Konkurrenz und Kooperation

Es ist eine alte Mär liberaler und konservativer Propaganda, das „der Mensch dem Menschen ein Wolf“ ist. Der Ausspruch ist bekanntgeworden durch Thomas Hobbes, stammt aber ursprünglich von römischen Dichter Plautus und geht in voller Gänze so: „Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit, non novit.“ Was auf deutsch soviel heißt wie: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch, wenn er nicht weiß, welcher Art [sein Gegenüber] ist.“ Der Mensch ist also nicht automisch, sozusagen von Natur aus, anderen Menschen bösartig gegenüber eingestellt, sondern nur dann, wenn er glaubt, ihn nicht zu kennen. Hier ließen sich jetzt umfangreiche philosophische Überlegungen über Entfremdung, Eigen- und Fremd-Gruppe und gesellschaftliche Kategorisierungen einfügen. Das möchte ich uns aber an dieser Stelle ersparen.

Ein anderer Quell der Ideologie vom naturhaft bösartigen Menschen ist die Lehre von Charles Darwin. Dessen Darwinismus wurde dann von Herbert Spencer in dem Aufsatz „Survival Of The Fittest“ als „Überleben der Bestangepassten“ gekennzeichnet, auch wenn es durch eine Fehlübersetzung im deutschen Sprachraum als „Überleben des Stärksten“ angekommen ist. Wikipedia fasst das so zusammen:

Der Begriff ist vor langer Zeit in den dt. Sprachraum als „Überleben des Stärksten“ eingegangen und damit eine peinliche Fehlübersetzung/Fehlinterpretation des Orginals – mit allen gesellschaftlichen Konsequenzen (z. B. Rechtfertigung der Ellenbogenmentalität). Dies hat den Darwinismus im Laufe der Zeit in ein unsoziales Licht gerückt.
Fit bedeutet jedoch in diesem Fall Anpassung an die Umwelt (Spezialisierung), und nicht etwa körperliche Stärke im Sinne von direkter Konkurrenzverdrängung. D.h. nicht derjenige überlebt, der allem trotzt und den Rest verdrängt(wie der Monopolist oder Sieger), sondern diejenigen, welche sich den Anforderungen der Umwelt unterwerfen (also alle die sich einer Situation anpassen können).

Was die Sache ja nun auch nicht viel besser machen. Der zivilisatorische Mehrwert, sich nicht mehr wahlos umzuhauen, sondern lieber die zu belohnen, die sich bedingungslos den gesellschaftlichen Anforderungen unterwerfen, ist wohl nicht besonders groß. Was als Konstante gleichbleibt, ist aber nicht nur die Unterordnung unter vorgegebene Gesetzmäßigkeiten, sondern auch der Glaube, Entwicklung würde primär über ein Gegeneinander von allem möglichen verlaufen. Dagegen gilt natürlich einerseits die alte Wahrheit, das beim Menschen zumindest doch die Reflexionsfähigkeit hinzukommen sollte, die ihn nicht zum dumpfen Opfer seiner Triebe macht. Es doch zu tun, ist schlicht ein naturalistischer Fehlschluss. Aber selbst die Annahme, das dies für den Rest der Welt gilt, ist mittlerweil umstritten, wie uns der Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer in der Geo (02/07) erkärt:

Darwin war der irrigen Meinung, die Dinosaurier seien von Säugetieren ausgerottet worden. Daher dachte er, die Selektion vollziehe sich in erster Linie durch einen gegeneinander gerichteten Vernichtungskampf der Individuen und der Arten. Das war der Grund, warum er überzeugt war, die Evolution favorisiere nur solche Eigenschaften, die in diesem gegeneinander gerichteten Kampf nützlich sind. Altruistische Verhaltensweisen sah er als sekundäre an, die nur dem obersten Ziel, nämlich dem Kampf ums Überleben dienen. Ich sehe es umgekehrt: Oberstes biologisches Prinzip ist die Kooperation, der Kampf steht in deren Diensten.

Das erinnert ein wenig an Kropotkin, der ja auch der Meinung war, unterschiedlichste Formen von Hilfe und Kooperation wären nicht nur für die Geschichte der Menschheit feststellbar, sondern auch in der Tierwelt überall an der Tagesordnung. Beide, Kropotkin wie Bauer, stellen fest, das der biologische Hauptaspekt des Lebens solidarisches Miteinander – und nicht Konkurrenz und Kampf seien. Bei Bauer klingt das so:

Die Vorstellung eines „egoistischen Gens“ ist aus molekularbiologischer Sicht unhaltbar. Jedes Gen ist Teil eines kooperativen Systems verschiedener Moleküle. Zudem werden alle Gene durch Signale aus der Umwelt reguliert. Gene sind keine Systeme, die auf Autopilot fahren. Jedes Gen hat eine Vorschaltsequenz, den so genannten Promoter. An diesen können Signalstoffe binden und veranlassen, dass das jeweilige Gen verstärkt oder vermindert abgelesen wird. Die Umwelt spielt permanent auf der Klaviatur der Gene und beeinflusst deren Aktivität. Gene sind Kommunikatoren und Kooperatoren. Allein kann ein Gen gar nichts. ( …. )
Wir haben keinerlei neurobiologische Daten darüber, dass Aggression etwas ist, zu dem Menschen primär motiviert sind oder nach dem wir von Natur aus streben. Alle neurobiologische Evidenz deutet darauf hin, dass unsere Grundmotivationen Zuwendung und Gemeinschaft sind.

Da ist also eine ganze Menge drinne. Von alleine ergibt sich allerdings auch nichts. Von alleine strebt der Mensch eben auch nicht zur Gesellschaft der freien und gleichen Am Ende behält doch wieder Karl Marx recht, der in der Deutschen Ideologie bemerkt hat: „Das Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren.“ (MEW 3, 30f)


4 Antworten auf “Konkurrenz und Kooperation”


  1. 1 bigmouth 27. Januar 2007 um 16:24 Uhr

    kannst du das mit Darwin mit zitaten belegen? auch verwechselst du naturalistischen fehlschluss mit dem sein/sollen-problem…

  2. 2 bigmouth 27. Januar 2007 um 23:35 Uhr

    ui, der typ hat richard dawkins auch gar nichg verstanden…

  3. 3 schorsch 28. Januar 2007 um 21:28 Uhr

    Dein Schluss stimmt.

    Es wäre ja problematisch gewesen, die Naturalisierung umzukehren. Vor allem (das kann natürlich auch an der mitteilungsbeschränkten Plattform eine Zeitschrift liegen) bleibt bei Bauer total diffus, wie die „Kooperation“ der Gene zu einer der Individuen übersetzt wird.

    Einmal müssen organische Abläufe bzw. physiologische Prozesse nicht automatisch Bewusstsein erzeugen, welches den Mensch dann zur Kooperation treibt.

    Und selbst wenn der Mensch einen „Zuwendungstrieb“ hätte, würde dies Nichts bedeuten, denn, und damit erzähle ich nichts neues, wenn das anarchische Wirken der Einzelpersonen Formationen schafft, unter deren Herrschaft sich jede Person durch die Produktion dieser Form wirft, würde ein solcher Gerechtigkeitstrieb davon abprallen.

  4. 4 Philoblogger 30. Januar 2007 um 15:12 Uhr

    Hobbes‘ Formel ist nicht das Menschenbild liberaler Theorie. Es ist auch nicht Hobbes‘ Anthropologie, sondern eine Idealisierung im methodologischen Sinn. Auch Darwin ist keine Quelle für den „naturhaft bösartigen Menschen“. Darwins Thesen sind darstellend (empirische Hypothesen) und methodologisch. Man kommt nicht weiter, wenn man sich solche Buhmänner konstruiert. Auf der Straße, also in der Politk, mag das helfen, in der Theorie nicht. Wenn man sich von der flachen Naturalismus- und Liberalismuskritik weiterbewegt, kommt man entlang deiner Überlegungen sicher irgendwann zu einer realistischeren Anthroplogie. Man muss sich von ideologischen Stereotypen befreien. Die kritischen Theorien der letzten Jahrzehnte sind eine Emanzipationsbremse, und es ist bedauerlich, dass sie jede Progressivität zugunsten überholter Parteilichkeit aufgegeben haben. Theoretisch und wissenschaftlich bleibt man auf veralteten scholastischen Überzeugungen zurück.
    Marx‘ Aussage übrigens zur gesellschaftlichen Prägung des Bewusstseins ist nicht neu, nicht originell, aber trivial.

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