Die neuen Kommissare

Was haben Quincy, ‚Skull Bones – Die Knochenjägerin‘ und diverse CSI-Auflagen miteinander gemeinsam? Bei allen diesen Serien geht es um eine ganz spezifische Wandlung in einem bestimmten filmischen Genre – dem Krimi. Und auch in Deutschland gibt es jetzt mit „Post Mortem“ den ersten CSI-Ableger. Sehr passend bemerkte dazu der Focus: „In der ersten Folge der neuen RTL-Fernsehserie „Post Mortem“ tappen farblose Charaktere durch bizarre Ermittlungen.“ Auch wenn der Focus das nur auf die deutsche Kopie beschränkt sehen will, drüfte das für einen Großteil der anderen genannten Serien ebenfalls gelten. Ihre Spannung ziehen sie weniger über die zur Schau gestellten Charaktere denn über deren Spezial-Fähigkeiten. Sie sind ExpertInnen und tragen als solche die Expertokratie in die Serienlandschaft.

Im Fachjargon heißt das „Forensik Krimi“ und Elemente davon sind laut FAZ auch in deutschen Standart-Krimis schon länger vertreten:

Für die modernen TV-Ermittler der Erfolgsserien „Tatort“ oder „Polizeiruf 110″ ist die Pathologie dagegen eine wichtige Station auf dem Weg zum Täter. Zwar versuchen sich die Beamten regelmäßig mit allerlei Tricks um den Gang in die Leichenhalle zu drücken. Aber einmal dort angekommen, beschert ihnen die Gerichtsmedizin mit modernsten Analysemethoden regelmäßig völlig neue Einsichten.

Für den deutschen Krimi – den ich zugegebenermaßen nicht wirklich gut kenne – macht die FAZ allerdings eine dadurch entstehende zusätzliche Menschlichkeit geltend:

Und die am Leben gestählte Kommissarsfigur kann vor dem grünen Leichentuch von einer anderen, menschlichen Seite gezeigt werden. So fällt Alyans, der sonst so nervenstarke Assistent der Sat.1-Ermittlerin Eva Blond, regelmäßig in Ohnmacht, wenn er einer Obduktion beiwohnen muß. ( … ) Überhaupt ist die Pathologie im deutschen Fernsehkrimi weniger ein unterkühltes High-Tech-Labor als ein Ort letzter Wahrheiten: Junge, allzu hochmütige Kommissaranwärter werden hier von alten Hasen zur Demut erzogen.

Was hier als „Ort letzter Weisheiten“ daherkommt, ist aber genau das, was auch die Kühle eines unterkühlten High-Tech-Labors ausmacht. Überhaupt stellt die FAZ fest, das der deutsche Krimi diesbezüglich noch hinter den us-amerikanischen Serienproduktionen hinterherhinkt. Schon Adorno zog seine Kritik an der Kulturindustrie hauptsächlich an den USA auf, weil die deutsche Kulturlandschaft einfach zu weit am hinterhinken war. Es bleibt also abzuwarten, ob der Trend hin zum ExpertInnen-Krimi sich fortsetzt.

Der Freitag fragt in seiner aktuellen Ausgabe: „Wie macht sich so jemand beim Fernsehpublikum beliebt?“ und wollte den Kampf der letzten Aufrechten gegen Unrecht und Barbarei eintdeckt haben. „Sätze wie „Kein Opfer kann sagen, wir hätten es nicht probiert“, unterstreichen sein Bemühen im Dienste derer, die gar nichts mehr sagen können. Muss man da nicht froh sein, dass es einen wie ihn gibt? „

Dieser Trend reflektiert indessen eine allgemeine gesellschaftliche Hilflosigkeit. Die Gesellschaft erscheint mehr und mehr als die naturhafte, subjektlose Maschine, die sie ist. Die Formulierung Marxens, die gesellschaftlichen Verhältnisse würden den Menschen „als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“ erscheinen, tritt in der Krise noch einmal verstärkt hervor. Gegenüber diesem mächtigen, selbstlaufenden Prozess braucht es starken ideologischen Tobak. Ein Weg sind Esoterik, Aberglaube und dergleichen mehr. Also der Glaube, eine übersinnliche Kraft könnte den Karren noch mal aus dem Dreck ziehen. Ein anderer ist der Ausweg in die Technokratie, in der durch technische und sozialtechnokratische Eliten das objektiv Richtige getan wird. Letzteres taucht nicht nur in aktuellen Studien zum postmodernen deutschen Charakter auf (etwa in der Heitmeyer-Studie „Deutsche Zustände“, der Friedrich-Ebert-Studie aus Leipzig oder der aktuellen Shell-Studie, sondern auch in neuen Fernsehproduktionen. Hier geht es eher darum, das gesellschaftliche Eliten den Laden retten. Einen Laden, in dem gesellschaftliche Widersprüche ausgeblendet und ein offensichtliche Allgemeininteressen als gegenvorgesetzt werden.

In diese Sinne: fleißig weiterkucken!


3 Antworten auf “Die neuen Kommissare”


  1. 1 schorsch 03. Februar 2007 um 17:42 Uhr

    Da lob‘ ich mir fast schon die „Negativität“ der Krimis von Chandler und Co. und deren filmische Umsetzung.

  2. 2 bikepunk 089 03. Februar 2007 um 19:29 Uhr

    Ich sehe schon einen Trend, den gesellschaftlichen Umgang mit Verbrechen zu vernaturwissenschaftlichen, und hin zu einer Wahrnehmung die alles objektiv sehen will. Und dieser Trend, der im reellen Leben an den Diskursen und DNA-Spuren und Hirnforschung in der Kriminologie sichtbar ist, schlägt sich auch in Krimis nieder.

    Interessant ist der Kontrast zu den Police-Procedurals von JanWillem van de Wetering, in denen die Strategien der Cops im Vordergrund stehen, und in denen die objektive Wahrheit einer Tat oft nicht so die Rolle spielt. Ähnlich sind die Klassiker von Dashiell Hammet gelagert, hier schlägt sich zynischer Privatdetektiv durch. Wieder stehen die Kniffe und Strategien im Vordergrund, mit denen der Detektiv seine Gegenspieler überrumpelt, er ist auch weniger an einer objektiven Wahrheit interessiert sondern eher ein Söldner der für seine Firma den Kopf hinhält.

  3. 3 ex-csi-kuckerIn 03. Februar 2007 um 19:34 Uhr

    @bikepunk: In den CSI-Serien treten aber leider in letzter Zeit immer mehr die Emotionen und Ideologien der Cops in den Blickpunkt. Auch da werden Verdächtige schon mal belogen oder geschlagen wenns um irgendwas „Schlimmes“ geht. Auch wird schon mal Beweismaterial vernichtet, wenns drum geht Kollegen zu schützen. Begründung: Da darf man die Gestze nicht so eng sehen. Es geht um was größeres, nämlich wir auf der Seite der Herrschenden gegen den Rest.

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