Marx Lektürekurs (7)

Nachdem wir zum Ende des letzten Lektürekurses festgestellt hatten, dass die einfache Wertform durchaus so ihre Mängel hat, kommen wir nun zum näxten Schritt, der die Mängel der einfachen Wertform aufheben soll. Marx nennt sie die „totale oder entfaltete Wertform“ und beginnt mit ihrer Analyse auf Seite 77. Hier wird nun die einzelne Ware mit allen anderen Waren gleichgesetzt. 20 Ellen Leinwand können so wahlweise in 1 Rock, 10 Pfd. Tee, 40 Pfd. Kaffee, 1 Quarter Weizen, 2 Unzen Gold oder einer halben Tonne Eisen dargestellt werden. „Die Wert einer Ware,“ so Marx, „ist jetzt ausgedrückt in zahllosen andren Elementen der Warenwelt. Jeder andre Warenkörper wird zum Spiegel des Leinwandwerts.“ Erst jetzt wird deutlich, das es sich beim Wert tatsächlich um eine „Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit“ handelt, unabhängig von der konkreten Form ihrer Verausgabung. Die wertbildende Arbeit der entsprechenden Ware gilt „audrücklich“ als etwas, das „jede(r) andere(n) menschliche(n) Arbeit gleichgilt“ Die Ware wird tatsächlich eben nicht gleichgesetzt mit einer anderen Ware, sondern mit der gesamten „Warenwelt“.

Da nun aber die Ware mit allen anderen Waren gleichgesetzt werden kann, muss es sich beim Wert also um etwas handeln, so die marx’sche Argumentation, was unabhängig vom jeweiligen Austauschverhältnis existiert. Der Austausch wäre nur eine Ausdrücksweise der schlichten Tatsache, das die Ware Wert enthält: „Es wird offenbar, daß nicht der Austausch die Wertgröße der Ware, sondern umgekehrt die Wertgröße der Ware ihre Austauschverhältnisse reguliert.“ Das ist einerseits sicherlich eine Spitze gegen die subjektive Wertlehre, die ausschließlich im Verhältnis von Angebot und Nachfrage, wie es im Austausch erscheint, die Wert respektive Preisbildung ableiten möchte. Andererseits sagt dies Zitat noch einmal ganz deutlich, das der Wert bereits vor dem Austausch exisitiert, stellt also Marx-Interpretationen, die den Wert erst im Austausch entstehen sehen wollen, vor ein Problem.

Genauso, wie die Ware ihren Wert in allen anderen Waren darstellt, dienen auch alle anderen Warenkörper als Wertausdruck der Ware. Jede andere Ware kann zur relativen Wertform werden. „Die bestimmte Naturalform jeder dieser Waren ist jetzt eine besondre Äquivalentform neben vielen andren. Ebenso gelten die mannigfaltigen in den verschiedenen Warenkörpern enthaltenen bestimmten, konkreten, nützlichen Arbeitsarten jetzt als ebenso viele besondre Verwirklichungs- oder Erscheinungsformen menschlicher Arbeit schlechthin.“ Die Schneiderarbeit und die Tischlerarbeit werden gleichermaßen zur Erscheinungsform der Maurerarbeit.

Aber auch die totale oder entfaltete Wertform hat so ihre Mängel. Zum einen schließt die Reihe der Waren, in denen sich der Wert darstellt, niemals ab. Zum anderen entsteht nun „eine bunte Mosaik auseinanderfallender und verschiedenartiger Wertausdrücke.“ Genauso gibt es eben viele unterschiedliche Äquivalentformen, die sich aber alle gegenseitig ausschließen. Der Wert hat „keine einheitliche Erscheinungsform“, kann entsprechend nur schwerlich zum gesellschaftlich Hegemonialen werden. Marx dreht also die bisherigen Gleichungen einfach um und setzt nicht mehr die Leinwand der gesamten Warenwelt entgegen, sondern die gesamte Warenwelt der Leinwand. Er kommt zur „allgemeinen Wertform“, und die sieht so aus:

1 Rock, 10 Pfd. Tee, 40 Pfd. Kaffee, 1 Qrtr. Weizen, 2 Unzen Gold, 1/2 Tonne Eisen = 20 Ellen Leinwand

Alle Waren, egal ob Rock, Tee, Kaffee oder auch Auto, Hemd, Hose befinden sich nun in der relativen Wertform, die Leinwand befindet sich für alle diese Waren in der Äquivalentform. Die gesamte Warenwelt, so stellt Marx fest, stellt sich nun sowohl „einfach“ als auch „einheitlich“ dar. Einfach, weil sie sich „in einer einzigen Ware“ darstellt und Einheitlich, weil es immer dieselbe Ware ist. Darum, so Marx, ist diese Wertform die allgemeine. Die Wertform ist damit endgültig zu einer gesellschaftlichen Sache geworden und mit Sicherheit nicht „das Privatgeschäft der einzelnen Ware“ Alle Waren können nun ihren Wert in der einen Ware, der Leinwand ausdrücken. Und „jede neu auftretende Warenart muß das nachmachen.“

Dadurch, das es nur eine Ware gibt, die in der Äquivalentform steht, erscheinen die „Waren nicht nur als qualitativ Gleiche“, sondern „zugleich als quantitativ vergleichbare Wertgrößen“. Sie sind nicht mehr bloß „Werte überhaupt“, sondern Werte in einer bestimmten (wenn auch nicht positiv bestimmbaren) Menge.

Somit ist erst die allgemeine Wertform in der Lage, den Wert der Waren adäquat auszudrücken. Die gesamte Warenwelt steht in „allgemeine(r) relative(r) Wertform“, nur eine Ware ist davon ausgeschlossen und bekommt so „den Charakter des allgemeinen Äquivalents“. Während in der einfachen Wertform der Gebrauchswert einer Ware den Wert einer anderen Ware darstellt, so wird nun der Gebrauchswert einer Ware „die gemeinsame Wertgestalt dieser Welt“. Dasselbe gilt dann entsprechend auch für die Arbeit, die diese Ware produziert. Auch sie wird „zur allgemeinen Erscheinungsform menschlicher Arbeit überhaupt“.

Marx argumentiert an dieser Stelle mit einer positiven und negativen Darstellung von abstrakter Arbeit. Das lässt sich vielleicht verdeutlichen mit einer Analogie zur Definition. Negativ definiert ist abstrakte Arbeit, sobald wir uns die konkreten Tätigkeiten ansehen und dann von allem konkreten abstrahieren. Positiv ist sie darüber definiert, das es sich eben um die allgemeine Verausgabung von Arbeit handelt. Das Ganze passiert jetzt nur nicht in Gedanken, sondern real: dadurch, dass es ein allgemeines Äquivalent gibt, wird Arbeit real zu abstrakter Arbeit. Bei Marx klingt das dann so:

„So ist die im Warenwert vergegenständlichte Arbeit nicht nur negativ dargestellt als Arbeit, worin von allen konkreten Formen und nützlichen Eigenschaften der wirklichen Arbeiten abstrahiert wird. Ihre eigne positive Natur tritt ausdrücklich hervor. Sie ist die Reduktion aller wirkliche Arbeiten auf den ihnen gemeinsamen Charakter menschlicher Arbeit, auf die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft.

Die allgemeine Wertform, welche die Arbeitsprodukte als bloße Gallerten unterschiedsloser menschlicher Arbeit darstellt, zeigt durch ihr eignes Gerüste, daß sie der gesellschaftliche Ausdruck der Warenwelt ist. So offenbart sie, daß innerhalb dieser Welt der allgemein menschliche Charakter der Arbeit ihren spezifisch gesellschaftlichen Charakter bildet.“

Marx geht im folgendem dem Verhältnis „von relativer Wertform und Äquivalentform“ nach, in dem er beide als Pole der Wertform bezeichnet, mittels derer sich die Wertform entwickele. Die Form I (einfache Wertform) „enthält diesen Gegensatz, fixiert ihn aber nicht“. In Form II (Totale oder Entfaltete Wertform) kann eine Ware sich wunderbar relativ zu allen anderen Waren darstellen – sie kann „ihren relativen Wert total entfalten“. Marx spricht auch von „entfaltete(n) relative(n) Wertform“ In Form III, der allgemeinen Wertform, gibt es für alle Waren ein allgemeines Äquvalent. „Eine Ware, die Leinwand, befindet sich daher in der Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit allen andren Waren oder in unmittelbar gesellschaftlicher Form, weil und sofern alle andren Waren sich nicht darin befinden.“

Die Tatsache, das alle anderen Waren sich nicht in Äquivalentform befinden, heißt aber auch: die Äquivalentware befindet sich nicht in relativer Wertform. Sollte diese Äquivalentware, bei Marx ist es die Leinwand, getauscht werden, müsste „sie sich selbst zum Äquivalent dienen“ - was schwerlich ginge. 1 Tisch = 1 Tisch wäre eben eine Tautologie. Wäre der Tisch allgemeines Äquivalent, so könnte er nur getauscht werden, indem wir den Sprung von Form II zu Form III zurückgehen: für die Äquivalentware ist die Form die „spezifische relative Wertform der Äquivalentware“.

Diese allgemeine Wertform kann zunächst “ jeder Ware zukommen“. Richtig durchgesetzt ist das ganze aber natürlich erst, wenn es nur eine bestimmte Ware ist, die in der Rolle der Äquivalentform auftritt. Diese Warenart hat dann die Rolle des Geldes, sie „wird zur Geldware oder funktioniert als Geld. Es wird ihre spezifisch gesellschaftliche Funktion, und daher ihr gesellschaftliches Monopol, innerhalb der Warenwelt die Rolle des allgemeinen Äquivalents zu spielen.“

Wie es nun dazu kommt, das sich das Geld gerade in der Form von Edelmetallen herausgebildet hat, ist dabei für Marx (zumndest an dieser Stelle) augescheinlich kaum von systematischem Interesse. Er schreibt schlicht: „Diesen bevorzugten Platz hat unter den Waren ( … ) eine bestimmte Ware historisch erobert, das Gold.“ Er ersetzt schlicht die Leinwand aus der Reihe durch das Gold, und schon ist die Ableitung am Ende. Der einzige Unterschied dieser Form IV zur vorherigen Form III besteht für Marx ausschließlich darin, dass „die allgemeine Äquivalentform jetzt durch gesellschaftliche Gewohnheit endgültig mit der spezifischen Naturalform der Ware Gold verwachsen ist.“

An dieser Stelle gibt es eine ganze Reihe von Kritikpunkten an der marx’schen Darstellung, von denen nur zwei benannt, aber nicht diskutiert werden sollen: zum einen gibt es den Vorwurf, Marx verlasse hier die systematisch Darstellungsebene, in dem er die Form IV schlicht aus der Gewohnheit, also den Handlungen der WarenbesitzerInnen, ableite – und nicht wie bislang aus den Mängeln der vorangegangenen Form. Zum anderen wird häufig der Hinweis, gebracht, es gäbe doch – spätestens seit dem Zusammenbruch von Bretton Woods – keine Geldware mehr. Zu beiden Punkten werde ich an anderem Orte und zu anderer Zeit noch mal versuchen , ein paar Worte zu verlieren. Aber jetzt will ich diesen Beitrag endlich mal posten – er liegt schon viel zu lange rum…