Emanzipatorische Ökologie

Kapitalismus funktioniert im Grunde ganz einfach: Ziel der ganzen Veranstaltung ist es, aus einem Euro zwei zu machen, aus Wert Mehr-Wert. Das wiederrum passiert mittels der Produktion von Waren, mit der die Welt in immer größerem Maße zugeschüttet werden muss. Denn Maß des Wertes ist alleine die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit. Und die nimmt mit jedem Produktivitätsfortschritt ab. Dann können mehr Gebrauchswerte produziert werden, ohne das der Wert steigen würde. Also muss der Ausstoß an Produkten noch weiter erhöht werden.

Was – alles in allem – nicht besonders toll für das Klima ist. Denn die Produktion von Waren ist in den meisten Fällen an einen stofflichen Träger gebunden. Autos entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus Metall und Öl. Für ihre Produktion sind teilweise hohe Temperaturen notwendig, da müssen Energieträger verbrannt werden. Und wenn die Ware verkauft ist, braucht es in Fällen wie dem des Autos auch noch zusätzliche Stoffe, um sie überhaupt nutzen zu können. So gibt es beim Auto auf allen Ebenen, von der Produktion bis zur Nutzung, einen Eingriff in die stoffliche Natur. Und selbst wenn das Auto nicht mehr fährt stellt sich die Frage, wo es denn wohl endgelagert werden soll, das Problem ist also auch dann nicht gelöst.

Nun gibt es sicherlich auch Dienstleistungen, und die können sicherlich auch Wert produzieren. Nur sind die Haupt-Märkte noch immer solche, in denen in großem Maße Energie und Umwelt verbraucht wird: Öl-, Auto- und Luftfahrtindustrie zählen zu den Riesen in der globalisierten Weltwirtschaft, wie Winfried Wolf im Ossietzky richtig festgestellt hat. Überhaupt ist noch fraglich, ob die Dienstleistungsbranche mit ihren vergleichsweise geringen Produktivitätspotentialen eine derartige Dynamik entfalten kann, wie es der produzierenden Industrie möglich ist. Wir werden also wohl um einen umweltfressenden Kapitalismus nicht herumkommen, solange wir um den Kapitalismus nicht herumkommen. Es ist ein bisschen so, wie Robert Kurz es im Neuen Deutschland umrissen hat:

Der Kapitalismus ist eine auf stetig wachsenden Energieeinsatz ausgelegte Verbrennungskultur, die sich gewissermaßen selbst verheizt und damit die Zukunft der Menschheit. Die hohle Arbeitsplatz-Rhetorik und die ebenso hohle Klima-Rhetorik hebeln sich gegenseitig aus. Sozialökonomische und ökologische Krise beginnen sich zu verschränken und gegenseitig hochzuschaukeln. Die herrschende Produktions- und Lebensweise stellt nur noch die Alternative, ob durch ihren ökonomischen Zusammenbruch die Klimakatastrophe abgemildert wird oder umgekehrt die ungebremste Klimakatastrophe zum ökonomischen Absturz beiträgt. Nach uns die Sintflut! Diese klammheimliche Devise der Verbrennungs-Manager ist durchaus wörtlich zu verstehen.

Letztlich ist es also der Selbstzweck des Geldes (und damit vermutlich das Geld selbst), der historisch überwunden werden muss. Das wussten schon die Hippies, wie Cord Riechelmann in der Jungle World richtig bemerkt hat. Er meint die hippieske Ökologie wie folgt zusammenfassen zu können:

Von Siemens’ Thesen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Es geht nicht darum, alternative Formen der Unternehmens­führung zu finden, sondern darum, die Unternehmensform des »automa­tischen Subjekts« zu beenden, als das Karl Marx das Kapital bestimmte. Geld kann man weder essen noch atmen oder trinken, dachten die Hippies und fragten, ob man auf Dauer gegen die Zirkulation des Waldes leben kann, die immer länger dauert als die Zirkulation des Geldes. Die Hippies haben die richtigen Fragen gestellt.

Nun mögen die Antworten nicht alle so toll gewesen sein, aber wie heißt es immer so schön: Fragend schreiben wir voran. Für die Linke wäre es nun jedenfalls an der Zeit, dies Thema aufzugreifen und die Zusammenhänge von kapitalistischer Verwertungslogik und zunehmender Umweltzerstörung zu thematisieren. Denn es geht nicht einfach nur darum, eine vermeintlich „natürliche“ Ordnung zu bewahren oder einer romantisierende back-to-nature-Vorstellung zu fröhnen. Es geht vielmehr um die Grundlagen emanzipatorischer Politik als solcher: nicht nur eine vermeintlich vom Menschen unabhängige Natur steht hier unter kapitalistischem Beschuss, sondern der Mensch selber.

Ein solcher Humanismus hingegen müsste im Zentrum einer linken Beschäftigung mit der Öko­logie stehen. Das Gerede von ewigen »natürlichen Ordnungen« und »geschlossenen Naturkreis­läu­fen«, die es nicht gibt, ist reaktionär. Die Stubenfliege spricht von geordneten Umweltverhältnissen, wenn die Katze unter das Sofa kotzt, meinte der Biologe Ludwig Trepl einmal. Hätte der Kli­ma­wandel keine weiteren Folgen, als dass in Groß­bri­tannien der Anbau von Wein möglich wird, wäre dagegen nichts einzuwenden. Es geht nämlich um dem Menschen gemäße ökologische Verhältnisse, wie mehrere Autoren der Jungle World zutreffend bemerkt haben:

Verschwinden diese in weiten Teilen der Erde, kann die Linke alle Hoffnung auf Emanzipation fahren lassen. Umgekehrt kann dieser zerstörerische Prozess nur aufgehalten werden, wenn die Menschheit ein System überwindet oder zumindest stark beschränkt, dessen Sinn und Zweck die Anhäufung von Kapital und die Maximierung des Profits sind. Dafür wird man Mobilität in einer anderen Form organisieren und nicht nur auf 15-Liter-Wagen für jedermann verzichten müssen, sondern wohl auch auf das Drei-Liter-Auto. (Peter Bierl: Drei Lieter tun’s nicht)

Die fortschreitende ökologische Zerstörung, die daraus resultiert und zu der der Klima­wandel beiträgt, widerspricht den Interessen der Menschen an einem gesunden und langen Leben. Millionen werden an den Folgen der klimatischen Veränderungen ster­ben. Einen Vorgeschmack darauf gab der heiße Sommer des Jahres 2003, der allein in Europa Tausende Menschen mit Herz- und Kreislaufschwächen das Leben kostete. (Peter Bierl: Drei Lieter tun’s nicht)

Oder, um mal ein wirklich schönes Schlusswort zu finden:

Die erste brauchbare Dampfmaschine baute Thomas Newcomen im Jahr 1712, in einer Zeit, in der die aufstrebende europäische Bourgeoisie begann, sich für Maschinen zu interessieren. Der Kapitalismus gilt als »innovativ«. Doch noch immer beruhen Energieversorgung und Trans­port auf mittlerweile archaischen Technologien, der Dampfkraft und dem Verbrennungsmotor, mit dem erstmals im Jahr 1807 ein Wagen bewegt wurde. Auch ein Atomkraftwerk ist ja eine Dampf­maschine, nur dass Uran oder Plutonium benutzt werden, um Wasser zu erhitzen.

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob die Klimakatastrophe mit kapitalistischen Mitteln verhindert werden kann. Es ist bereits zu spät. Es geht nur noch darum, wie schlimm die Katastrophe ausfällt. Der Ausstoß an Treibhausgasen steigt weiter, auch wenn das Kyoto-Protokoll etwas anderes vorsieht. Die Zwänge des Marktes verhindern die nötigen Innovationen, und das Festhalten am National­staat, dem Ordnungsprinzip des kapitalistischen Weltmarktes, verhindert, dass wenigstens das technisch Mögliche getan wird.

Unter »Innovation« wird im Kapitalismus zumeist die Weiterentwicklung eines Produkts verstanden, dessen Marktfähigkeit bereits erwiesen ist. Von diesem Rentabilitätszwang befreit, ließe sich manches ersinnen, das uns heute so unmöglich erscheint wie einem Menschen des Mittelalters das Flugzeug. Immerhin stehen einige Technologien bereits zur Verfügung. Wer jedoch kapitalistisch kalkuliert, muss zu dem Schluss kommen, dass die Nutzung von Solar- und Windenergie, Geothermik und Gezeitenkraftwerken nicht ausreichen wird, um den Temperaturanstieg aufzuhalten.

Wer kapitalistisch kalkuliert, muss dem »nationalen Interesse« den Vorrang geben. Die Regierungen der Industriestaaten wollen den Ausstoß an Treibhausgasen nur reduzieren, wenn die anderen es auch tun. Die Regierungen der Entwicklungs- und Schwellenländer erklären, an sich zu Recht, dass sie das Problem nicht verursacht haben und daher auch für dessen Lösung nicht zuständig sind. Allerdings ist es die Bevölkerung dieser Länder, die von der Klimakatastrophe am härtesten getroffen werden wird. “ (Jörn Schulz: Klima und Kapitalismus)