeder Job ist zumutbar, den Arbeitslosen geht es ohnehin zu gut, die Gesetze müsen komplizierter werden, damit Arbeitslose sie nicht mehr durchschauen und das Hauptproblem ist ohnehin die fehlende Leistungsbereitschaft der Menschen. Das geht an der Realität natürlich meilenweit vorbei: die Zahl der freien Stellen beträgt vielleicht 10% der gesamten Arbeitslosgikeit, von regionalen Verschiebungen mal ganz abgesehen. Viele ALG-II_EmpfängerInnen mussten umziehen, weil ihre Wohnungen angeblich zu groß wären. In regelmäßigen Abständen werden Arbeitslose zu meist sinnentleerten Fortbildungen geschickt. Die Liste ließe sich noch beliebtig verlängern. Aber dafür bin ich einfach zu faul ;-)