Dieter Bohlen & die popkulturellen Massenproduktionen

Wenn BILD aufschreit, dann ist das ein Grund, sich das mal genauer anzukucken. Bei der aktuellen Runde von „Deutschland sucht den Superstar“ hat Dieter Bohlen – eigentlich wie immer – ordentlich rumgepöbelt. Und nun mag ihn die Bildzeitung nicht mehr. Spiegel-Online fasst zusammen:

Doch so heftig wie in dieser Staffel waren die Beleidigungen Bohlens laut „Bild“-Zeitung noch nie. „Du stehst da wie ein Schwanz in der Hochzeitsnacht. Aber am Ende kommt auch bei dir nichts raus“, soll der Produzent bei der Aufzeichnung zu einem Kandidaten gesagt haben. Oder: „Damit kannst du Kakerlaken ins Koma singen.“ – „Bei mir kommen solche Geräusche aus anderen Öffnungen“, „Jeder Hasen-Pups hat mehr Power“ und „Warst du in der Kirche? Siehst so durchgeorgelt aus“ – Bohlen scheint sich selbst treu und kontinuierlich auf einem Niveau unter der Gürtellinie zu bleiben. Selbst vor Aussagen wie „Du singst, als wenn du ’ne Klobürste im Arsch hättest“ schreckt Bohlen demnach nicht zurück.

Aber RTL. Einige der Verbalinjurien wurden dem Zeitungsbericht zufolge aus der Sendung geschnitten, damit die Zuschauer nicht dasselbe Niveau wie die „DSDS“-Kandidaten erleiden müssen. Selbst die „Bild“-Zeitung, das Blatt an Bohlens Seite, fragt sich: „Geht er diesmal zu weit?“ Und titelt: „Jetzt dreht Bohlen durch!“ Andererseits: Den Quoten wird es nicht schaden.


Und BILD-Online lässt mehr oder minder Prominente aus Politik und Gesellschaft zu Worte kommen, um dem bisherigen Liebling mal ordentlich einzuheizen. Lesen wir einige Auszüge:

„Kai Gehring, jugendpolitischer Sprecher der Grünen, empfindet das Verhalten des Musik-Profis als Zumutung: „Dümmer, dreister, Bohlen. Der Verbalradikalismus gegenüber jungen Bewerbern hat auf der Mattscheibe nichts verloren. Wie sich Herr Bohlen in einer Musiksendung gebärdet, ist eine Zumutung für alle Zuschauer.“

Der stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Christoph Kähler:
„Ich kann nur an die Vernunft aufgeklärter Menschen appellieren, sich nicht durch den Kot ziehen zu lassen, der ihnen da vorgesetzt wird. Kandidaten, die dort antreten, stellen sich einem Musikwettbewerb und nicht mehr.“

Für die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper muss mit Bohlens Entgleisungen Schluss sein:
„Gerade weil diese Sendung viele Kinder und Jugendliche anschauen, ist das absolut verantwortungslos. Ich appelliere an RTL, solche menschenverachtenden Bohlen-Äußerungen künftig zu verhindern. Den Sender fordere ich auf, auf die Qualität der deutschen Sprache und den Erziehungsaspekt dieser Show zu achten.“

Marc Jan Eumann, Landtagsabgeordneter in NRW: „Der Sender trägt die Verantwortung, dass solche Gossensprache nicht Schule macht. Da muss RTL auf seinen Mitarbeiter Bohlen einwirken. Denn Dieter Bohlen verstößt gegen den Kanon der guten Sitten.“

Bundestagsabgeordnete Rita Pawelski (CDU), Kultur- und Medienexpertin: „Ich habe wegen der Primitivität von Dieter Bohlen abgeschaltet. Seine Bemerkungen gehen unter die Gürtellinie und haben im Fernsehen nichts verloren.“

Wenn sich CDU, SPD; FDP, Kirchen und gar die Grünen vereinen, um Anstand und Moral zu verteidigen, dann muss es da einen Aspekt geben, den sie übersehen haben. Vielleicht diesen, auf den Roger Behrens schon vor langer Zeit hingewiesen hat und der sich auf eine alte Sendreihe von Deutschland sucht den Superstar bezieht:

Das Privatfernsehen wird zum Arbeitsamt der stillgelegten Kulturindustrie, sucht mit immer billigerern Show-Produktionen den immer größeren Star aus einer immer schlechter werdenden Masse an Anwärtern. Nun sucht Deutschland den Superstar, und nachdem alle Charaktermasken schon durch die Container geschleust wurden, bleibt eine kulturelle Reservearmee der Devianten und Verelendeten, die die Kulturindustrie zur letzten Schlacht rukuriert. Dem Ladenmädchen wird nicht länger bloß die Illusion vermittelt, einmal zum Star werden zu können, wenn es nur das rechte Glück hat, sondern tatsächlich wird es Star; und zwar gerade, weil es Ladenmädchen ist. Glück braucht es da gar nicht mehr zu haben, denn längst ist auch diese letzte Kolonne der Massenkultur, die vorgeblich aus der Masse selbst besteht, von den Erfolgsprinzipien der Leistung und Konkurrenz bestimmt: nicht Glück also, sondern Fähigkeiten zählen, soft-skills. Alles an dem, was die Kandidaten zu bieten haben, ist wohlfeil gebotene Arbeitskraft, nicht Individuelles mehr; wenn sie singen können, dann singen sie immer wie die echten Stars, die selbst schon ihr eigenes Plagiat sind. So presst die Kulturindustrie aus ihren Produkten noch die Restspuren von Autonomie, als wären damit die Waren entgiftet. Die Kandidaten singen wie Robbie Williams, und der versucht wie Frank Sinatra zu singen; die Kandidatinnen singen wie Christina Aguilera, die wie Britney Spears zu singen versucht, die wiederrum Madonna imitiert.

Die Kandidaten, die in Gruppen auftreten, dürften sich ein Stück aussuchen und wie beim echten Theater vorsprechen. Die Frauen wählen fast alle ‚Killing me softly‘; ob sie die Roberta-Flack-Version kennen, ist fraglich. Wahrscheinlich glauben sie an den Erfolg der Coverversion der Fugees. Eine der Kandidatinnengruppen versagt bereits, als das Stück nicht wie gewohnt vom Instrumental-Playback kommt, sondern bloß von einem Klavierspieler begleitet wird. An der Verzweiflung der Frauen über ihre Unfähigkeit zieht sich die Show hoch; dem Scheitern wird mehr Sendezeit eingeräumt als dem Gewinnen. Um so tragischer erscheint das inszenierte Bühnenspektakel, weil viele der Kandidaten offensichtlich wirklich mit einer reellen Chance gerechnet haben. Natürlich gilt aber die Formel, dass jetzt tatsächlich das ladenmädchen zum Superstar mutieren wird, nur als Klischee, als Prototyp, für dessen Beweis eben nicht mehr als ein Exemplar benötigt wird.

‚Eine Totale Rückbesinnung auf das Leistungsprinzip‘, empfahl der ‚diplomierte Betriebswirt‘ und das ehemalige DKP-Mitglied Dieter Bohlen als seine wirtschaftspolitische Vision von jenem Deutschland, das jetzt den Superstar such. – Von den zwanzig, vielleicht sogar dreißig oder vierzig Kandidaten kann eine Frau tatsächlich singen; sie präsentiert sich mit fünf Freundinnen, die nicht annähernd an ihr Talent heranreichen. Die fünf Freundinnen dürfen weiter, die Talentierte gehört zu den Verliererinnen. In der Jury, die über diese Runde entscheidet, sitzt auch Bohlen, der wie kein anderer durchschaut und begriffen hat, wie die Kulturwaren funktionieren: Während die anderen in der Jury, irgendwelche Plattenfirmenvertreter und Musikjournalisten, vormachen, dass es um musikalisches Vermögen geht, urteilt Bohlen sachgerecht und kompetent, zum Beispiel über eine junge Frau, die definitiv weder singen noch tanzen kann: „Du hast das Zeug zum Superstar, du hast ein hübsches Gesicht, eine gute Figur, weiße Zähne.“ Es soll wie im Märchen sein, wenn in entsprechendem Putz die einfache Küchenmagd als Prinzessin wachgeküsst wird. Heute geht’s freilich weniger romantisch zu: die Jungs und Mädchen kommen nicht aus dem verwunschenen Dorf im Feenwald, sondern aus der Sozialbausiedlung. Sie werden nicht geküsst, sondern gefickt. In jedem Fall wird bei dem Auswahlverfahren nicht getestet, wie es um die künstlerischen Qualitäten bestellt ist, sondern wie sehr die Einzelnen bereits sind, sich vor Publikum zu prostituieren.

Wie es weitergeht? Keine Ahnung. Auf jeden Fall scheint wohl klar, das es bei Fernsehshows a la „Deutschland sucht den Superstar“ weniger um Moral und Kunst geht denn um Kommerz und Profit. Und wenn dann mal einer den KandidatInnen die Wahrheit sagt, isser gleich der Buhmensch…


6 Antworten auf “Dieter Bohlen & die popkulturellen Massenproduktionen”


  1. 1 fitzcarraldo 14. Januar 2007 um 18:55 Uhr

    ist das der gesamte artikel von behrens? gibt es den online?

  2. 2 tobias 14. Januar 2007 um 22:44 Uhr

    Das ist AFAIR aus dem Buch „Die Diktatur der Angepassten – Zur kritischen Theorie der Popkultur“.

  3. 3 waiting 14. Januar 2007 um 23:17 Uhr

    Text von 2004 zu ‚Popstars‘:

    der auftrag zum mitmachen
    kulturindustrielle propaganda für das flexibilisierte arbeitssubjekt

    http://www.copyriot.com/sinistra/magazine/sin04/mitmach.html

  4. 4 herumspringen 15. Januar 2007 um 4:26 Uhr

    dieter bohlen war in der dkp??

  5. 5 emanzipationoderbarbarei 15. Januar 2007 um 11:22 Uhr

    @herumspringen
    scheinbar schon.

    @fitzcarraldo
    die bibliographischen daten hab ich ganz vergessen gehab:
    rober behrens: die dikatatur der angepassten. texte zur kritischen theorie der popkultur. berlin 2003. Seite 62ff) Der Text heißt „Elemente des Konformismus“

  6. 6 Lenni 15. Januar 2007 um 15:19 Uhr

    „Mit 14 Jahren trat Bohlen in die DKP ein und wurde bei der SDAJ aktiv; zwei Jahre später wechselte er zu den Jusos. Auch dieses politische Engagement war nicht von Dauer.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Bohlen

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