[Ich wurde gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen dem G8-Gipfel und dem Thema Bildung gibt. Konstruieren lässt sich alles. Beispielsweise so. Der Fragmentarische Charakter sei entschuldigt, die Datenlage ist ziemlich mies, so das ich tatsächlich ordentlich rumkonstruieren musste, bis das halbwegs gepasst hat.]

Vom 6. bis 8. Juni 2007 treffen sich beim G8-Gipfel die Staats- und Regierungschefs der größten Industrienationen zu ihrem jährlichen Gipfel, diesmal in Heiligendamm an der Ostsee. Dabei wird über die aktuellen weltwirtschaftlichen Entwicklungen diskutiert. Ein Schwerpunkt liegt dabei gemäß der Homepage des Auswärtigen Amtes auf einem „Bekenntnis der G8 zur Investitionsfreiheit in Industrie- und Schwellenländern“, der „Thematisierung weltweiter Investitionsbedingungen“ sowie einem „Dialog über die zentrale Bedeutung von Innovationen in wissensbasierten Gesellschaften und Verstärkung der Bemühungen zum Schutz geistigen Eigentums“.
Die ersten beiden Punkten werden derzeit innerhalb der WTO im Rahmen der sogenannten Doha-Runde verhandelt. Oder besser geagt: es wurde verhandelt – und ob der schier unlösbaren Interessenskonflikte zwischen Industrie- und Nicht-Industriestaaten wurden sie dann ausgesetzt und harren der Wideraufnahme. Es liegt also nahe, das auf dem G8-Treffen strategische Absprachen zur weiteren Liberalisierung von Dienstleistungen (GATS) und Wissen (TRIPS) getroffen werden. Im Rahmen der Dienstleistungsliberalisierungen des GATS wird auch über die Liberalisierung und damit die Privatisierung von Bildung verhandelt.
Grundsätzlich lässt sich festhalten, das in Bezug auf das GATS der Bildungsbereich derjenige ist, in dem die wenigsten Länder bislang Verflichtungen übernommen haben. Im Mittelpunkt der Forderungskataloge steht vor allem die verbesserte erleichterte Niederlassung von Bildungseinrichtungen sowie die transnationale, gegenseitige Anerkennung von Bildungsabschlüssen sowie die internationale Durchsetzung von Eigentumsrechten an Bildungsmaterialien auch in anderen Staaten. Ähnliches gilt prinzipiell auch für die Forschungseinrichtungen. (näheres siehe auch: Thomas Fritz: Die Bewertung der GATS-Verhandlungen im Rahmen der Wissensgesellschaft Seite 26f)
Bei der Niederlassungsfreiheit geht es also etwa um die Möglichkeit, das britische Universitäten sich in Deutschland Niederlassungen eröffnen dürfen oder deutsche Universitäten in den USA – je nachdem wie die sich das finanziell leisten können. Gleichzeitig würde die neuangesiedelte Privatuniversität das Recht auf genau die Förderung erhalten, die auch eine staatliche Universität im selben Land bekommt. Dasselbe wäre auch für Forschungseinrichtungen der Fall: hier wäre denkbar, das sich private Forschungseinrichtungen in den Ländern mit der höchsten staatlichen Forschungsförderung Niederlassen und eine gleichberechtigte Förderungen verlangen.
Die Forderungen nach gegenseitiger Anerkennung von Bildungsabschlüssen würde auf eine Verstärkung dessen hinauslaufen, was bereits mit dem Bologna-Prozess und der Einführung von BA/MA-Studiengängen begonnen wurde. Letztlich wäre also eine weitere Standartisierung und Vereinheitlichung von Bildung die Folge – individuelle Bildungswünsche würden noch weniger als jetzt schon eine Rolle spielen. Die Forderung nach gegenseitiger Anerkennung von Bildungsabschlüssen führt uns direkt zum zweiten Vertragswerk, dem TRIPS.
Beim TRIPS geht es um „handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum“, also darum, Wissen und Informationen in handelbare Form zu pressen. Kritik daran gibt es viel etwa in den Debatte um Bioprivatisierung, Biopolitik oder Software-Patente. In den Bereich der Universitäten hinein spielt ds TRIPS bei der Frage nach der Verwendung von Wissen. Es legt nahe, Wissen unter Eigentumstitel zu stellen und zu verknappen – was unter den Gesichtspunkten einer angeblichen „Wissensgesellschaft“ ziemlicher Humbug ist.
Überhaupt gibt es an den Universitäten einen Trend, durch die Ausrichtung von Förderprogrammen und Finanzierungskonzepten, die unterschiedlichen wissenschaftlichen Einheiten in Konkurrenz zueinander zu setzen. Jede und jeder soll, dem bürgerlichen Ideal folgend, für sich und nur für sich forschen. Mit fatalen Folgen:

Die Konkurrenz mag den WissenschaftlerInnen den Anreiz geben, mehr zu arbeiten, schneller und häufiger zu veröffentlichen. Gleichzeitig jedoch entsteht Schaden für die wissenschaftliche Diskussion. Vielfach schaffen die AutorInnen es nicht mehr, neue Texte zu verfassen und noch einmal gründlich nachzudenken. Es werden Textbausteine zusammengestellt – denn, so zeigen die Erfahrungen aus den Niederlande und Großbritannien, es zählen die Bewertungspunkte, nicht die Qualität der jeweiligen Veröffentlichung ist für die betriebswirtschaftlich orientierte Universitätsleitung wichtig.Gleichzeitig kommt es zur Einschränkung des wissenschaftlichen Austauschs, bzw. dieser formalisiert sich und nimmt die Gestalt konventionellen Verhaltens an. Denn in der Konkurrenz und durch sie gefördert, müssen die einzelnen WissenschaftlerInnen befürchten, dass jeder einmal gesprächsweise geäußerte Gedanke schon zum Thema einer Veröffentlichung der KollegInnen wird. Also wird das inhaltliche Gespräch eher vermieden. MitarbeiterInnen und selbst Studierende können das Gefühl bekommen, dass eine Diskussion nur dazu dient, ihre Ideen abzuschöpfen, ohne dass daraus irgendeine Verpflichtung resultiert. Dies gilt umso mehr, wenn es um die Anmeldung von Forschungsergebnissen bei Patentämtern geht. In diesem Fall wird mit Verwertung und Amortisierung der Forschungskosten gerechnet; das freie Gespräch, der Austausch über Ergebnisse kann zu ökonomischem Schaden führen. Wissen muß wie Eigentum behandelt und monopolisiert werden – es muß mit dem eigenen Namen als Eigentumstitel versehen werden. Das aber macht gleichzeitig auch die Diskussion mit anderen in gewisser Weise uninteressant, denn diese äussern nur noch, was schon als ihr Eigentum bekannt ist, alles andere werden sie zurückhalten.
Die Gemeinsamkeit der Forschung, der Diskussion tritt hinter Karrierestrategien und die Profilierungsnotwendigkeit von Instituten, HochschullehrerInnen und MitarbeiterInnen zurück. In einem Markt, in dem die Anerkennung gerade und zuallererst von den KollegInnen erwartet werden muß, die gleichzeitig die KonkurrentInnen sind, wird es immer wieder zu strategischer Ignoranz und Nichtanerkennung kommen. WissenschaftlerInnen schwanken psychisch deswegen so häufig zwischen genialem Größenwahn und dem Gefühl absoluter Unfähigkeit und Versagens.
(Alex Demirovic: Wissenschaft als Privateigentum
Um solche Probleme wird es beim G8-Gipfel nicht gehen. Stattdessen werden die Anwesenden mit klug gewählten Worten darauf verweisen, das nur ein freier Markt, Konkurrenz und Privateigentum in der Lage sind, menschliches Zusammenleben effektiv zu gestalten. Das am Ende Wissenschaft zur Farce und Bildung zur Halbbildung degradiert wird, spielt dabei keine Rolle.
Nun ist alles das natürlich keine Erfindung der G8 und letztlich werden in diesem Prozess auch nur Dinge umgesetzt, die letztlich zur Natur des Kapitalismus gehören, auch wenn das stets eine gesellschaftliche Natur ist. Den als eine Gesellschaft, in der „der Reichtum als riesige Warensammlung erscheint“ (Marx) braucht der Kapitalismus nicht nur das Privateigentum, sondern ganz allgemein das Interesse der je Einzelnen, ihre Privatinteressen stringend zu verfolgen um so „durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt (zu werden) und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben.“ Da ist es fast schon denklogisch, die Zeit an der Uni als Investition ins eigene Humankapital zu verstehen. Weshalb die Ausbildung auch parzelliert und definiert werden muss, damit sie vergleichbar wird mit anderen Ausbildungen (Bachelor/Master), einen Preis bekommen muss (Studiengebühren) und nicht allen zugänglich sein darf – wo kämen wir da hin?! Letztlich muss der Protest gegen alle diese Dinge also immer auch einen Protest gegen die zugrundeliegenden Strukturen (Ware, Geld, Kapital) beinhalten. Ob der allerdings sinnvollerweise beim G8-Gipfel oder direkt im universitären Alltag geäußert werden sollte, mögen andere entscheiden…
Liebe Leute,
warum bitte konstruieren, was offensichtlich auf den offiziellen Seiten von G8 einzusehen ist?
Es gibt seitens der G8 Erklärungen zum Thema Bildung. Als offizielle Dokumente gelten hierbei die Köln-Charta von 1999, Erklärungen von Okinawa bis St. Petersburg.
Interessant hierbei ist auch noch von ihnen gegründete Initiative bei der UN „Eduction for all“. Sie liefern jährlich Weltbildungsberichte.
Wo ist bitte das Problem mal auf die offizielle Seite zu G8 zu schauen?
Sicher, was wird dort vorfinden gefällt uns gar nicht. Die Sprache entspricht Wirtschaftsmanager und die Intiative „Education for all“ bezieht sich nur auf die Elementarbildung.
An den Papieren lassen sich aber gut die Widersprüche festlegen und eine Recherche lohnt sich.
Es nützt niemanden etwas, wenn wir über verzwickte harrsträubende Konstrukte bilden und uns damit selber ins Bockhorn jagen.