Filesharing, Wissen, Warenform – Erste Nährungsversuche

Seit einigen Jahren tobt eine halb juristische, halb politische Auseinandersetzung nicht nur in Deutschland, aber auch da. Der Hintergrund: Durch sogenannten „Tauschbörsen“ ist es möglich, im Internet Filme, Lieder oder Computerspiele auszutauschen. Das ist – rein rechtlich – ein Verstoß gegen diese unangenehme Geschichte mit dem Privateigentum. Insofern nichts besonderes, auch Einbrüche in Wohnungen oder der Diebstahl von Autos ist schließlich verboten und werden verfolgt. Nur gibt es hier zwei Besonderheiten, die mir doch erwähnenswert erscheinen: zum einen unterscheidet sich ein Autodiebstahl von illegalem downloaden dadurch, das im Falle des Autos dieses die Besitzerin wechselt. Es kann immer nur eine das Auto fahren. Beim Filesharing ist das anders: hier werden die Dateien einfach verdoppelt. Es gibt sie zweimal, niemand erleidet (zunächst) einen Nachteil. Zum anderen gibt es – im Gegensatz zum Diebstahl von Autos oder Geldbörsen – hier kaum ein Unrechtsbewusstsein. Es sind nicht nur ein paar vereinzelte Gangster die illegal Daten aus dem Internet laden – es sind hunderttausende. Und die haben ein Umfeld, das von den Downloads profitiert und sie gutheißt.

Entsprechend nervös reagieren auch Platten- und Filmindustrie auf die drohenden Einnahmerückgänge durch Filesharing. So gab es vor geraumer Zeit unter dem Motto „Hart aber gerecht – Raubkopierer sind Verbrecher“ in den Kinosäälen eine Kampagne gegen illegales Filesharing. Die Kurzclips allerdings regten eher zum Lachen an als das sie dazu hätten beitragen können, dem downloaden ernsthaft die Legitimität abzusprechen. Der Gauner, der dem Großmütterchen die Handtasche klaut ist eben nicht dasselbe wie der Kumpel, der einem den neuen Fluch-der-Karibik runterlädt. Die bezweckte Dämonisierung ist eher lächerlich denn nachhaltig.

Die Kampagne wird übrigens von der Zukunft Kino Marketing GmbH getragen. Und die wiederrum wurde „ins Leben gerufen, um Branchenkampagnen zur Erhöhung des Filmbesuchs in Deutschland zu entwickeln und durchzuführen.“ Das führt uns an den Knackpunkt heran: warum ist es scheinbar wesentlicher Bestandteil des Kino-Dispositivs, das die Anzahl der Kino-GängerInnnen erhöht wird. Mir zumindest ist es immer ziemlich egal, ob ich mit viel oder wenig Menschen im Kino sitze. Und wenn übehaupt, dann finde ich es angenehmer mit weniger Menschen, weil das die Wahrscheinlichkeit von störenden Hüsteleien reduziert.

Nun ist das Interesse der Filmindustrie leider nicht der Kinobesuch als sinnlichen Erlebnis, sondern als Quelle zur Profiterzielung. Kinos werden betrieben, um damit Kohle zu machen. Wenn wir also die Ebene wechseln, uns nicht den konkreten Nutzen von Kinobesuchen für Kino-NutzerInnen anschauen, sondern uns auf den finanziellen Nutzen konzentrieren, dann macht das Verhalten der Filmindustrie plötzlich Sinn. Dann wird auch klar, wo genau der materielle Schaden liegt, den Menschen durch illegales Filesharing erleiden: es fehlt ihnen an Geld, obwohl es doch an Gebrauchsgegenständen gerade nicht fehlt. Mit anderen Worten: die technischen Möglichkeiten (Internet etc.) des 21. Jahrhundert ermöglichen Formen des gesellschaftlichen Miteinander (Filesharing), die aber mit den herrschenden Verkehrsformen dieser Gesellschaft (Vermittlung der Warenverteilung über Arbeit und Geld) nicht mehr zusammenpassen. Und – wir kommen aus dem staunen nicht mehr heraus – dieser Gedanke ist so neu nicht, sondern findet sich bereits bei Karl Marx, nämlich im „Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie“. Da klingt das so:

Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.

Nun steht das mit der sozialen Revolution sicherlich nicht so unbedingt direkt bevor. Aber immerhin konnten wir ja oben bereits feststellen, das es an Unrechtsbewusstsein fehlt, dem herrschenden Interesse an Aufrechterhaltung der alten Formen also zumindest die Legitimität zu fehlen scheint.

Das Phänomen der Unvereinbarkeit von gesellschaftlichen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Verkehrsformen wird auch an anderen Stellen deutlich. Etwa beim TRIPS, dem „Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum“. Dies ermöglichst die sog. Bioprivatisierung oder Biopiraterie, die es erlaubt bestimmte Teile der natürlichen Umwelt mit privaten Patenten zu versehen. Was etwa für bislang frei genutztes Saatgut oder zu medizinischen Zwecken von indigenen Bevölkerungsteilen genutzte Pflanzen plötzlich mit Patenten versehen werden (vgl. auch BUKO-Kampagne).

Eine ähnliche Auseinandersetzung gab es im Bereich der Software-Patente. Dabei geht es um die Möglichkeit, teile von Programm-Quellcodes zu patentieren. Etwa den Forschrittsbalken, der den Stand eines Prozesses anzeigt oder bestimmte Datenformate. Hier wie in den beiden anderen Fällen gilt: Wissen wird zu Eigentum erklärt und damit knapp gehalten. Die Folge ist, dass das Wissen weniger umfassend genutzt werden kann (von weniger Menschen, nur unter bestimmten Auflagen etc.). Und das, wo gleichzeitig immer von einer vermeintlichen Wissensgesellschaft die Rede ist. Sehr schön hat das Problem der französische Sozialphilosoph Andre Gorz zusammengefasst. Für ihn ist der heutige Kapitalismus ein Problem mit seinen Grundkategorien bekommt:

„Diese Grundkategorien, Arbeit, Wert und Kapital, kommen allein durch den Austausch von Waren zum Ausdruck und haben eine gemeinsame Substanz: die in Zeiteinheiten messbare Menge abstrakter, warenförmiger Arbeit. Die in Waren kristallisierte durchscnittliche Arbeitsmenge misst letzten Endes das Äquivalenzverhältnis – den (Tausch-)Wert – der Waren.

Nun lässt sich aber die entscheidende Produktivkraft Wissen nicht mehr auf einen einheitlichen Nenner reduzieren, in Wert- und Zeiteinheiten messen. Wissen ist keine ordinäre Ware, sein WErt ist unbestimmbar, es lässt sich, insofern es digitalisierbar ist, endlos und kostenlos vermehren, seine Verbreitung steigert seine Fruchtbarkeit, seine Privatisierung reduziert sie und widerspricht seinem Wesen. Eine authentische Wissensökonomie wäre eine Gemeinwesenökonomie, in der die Grundkategorien der politischen Ökonomie ihre Geltung verlieren und in der die wichtigste Produktivkraft zum Nulltarif verfügbar wäre.

Der Kapitalismus kann sich als Wissenskapitalismus nur behaupten, indem er eine ausgiebig vorhandene Ressource – die menschliche Intelligenz – dazu benutzt, ihre potenzielle Fülle in Knappheit zu verwandeln. Diese Knappheit wird durch die Parzellierung des Wissens, durch die Behinderung seiner Verbreitung und Vergellschaftung und durch den entmündigenden Verwertungszwang, dem seine Inhaber unterworfen sind, hergestellt. (Andre Gorz: Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie. Zürich 2004. Seite 65f)“

Nun, mir dünkt, hier liegen subversives und emanzipatives Potential eng beeinander. Schaun wir mal, was draus wird…


3 Antworten auf “Filesharing, Wissen, Warenform – Erste Nährungsversuche”


  1. 1 Benni Bärmann 17. Januar 2007 um 17:10 Uhr

    Softwarepatente: Deine Darstellung ist nicht ganz korrekt. Es geht nicht um „Teile des Quellcodes“, sondern um Algorithmen. Quellcode untersteht bereits dem Urheberrecht und bedarf keines Patentschutzes. Softwarepatente schützen aber Algorithmen als solche, also unabhängig von ihrer Ausgestaltung. Wenn ich ein Softwarepatent auf den Fortschrittsbalken habe, dann kann ich jeden verklagen, der einen Fortschrittsbalken programmiert, egal auf welchem System, egal in welcher Programmiersprache, egal mit welchem Design, usw. Das ist eine ganz andere Ebene und vergleichbar damit, Ideen als solche zu schützen und nicht mehr bloße Ausformulierungen in Form konkreter Texte.

  2. 2 emanzipationoderbarbarei 17. Januar 2007 um 17:41 Uhr

    Ich wusste das ich es bestimmt falsch formuliere… immer diese Unwissenden. Asche auf mein Haupt! Und danke für den Hinweis!

  3. 3 barrikadenstürmerin 22. Januar 2007 um 23:59 Uhr

    wer andere dafür kritisiert, dass sie erstens die begriffe „legitimität“ und „legalität“ nicht korrekt verwenden und zweitens immer zu viele tippfehler überall rumfliegen haben, der sollte vielleicht besser keine tippfehler in eben diese wörter einbauen: über „letitimität“ musste ich jedenfalls sehr lachen! :)

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