Marx Lektürekurs (8)

Ich hätte es wissen müssen. Schon als ich begonnen habe diesen Lektürekurs (der ja noch immer ein Ergebnis der gemeinsamen Diskussionen am Mittwoch abend ist; wer gerne dazustoßen möchte, möge ich übers Kontaktformular melden), hätte mir klar sein können: du kommst um das Fetisch-Kapitel nicht herum. Ich möchte dann aber doch der alten marxistischen Logik widerstehen, es damit im Zweifelsfall nicht allzu ernst zu nehmen. Besonders weit sind wir nicht gekommen, aber ich möchte es den geneigten LeserInnen trotz allem nicht vorenthalten.

Marx beginnt das berühmte Fetischkapitel auf Seite 85 mit dem HInweis: „Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.“ Hier bringt Marx gleich im zweiten Satz die Religion ins Spiel. Die Analyse der Ware würde etwas religiöses zu Tage fördern, denn sie enthalte theologische Mucken.

Sobald ein Ding nicht mehr reiner Gebrauchswert sei, sondern „als Ware auftritt“ macht es eine Verwandlung durch: es „verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.“

In einer Fußnote merkt Marx an: „Man erinnert sich, daß China und die Tische zu tanzen anfingen, als alle übrige Welt still zu stehn schien – pour encourager les autres“ Der wohlklingende französische Satz bedeutet „um die andern zu ermutigen“ und der Anhang erläutert, das Marx hier auf die Zeit nach 1948/49 anspielt, als es in Europa eine Zeit gesellchaftlichen Stillstands gegeben habe, während es in China mit der Taiping-Revolution den wohl opferreichsten Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Während dessen hat sich im europäischen Bürgertum das Tischerücken als gesellschaftliches Ereignis eingebürgert. So kam es also, „daß China und die Tische zu tanzen anfingen, als alle übrige Welt still zu stehn schien“, denn in der übrigen Welt herrschte ja besagter politischer Stillstand.

Damit ist allerdings noch nicht geklärt, warum der Tisch „sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf“ stellt und sich „aus seinem Holzkopf Grillen“ entwickeln. Auch in der Sekundärliteratur konnte ich nicht viel finden. Vielleicht weiß ja noch jemand Ergänzungen. Christian Dany jedenfalls schrieb in der „Invasion der Grillenzüchter“, Marx beschreibe hier lediglich „den Auftritt des Dings als Ware anhand eines Tisches als Übergang vom sinnlichen zum übersinnlichen Zustand. Auf dem Markt steht der Vierbeiner nicht mehr mit den Füßen auf dem Boden ( … )“ sondern lässt besagte Grillen wachsen. Andreas Exner bemerkt in seinem sehr lesenswerten Aufsatz „Grillen statt Heuschrecken“ salopp, das dem Tisch „Grillen aus der Lade zieht“. Er ergänzt. Marx meine mit den Grillen schlicht dieses: „Wo wir ihn an einer Ware fassen wollen, entschwindet er uns auf der Stelle.“ Was ein bisschen danach klingt, als könnte Marx die Grille deshalb gewählt haben, weil sie schlecht zu fangen ist – oder haben sie schon mal eine beim Spazierengehen aufgesammelt? Aber es ist schon faszinierend: egal welchen Text mensch zu dem Thema liest – nie wird die genauere Bedeutung des Grillenbeispiels diskutiert. Selbst Derrida kommt nicht über die Erwähnung des spukhaften und übersinnlichen Charakters hinaus. Vermutlich ist das aber auch gar nicht die relevante Frage…

Auf der nächsten Seite stellt sich Marx dann die Frage, woher das denn nun alles rühren mag. Und er findet die folgende Antwort:

„Die Gleichheit der menschlichen Arbeiten erhält die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer erhält die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte, endlich die Verhältnisse der Produzenten, worin jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte.“

Gehen wir das noch mal durch: Im Wert wird die „Gleichheit der menschlichen Arbeiten“ hergestellt, indem diese als Äquivalent aufeinander bezogen werden. Diese Gleichheit von Arbeiten „erhält“ nun „die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte“, das heißt die Produkte der Arbeit (also die Waren) haben nun gleiche Wertgegenständlichkeit. Was eben noch die Gleichheit von menschlicher Tätigkeit, von Arbeit war, ist nun die Gleichheit von Arbeitsprodukten, von Dingen. Und so geht es auch weiter: die „Verhältnisse der Produzenten“ zueinander, die ja immer eben gesellschaftliche Verhältnisse sind und innerhalb deren „jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden“ erhalten ebenfalls eine andere Form. Die „Verhältnisse der Produzenten“ meinen nichts weiter als die Produktionsverhältnisse, die spezifische gesellschaftliche Organisationsform von Herstellung und Verteilung. Die jedenfalls erhält nun „die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte.“ Auch hier wird aus einem Verhältnis von Menschen ein Verhältnis der Waren. Und nichts anderes ist es, was das Schlagwort „Verdinglichung“ meint.

Marx fasst zusammen:

„Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge.“

Georg Lukacs, einer der geistigen Väter der Kritischen Theorie, schreibt dazu:


„An dieser struktiven Grundtsache ist vor allem festzuhalten, daß durch sie dem Menschen seine eigene Tätigkeit, seine eigene Arbeit als etwas Objektives, von ihm Unabhängiges, ihn durch menschenfremde Eigengesetzlichkeit Beherrschendes gegenübergestellt wird. U.z. geschieht dies sowohl in objektiver wie in subjektiver Hinsicht. Objektiv, indem eine Welt von fertigen Dingen und Dingbeziehungen entsteht (die Welt der Waren und ihrer Bewegung auf dem Markte), deren Gesetze zwar allmählich von den Menschen erkannt werden, die aber auch in diesem Falle ihnen als unbezwingbare, sich von selbst auswirkende Mächte gegenüberstehen. Ihre Erkenntnis kann also zwar vom Individuum zu seinem Vorteil ausgenützt werden ohne daß es ihm auch dann gegeben wäre, durch seine Tätigkeit eine verändernde Einwirkung auf den realen Ablauf selbst auszuüben. Subjektiv, indem – bei vollendeter Warenwirtschaft – die Tätigkeit des Menschen sich ihm selbst gegenüber objektiviert, zur Ware wird, die der menschenfremden Objektivität von gesellschaftlichen Naturgesetzen unterworfen, ebenso unabhängig vom Menschen ihre Bewegungen vollziehen muß, wie irgendein zum Warending gewordenes Gut der Bedarfsbedriedigung. (Georg Lucacs: Geschichte und Klassenbewusstsein. Studien über marxistische Dialektik. Amsterdam 1967. Seite 97f)“

Marx fährt mit einem seiner vielen naturwissenschaftlichen Vergleiche fort, der wie alle bisherigen recht schnell an seine Grenzen stößt. Das mit der Verdinglichung, so Marx, sei wie mit dem Sehen: da würde das Auge auch nicht den Tisch selber wahrhnehmen, sondern nur die Lichtstrahlungen, die vom Tisch reflektieren. Auch das sei ein Verhältnis zwischen Dingen, wenn auch „ein physisches Verhältnis zwischen physischen Dingen“ Und er muss auch gleich zugeben, dass das Wertverhältnis mit der realen dinglichen Existenz etwa eines Tisches nichts zu schaffen hat: „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“

Um dem näher auf die Spur zu kommen, kommt Marx auf das Religiöse zurück. Auch in der Religion „scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten.“ Gemeint sind damit etwa die Götter. Diese sind für Marx die „Produkte des menschlichen Kopfes“ In der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ schreibt Marx hierzu:

„Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d‘honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.“

Das war im Jahre 1844, das Kapital stammt in seiner ersten Auflage von 1867, ist also weit mehr als 20 Jahre später geschrieben. Der „Kampf gegen die Religion“ im engeren Sinne ist für Marx nun nicht mehr der Hauptansatzpunkt von Kritik. Er zieht jetzt vielmehr einen Vergleich von der Religion zur Praxis der Menschen in der warenproduziernden Gesellchaft: So wie in der Religion die Produkte des menschlichen Kopfes „mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten zu sein scheinen, gilt dies „in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand.“ Marx nennt dies „den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“

Marx führt hier den Begriff des Fetischismus ein. Und da der nicht immer so ganz einfach ist, hier vielleicht ein paar Ausführungen zum Begriff. Stephan Grigat etwa schreibt:


„Das Wort ‚Fetisch‘ stammt aus dem Portugiesischen, wo ‚feitico‘ Zauber
bedeutet. Die im Spanischen, Portugiesischen und Französischen daraus entstandenen. Wörter bezeichnen Dinge wie Täuschungen, Fälschungen, Künstlichkeit, Schminke oder auch Schmuck. Ein Fetisch ist ein Ding, dem unabhängig von seiner realen Beschaffenheit Eigenschaften zugeschrieben werden, die es nicht von Natur aus besitzt.
Beispielsweise ein Stück geschnitztes Holz, dem die Eigenschaft zugeschrieben wird, Regen herbeizuführen. Auch wenn das Stück Holz diese Eigenschaft nicht von Natur aus besitzt, so scheint sie ihm doch von dem Augenblick an natürlich anzuhaften, von dem an es sich gesellschaftlich durchgesetzt hat, daß ihm diese Eigenschaft zuerkannt wird. Die Menschen beginnen danach zu handeln und der Fetisch wird gesellschaftlich wirksam.

Den Begriff des Fetisch hat Marx der ethnologischen Fetischismustheorie entnommen. Er kannte Charles de Brosses Fetischstudie aus dem 18. Jahrhundert, durch die der Fetischbegriff auch in Deutschland unter Mithilfe Goethes, Wielands, Kants und Hegels in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Bezog sich die Ethnologie auf den archaischen Fetischismus, nahm Marx das Wort auf, um ihn als Metapher und Begriff zur Erklärung des Fetischismus in der Ökonomie zu benutzen.

Nach Freud besteht der Fetischismus darin, einem materiellen Gegenstand geheimnisvolle Macht zuzuschreiben und ihn zu verehren. Der von Marx beschriebene Warenfetischismus unterscheidet sich aber von dem von Freud hauptsächlich untersuchten Fetischismus in der Sexualität. Freud beobachtete, daß die Anhängerinnen und Anhänger eines Fetischismus ihren Fetisch nicht als Leidenssymptom empfinden und meist mit ihrem Fetisch recht zufrieden sind. Voraussetzung dafür ist aber, daß der Gegenstand, dem die Fähigkeit zu sexueller Stimulans zugeschrieben wird, als Fetisch erkannt wird. Es handelt sich hier also um eine Form von bewußtem Fetischismus. Wesen und Existenzbedingung des Warenfetischismus hingegen ist es, von den Individuen nicht als solcher wahrgenommen zu werden. Für Marx war Fetischismus eine gesteigerte Form des ‚groben Idealismus‘, der, ohne sich dessen bewußt zu sein, ‚Dingen gesellschaftliche Beziehungen als ihnen immanente Bestimmungen zuschreibt und sie so mystifiziert.‘“ (Stephan Grigat: Zur Kritik des Fetischismus)

Bei Wolfgang Fritz Haug finden wir die Folgenden Ausführungen:


„Es ist nützlich, das Wort Fetisch zu übersetzen. Es kommt aus dem Portugiesischen und leitet sich vom lateinischen facticium, dem Partizip Perfekts von facere (machen). Wie jedes Produkt ist es zunächst ein ‚Gemachtes‘ Doch wie im Spanischen das vom Perfektpartizip von hacer (machen), hecho, abgeleitete hechizo nimmt es dann die Bedeutung von ‚Hexerei‘ an. Marx zeigt nun, wie die Warenform die Produkte verhext, sobald sie sich ihrer bemächtigt. Die Menschen haben die Produkte gemacht. Aber indem sie die Produkte austauschen, machen sich die Produkte selbständig und rufen durch ihre Bewegung die Gesetzmäßigkeiten hervor, die dann rückwirkend das Machen neuer Produkte steuern. Das heißt, an den Produkten entfaltet sich eine Macht über ihre Macher; sie kommandiert das machen, allerdings immer erst nachträglich. Diese Macht der Machwerke über die Machenden bezeichnet der Fetischcharakter. Fetisch heißt ja letztlich wiederum Machwerk, wenn auch die Bedeutung sich zu Macht-Werk verschoben hat und das portugiesische Wort feitico dann so viel wie Zauber heißt.“ (Wolfgang Fritz Haug: Vorlesungen zur Einführung ins Kapital. 2005, Seite 161f)

Aber kommen wir zu Marx zurück. Im folgenden Absatz bezieht er sich auf das, was eine Ware überhaupt erst zu Ware macht: „Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten sind.“ Damit ist allerdings nicht gemeint, das es keine industrielle Produktion gäbe und alle nur vereinzelt an ihrer Nähmaschine Kleider nähen. Vielmehr versteht Marx unter „Privatproduzenten“ die schlichte Tatsache, das Wirtschaftseinheiten auf eigene Rechnung und eigenes Gewähr Dinge produzieren. Oder, wie Moishe Postone es formuliert hat:


„In der warenförmigen Gesellschaft sind die Vergegenständlichungen der Arbeit des Einen die Mittel, um von Anderen produzierte Güter zu erwerben. Man arbeitet, um andere Produkte zu erwerben. Das Produkt des Einen dient den Anderen als Gut: als Gebrauchswert. Es dient dem Produzenten als Mittel, um die Arbeitsprodukte der anderen zu erwerben. In genau diesem Sinne ist ein Produkt eine War: es ist zugleich ein Gebrauchswert für die Anderen und ein Tauschmittel für den Produzenten. Dies bedeutet, das die Arbeit des Einen zweifache Funktion hat: einerseits ist die eine spezifische Art der Arbeit, die besondere Produkte für andere produziert. Andererseits dient Arbeit, unabhängig von ihrem besonderen Inhalt, dem Produzenten als Mittel, Güter zu erwerben. Hinsichtlich der Produkte, die die Käufer dank ihrer Arbeit erwerben, abstrahieren sie von der Besonderheit der Arbeit der Produzenten. Es besteht keine innere Beziehung zwischen der spezifischen Besonderheit der verausgabten Arbeit der spezifischen Beschaffenheit des Produkts, das mittels dieser Arbeit erworben wird. ( … ) Arbeit selbst konstituiert die Vermittlung anstatt transparenter gesellschaftlicher Verhältnisse“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Arbeit. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg 2003, Seite 231f)

In dem Zusammenhang ist dann auch der nächste Satz von Marx zu lesen: „Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit.“ Diesen Gedanken hat Marx schon bei den drei Eigentümlichkeiten der Wertform ausformuliert, kommentiert habe ich das hier. Menschen produzieren Waren und werfen sie in den Austausch und erzeugen dadurch eine Notwendigkeit, die Regeln und Gesetze dieses Austausches als eigene Handlungsmacht anzuerkennen. Den Beteiligten „erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.“

Die Verhältnisse erscheinen, so das Argument von Marx, nicht etwa als verschleierte Darstellung der Wirklichkeit, sondern „als das, was sie sind“ Und sie sind eben nicht „unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen“, sondern „sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.“ Anselm Jappe merkt hierzu an:


„Eine erste Bedeutung des Begriffs ‚Fetischismus‘ ist es also, dass die menschen ihre Tätigkeiten nicht direkt in Beziehung setzen, sondern nur in einer objektivierten Form, nämlich als in einem allgemeinen Äquivalent ausgedrückte gleiche menschliche Arbeit. Aber sie tun das, ohne es zu wissen , und schreiben die Bewegungen ihrer Produkte deren natürlichen Qualitäten zu, statt darin die Verselbständigung ihrer eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse in der verdinglichten Form einer Beziehung von Waren zu erkennen. ( …)

Für Marx ist der Fetischismus nicht nur eine verkehrte Darstellung der Wirklichkeit, sondern eine Verkehrung der Wirklichkeit selbst. Und in diesem Sinn ist die Fetischismustheorie das Zentrum von Marx‘ ganzer Grundlagenkritik des Kapitalismus. Man kann deshalb von einer Identität von Werttheorie und Fetischismustheorie bei Marx sprechen. Der Wert und die Ware, weit entfernt davon, die ‚neutralen Voraussetzungen‘ zu sien, von denen wir am Anfang gesprochen haben, sind fetischisierte Kategorien, die eine fetischisierte Gesellschaft begründen.“ (Anselm Jappe: Die Abenteuer der Ware. Für eine neue Wertkritik. Münster 2005. Seite 30f)

Die Tatsache, das Menschen Dinge als Waren produzieren und austauschen ist also die Grundlage für all das. Denn dann erhalten

„die Privatarbeiten der Produzenten tatsächlich einen doppelten gesellschaftlichen Charakter. Sie müssen einerseits als bestimmte nützliche Arbeiten ein bestimmtes gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen und sich so als Glieder der Gesamtarbeit, des naturwüchsigen Systems der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit, bewähren. Sie befriedigen andrerseits nur die mannigfache Bedürfnisse ihrer eignen Produzenten, sofern jede besondre nützliche Privatarbeit mit jeder andren nützlichen Art Privatarbeit austauschbar ist, also ihr gleichgilt.“

Die Arbeiten befriedigen das gesellschaftliche Bedürfnisse dadurch, das Waren für andere produziert werden. Und sie befriedigen das individuelle Bedürfnis der eigenen Produzenten, indem über ein allgemeines Äquivalent auch die konkreten Wünsche der ProduzentInnen befriedigt werden können.

Das handeln der Menschen, die Tatsache, das sie real die Waren als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre ARbeiten gleich. „Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ Was wohl einer der vielzitiertesten Sätze in diesem Kapitel sein dürfte. Sowohl im Alltagserleben als auch in wissenschaftlicher Hinsicht. Marx schreibt: „Die späte wissenschaftliche Entdeckung, daß die Arbeitsprodukte, soweit sie Werte, bloß sachliche Ausdrücke der in ihrer Produktion verausgabten menschlichen Arbeit sind, macht Epoche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, aber verscheucht keineswegs den gegenständlichen Schein der gesellschaftlichen Charakter der Arbeit.“ Damit meint er die Erkenntnis der Klassik, das der Wert einer Ware durch die zu ihrer Produktion verausgabte Arbeitskraft bestimmt ist. Nur hat dies eben nicht den Schein verscheucht, als wäre der „Wert“ damit als quasi-Natureigenschaft in die Ware eigenschrieben: „Was nur für diese besondre Produktionsform, die Warenproduktion, gültig ist, daß nämlich der spezifisch gesellschaftliche Charakter der voneinander unabhängigen Privatarbeiten in ihrer Gleichheit als menschliche Arbeit besteht und die Form des Wertcharakters der Arbeitsprodukte annimmt, erscheint, vor wie nach jener Entdeckung, den in den Verhältnissen der Warenproduktion Befangenen ( … ) endgültig“

Diese Tatsache, das der Wert eine überhistorische Veranstaltung mit naturhaften Eigenschaften sei, ist Tatsächlich ein Schein. Die Tatsache, das er, einmal etabliert, aber die Herrschaft über seine ProduzentInnen übernimmt, ist dabei aber kein Schein, sondern „das, was es ist.“ Eine reale Verkehrung der Wirklichkeit.

Und näxtes Mal gehts dann weiter mit dem Fetischk, dem ollen…


6 Antworten auf “Marx Lektürekurs (8)”


  1. 1 astrid 19. Januar 2007 um 15:42 Uhr

    Und? Was soll das jetzt? Jetzt wissen wir, was Postone und Lukacs zu diesem Thema mal abgesondert haben. Und das Grigat und Haug erstmal in irgendein etymologisches Wörterbuch glotzen wenn sie sich mit Ökonomie beschäftigen. Voll langweilig.

  2. 2 doesn't mind 19. Januar 2007 um 17:28 Uhr

    zu den Grillen: Es geht hier nicht unmittelbar um die Tiere. „Grillen im Kopf haben“ ist eine etwas altmodische Redewendung für Herumspinnen oder Spleens haben. Ob das wiederum von den Tieren abgeleitet ist, keine Ahnung.

  3. 3 emanzipationoderbarbarei 19. Januar 2007 um 19:41 Uhr

    @doesntmind

    ah, okay. macht sinn, irgendwie.

  4. 4 er 19. Januar 2007 um 23:12 Uhr

    „Das war im Jahre 1844, das Kapital stammt in seiner ersten Auflage von 1967, ist also weit mehr als 20 Jahre später geschrieben.“ Also 122 Jahre später, oder :)

    „“Aber sie tun das, ohne es zu wissen , und schreiben die Bewegungen ihrer Produkte deren natürlichen Qualitäten zu, statt darin die Verselbständigung ihrer eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse in der verdinglichten Form einer Beziehung von Waren zu erkennen.“" – also ich sehe mein objektives Produkt ganz objektiv als Ding, um meine subjektiven Bedürfnisse zu befriedigen, die hier und heute nun mal über Äquvivalententausch (wobei Äquvivalent hier relativ und subjektiv ist) befriedigt werden können (nicht, dass es nicht besser zu regeln ginge…)

    vielleicht meint Marx mit „Grillen im Kopf“ den immateriellen Wert der in jeder Ware (für jeden Einzelnen subjektiv) steckt, was die VWL später mit der Nutzentheorie zu erklären versuchte…

  5. 5 emanzipationoderbarbarei 20. Januar 2007 um 5:50 Uhr

    @er

    zu den grillen finde ich ja, das doenst mind da eine spannende theorie abgeliefert hat…

    ansonsten hab ich den – wie immer selbstverschuldeten und peinlchen – fehler mit der jahreszahl ma behoben…

  6. 6 Michael 16. April 2007 um 15:17 Uhr

    Moin,

    drei Dinge:

    1. Herzlichen Dank für diese Zusammenstellung zum Warenfetisch. Ich hab ja mit dem ganzen Weblog-Kram sonst nichts am Hut, aber diese Seite war außerordentlich anregend.

    2. Es hat sich noch ein Jahreszahlfehler eingeschlichen. Vierter Absatz: „…der Anhang erläutert, das Marx hier auf die Zeit nach 1948/49 anspielt…“

    3. Sehr hilfreich zu diesem Thema ist auch ein Abschnitt aus: „Klaus Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis – Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung“ von 1973. Der betreffende Abschnitt ist etwa 20.000 Zeichen lang und insofern etwas zu viel für dieses Kommentarfeld, aber ich kann ihn Dir sehr gern zumailen (hab ihn zu anderen Zwecken sowieso vor einiger Zeit gescannt), mußt mir nur sagen wohin. Wer selber nachschlagen will – ich meine das Kapitel 7.2 „Die individualgeschichtliche Wahrnehmungsentwicklung in ihrer Bedingtheit durch Bedeutungsmomente der bürgerlichen Gesellschaftstruktur“. Leider ist das Buch praktisch nur noch in guten wissenschaftlichen Bibliotheken zu finden.

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