Du bist der Klimawandel

Eine UNO-Kommission hat den Bericht „Climate Change 2007″ vorgelegt. Darin geht es um den anstehenden bzw. sich bereits vollziehenden Klimawandel. In Kurzform lässt sich der Inhalt recht einfach zusammefassen: Es befinden sich immer mehr Treibhausgase in der Luft, insbesondere CO² spielt hier eine wesentliche Rolle. Das hat dazu geführt, das sich die globale Oberflächentemperatur erhöht, die Häufigkeit von Niederschlägen zunimmt, die schneebeckten Flächen der Erdoberfläche ebenso kontinuierlich kleiner werden wie das Polareis schmilzt und die Meerestemperaturen ansteigen. Und selbst wenn von jetzt auf gleich sämtliche Emissionen eingestellt würden, wäre zumindest mit einem weiteren Temperaturanstieg von mehr als einem halben Grad Celsius zu rechnen.

Bei Politik und Medien führt diese Feststellung – die ja nun wahrlich nicht überraschend kommt – zu einem massiven Aufschrei. Jetzt endlich, so die Botschaft, müsse doch etwas getan werden. Fragt sich nur, was. Der übliche Weg wäre der, das alle in das Tappen, was Christoph Spehr als die „Ökofalle“ bezeichnet hat: „Der Planet ist gefährdet, rettet ihn“ geht als Botschaft an alle Menschen, die sich dann in ihrem persönlichen Natur- und Energieverbrauch ein wenig einschränken sollen, während ansonsten alles weiterläuft wie bisher. Dazu ist eigentlich schon alles gesagt.
Das wird – wo auch sonst – besonders schön deutlich am Kommentar in der Bild-Zeitung:

Ich bekenne mich schuldig. Ja, ich bin (zu viel und zu schnell) Auto gefahren, habe das Haus wohlig geheizt, ausgiebig geduscht, bin oft in Urlaub geflogen, habe das Fernsehgerät einfach laufen lassen.
Ich habe unsere Umwelt verpestet. Wie die meisten von uns.
( … )
Eine verlorene Zeit, eine große Sünde.
Denn jetzt leidet die Erde – wie der Mann, den der Arzt zum letzten Mal warnt: Wenn Sie so weitermachen, sind Sie bald tot!
Es ist die Sturmwarnung an alle: Rettet, was noch zu retten ist!
Baut Autos, die mit Wasserstoff fahren. Steigt um auf saubere Energie. Schließt die Dreckschleudern in den Entwicklungsländern.
Ideen, wie die Welt vor dem Ersticken in den Treibhausgasen bewahrt werden kann, sind doch schon in unseren Köpfen.
Die Klima-Revolution muss beginnen. Schon morgen. Bei Politikern, bei Unternehmern, bei jedem von uns.
Ich fahre heute ganz langsam nach Hause.

Die Rettung des Klimas kann also erreicht werden durch eine Mischung aus technischer Innovation (Baut Autos, die mit Wasserstoff fahren) und individueller Verhaltensveränderung (Steigt um auf saubere Energie) unter besonderer Berücksichtigung der jeweils anderen (Schließt die Dreckschleudern in den Entwicklungsländern). Was außen vor bleibt, sind sowohl die Industrien in den Ländern, die bereits nach der Industrie benannt sind: die heimische Wirtschaft kommt vielleicht als Problemlösung vor, aber beileibe nicht als Problem. Das sie wasserstoffbetriebene Vehikel bauen könnte, erscheint als heilsame Hoffnung. Das sie bislang benzinbetriebene Dreckschleudern baut bleibt außerhalb der Kritik – ebenso wie das Problem, das Autos auch immer aus Material bestehen das (unter hohem Energieaufwand) hergestellt und bearbeitet werden will, in der einfachen Rechnung nicht auftaucht. Schuld an den Benzin-Autos haben die NutzerInnen, die fahren sie ja schließlich. Weshalb Kommentator Willi Schmitt (wer könnte ein besseres Synoym für einen typischen Deutschen finden?) auch hoch und heilig verspricht, „heute ganz langsam nach Hause“ zu fahren. Und die Umweltverschmutzung in der Produktion, die findet selbstverständlich nur bei den anderen statt. Vornehmlich in den Entwicklungsländern, im Zweifallsfall aber auch in den USA – die Debatte wird bestimmt noch darauf kommen in den nächsten Tagen.

Bei Bild-Online können wir jedenfalls schon unsere persönliche Klima-Bilanz testen. In der Politik beginnt bereits die Debatte, ob wir jetzt nicht einfach mal wieder mehr Atomenergie bräuchten und PolitikwissenschaftlerInnen sind sich noch nicht ganz im Klaren darüber, was Chirac mit dieser Aussage meint: „Es ist Zeit für eine Revolution: die Revolution des Bewusstseins, die Revolution der Wirtschaft, die Revolution des politischen Handelns. Der Tag naht, an dem die Klimaveränderung sich jeglicher Kontrolle entziehen wird.“ Aber vermutlich wird es auf das hinauslaufen, was die Bild bereits angedeutet hat: Bewusstsein, Wirtschaft und Politik sollen nur andere Dinge tun, aber sicherlich nicht ihre bisherigen Grundlagen in Frage stellen.

Ebenso wie die sozialen Folgen wohl auch in dieser Runde der Debatte außen vor bleiben werden. Denn Klimawandel trifft nun mal unterschiedliche Menschengruppen in unterschiedlichem Maße. Das liegt einerseits daran, das die Studie annimmt, das die Niederschlagsfrequenzen zwar weltweit steigen werden, das aber in regional sehr unterschiedlichem Maße. Bei den einen wird es mehr, bei den anderen weniger regnen. Zudem sind arme und reiche Volkswirtschaften in ganz anderem Maße in der Lage, auf die Herausforderungen zur reagieren und die Folgen abzumildern. Auch hier gibt es eine sozial-ökonomische Komponente, über die aber in der öffentlichen Debatte so richtig niemand reden möchten. Statt dessen wird lieber davon geredet, das nicht mehr länger andere Erdteile, sondern „unsere Zukunft“ kolonialisiert werde. – was ziemlich in die Debatte um Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit passt.
Die gesellschaftlichen – sprich: herrschaftsförmigen – Aspekte der Sache einzubringen wird wohl mal wieder an der Linken hängen bleiben…