Markt macht glücklich?

Das von der Marktwirtschaft eine gar heilende, wohlstandschaffende und das private wie gesellschaftliche Glück mehrende Wirkung ausginge, ist immer mal wieder zu hören. Wenn an der einen oder anderen Stelle mal nicht alles so furchtbar dufte aussieht, dann liegt das daran, dass es halt einfach zu wenig Markt und zu viel Staat gibt. Oder das korrupte PolitikerInnen und faule Menschen die Sache irgendwie falsch anfassen. Einer der weltweit bekanntesten Protagonisten dieser Vorstellung ist wohl Hernando de Soto. Über den stand neulich in der schweizer Weltwoche:

„Die Entwicklungsländer, sagt er, könnten die Armut aus eigener Kraft bewältigen. Dazu bräuchten sie keine Verdoppelung der Hilfsgelder und auch keinen Schuldenerlass, wie das jüngst der G-8-Gipfel in Schottland beschloss und diese Woche der Uno-Gipfel in New York bekräftigt hat. Erfolgversprechender als alle Milliardengeschenke, sagt der Sohn eines sozialistischen Politikers, seien: Privateigentum, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft. Diese Botschaft verbreitet de Soto mit dem Talent zum eingängigen Beispiel. Beschwörend schüttelt er beide Arme und sagt heiser: «Vergessen Sie doch Ihre eigene Geschichte nicht. Die Schweiz war noch im 19. Jahrhundert das Armenhaus Europas, ein Drittweltland mit nur wenigen natürlichen Rohstoffen. Auch sie wurde nicht dank Entwicklungshilfe wohlhabend, sondern weil sie sich eine funktionierende Marktwirtschaft und einen intakten Rechtsstaat schuf.»“

Ich will mich gar nicht auf das Beispiel der Schweiz einlassen, aber es können doch wohl drei Dinge festgehalten werden:

(1) ist im Rahmen der Herausbildung von Marktwirtschaft und Kapitalismus der Lebensstandart der breiten Massen massiv abgesunken. Im 19. Jahrhundert hatte der Lebensstandart etwa in Deutschland gerade mal den Stand des hohen Mittelalters, aber noch Weit unter dem mittelalterlichen Standart vom 15. Jahrhundert. Erst im 20. Jahrhundert ist der materielle Lebensstandart über diese Grenze hinausgewachsen. Was allerdings in der Masse ohnehin immer nur für die europäischen und (nord-)amerikanischen Metropolen galt. Und selbst dort wird der Standart derzeit wieder massiv zurückzufahren. Es gibt quasi nur eine Art „historische Ausnahmesituation“, für die sich die wohlstandssteigernde Wirkung der Marktwirtschaft anführen ließe. Während der Phase der Durchsetzung von Umgangsformen, die auf Warenproduktion und Tausch beruhen, gab es stets massive Verschlechterungen für die betroffenen Menschen.

(2) ist die Annahme ziemlich blind für unterschiedliche historische Epochen. Das im Rahmen des Aufstiegs der kapitalistischen Epoche bestimmte Volkswirtschaften von eben diesem Aufstieg profitieren konnten, ist das eine. Sie waren in der Lage, bestimtme Standarts zu setzen, die nun aber weltweit gelten. Und nun müssen sich alle später modernisierenden Volkswirtschaften immer an diesen Standarts messen. Weshalb auch die Situation der Schweiz im 19. Jahrhundert (mit einem begrenzten Weltmarkt und einem vergleichweise geringen Stand der weltweiten technischen Standarts und der ausgebauten Infrastrukturen) kaum mit der in afrikanischen LDC-Staaten verglichen werden kann.

(3) ist die Trennung von dem guten, Reichtum und Zivilisation stiftenden Markt und dem bösen, einschränkenden Markt wohl selber eine zwar sehr gewollte, dafür aber nur recht ungenügend haltbare. Nicht nur, das der moderne Nationalstaat sich zusammen mit der Marktwirtschaft herausgebildet hat, letztere hat ihn auch zur Voraussetzung. Solange Menschen sich in dauerhafter Konkurrenz zueinander befinden und ihre Interessen gegeneinander durchzusetzen gezwungen sind, braucht es eben immer auch eine übergeordnete Ebene, die die Regeln dafür festlegt und im Zweifelsfallauch durchsetzen kann. Das ist der Staat in der seiner Rolle als „ideelller Gesamtkapitalist“. Das macht den Staat nicht besser, seine Trennung von Markt allerdings recht fragwürdig.

Falls das jemand genauer klären möchte, dem mag ich das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz empfehlen…


1 Antwort auf “Markt macht glücklich?”


  1. 1 e 09. Januar 2007 um 9:57 Uhr

    Unter Punkt 3 ist dir wohl ein kleiner Lapsus passiert. Du schreibst vom „Zivilisation stiftenden Markt“ der vom „bösen, einschränkenden Markt“ gezügelt wird. Meinen tust du aber den Staat, wie aus deiner weiteren folgerichtigen Argumentation hervorgeht. So schizophren sind die holden WirtschaftsaugurInnen nun auch wieder nicht, dass sie meinen der glücksbringende Markt werde durch den überbordenden Markt gezügelt und an seiner Entfaltung gehemmt.

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